Deborah Levy – Heiße Milch

„2015. Almería. Südspanien. August.“

Deborah Levy schafft von Beginn an eine sehr eindrückliche, sehr sinnliche Atmosphäre für ihren neuen Roman „Heiße Milch“, der 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize stand. Sogleich entstehen Kinobilder im Kopf des Lesers, die man sich sehr gut auf großer Leinwand vorstellen kann: die flirrende Hitze, die ausgedörrte Landschaft am Fuße der Sierra Nevada, die sich kilometerlang hinziehenden Gewächshausfolien, unter denen Tomaten und anderes Gemüse heranreifen.

In diese Landschaft stellt die Autorin ein kleines Ferienhaus, in dem zwei Britinnen untergebracht sind, Mutter und erwachsene Tochter. Die Atmosphäre ist aufgeladen und ein wenig surreal. Nebenan ist eine Tauchschule, an der jeden Morgen zwei Mexikaner herumweißeln, während der cholerische Inhaber am Computer spielt und sein auf dem Dach angeketteter Hund sich die Seele aus dem Leib bellt. „Deborah Levy – Heiße Milch“ weiterlesen

Lektüre März 2018

Der März war ein sehr turbulenter und anregender Literaturmonat für mich. Nicht nur stand die Leipziger Buchmesse an – immer wieder ein Highlight des Jahres voll mit Büchern, Autoren, lieben Lesemenschen und Veranstaltungen -, sondern ich habe auch drei großartige Lesungen besucht, die jede auf ihre Art und Weise etwas ganz Besonderes waren.

Anfang des Monats war ich auf der Lesung von Adam Haslett in der Frankfurter Romanfabrik. Sein Roman „Stellt euch vor, ich bin fort“ über Depressionen in einer amerikanischen Familie und ihren Umgang damit, ein sehr persönliches und berührendes, dabei völlig unpathetisches Buch hat mir sehr gefallen und stand auch auf der Shortlist zum Pulitzerpreis und war für den National Book Award nominiert. Ein hochkarätiger Autor also. Umso überraschender war die Zahl der Zuhörer an diesem Abend, der sehr interessant von Jan Wilm von der Frankfurter Uni geleitet wurde: ganze dreizehn konnte ich zählen. Sehr schade, denn Haslett hatte einiges Interessantes zu seinem Text zu sagen. Dafür war der Abend sehr persönlich, ich konnte kurz mit dem Autor sprechen und natürlich gab es auch eine Signatur.

Die zweite Lesung war dagegen eine Massenveranstaltung. Joachim Meyerhoff las im Rahmen der Litcologne im ausverkauften Musical Dome (ca. 1770 Sitzplätze). Die Karten für dieses Event waren nach gefühlten 15 Minuten weg. Damit, dass Meyerhoff ein begnadeter Autor und Interpret seiner eigenen Bücher (und natürlich auch Schauspieler) ist, verrate ich nichts Neues. Es war ein ganz großartiger Abend, auch wenn ich persönlich sein neuestes Buch „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ nicht ganz so genial wie die drei Vorgängerbände finde.

Direkt einen Tag später ging es für mich wieder nach Köln: Michael Chabon kam an die Volksbühne. Und auch dieser Abend wurde wieder zu etwas ganz Besonderem. Das Trio aus Autor, Moderator und Übersetzer Bernhard Robben und deutsche Stimme Sylvester Groth durfte ich schon einige Male erleben, z.B. zusammen mit Paul Auster. Sie sind ein glänzendes Team und Bernhard Robben leitet jede Lesung so interessant, persönlich und locker, wie man sich als Zuhörer nur wünschen kann. Deshalb kam die barsche Ansage des Herren an der Technik des Saals kurz vor 22 Uhr (die Veranstaltung begann 20.30 Uhr) umso unvermittelter: Der Saal wäre punkt 22 Uhr zu räumen, ohne jede Möglichkeit der Verlängerung (selbst zehn Minuten waren völlig unmöglich). Die sichtbar irritierte Besetzung auf der Bühne und ein verärgerter Sylvester Groth hatten nun die wunderbare Idee, die Veranstaltung draußen im Foyer zu beenden. Notdürftig mit dem Handy eines Zuschauers beleuchtet, trug Groth den Text nicht weniger brillant vor, den Autor auf der Treppe zu Füßen. Ein toller Abend! Über die Location sollte man nochmal reden.

Zwei Tage später ging es dann Richtung Leipzig.

Nun aber endlich zu meinen Lektüren des Monats, sechs an der Zahl.

Ein anderes Brooklyn Jacqueline Woodson

 

Mein Favorit des Monats ist Jacqueline Woodson mit ihrem schmalen, aber großen Roman „Ein neues Brooklyn„. Mit ihrer lyrischen, sehr verdichteten, streng rhythmisierten Prosa hat die Kinder- und Jugendbuchautorin ein ganz bezauberndes Porträt über das Aufwachsen eines afroamerikanischen Mädchen im Brooklyn der Siebziger Jahre geschrieben, ungeschönt, aber wunderschön.

 

MICHAEL CHABON Moonglow

 

Auch sehr zu empfehlen ist „Moonglow“ des schon oben erwähnten Michael Chabon. Eine turbulente fiktive Autobiografie, eine Geschichte über das Ende des Zweiten Weltkriegs, eine Enkel-Großvater-Geschichte, eine Geschichte der Raumfahrt und einiges mehr. Großes Kino!

 

 

Auch Jesmyn Ward bietet mit „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ ein kraftvolles Bild der USA, diesmal aber der Südstaaten. Hier leben die Kinder Jojo und Kayle bei ihrer verantwortungslosen, überforderten Mutter und den Großeltern. Diese bemühen sich zwar redlich, aber die Großmutter liegt mit Krebs im Sterben. Der weiße Vater wird gerade aus dem Gefängnis entlassen, weswegen sich die Mutter mit den Kindern auf einen Roadtrip aufmacht, der relativ grauenhaft verläuft. Kraftvoll, mystisch, berührend, auch eine eindeutige Leseempfehlung!

 

 

Mit dem Debütroman der deutsch-kurdischen Autorin Karosh Taha „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ hatte ich zu Beginn einige Schwierigkeiten. Ihre junge Protagonistin, deren Zerrissenheit zwischen der traditionell kurdischen Familie in einem typischen „Ghetto-Hochhaus“ – man bleibt unter sich, die Frauen haben kaum Kontakt zur deutschen Gesellschaft und Sprache, die Jugend wenig Zukunftsaussichten – und der modernen deutschen Gesellschaft, deren Teil sie als Studentin ist, wird sehr gut herausgearbeitet, auch die schwer lastende Verantwortung, die sie für ihre depressive, selbstmordgefährdete Mutter trägt. Richtig warm geworden bin ich aber nicht mit ihr, die ihre Befreiung vor allem in sexueller Hinsicht sucht.

 

Eshkol Nevo, der israelische Autor, dessen Buch „Wir haben noch das ganze Leben“ ich sehr liebe, hat ein neues Buch auf Deutsch veröffentlicht. „Über uns“ erzählt in drei Monologen, die an die drei Instanzen von Freuds Strukturmodell der menschlichen Psyche angelehnt sind, von Menschen, die in einem Wohnhaus leben, aber sonst wenig gemeinsam haben. Die Geschichten lassen den Leser nachdenklich zurück, sie haben mir gut gefallen.

DEBORAH LEVY Heiße Milch

 

Etwas enttäuscht war ich von Deborah Levys „Heiße Milch“. 2016 stand das buch auf der Shortlist des Man Booker Prize, eigentlich meist ein Gütezeichen. Es gibt auch einige sehr positive Besprechungen, mich konnte das Buch über eine ungesund innige Mutter-Tochter-Beziehung leider nicht ganz überzeugen. Zwar ist das Setting der ausgedörrten, heißen südspanischen Landschaft mit den nach Verfilmung schreienden skurrilen Details sehr gelungen, aber die Personen waren für mich wenig plausibel und eher flach gezeichnet. Auch die psychologischen Konflikte konnten mich nicht fesseln.

 

Nun hoffe ich doch sehr, dass mit dem April endlich die Freiluft (Lese) saison eröffnet werden kann und wünsche euch dementsprechend wunderbare Lesestunden.

Eshkol Nevo – Über uns

Ein Hausroman – aber keiner von der üblichen Sorte. Denn um die Beziehungen der Bewohner untereinander geht es hier nur sehr am Rande. Tatsächlich sind die Figuren lediglich durch die Tatsache verbunden, dass sie alle im selben Haus am Rande von Tel Aviv beheimatet sind. Auch geht es nicht in erster Linie darum, unterschiedliche Menschen mit dem Rahmen „Wohnhaus“ vorzustellen und ihre Geschichten zu erzählen.

Eshkol Nevo ist studierter Psychologe (und Enkel des israelischen Ministerpräsidenten von 1963 bis 1969, Levi Eshkol) und hat mit seinem Roman „Über uns“ (auch) ein anderes Ansinnen. „Shalosh komot“ lautet der Originaltitel  „Drei Etagen“. Und richtig, Nevo möchte auf spielerische Weise das Freudianische Strukturmodell der Psyche mit seinen drei Instanzen Es, Ich und Über-Ich in einen erzählenden Text fassen. Drei Instanzen, die jeweils auf einem Stockwerk eines Wohnhauses angesiedelt sind. Drei Erzählungen, die nur lose miteinander zu tun haben. „Eshkol Nevo – Über uns“ weiterlesen

Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung

Sanaa ist 22, wohnt noch zuhause bei ihren Eltern und studiert, etwas unmotiviert, ein wenig planlos. Das ist soweit nicht ungewöhnlich, und doch ist alles ein wenig schwieriger für Sanaa als für viele ihrer Altersgenossen.

Sanaa ist gebürtige Kurdin, mit zehn Jahren ist sie mit ihren Eltern aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Eine Migrantengeschichte, wie wir sie so oft hören. Die Eltern haben in all den Jahren nie wirklich Fuß gefasst in der neuen Umgebung, die sie schwerlich neue Heimat nennen können. Der Vater hangelt sich von einem eher prekären Job zum nächsten, die Mutter ist in tiefe Depressionen verfallen. Die pubertierende Schwester Helin ist nach Sanaas Ansicht nur auf der Welt, weil ihre Eltern durch die Schwangerschaft einer Abschiebung entgehen wollten. Sie ist rebellisch, ablehnend, mit ihrer aufkommenden Sexualität beschäftigt. Kein glückliches Elternhaus, zumal Sanaa ihren zunehmend abwesenden Vater verdächtigt, eine Geliebte zu haben. „Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung“ weiterlesen

Leipziger Buchmesse 2018 – Mein (verspäteter) Messebericht

Die Leipziger Buchmesse 2018 stand nicht nur bei mir, aber eben auch bei mir, unter dem Motto: „Abenteuerurlaub“. Jede Menge Vorbereitungen, Planungen und Termine konnten nicht verhindern, dass alles etwas anders ablief als geplant. Und schuld war nicht nur das Wetter. „Leipziger Buchmesse 2018 – Mein (verspäteter) Messebericht“ weiterlesen

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn

„Sylvia, Angela, Gigi, August. Wir waren vier Mädchen, unglaublich schön und schrecklich allein.

Das ist Erinnerung.“

Die vielfach für ihre Kinder- und Jugendromane preisgekrönte US-amerikanische Autorin Jacqueline Woodson bleibt auch in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch für Erwachsene ihrem Personal treu.

Die Anthropologin August kehrt zur Beerdigung ihres Vaters zurück an den Ort ihrer Kindheit, Bushwick, Brooklyn, New York. „Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn“ weiterlesen

Impressionen Leipziger Buchmesse 2018

Diese Buchmesse war eine Ausnahmebuchmesse. Mit voller Wucht kehrte der Winter zurück und Leipzig versank im Schneechaos. Die Sperrung des Hauptbahnhofs und viele Behinderungen auch im Umland machten es vielen Besuchern unmöglich, zu kommen oder behinderten zumindest Hin- und Heimfahrt massiv.

Auch für mich war die Messe in mancherlei Hinsicht abenteuerlich, aber sehr anregend und voller schöner Begegnungen. Da ich mich entschlossen hatte, kein Laptop mitzunehmen und nun auch erst einmal alle Eindrücke zu einem Text zusammenfassen möchte, muss ich meinen Messerückblick noch ein wenig schuldig bleiben. Er folgt aber – ich hoffe spätestens zum Wochenende.

Bereits jetzt möchte ich aber schon ein paar Eindrücke mit euch teilen – visuell -, damit ihr einen kleinen Vorgeschmack bekommt.

Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Die afroamerikanische Autorin Jesmyn Ward gewann bereits 2011 mit ihrem zweiten Roman „Salvage the bones“ (Deutsch: „Vor dem Sturm“) einen der bedeutendsten Buchpreise der USA, den National Book Award. Dabei lieferte der Jahrhundertsturm Katrina den dunkel dräuenden Hintergrund einer Familiengeschichte aus der untersten Gesellschaftsschicht der amerikanischen Südstaaten. Armut, Hoffnungslosigkeit, Vernachlässigung, Drogen- und Alkoholmissbrauch, sexuelle Gewalt und Teenagerschwangerschaft, aber auch Solidarität in der Familie und besonders auch die Beziehung unter Geschwistern waren die Kernpunkte dieses Textes. Dinge, die die Autorin, die selbst aus einem ähnlichen Milieu abstammt und in Mississippi aufwuchs, nur zu gut kennt. Ihr ermöglichte ein wohlhabender Arbeitgeber der Mutter, die in den gutgestellten Haushalten putzen ging, eine Schul- und Universitätsausbildung. Das Verhältnis zu ihren Schwestern war sehr eng. „Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ weiterlesen

Michael Chabon – Moonglow

„Beim Schreiben dieser Memoiren habe ich mich an die Fakten gehalten, es sei denn, sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie gerne verstehe, beugen. Wo immer ich mir Freiheiten mit Namen, Daten, Ereignissen, Unterhaltungen oder den Identitäten, Motiven und Beziehungen von Familienmitgliedern und historischen Persönlichkeiten erlaubt habe, sei dem Leser versichert, dass es mit der entsprechenden Hemmungslosigkeit geschah.“

Dieser Vorbemerkung des Autors folgt eine überaus überraschende, erstaunliche und vor Einfällen sprühende Familiengeschichte, die ich lange Zeit gar nicht als eine autobiografische gelesen habe. Zwar sitzt da ein Michael am Bett seines sterbenskranken Großvaters, ja, auch hat er etwas mit dem Schreiben zu tun, aber so abenteuerlich und fantastisch, so turbulent und „hemmungslos“ kommt die Geschichte daher, dass sie kaum den üblichen Mustern eines Erinnerungsbuchs gleicht. Doch dann fällt, einmal im gesamten Buch, tatsächlich der Name „Chabon“ und die Leserin reibt sich verwundert die Augen. Doch was ist tatsächlich Fakt an diesen Aufzeichnungen? Es ist zum einen ein brillantes Spiel des Autors mit seinen Lesern, dies offen zu halten, und gleichzeitig ist es völlig belanglos. Nicht-Fiktives und Fiktives mischt sich auf so stimmige Weise, historische Ereignisse und Persönlichkeiten werden so ungezwungen eingebunden, dass neben einer atemberaubenden Familiengeschichte auch noch ein treffendes Zeitpanorama aus der amerikanischen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts entsteht. „Michael Chabon – Moonglow“ weiterlesen

Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort

„Wir sind keine Individuen. Die Lebenden suchen uns ebenso heim wie die Toten. Geglaubt habe ich das früher schon. Aber jetzt weiß ich es. Das war es, was er uns immer sagen wollte.“

Das Verwobensein in eine Gemeinschaft, hier die Familie, ist eines der für mich zentralen Motive in Adam Hasletts für den National Book Award und die Shortlist des Pulitzer Prize nominiertem Roman „Stellt euch vor, ich bin fort“. Es ist eine eine Variation von John Donnes berühmtem Zitat „No man is an island of itself“.

So sehr der Mensch nach Individualität und Unabhängigkeit strebt, nach seinem eigenen, ganz persönlichen Weg durchs Leben, so ist er doch unlösbar verstrickt in das Geschick seiner Mitmenschen, in die Gesellschaft, die Menschheitsgeschichte. Und ganz besonders, so viel Widerstand er dagegen aufbauen mag oder ihm entgegengesetzt wird, ist er Teil seiner Familiengeschichte. Es sind die Menschen, die ihn und seinen Lebensweg am nachhaltigsten prägen, auf die eine oder andere Weise, ihm ein Erbe mitgeben. Sich daraus ganz zu befreien, ist fast unmöglich und manch einer sucht gerade in der Gemeinschaft Trost und Geborgenheit, fühlt für sie Verantwortung, die am zerstörerischsten auf ihn wirkt. „Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort“ weiterlesen