Barbara Honigmann – Georg

Barbara Honigmann schreibt über ihren Vater Georg. Fünfzehn Jahre nachdem sie sich in „Ein Kapitel meines Lebens“ ihrer Mutter genähert hatte. Diese ist vor allem als Ehefrau des britisch-sowjetischen Doppelspions Kim Philby bekannt, der als Vorbild für John le Carrés „Dame, König, Ass, Spion“ diente und die junge österreichische Kommunistin 1934 in Wien heiratete und dadurch dem Zugriff des austrofaschistischen Regimes entzog. In London lernte sie den Journalisten Georg Honigmann kennen, der dort durch eine glückliche Fügung seit 1931 als Korrespondent der Vossischen Zeitung tätig war. In Deutschland wäre er als aus einer assimilierten jüdischen Familie stammend Ziel der Verfolgung durch die Nationalsozialisten geworden. Vielen Mitgliedern seiner aus Breslau und Darmstadt stammenden Familien gelang die Flucht ebenso. „Barbara Honigmann – Georg“ weiterlesen

Lektüre Januar 2019

Ein neues Jahr, neue Lektüre.

Meinen Vorsatz, möglichst keine „alte“ Lektüre mit ins neue Jahr zu nehmen, hat recht gut geklappt. Nur vier Titel aus dem Herbstprogramm sind auf meine neue Leseliste gewandert, der Rest darauf ist sozusagen „druckfrisch“. Das heißt natürlich nicht, dass ich nichts aus 2018 noch lesen möchte, die Liste ist auch da noch lang, aber nach dem Abebben der Frühjahrstitel-Flut (vermutlich nach der Buchmesse Ende März) ist dafür auch noch Zeit. Die neuen Bücher locken mich jedes Jahr dann doch zu sehr.

Der Januar war ein etwas durchwachsener Lesemonat. Zehn Bücher habe ich gelesen, drei weitere als Hörbuch gehört (endlich mal wieder). Wirklich begeistern konnte mich von den Printexemplaren nur Dörte Hansen mit ihrer allseits zu recht gelobten Mittagsstunde. Der Rest war gut (Woelck, Ernaux, Honigmann, Huttel) oder interessant (Collins, Ford) oder „geht so“ (Würger), schwierig (Preti) oder ein wenig ärgerlich (Louis). Meine drei Hörbücher habe ich allesamt gerne gehört. „Lektüre Januar 2019“ weiterlesen

Édouard Louis – Wer hat meinen Vater umgebracht

Der junge Édouard Louis, Jahrgang 1992, ist in Frankreich und auch bei uns in Deutschland mit seinen bisherigen zwei eher schmalen Romanen ein Bestseller- und fast so etwas wie ein Kultautor geworden. Louis kommt von „ganz unten“, ein Arbeitersohn aus der französischen Provinz, der ähnlich wie sein Kollege Didier Éribon und auch Annie Ernaux versucht, diese Herkunft und ihre Auswirkungen auf die Lebenswege zu untersuchen und zu beleuchten. Dabei ist ihnen nicht nur der autobiografische Hintergrund, sondern auch die soziologisch geprägte, sehr analytische Herangehensweise gemeinsam. Sie alle treibt um, wie die Herkunft und die gesellschaftliche Prägung die Menschen am Fuß der sozialen Leiter – neuerdings spricht man gern von den „Abgehängten“ – in die Arme von Rechtspopulisten, zu rassistischen, frauen- und fremdenfeindlichen Positionen treiben. „Édouard Louis – Wer hat meinen Vater umgebracht“ weiterlesen

Ford Maddox Ford – Die allertraurigste Geschichte

Es ist eine in vieler Hinsicht merkwürdige Geschichte, die da erzählt wird. Ob sie auch die „allertraurigste“ ist, wie der Titel ankündigt und der Erzähler beteuert, muss am Ende der Leser entscheiden.

„Dies ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe. Neun Jahre hindurch hatten wir während der Kursaison in Bad Nauheim mit den Ashburnhams in der größten Vertrautheit verkehrt – oder vielmehr in einem Verhältnis zu ihnen gestanden, das so lose und unbeschwert und doch so eng war wie das eines guten Handschuhs mit Ihrer Hand. Meine Frau und ich kannten Hauptmann und Mrs. Ashburnham so gut, wie man jemanden nur kennen kann, und doch wussten wir auch wieder gar nichts von ihnen.“

Viele namhafte Schriftsteller, wie Graham Greene, William Carlos Williams, Ian McEwan und Julian Barnes, von dem ein kurzer Essay der vorliegenden Ausgabe als Nachwort beigefügt wurde, nennen den 1915 veröffentlichten Roman „Die allertraurigste Geschichte“ (Original „The Good Soldier“) einen der bedeutendsten und gleichzeitig fast vergessenen, zumindest zu gering geachteten englischen Romane des 20. Jahrhunderts. Genauso wie seinen Autoren Ford Maddox Ford (1873-1939). „Ford Maddox Ford – Die allertraurigste Geschichte“ weiterlesen

Dörte Hansen – Mittagsstunde

„Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weißen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen. »De Welt geiht ünner«, sagte Marret Feddersen und sah die Zeichen überall. Die alten Ulmen starben einen Sommer später, am Westerende, wo sie seit hundert Jahren Ast in Ast gestanden hatten. Ihre Blätter wurden plötzlich gelb, die Kronen kahl, im Juni schon. Sie standen noch ein Jahr wie abgedankte Könige. Dann kam Karl Martensen mit seinen Leuten, und ihre Motorsägen kreischten lange, bis sie die Ulmenstämme auf dem Wagen hatten. Hartes Holz, das ewig trocknen musste, bis man es hobeln oder fräsen konnte. Marret kam, sie holte sich ein Stück der grauen Borke ab und eine Handvoll Ulmenfrüchte, dann ging sie wieder durch das Dorf, von Tür zu Tür, wie sie es immer tat, wenn sie ein Zeichen sah: »De Welt geiht ünner.«“

Wenn auch ganz anders als von der leicht ver-rückten Marret immer wieder angekündigt, geht in Dörte Hansens Roman „Mittagsstunde“ tatsächlich eine Welt unter. Es ist der Untergang des Dorfes in Deutschland, hier des fiktiven nordfriesischen Dorfs Brinkebüll, der damit verbundenen Verlust von dörflichem Leben und der gesellschaftliche Wandel, der damit einhergeht, von dem die Autorin, die aus einem ebensolchen Dorf in Norddeutschland stammt, hier erzählt. „Dörte Hansen – Mittagsstunde“ weiterlesen

Kathleen Collins – Nur einmal

Mit Kathleen Collins ist erneut eine US-amerikanische Autorin wiederzuentdecken. Wobei wiederzuentdecken genau genommen falsch ist. Die in den 60er und 70er Jahren entstandenen Kurzgeschichten der 1942 geborenen Afroamerikanerin, die nun im Kampa Verlag erschienen sind, haben über zwanzig Jahre nach deren frühem Tod in einer Kiste geschlummert, ehe sie 2016 von der Tochter Nina Collins in den USA erstmals veröffentlicht wurden.

Kathleen Collins war eine der ersten schwarzen Regisseurinnen der USA. Nach einem B.A. in Philosophie und Theologie und einem Studium der Filmgeschichte an der Pariser Sorbonne erhielt sie eine Professur für Filmgeschichte und Drehbuch am City College in New York. Anfang der 80er Jahre erschienen zwei Dramen und ein Roman. Der 1982 gedrehte  Film „Losing ground“ wurde erst 2015 in den Kinos uraufgeführt. „Kathleen Collins – Nur einmal“ weiterlesen

Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

Die heute 78 jährige französische Schriftstellerin Annie Ernaux wurde in Deutschland sehr spät entdeckt. Nach zwei Veröffentlichungen in den Nullerjahren über eine erotische Obsession, rutschte sie eher ein wenig in die Schmuddelecke. Erst 2017 wurde ihr im Original bereits 2008 erschienener autobiografischer Roman „Die Jahre“ auch hierzulande ein Riesenerfolg, zumindest bei der Literaturkritik. Dabei gilt Ernaux in Frankreich seit langem als eine der wichtigsten literarischen Stimmen. Schriftsteller wie Didier Eribon und Édouard Louis zählen sie zu ihren Vorbildern. Wie sie entstammt Annie Ernaux einfachen sozialen Verhältnissen, mit denen sie ein problematisches Verhältnis verbindet, wie sie schreibt sie stets stark autobiografisch, wie sie nimmt sie das Biografische aber nur, um wichtige politische und gesellschaftliche Strukturen in Frankreich zu beschreiben und analysieren. Die strikte Klassengesellschaft in Frankreich ist ihr Thema, die Schwierigkeit des sozialen Aufstiegs, die dramatische soziale Ungleichheit. Und immer wieder die Rolle der Frau. „Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens“ weiterlesen

Bettina Wilpert – Nichts, was uns passiert

Bettina Wilpert erzählt in ihrem Debütroman „Nichts, was uns passiert“ eine Geschichte, von deren enormer Brisanz in Zeiten der #MeToo-Debatte sie zum Zeitpunkt der Niederschrift nichts ahnen konnte. Sie greift ein Thema auf, das mehr als relevant ist, aber dennoch vergleichsweise selten in den Prosaarbeiten junger Autoren vorkommt: sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung.

Dafür wählt sie einen sowohl exemplarischen als auch zumindest in der Literatur und unserem Denken eher außergewöhnlichen Fall. Wider besseres Wissen (80% der Vergewaltiger stammen aus dem sogenannten „sozialen Nahraum“ der Opfer) verbinden wir mit Vergewaltigung oft dunkle Straßen, Überfälle, körperliche Gewalt. Dass es in vielen Fällen ganz anders aussieht, das macht uns Bettina Wilpert mit ihrem Roman deutlich. Und dass es sich dennoch um eine Vergewaltigung handelt. „Bettina Wilpert – Nichts, was uns passiert“ weiterlesen

Das Debüt 2018 – Bloggerpreis – Meine Entscheidung

Der von Dr. Bozena Anna Badura, Janine Hasse und Sarah Jäger geführte Blog „Das Debüt“ hat zum dritten Mal einen Bloggerpreis ausgeschrieben. 69 Romane wurden von den Verlagen eingereicht. Aus einer von „Das Debüt“ zusammengestellten Shortlist sollten 13 Blogger und Bloggerinnen ihre drei Favoriten auswählen und mit je fünf, drei bzw. einem Punkt versehen. Daraus geht dann der Titel mit den meisten Punkten als Sieger hervor.

Ich durfte bereits zum zweiten Mal in der Jury mitwirken. Nachdem mich die Shortlist des letzten Jahres ziemlich gefordert hatte, da vier von fünf Titeln so gar nicht meinem Geschmack entsprachen, war ich dieses Jahr recht glücklich über die Auswahl. Sicher habe ich wieder den einen oder anderen Roman vermisst. Aber alle fünf Bücher konnten mein Interesse wecken und, obwohl ich mir das dieses Jahr ausdrücklich zugestanden habe, habe ich keinen Roman abgebrochen. „Das Debüt 2018 – Bloggerpreis – Meine Entscheidung“ weiterlesen