Dominique Manotti – Kesseltreiben

Die 75 jährige Dominique Manotti ist die „Grande Dame“ unter den französischen KriminalautorInnen und neben Fred Vargas auch hierzulande die bekannteste. Seit 1995 veröffentlicht die promovierte Historikerin Marie-Noëlle Thibault unter ihrem Pseudonym politisch engagierte und sozialkritische Romane, die auch vielfach ausgezeichnet wurden. Mit französischem Flair und Charme à la „Bruno, Chef de police“ oder ähnlichem haben sie rein gar nichts gemeinsam. Manotti schreibt gnadenlos realistisch, ihr Thema sind die dunklen Seiten der Gesellschaft, das Machtgeflecht aus Politik, Geheimdiensten und den Eliten der französischen Industrie und Wirtschaft. Dominique Manotti steht den französischen Linken nahe, war Gewerkschafterin – und ist wütend. Wütend darüber, wie sich die Eliten immer wieder die eigenen Taschen füllen, Politiker zum eigenen Machterhalt jede unheilige Allianz eingehen, die Geheimdienste ihr eigenes Spiel spielen, und niemals zum Wohle des Volkes. Oft sind reale Geschehnisse, sei es aus der Welt der illegalen Migranten, der „Sans Papiers“, sei es aus der Welt der Hochfinanz oder einträglicher Wirtschaftszweige, wie zuletzt dem Erdölgeschäft, Inspiration für Manottis Texte. „Dominique Manotti – Kesseltreiben“ weiterlesen

Lektüre Juli 2018

Welch einen Sommer hat uns der Juli 2018 geschenkt! Ich weiß, vielen war es viel zu heiß, die Natur leidet, aber dennoch: das ist Sommer! Ich besitze sicher irgendwelche mediterranen Gene, denn meine Hitzetoleranz ist recht hoch. Deswegen hat auch meine Lektüre nicht darunter gelitten, sondern ich habe wunderbare Bücher mit viel Genuss gelesen.

Der Juli stand bei mir ein wenig unter französischem Einfluss (nicht nur durch den Urlaub an der Côte d´Azur, dem Besuch von Marseille, Aix, Avignon und Nancy, sondern auch ganz literarisch.) Und im August wird es mit Büchern von Delphine de Vigan, Jean-Philippe Blondel und meinem verehrten Patrick Modiano weitergehen. Im September erscheint dann der dritte Teil von Vernon Subutex. „Lektüre Juli 2018“ weiterlesen

Éric Vuillard – Die Tagesordnung

2017 erhielt Éric Vuillard für sein schmales „L´ordre du jour“ den begehrten Prix Goncourt. Im Original trägt es die Gattungsbezeichnung „récit“, was nur etwas unzureichend mit „kurze Erzählung“ übersetzt werden kann, denn bei einer „Erzählung“ geht man in der Regel von einer fiktiven Geschichte aus. Aber: „On appelle récit tout texte racontant une histoire (un enchaînement d’événements) qu’elle soit fictive ou réelle.“ Also ein etwas weiter ausgelegter Begriff für „Erzählung“. Dennoch eher eine überraschende Entscheidung, werden doch für den „Goncourt“ meist episch breitere fiktionale Werke ausgewählt. Und hier nun das knapp über 100 Seiten starke doku-fiktionale Werk, das sich zudem noch mit deutscher Geschichte beschäftigt. „Éric Vuillard – Die Tagesordnung“ weiterlesen

Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex 1 und 2

Er nennt sich Vernon Subutex – nach jenem starken Schmerzmittel, das auch zur Behandlung von Drogenentzugserscheinungen oder – missbräuchlich – als Ersatzdroge verwendet wird, und das in Frankreich, wo es deutlich leichter zu beziehen ist, jeder kennt.

Drogen spielen auch im Roman von Virginie Despentes um „Das Leben des Vernon Subutex“ eine große Rolle. Und kaum eine Besprechung des Romans kommt ohne eine ausgiebige Beschreibung des außergewöhnlichen Vorlebens seiner Autorin daher.

Mit 17 wurde Despentes als Tramperin brutal vergewaltigt, war Mitglied einer Punkband, arbeitete als Schallplattenverkäuferin und zeitweise als Prostituierte und war einst unterwegs in jener Subkultur, aus der auch zahlreiche ihrer Romanfiguren stammen. Bereits mit ihrem Debütroman „Baise-moi“, der 1993 erschien, war sie sehr erfolgreich, aber auch skandalumwittert: Die Gewalt- und Sexorgie, die als Rachefantasie an Männern und Gesellschaft gelesen werden kann, löste viele Diskussionen aus, ihre Verfilmung 2000 durch die Autorin selbst, durfte in Frankreich nur in expliziten Pornokinos gezeigt werden. „Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex 1 und 2“ weiterlesen

Elena Ferrantes Neapolitanische Saga 3 und 4: Die Geschichte der getrennten Wege / Die Geschichte des verlorenen Kindes

Über Elena Ferrantes Neapolitanische Saga, insbesondere die Lektüre von Band 3 und 4 dieses fast 2200 Seiten umspannenden Werks, zu schreiben, ist gar nicht so einfach. Zum einen liegt die Erstveröffentlichung von „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ nun schon ein halbes Jahr zurück, in der mittlerweile so kurzlebigen Buchbranche fast schon eine Ewigkeit. Zum anderen erschienen zu diesem Zeitpunkt oder kurz danach eine derartige Flut an Rezensionen und Buchvorstellungen sowohl in den Feuilletons der Printmedien als auch auf digitaler Ebene, dass schon alles gesagt scheint. Der Aufruhr um die geheim gehaltene Identität der Autorin und das Detektivspiel darum taten ein Übriges, dass gefühlt kein Leser europa-, wenn nicht gar weltweit dieses Buch gelesen, bewusst nicht gelesen, davon gehört und/oder sich dazu eine Meinung gebildet hat.

Nun, ich habe mir dieses (vermeintliche) Lesevergnügen bewusst für meinen Sommerurlaub aufgespart. Genügend Zeit am Stück, um in das Monumentalwerk völlig eintauchen zu können (das versprachen Kritiken und eigene Leseerfahrungen besonders des zweiten Bandes, „Die Geschichte der getrennten Wege“). Und jetzt möchte ich auch darüber schreiben und meine ganz persönlichen Leseerfahrungen schildern. „Elena Ferrantes Neapolitanische Saga 3 und 4: Die Geschichte der getrennten Wege / Die Geschichte des verlorenen Kindes“ weiterlesen

Marion Poschmann – Die Kieferninseln

„Er hatte geträumt, dass seine Frau ihn betrog. Gilbert Sylvester erwachte und war außer sich.“

So wenig außergewöhnlich ein solcher Traum ist, so aberwitzig und skurril ist Gilberts Reaktion darauf. Er stellt seine Frau Mathilde nicht nur aufs Schärfste zur Rede, sondern verlässt, als diese hartnäckig leugnet, äußerst erbost die Wohnung und nimmt den ersten verfügbaren Interkontinentalflug, um möglichst viel Raum zwischen sich und seine vermeintlich untreue Gattin zu schaffen. Dass es außerhalb seines Traumes keinerlei Hinweise auf eine eventuelle Untreue gibt, stört ihn dabei überhaupt nicht. „Marion Poschmann – Die Kieferninseln“ weiterlesen

Gert Loschütz – Ein schönes Paar

Bereits 1990 veröffentlichte Gert Loschütz einen autobiografisch inspirierten Text über die Flucht seiner Familie aus dem brandenburgischen Plothow nach Mittelhessen im Jahr 1957. „Flucht“ war dieses Buch schlicht betitelt und kreiste in erster Linie um die Folgen, die diese für den damals elfjährigen Ich-Erzähler hatte.

Gert Loschütz ist ein eher zurückhaltender, zwar hoch angesehener, aber eher am Rande des deutschen Literaturbetriebs stehender Autor. Gedichte, Theaterstücke, Novellen, und dann dieser schmale Roman. Danach dauerte es bis 2005, dass mit „Dunkle Gesellschaft. Roman in zehn Regennächten“ wieder ein größeres Werk erschien, das sogleich auf der Shortlist des neu geschaffenen Deutschen Buchpreis landete. 2006 folgte sehr schnell sein Roman „Die Bedrohung“. Und nun, zwölf Jahre später, knüpft „Ein schönes Paar“ direkt an das 28 Jahre zuvor erschienene „Flucht“ an. „Gert Loschütz – Ein schönes Paar“ weiterlesen

Lektüre Juni 2018

Das Literaturereignis des Monats Juni war natürlich die LitblogConvention 2018 in Köln. Viele interessante Sessions, tolle Buchmenschen und nette Begegnungen machten den Tag zu einem schönen Erlebnis.

Zudem habe ich eine Lesung besucht, die von Ralf Rothmann im Literaturhaus Frankfurt. Ein sehr positiver Abend mit einem sympathischen Autor und einem überzeugenden Roman, Der Gott jenes Sommers.

Letzte Bücher aus dem aktuellen Frühjahrsprogramm warteten noch darauf, gelesen zu werden, und auch ein paar länger aufgesparte, bevor im Juli schon wieder eine ganze Reihe Neuerscheinungen aus den Herbstprogrammen an der Reihe sein werden. Alle interessanten Titel zu lesen, ist wie immer definitiv nicht zu schaffen. Aber ich weiß nicht, ob man deswegen in die von manchen Literaturmenschen angestimmte Klage über ein „Zuviel“ einstimmen sollte. Ich empfinde es immer noch als ein großes Glück, aus einer solchen Vielzahl auswählen zu dürfen, auch wenn manche Bücher es dann doch nicht bis auf die Leseliste schaffen. Mehr bedeutet nicht schlechter, nur vielleicht schwieriger, was die Auswahl betrifft. Ich habe aber mittlerweile ein ganz gutes Händchen für meine Lektüre und wirklich wenig Fehlgriffe zu vermelden. „Lektüre Juni 2018“ weiterlesen

Brit Bennett – Die Mütter

„Aubrey fragte sich, ob sie die Einzigen waren, die das Gefühl hatten, ihre Mütter nicht zu kennen. Vielleicht waren Mütter an sich unermesslich und unmöglich zu kennen.“

Mit „Die Mütter“ schrieb die junge amerikanische Autorin Brit Bennett gleich mit ihrem Debüt einen Roman, der es auf die New York Times Bestsellerliste schaffte. Die dunkelhäutige Kalifornierin ließ ihn in ihrer Heimatstadt Oceanside im San Diego County spielen. Und auch ihr Studienort Ann Arbour in Michigan ist Schauplatz der Geschichte. Sie begann bereits mit 17 Jahren, daran zu schreiben, neun Jahre später wurde er veröffentlicht. Und die Hauptprotagonistin ist ebenfalls 17 Jahre alt. Aber auch wenn sicher viele persönliche Erfahrungen eingeflossen sind, ist es doch kein autobiografischer Roman, hat Bennett, die aus gutbürgerlichem Haus stammt – der Vater war der erste schwarze Staatsanwalt der Stadtverwaltung –  doch einen ganz anderen familiären Hintergrund als die Figur der Nadia Turner. „Brit Bennett – Die Mütter“ weiterlesen

Hala Alyan – Häuser aus Sand

„Häuser aus Sand“ ist ein Roman über die Gemeinschaft, die uns alle prägt, die Familie, und über den Ort, der für uns alle lebensnotwendig ist, das Zuhause.
So heißt es im Klappentext zu Hala Alyans Roman über vier Generationen einer palästinensischen Familie. Im Mittelpunkt stehen, wie so oft, die mehr oder weniger „starken“ Frauen. Sie alle müssen den Verlust dieser lebensnotwendigen Verankerungen im Leben erleben. Das von ihnen geschaffene Zuhause erweist sich ein ums andere Mal als ein „Haus aus Sand“ (die „Salt Houses“ aus dem Original hätte man meiner Meinung nach beibehalten können; auch ihre Vergänglichkeit wird durchaus deutlich).
Salma und Hussam mussten 1948 nach Ende des britischen Mandats in Palästina und der Gründung des Staates Israels ihre Heimat Jaffa verlassen, wo sie eine große Orangenplantage führten. In Nablus finden sie ein neues Zuhause, hier wachsen ihre Kinder Widad, Mustafa und Alia auf. Diese können das Festhalten ihrer Mutter an alten Gewohnheiten, ihre Sehnsucht nach Jaffa und ihre Traurigkeit nicht ganz verstehen. Bis sie in Folge des Sechstagekriegs nicht nur ihr Haus, sondern auch den Bruder Mustafa verlieren. Die Familie wird getrennt. „Hala Alyan – Häuser aus Sand“ weiterlesen