Patrick Modiano – Schlafende Erinnerungen

Was macht eigentlich den Reiz der Romane von Patrick Modiano aus? Was bewirkt, dass der Leser – zumindest der Modiano-Leser, es soll auch solche geben, die diese Prosa schlichtweg langweilig finden – dem Autor Buch für Buch durch seine Erinnerungen folgt? Erinnerungen, die jedes Mal nur variieren, zudem ausgesprochen vage bleiben, nie wirklich enthüllen, ob sie nun echt oder ausgedacht sind, was aber letztlich keine Rolle spielt. Modiano wird nachgesagt, stets nur das gleiche Buch zu schreiben und tatsächlich fügen sich die stets sehr schmalen Romane, immerhin sind über zwanzig davon auch auf Deutsch erschienen, zu einer großen Suche nach der verlorenen Zeit, um mal einen anderen großen französischen Autor zu zitieren. Nach der verlorenen Zeit, die sich vornehmlich in der Kindheit und vor allem Jugend des 1945 geborenen Autors konzentriert, also in den Fünfziger und Sechziger Jahren, und oft zurückgreift auf die dunkle Zeit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. „Patrick Modiano – Schlafende Erinnerungen“ weiterlesen

Backlist: Modiano lesen

Patrick Modiano, der Träger des Literaturnobelpreises von 2014, ist ein mich besonders faszinierender Autor. Sein reiches, wenn auch stets sehr schmales Werk begleitet mich schon seit sehr vielen Jahren und zieht mich mit jedem neu erscheinenden Buch erneut in seinen Bann. Modiano scheint stets das gleiche Buch zu schreiben. Wie musikalische Variationen drehen sich alle Titel um sein eigenes Leben, seine Kindheit und Jugend in den 50er und 60er Jahren, die eine ganz besondere war und wohl das Gefühl der Unsicherheit, Leere und Melancholie begründete, das in allen Texten herrscht, und die Wurzeln, die weit in die Zeit der deutschen Besatzung zurückreichen. Etwas zwischen Traumwelt und Erinnerungen hinterlässt auch bei der Leserin etwas Flirrendes, schwer einzuordnendes. „Backlist: Modiano lesen“ weiterlesen

Lektüre November 2018

Der November war wieder einmal ein Monat mit vielen, vielen Seiten und zahlreichen Besprechungen. Dazu kamen die Verlagsvorschauen für das Frühjahr, die natürlich auch durchforstet werden wollten. Alle guten Vorsätze, da mal gemächlicher dran zu gehen, sind vergeblich – wenn sie erst mal da sind, siegt die Neugier.

Mit „Macbeth“ habe ich diesen Monat so ziemlich das schlechteste Buch des Jahres gelesen (oder doch Haratischwili???), aber wie immer, die Geschmäcker sind verschieden, es gibt Leser, die es durchaus schätzten, deshalb lasst euch nicht abschrecken. Ansonsten gute bis sehr gute Bücher, die sehr unterschiedlich sowohl von der Thematik als auch vom Erzählkonzept her waren. „Lektüre November 2018“ weiterlesen

Bill Beverly – Dodgers

East ist gerade mal fünfzehn, aber schon gut im Geschäft. Als Aufpasser für eines der Drogenhäuser im (fiktiven) heruntergekommenen Stadtteil „The Boxes“ in Los Angeles zuständig, ist er „Chef“ der anderen Jungs, die die Geschäfte am Laufen halten und Schmiere stehen, um rechtzeitig vor der Polizei zu warnen. Er ist mit Drogenboss Fin verwandt, Blut von seinem Blut, man vermutet sogar, er sei sein Sohn.

Deshalb bekommt er auch noch eine Chance, nachdem „sein“ Haus eines Tages bei einer Razzia auffliegt. Mit drei anderen der Jungs soll er in Wisconsin einen Auftrag erledigen. Ein Richter, der als Belastungszeuge für Fin gefährlich werden könnte, soll beseitigt werden. Über 2000 Meilen in einem Transporter quer durch die Staaten, ausstaffiert als Dodgers-Fans, damit sie nicht so auffallen. Der älteste der Jungen ist 20, hat ein abgebrochenes Studium hinter sich und hält sich auch sonst für etwas Besseres. Dieser Michael Wilson gefährdet das Unternehmen bereits in Las Vegas, weil er dort mal so richtig auf die Pauke hauen will. Es kommt zum Streit und die anderen drei fahren ohne ihn weiter. „Bill Beverly – Dodgers“ weiterlesen

Ein Blick in die Verlagsvorschauen Frühjahr 2019

Nun sind bis auf ein paar kleinere Verlage alle Frühjahrsvorschauen für 2019 veröffentlicht. Viele spannende Neuerscheinungen darunter. Wie immer findet ihr hier eine ganz subjektive Auswahl an Titeln, die mein Interesse wecken konnten oder auf die ich mich schon länger freue. „Ein Blick in die Verlagsvorschauen Frühjahr 2019“ weiterlesen

Bernard MacLaverty – Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty, geboren 1942 in Belfast, seit langem in Schottland lebend, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Irish Book Award für den vorliegenden Roman, „Midwinter Break“ – ich muss zugeben – war mir völlig unbekannt. Ein bisschen googeln ergab, dass er Vorlage und Drehbuch für „Cal“ geschrieben hat, einen Film aus den 80er Jahren über den Nordirland-Konflikt, den zumindest kannte ich.

Und nun liegt „Schnee in Amsterdam“ vor, wiederum laut Google der erste Roman des Autors seit sechzehn Jahren. Was mich zu diesem Roman hinzog, war weder der Klappentext, noch das Buchcover, sondern etwas, worauf ich ansonsten gar nicht achte: eine Lobhudelei auf der Buchrückseite. Diese hier stammt von Richard Ford, und der ist einer meiner Säulenheiligen der Literatur.

Wie gut, dass ich ihm auch hier vertraut habe, denn „Schnee in Amsterdam“ ist ein ganz wunderbares Buch, dem noch viel mehr Aufmerksamkeit gebührt. „Bernard MacLaverty – Schnee in Amsterdam“ weiterlesen

Tom Rachman – Die Gesichter

Pinch, der eigentlich so liebevoll klingende Kosename, den Bear Bavinsky seinem kleinen Sohn Charles verleiht, liegt auf diesem wie eine Last. Pinch, nach den leckeren kleinen Häppchen, Pinxtos, die der berühmte, genialische Maler-Vater einst im Baskenland so gern genascht hat. Ein Kosename, der unweigerlich verniedlicht, verkleinert, ein Gefühl, dem Charles so gerne entwachsen würde, und das er doch zumindest zu Lebzeiten des Vaters, nie los wird. „Tom Rachman – Die Gesichter“ weiterlesen

Friedrich Ani – Der Narr und seine Maschine

„Ein Mann in einer Bahnhofshalle, irgendein Mann in irgendeiner Bahnhofshalle. Ein Mann mit einem weißen Baumwollhemd und einer schwarzen Jeans, eine grüne Reisetasche in der rechten und eine schwarze Lederjacke in der linken Hand“ Er stand da und schaute hinauf zur elektronischen Anzeigetafel mit den zweispaltig von links oben nach rechts unten chronologisch angeordneten Abfahrtszeiten. Er las die Zielorte und vergaß sie gleich wieder. immer wieder fing er von vorn an, den Kopf im Nacken, reglos am Rand des Gewühls.“

Es ist natürlich nicht „irgendein Mann“, der da in „irgendeiner Bahnhofshalle“ steht. Friedrich Ani hat einen neuen „Fall für Tabor Süden“ vorgelegt, und die Leserin den ehemaligen Kriminalbeamten der Vermisstenstelle gleich identifiziert. Der Bahnhof ist derjenige von Südens und Anis Heimatstadt München und Tabor Süden befindet sich in einer, falls so etwas überhaupt möglich ist, noch melancholischeren, gedrückteren Stimmung als sonst. „Friedrich Ani – Der Narr und seine Maschine“ weiterlesen

Almudena Grandes – Kleine Helden

Es sind die kleinen Helden, oder oft auch die kleinen Heldinnen, von denen die spanische Autorin Almudena Grandes erzählt. Diejenigen, die ihr Leben trotz aller Widrigkeiten jeden Tag von Neuem stemmen, manchmal maulend, manchmal laut zeternd, aber immer wieder dafür sorgen, dass es irgendwie weiter geht, die Kinder in die Schule, das Essen auf den Tisch kommen und darüber hinaus aber auch nicht die Gemeinschaft vergessen wird. Denn darum geht es Almudena Grandes in ihrem unterhaltsamen, leichten, bunten, aber nicht trivialen Roman: um Solidarität. „Almudena Grandes – Kleine Helden“ weiterlesen

Juli Zeh – Neujahr

Am frühen Neujahrsmorgen macht sich Henning auf zu einer schweren Bergtour mit dem Rad, denn in der Nacht war ES wieder da, wie es in Juli Zehs aktuellem Roman vielleicht etwas hochtrabend benannt wird. ES soll ausdrücken, wie ausgeliefert, wehrlos, ja auch ahnungslos Henning sich fühlt, wenn ES sich seiner bemächtigt. Eine erdrückende Übermacht, die sich in plötzlichen, furchtbaren Panikattacken äußert, in denen Hennings Herz verrückt zu spielen scheint, kein klarer Gedanke, schon gar kein Schlaf mehr möglich ist, und die Ausdruck sind von – ja, was eigentlich? Das tückische an solchen Panikattacken, deren Häufigkeit in der deutschen Bevölkerung sehr uneinheitlich mit 2,5 bis 15% angegeben wird, ist, dass meist kein benennbarer Grund für sie vorliegt. „Juli Zeh – Neujahr“ weiterlesen