Hideo Yokoyama – 64

Kriminalromane aus Japan sind zur Zeit ein wenig in Mode. Zwar sind sie zahlenmäßig gegenüber der Flut an Frankreich-, Italien- und Provinzkrimis immer noch eine Randerscheinung, aber Namen wie Fuminori Nakamura („Der Dieb“, „Die Maske“) oder Keigo Higashino („Unter der Mitternachtssonne“, „Verdächtige Geliebte“) sind mittlerweile auch in Deutschland ein Begriff. Zu der Spannung, die der Krimiplot bietet gesellt sich hier noch der Einblick in eine Gesellschaft, die trotz ihrer wirtschaftlichen und politischen Nähe zum Westen doch immer noch ein wenig fremdartig und unbekannt erscheint.

Bei Hideo Yokoyamas unlängst (etwas unglücklich als „Thriller“ bezeichnet) auf Deutsch erschienenem Roman „64“ beginnt dieses Fremdartige bereits im Titel. 64 bezeichnet nämlich nach der traditionellen japanischen Zeitrechnung das 64. Jahr der Shōwa-Zeit. Diese auch im modernen Japan durchaus noch präsente Art der Jahreszählung richtet sich nach jeweils einer Ära. Wurden diese Ären in der Zeit vor 1868 recht willkürlich von den japanischen Kaisern bestimmt, beginnen sie seitdem immer mit dem Amtsantritt eines neuen Kaisers und enden mit seinem Tod. Die Shōwa-Zeit bezeichnet die Jahre der Regierungszeit des Tennō Hirohito von 1926 bis 1989. Shōwa 64 ist gleichzeitig das letzte Jahr dieser Ära, einer Ära der großen Umbrüche für Japan, die Blütezeit des japanischen Imperialismus, aber auch sein radikaler Untergang mit der Niederlage und Kapitulation im Zweiten Weltkrieg, Zeit der Katastrophen von Hiroshima und Nagasaki, aber auch des rasenden Aufstiegs zur Wirtschaftsmacht. Showa 64 war ein Jahr, das lediglich eine Woche dauerte, denn am 7. Januar 1989 verstarb der Tennō. Eine Epoche ging zu Ende. Sicher kein zufällig gewähltes Jahr für diesen Roman.

鈴緒 (Suzuo)  by halfrain  (CC BY-SA 2.0) via flickr

Ein Roman, ein Kriminalroman, besser noch ein Polizeiroman, aber eigentlich kein Thriller. Diese Bezeichnung erweckt unter Umständen Erwartungen, die „64“ trotz einer ganz eigenen hohen Spannung nicht erfüllen kann und wohl auch gar nicht will.

Zehn Jahre hat der investigative Journalist und Autor Hideo Yokoyama (Jahrgang 1957) an diesem Werk gearbeitet. Anfang der 2000er Jahre war er bereits mit einigen Romanen in seinem Heimatland sehr erfolgreich, musste aber aufgrund gesundheitlicher Probleme zurückstecken. 2013 erschien dann „64“ unter dem Originaltitel „Rokuyon“ und wurde ein reisiger Erfolg mit Millionenauflage. Der Rokuyon-Kalender bezeichnet in einem Sechstage-Zyklus sogenannte Glücks- und Unglückstage, nach denen traditionell wichtige Unternehmungen geplant werden. Auch das etwas, das unserem Kulturkreis eher fremd ist.

So liegt der große Reiz und die Spannung, die „64“ entwickelt, auch zum großen Teil in den Einblicken, die der Leser in die japanische Gesellschaft und in kulturkonzeptionelle Fragen gewinnt. Der eigentliche Kriminalfall wird daneben fast zur Nebensache.

Dabei beginnt die Geschichte ganz privat. Yoshinobu Mikami, seines Zeichens Pressedirektor der Polizei in der nicht näher lokalisierten Präfektur D und seine Frau Minako sind zu einer Identifizierung ins Leichenschauhaus gerufen worden. Ihre halbwüchsige Tochter Ayumi ist seit einiger Zeit verschwunden. Dass es sich bei der Leiche nicht um Ayumi handelt, beruhigt nur vorübergehend. Die Ungewissheit und die Selbstvorwürfe, die sich gerade der Vater macht, belasten die Ehe und den Alltag. Minako traut sich kaum noch aus dem Haus, könnte sie doch einen dieser „Schweigeanrufe“ verpassen, die in letzter Zeit mehrmals vorgekommen sind und hinter denen sie ihre Tochter vermutet.

Veranda by mrhayata ( CC BY-SA 2.0) via Flickr

Mikami selbst steht auch beruflich unter großem Druck. Ein ungelöster Kriminalfall aus dem Jahr Shōwa 64, der kurz vor der Verjährung steht, soll durch den Besuch des Generalinspektors aus Tokio noch einmal neuen Wind erhalten. Damals ist die siebenjährige Shoko entführt und trotz Lösegeldzahlung ermordet worden. Der Täter wurde nie gefasst. Nun, vierzehn Jahre später, soll Mikami eine Medienkampagne leiten, in der der Vertreter der Nationalen Polizeibehörde Tatort und Angehörige des Opfers öffentlichkeitswirksam aufsucht. Der Vater der kleinen Shoko möchte da aber nicht mittun und immer mehr gewinnt Mikami den Eindruck, dass bei den damaligen Ermittlungsarbeiten Unregelmäßigkeiten und Pannen aufgetreten sind, die anschließend vertuscht wurden. Mikami, der früher ebenfalls Teil des KUA (Kriminaluntersuchungsamt) war, hört von einem geheimen sogenannten Koda-Memo und einem „Maulkorberlass“ und beginnt auf eigene Faust nachzuforschen. Dabei legen ihm nicht nur die ehemaligen Kollegen vom KUA jede Menge Steine in den Weg, sondern auch seine eigene Verwaltungsabteilung, die sich mit dem KUA in beständigem Kompetenzgerangel befindet, übt nicht unbeträchtlichen Druck aus. Hinzu kommt die Presse, die sich unzureichend informiert fühlt und Drohungen ausstößt. Mikami muss sich durch diese Drohungen und durch tumultartige Szenen hindurchlavieren und gleichzeitig den damaligen Fall nicht aus den Augen verlieren. Zunehmend wird ihm klar, dass da ganz andere Interessen mit im Spiel sind und die Behörden ihr ganz eigenes Süppchen kochen.

Auf 760 Seiten, in 81 relativ kurzen Kapiteln, entfaltet Hideo Yokoyama ganz langsam und raffiniert das Geflecht dieser Polizeibehörden, ihrer Kompetenzstreitigkeiten, Eifersüchteleien und Intrigen. Auch in hiesigen Krimis kämpfen die Ermittler immer wieder einmal gegen die eigenen Leute (meist in der Staatsanwaltschaft), aber was hier für ein Sumpf von Eitelkeiten und Missgunst aufgedeckt wird, ist schon überwältigend. Die Liste der Hauptprotagonisten umfasst 44 Personen, fast alle im aktiven oder ehemaligen Polizeidienst. Mikami ist darunter nur das eine Rädchen, auf dem allerdings die alleinige Perspektive des Romans ruht. Ihm gegenüber steht der übermächtige Apparat. Auch die Presse scheint in Japan ungewöhnlich aggressiv und mit großer Macht ausgestattet zu sein. Andererseits wirbt die Polizei auf sehr offensive Weise um sie. Saufgelage und Barbesuche gehören hier zur Öffentlichkeitsarbeit. Eine eigenartige Mischung aus Fremdheit und Vertrautheit stellt sich bei diesen Schilderungen des Systems Polizeibehörde und der ihr innewohnenden Mechanik ein. Auch Mikamis Mitarbeiterin Mikumo trägt dazu nicht unerheblich bei. Wie sie behandelt wird, lässt immer wieder die Rolle der Frau in Japan, aber letztendlich natürlich auch bei uns, überdenken.

Businessman by _ Kripptic (CC BY 2.0) via Flickr

Diese akribischen Schilderungen der Ermittlungs- und Pressearbeit verlangen vom Leser einen recht langen Atem und auch ein prinzipielles Interesse an solch genauen Gesellschaftsstudien. Dann entwickeln sie aber eine ungemeine Spannung und gewähren einen tiefen Einblick in das moderne Japan. Loyalität, Wahrung des Gesichts, Unterordnung des Einzelnen, Respektierung der Hierarchien, Konflikte zwischen persönlichen Idealen, der Moral und den Konventionen – diese Dinge entwickeln hier noch einmal eine ganz eigene Dringlichkeit. Auch der grüblerische Mikami als Ermittler ist so in einem „westlichen“ Krimi eher schwer denkbar. Er geht zwar durchaus seinen eigenen Weg, aber der Konflikt mit den übergeordneten Instanzen eskaliert nie. Viele Wege, die er beschreitet, erweisen sich als Sackgassen. Unterstützung bleibt im Wesentlichen die Ausnahme. Er laviert sich hindurch, widersteht mehr als dass er agiert.

Erst im letzten Teil gewinnt der Krimiplot dann noch einmal richtig Fahrt. Eine weitere Entführung geschieht und ungeahnte Verbindungen zu Fall Aktenzeichen 64 und auch Ayumis Verschwinden tun sich auf. Das ist raffiniert und gekonnt konstruiert und nüchtern erzählt. Hideo Yokoyama rundet den Fall schlüssig, lässt aber auch einige Fragen wohltuend offen.

In Amerika (das Buch ist tatsächlich nicht aus dem Original, sondern aus dem Englischen übersetzt) hat das Buch Begeisterungsstürme ausgelöst und auch in der deutschen Kritik wurde es sehr positiv aufgenommen. Von „großer Literatur“, „Nobelpreis“, „Henry James“ und den „Abgründen der Pflicht“ war da die Rede. Diese Bezugsgrößen sollte man eher heranziehen als die Bezeichnung „Thriller“, die das deutsche Cover ziert. Dann wird man das Buch mit großem Gewinn lesen.

Beitragsbild: Chureito Pagoda – Fujiyoshida-shi, Japan by Giuseppe Milo ( CC BY 2.0) via Flickr

Dieser Beitrag erschien auch im Rahmen eines Japan-Specials auf Literaturkritik.de. Danke an Alex von Letusreadsomebooks!

 

 

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Hideo Yokoyama – 64

aus dem Englischen von Sabine Roth und Nikolaus Stingl

Atrium Verlag Februar 2018, gebunden, 768 Seiten, 28,00 EUR

Krimi-Zwischenspiel Donna Leon – Heimliche Versuchung und Volker Klüpfel und Michael Kobr – Kluftinger

Entspannendes Krimi-Zwischenspiel mit zwei Reihen, die ich zwar nicht konsequent, aber schon sehr lange verfolge.

Vor 25 Jahren erschien bei Diogenes der erste Fall für Commissario Guido Brunetti. Damals war der Boom der Regionalkrimis noch weit entfernt. Zwar gab es schon immer Krimi-Autoren, die ganz bestimmten Regionen einen wichtigen Platz in ihrer Handlung einräumten, also mit viel Lokalkolorit arbeiteten, und natürlich bedingen die so beliebten Krimi-Reihen in der Regel einen konstanten Schauplatz, wie beispielsweise Magdalen Nabb immer wieder Florenz wählte oder Jacques Berndorf, der mit seinen Eifel-Krimis in Deutschland erfolgreich war.

So richtig los ging es aber meines Erachtens mit Donna Leons in Venedig ermittelndem Commissario. Die Lagunenstadt nahm von Beginn an eine so reizvolle wie wichtige Rolle in den Büchern ein. Spannung war von Anfang an eher Neben- als Hauptsache, der sympathische, nachdenkliche und kultivierte Ermittler, seine nette Familie, die manchmal unerträglichen, manchmal reizenden Mitarbeiter, allen voran die so mondäne wie tüchtige Sekretärin Elettra und eben die stimmungsvollen Orte waren es, die die Leserschaft für sich einnahmen. Dazu kam eine leise, aber deutliche Kritik an verschiedensten aktuellen Problemen, die sich zwar immer auf die Verhältnisse in Venedig konkret bezogen, oft aber auch allgemeine Zustände abdeckten.

Venedig via pxhere

Geändert hat sich in all den Jahren recht wenig. Auch Guido Brunetti und seine Kinder alterten in dieser Zeit extrem verzögert. Lediglich Donna Leons Überdruss an Venedig, dem sie mittlerweile den Rücken gekehrt hat (seit einiger Zeit lebt die Amerikanerin in der Schweiz), das sie aber nach eigener Aussage immer noch liebt, ist gewachsen. Besonders die Touristenmassen, die die Stadt nahezu das ganze Jahr überschwemmen, sind ihr ein Dorn im Auge. Korruption und die damit verbundenen Machenschaften waren schon immer Hauptthemen der Krimireihe.

So auch in ihrem neuesten Fall, dem mittlerweile siebenundzwanzigsten.

Der Mann einer Universitätskollegin von Paola wird schwerverletzt am Fuße einer Brücke unweit seiner Wohnung aufgefunden – Unfall oder Verbrechen? Hängen die Drogenprobleme des Sohnes damit zusammen? Oder hat es mit der vermögenden alten, an Demenz erkrankten Tante zu tun? Sehr bald vermutet Brunetti, dass jemand nachgeholfen haben muss, ein Verdacht, der sich erhärtet, als der Mann stirbt.

Auch in „Heimliche Versuchung“ (ein Titel, der sich mir mal wieder nicht erschließt; der Originaltitel „The temptation of forgiveness“ erklärt sich ganz zum Schluss des Romans) köchelt die Spannung eher auf kleiner Flamme. Dafür erhält man wie gewohnt Venedig-Flair auf kritische Art, Familienanschluss bei den Brunettis, ein bisschen Questura und eine logisch entwickelte Geschichte. Für mich ist jeder Fall wie ein Familientreffen, ich habe auch diesen gerne gelesen.

 

Altusried im Allgäu  von Richard Mayer [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Ähnlich geht es mir mit dem Klufti – auch wenn die Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr nicht mit Donna Leons Ernsthaftigkeit und kultureller Gediegenheit ans Werk gehen. Ihr Kommissar Kluftinger ist eher das Gegenteil vom humanistisch gebildeten, ein wenig melancholisch veranlagten Brunetti. Bodenständig wie er ist, reichlich altmodisch und starrköpfig dreht sich auch bei ihm (fast) alles um die Familie. Seine Frau Erika, die ihm die besten Kaasspatzen der Welt kocht, Sohn Markus und Schwiegertochter Yumiko, die gerade Eltern geworden sind und der langjährige Freund/Feind Doktor Langhammer – sie sind dem Leser schon lange ans Herz gewachsen. Deswegen nehmen auch familiäre Abschnitte in den Büchern zunehmend Raum ein. So beginnt auch der neue Fall mit einem Besuch der ganzen Familie zu Allerheiligen auf dem Friedhof. Das Entsetzen ist groß, als man dort ein frisches Grab entdeckt, auf dessen Grabkreuz Kluftingers Name, Geburts- und Todesdatum stehen. Ein Scherz? Wohl kaum, die Drohungen mehren sich und schließlich kommt es zu einem tödlichen Zwischenfall.

Auch hier entfaltet sich die Spannung nur sehr gemächlich. Es geht in Kluftingers Vergangenheit, von der wir so einiges erfahren und, nun endlich im 10. Band, wird auch das Geheimnis um seinen Vornamen gelüftet. Wie gewohnt sparen die Autoren auch nicht an Klamauk und stereotypen Situationen und Charakteren. Sie verlassen dabei aber nie ein solides Niveau, wie leider mittlerweile so mancher Regionalkrimi. Und dass Kluftinger beinahe den Hubertus Jennerwein anstatt Kollege Maier eingestellt hätte, erweist einem zweiten bayrischen Kommissar, eben jenem Jennerwein aus der Feder von Jörg Maurer, eine vergnüglich-ironische Referenz. Auch er einer der wenigen empfehlenswerten Regionalermittler.

„Kluftinger“ macht Spaß, auch wenn es an einigen Ecken knirscht in Sachen Schlüssigkeit und die Spannung ein wenig kurz kommt. Wer noch nicht Teil der Kluftinger-Gemeinde ist, wird es mit diesem Teil vielleicht eher nicht werden. Für alle anderen ist es ein amüsantes, kurzweiliges Wiedersehen.

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Heimliche Versuchung Donna Leon.

Donna Leon – Heimliche Versuchung
Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

Diogenes Mai 2018, Hardcover Leinen, 336 Seiten, € 24.00

 

 

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Volker Klüpfel, Michael Kobr – Kluftinger (Kluftinger-Krimis 10)

Ullstein April 2018, Hardcover mit Schutzumschlag, 480 Seiten, € 22,00

Lektüre Mai 2018

Ein richtiger Wonnemonat war dieser Mai meistenteils. Sommerliche Temperaturen, viel Sonnenschein und ein wahres Blütenfeuerwerk im Garten. Leider habe ich dennoch kaum dort gelesen, denn es gab viel hier draußen zu tun, die DSGVO hat einige Aufmerksamkeit erfordert und auch ansonsten stand allerlei an. Dennoch fiel die Lesebilanz, dann eben abends auf der geschützten Terrasse oder auf dem Sofa, ganz ordentlich aus.

 

Guadalupe Nettels Roman „Nach dem Winter“ hatte ich zunächst nicht auf dem Schirm, sondern er wurde mir von Verlag angeboten. Liebesgeschichten sind normalerweise eher nicht mein Beuteschema, aber diese mit Settings in Paris und New York und einem Bezug zu Friedhöfen, insbesondere dem Père Lachaise, weckte dann doch meine Neugier.

Zwei Menschen fern von ihrer Heimat, zwei moderne Migranten. Der Kubaner Claudio arbeitet als Lektor in New York und verbirgt hinter seiner frauenverachtenden Machoattiüde und pedantischer Lebensordnung nur ungenügend ein versehrtes Leben. Die aus Mexiko stammende Studentin Cecilia fasst im winterlichen Paris nur langsam Fuß und Freundschaft zu anderen Migranten. Vor allem mit Nachbar Tom verbindet sie die Liebe zur Literatur, Musik und Friedhöfen. Doch eines Tages ist Tom für unbestimmte Zeit verschwunden. Und Cecilia lernt Claudio kennen. Ein unsentimentaler, aber feinsinniger, melancholischer (Anti)Liebesroman über das Fremdsein, den Platz im Leben und das kleine Glück.

Virginia Reeves EIN ANDERES LEBEN

 

Alabama in den Zwanziger Jahren. Roscoe Martin hasst sein Leben auf der Farm, die sein Schwiegervater ihm und seiner Frau Marie vermacht hat. Viel lieber würde er weiter als Elektriker arbeiten. Diese noch relativ neue Technik fasziniert ihn. Kühn beschließt er, sein Land illegal an die Stromtrasse anzuschließen. Eine Entscheidung, die eine Tragödie nach sich zieht und nicht nur sein Leben für immer verändert. Sittenbild, Familiengeschichte und ein Roman über Schuld und Moral. 2016 stand die Autorin damit auf der Shortlist des Man Booker Prize. Virginia Reeves-Ein anderes Leben als dieses – ein gelungenes Debüt.

 

Alexander Schimmelbusch hat einen interessanten, klugen politischen Roman geschrieben, der sich am Ende leider ein wenig verläppert.
Victor ist einer der großen Player, Miteigner einer Investmentbank, eigentlich ein beziehungsgestörtes, arrogantes A*loch. Aber: Er analysiert seine Lage so genau und scharf wie die des ganzen Landes, verfasst gar ein „Manifest“, um Deutschland „vor seiner drohenden Irrelevanz zu bewahren“, Hauptpunkt: die Vermögensobergrenze, ab der alle Privatvermögen in einem staatlichen Investitionsfond aufgehen sollen. Freund und Grünen-Bundestagsabgeordneter Ali Osman springt auf den Zug auf, gründet auf diesem Programm die neue Partei DeutschlandAG. Breite populistische Unterstützung erhält er durch Beimischung von ein wenig Fremdenfeindlichkeit und Globalisierungskritik. Eine üble Rechts-Links-Suppe. Und doch ertappt sich der Leser dabei, vielen Standpunkten zustimmen zu müssen. Das ist amüsant, zynisch und klug. Nur der Ausblick in eine leicht dystopische Zukunft im Jahr 2032 hat mir nicht gefallen. Hier gräbt sich der Autor durch Albernheiten das Wasser ein wenig selber ab. Dennoch: Lesenswert!

 

Heimliche Versuchung Donna Leon

Jedes Jahr im Frühling kommt ein neuer Brunetti-Fall bei Diogenes heraus. Donna Leon arbeitet pünktlich wie ein Uhrwerk. Und auch wenn ich nicht jeden Band tatsächlich lese und die einzelnen Bände auch in der Qualität schwanken – ich freue mich immer wieder, nach Venedig zu reisen und Familie Brunetti nebst Kollegen wieder zu begegnen. Ein wenig wie Familie, da sieht man auch gern über die eine oder andere Schwäche hinweg, wenn die Chemie stimmt. Auch wenn Leons Venedig-Abgesang ein bedenkliches (und leicht nervendes) Maß erreicht hat, ich habe auch diesen Fall rund um krumme Pharmamachenschaften sehr gerne gelesen. Auch wenn sich die Spannung und die Nachhaltigkeit wie bei vielen Brunnetti-Fällen in Grenzen hielten.

 

Ähnlich ist es mit dem neuen Kluftinger des Allgäuer Autoren-Duos Klüpf/Kobr. Da habe ich auch anfangs alle Bände verfolgt, war auf amüsanten Lesungen der beiden Unterhaltungskünstler und habe mich immer prächtig amüsiert. Irgendwann kam dann ein gewisser Überdruss, aber nach einigen ausgelassenen Bänden auch immer wieder ein frohes Wiedersehen. Auch den zehnten Jubiläumsband, in dem Klufti selbst bedroht wird und endlich sein Vorname offenbart, habe ich wieder gern gelesen, trotz einigem Klamauk und Stereotypen und mäßiger Spannung. Auch hier gilt: Familienanschluss.

 

Der sechste Band des Hogarth Shakespeare Projekts, das die Stücke des großen Dramatikers von Bestsellerautoren neu erzählen lässt. Eine spannende Sache, von der ich, gerade auch in den liebevoll gestalteten Bänden bei Knaus, ein großer Fan bin. Obwohl ich eine gewisse Enttäuschung zugeben muss: Wenige der Neufassungen weisen über die reine Modernisierung wirklich hinaus. Das gilt auch für Tracy Chevaliers Beitrag „Der Neue“ (Othello). Am ehesten punktet die Schulhofgeschichte über Außenseitertum, Rivalität und Rassismus, die im Jahr 1974 angesiedelt ist, als einfühlsames Jugendbuch. Nun bin ich gespannt auf Jo Nesbøs Fassung des Macbeth, die als nächstes erscheinen wird.

 

Ralf Rothmann Der Gott jenes SommersEiniges an negativen Kritiken hat mich fast ein wenig ängstlich an Ralf Rothmanns neuen Roman „Der Gott jenes Sommers“ herangehen lassen. Zu sehr schätzte und liebte ich sein „Im Frühling sterben“, für mich das Buch des Jahres 2015. „Der Gott jenes Sommers“ ist in der Zeit des zweiten Weltkriegs angesiedelt und erzählt von den letzten Tagen auf einem norddeutschen Gut aus der Sicht eines zwölfjährigen Mädchens. Vielleicht kommt es in der Intensität nicht ganz an seinen Vorgänger heran, aber dennoch ist es sehr gut. Nächste Woche werde ich eine Lesung von Ralf Rothmann im Literaturhaus Frankfurt besuchen, dann folgt auch die Rezension. Für mich das beste Buch dieses insgesamt guten Lesemonats.

Im Juni freue ich mich neben der Rothmann Lesung natürlich auf die LitblogConvention in Köln – viele nette Blogkollegen, interessante Workshops und neue Anregungen –  und natürlich gegen Monatsende auf unseren Urlaub, mit hoffentlich ganz viel Lesezeit.

Einen schönen Sommermonat Juni euch allen!

 

 

 

 

 

 

Tracy Chevalier – Der Neue

Sechs Titel sind mittlerweile im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projekts auf Deutsch erschienen. Lediglich Jo Nesbøs Fassung des Macbeth und Gillian Flynns Hamlet stehen noch aus, auf letzteres müssen wir wohl auch noch bis 2021 warten.

Zeit, um mit Tracy Chevaliers Fassung des „Othello“, „Der Neue“, schon einmal ein kurzes, ganz subjektives Resümee zu schreiben.

Ich bin ein großer Freund der Stücke von William Shakespeare. Ein besonderes Erlebnis war es, den „Kaufmann von Venedig“ im Globe Theatre zu erleben. Deshalb war ich auch umso begeisterter, dass der Knaus Verlag mit Howard Jacobsons „Shylock“ dieses großartige Projekt auch nach Deutschland brachte. Zeitgleich erschien „Der weite Raum der Zeit“, für mich, neben Margaret Atwoods „Hexensaat“, das gelungenste Werk dieser spannenden Auseinandersetzung moderner Bestsellerautoren mit den 400 Jahre alten Stücken des großen englischen Theatermachers.

Die drei erwähnten Romane haben es für mich am besten geschafft, den Dramen Shakespeares eine neue Dimension, Deutung und dadurch Aktualität zu verleihen. Liest sich „Shylock“ zwar ein wenig sperrig, zielt er doch mit seinen philosophischen Diskursen ähnlich wie Winterson mit ihren Reflexionen über die Zeit, weit über eine reine Modernisierung oder Nachdichtung hinaus. Und Margaret Atwoods Fassung des „Sturm“ ist sprachlich ein derartiges Feuerwerk, dass das Lesen einfach viel Spaß macht.

Dennoch muss ich zugeben, dass meine Erwartungen und Hoffnungen in das ganze Projekt bisher nicht ganz erfüllt wurden. Insgesamt wagen die Autoren es nicht, vielleicht aus Respekt vor dem großen Ahnen, sich allzu weit vom Original zu entfernen und dadurch etwas wirklich Weitreichendes zu schreiben. Shakespeares Themen sind auch heute noch aktuell genug, um daraus Geschichten zu entwickeln, die für sich alleine stehen können. Die meisten der hier vorliegenden Titel machen für mich leider nur im Bezug zum Original, im direkten Vergleich, als Referenz an den bewunderten Dramatiker wirklich Sinn und Spaß. Auch das ist natürlich nicht zu gering zu schätzen. Aber ob es Ann Tylers harmlose Annäherung an „Der widerspenstigen Zähmung“ („Die störrische Braut“), die turbulent-sarkastische Version des „König Lears“ von Edward St. Aubyn („Dunbar und seine Töchter“) oder auch nun Tracy Chevaliers „Othello“-Umsetzung ist, bleiben alle Texte und Autoren meiner Meinung nach unter ihren Möglichkeiten.

Tracy Chevalier hat in einem Interview geäußert, „Ich brauchte mir weder eine Geschichte noch Personen auszudenken, ich brauchte lediglich einen Schauplatz, an den ich die Geschichte anpassen musste.“

Das ist eindeutig ein Problem dieses Buchs. Hier fehlt die zündende Idee, die Dringlichkeit dahinter, es wirkt tatsächlich nur wie eine halbherzig umgesetzte Modernisierung des alten Stoffs.

Skt. Anna Gade by Lav Ulv  (CC BY 2.0) via flickr

Tracy Chevalier hat das Drama auf einen Schulhof des Jahres 1974 in einer amerikanischen Vorstadt vermutlich Washington DCs verlegt. Es geht um Rassismus, um die Außenseiterrolle eines Zwölfjährigen schwarzen Jungen, der neu an eine Schule kommt. Sein Vater ist Diplomat aus Ghana, die Familie gutsituiert und gebildet, die gewählte Schule eine der besseren, bisher allerdings nur von weißen Schülern besucht. Osei, genannt O, fällt dementsprechend auf, zumal er auch ein guter Sportler und von freundlichem Wesen ist.

Interessant ist, dass die Autorin für das ganze Geschehen einen einzigen Schultag wählt. Das ist originell, bedingt aber, dass alles relativ oberflächlich bleibt und die sich nun entspinnende Intrige – nach Shakespeare recht verwickelt – sich nicht sehr überzeugend entwickelt.

Ian, der bisherige, etwas unterkomplexe „Chef des Schulhofs“, entdeckt in O nämlich sofort einen drohenden Konkurrenten. Mit einer einem Zwölfjährigen kaum abzunehmenden Raffinesse und Kaltblütigkeit zieht er rachsüchtige Fäden (wo so viel Rachlust am ersten Tag herkommt, bleibt unklar) zwischen O, Daniela, die schon an diesem ersten Schultag zarte Bande zu dem „Neuen“ knüpft, dem sie heimlich verehrenden Rod, der Schulhofschönheit Blanca und ihrem Freund, dem allseits beliebten Casper und Danielas bester Freundin Mimi. Wie gesagt, wie sich diese Intrige tatsächlich entspinnen kann und dann in ihrem dramatischen Ende (ganz nach Shakespeare-Art mit Tod und (Selbst)mord), ist meines Erachtens nach nicht wirklich schlüssig entwickelt. Jago bleibt für seine perfiden Machenschaften eindeutig mehr Zeit (außerdem handelt es sich bei ihm nicht um einen Schüler der Unterstufe).

Tracy Chevalier setzt die Figuren nicht eins zu eins auf ihre von Shakespeare vorgegebenen Plätze. Das ist genauso wenig schlimm wie die Tatsache, dass sie den Nebenplot von „Othello“ um die türkische Invasion und den bevorstehenden Krieg völlig unter den Tisch fallen lässt. Neben den oben angesprochenen Punkten finde ich es eher problematisch, dass sie die Handlung ins Jahr 1974 verlegt. Etwas, dass sie für die Reaktion der Schüler und Lehrer auf den dunkelhäutigen „Neuen“ braucht, und heute so nicht mehr finden würde. Andererseits beraubt sie sich dadurch der Möglichkeit, wirklich Aktualität in die Geschichte zu bringen. Auch heute kann man in leicht veränderter Form reichlich Rassismus und Ausgrenzung finden. Mit seiner Historisierung raubt man dem Thema die Brisanz, es wirkt ein wenig angestaubt.

Der größten Einwand, den ich allerdings habe, betrifft die doch relativ stereotype Personenzeichnung. Das mag vielleicht sogar beabsichtigt sein, zeitgemäß ist es aber nicht. Die Figuren sind entweder abgrundtief böse, wie Ian, der auch am tragischen Ende ungerührt bleibt und auf die Frage „Warum hast du das gemacht?“ nur achselzuckend antwortet, „Weil ich es kann“, oder rassistisch-verbohrt wie der Lehrer Brabant oder naiv-dümmlich wie die Lehrerin Miss Lode. Klar, für Entwicklungen ist an einem einzigen Tag kein Platz, aber Charaktere sind in der Regel nicht so eindimensional. Am Ehesten passt diese Eindimensionalität zum Setting, dem Schulhof und seinen jugendlichen Nutzern. Als Jugendroman funktioniert „Der Neue“ bestimmt sehr gut. Ausgrenzung, den Platz in einer Gemeinschaft suchen, erste Liebeleien und die daraus entstehenden Verwicklungen, das sind Themen, die ein jüngeres Publikum sicher sehr ansprechen, gut geschildert sind und dann die Schwächen des Romans vergessen lassen. Die einfache, wenn auch nicht simple Sprache, zeigt in dieselbe Richtung. Dass Jugendliche darüber hinaus Kontakt zu einem der bedeutendsten Dramen erhalten, spricht auch für dieses Buch.

Für mich war es aber dann doch leider zu wenig.

Beitragsbild: Skt. Anna Gade by Lav Ulv  (CC BY 2.0) via flickr

Eine weitere Besprechung findet ihr bei BritLitScout

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Tracy Chevalier – Der Neue

aus dem Englischen von Sabine Schwenk 
Originaltitel: New Boy

Knaus Verlag April 2018, Gebundenes Buch, 200 Seiten, € 18,00

Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Von ganz weit oben hinab in die tiefsten Niederungen geht nicht nur der Blick auf dem Cover von Alexander Schimmelbuschs Roman „Hochdeutschland“. Hier ist es der Blick auf eine bewaldete Hügellandschaft nach dem Bild „Der Morgen“ des romantischen Malers Caspar David Friedrich.

Auch von der Anhöhe im hessischen Falkenstein, einem Stadtteil von Königstein im Hochtaunus, wo neben den Gemeinden rund um den Starnberger See die höchsten Einkommen zu finden sind und diejenigen wohnen, die im nahen Frankfurt viel oder sehr viel Geld verdienen, schaut man auf bewaldete Landschaften hinab. Genauso geht aber auch der Blick weiter bis auf die Skyline von Mainhattan mit ihren Bankentürmen. Hier wohnt in einer Villa Victor, der Protagonist des Romans.

Nach dem Studium an ausländischen Eliteuniversitäten als Investmentbanker zu Geld gekommen, ist dieser nun Miteigner einer kleinen Privatbank, die hauptsächlich im M&P Geschäft tätig ist. Mergers & Acquisitions (M&A) ist ein Sammelbegriff für Transaktionen im Unternehmensbereich wie Fusionen, Unternehmenskäufe, Betriebsübergänge, fremdfinanzierte Übernahmen. Also für all diese für den Normalsterblichen undurchschaubaren und leicht anrüchigen Geschäfte, die das ganz große Geld bringen. So bewegt sich auch Victors Jahresverdienst bei geschätzt 30 Millionen Euro, sein Vermögen dürfte das Zehnfache betragen. Glücklich ist er dabei aber, das ist für einen Roman vorhersehbar, eher nicht. Von der Mutter seiner vergötterten Tochter Victoria lebt er schon länger getrennt, mit der Nachbarin hat er eine eher lieblose heimliche Affäre und ansonsten lässt er sich im Spa-Bereich gerne mal über das normale Maß hinaus „verwöhnen“. Von seinen Angestellten spricht er bevorzugt als von „Galeerensklaven“, die Tag für Tag auf dem Galeerendeck schuften. Neben seinem ausgeprägten Zynismus ist ihm noch ein gehöriger Ennui eigen, diese große, allgemeine Langweile, verbunden mit einer guten Portion Verachtung für Umwelt und Mitmenschen. Dabei sieht er seine persönliche Situation durchaus kritisch, spricht sogar von „nicht zu rechtfertigenden Privilegien“. Ein Kritiker nannte das ganz zutreffend „reflektierte moralische Verkommenheit“. Denn auch wenn er konstatiert, dass viel mehr der reine Zufall über einen Lebensweg entscheidet als jedes selbstbestimmte Handeln,

„Sein eigenes Glück schmieden – was für ein verlogenes Bild. Man konnte sich unter Druck setzen, sich dazu zwingen, in seinem spezifischen Wettbewerb zu den Siegern zu gehören. Aber es kam immer darauf an, von wo man ins Rennen ging und in welches Rennen.“

nimmt er doch ohne mit der Wimper zu zucken jede Annehmlichkeit in Anspruch, fegt andere Verkehrsteilnehmer mit seinem Porsche Shere Khan von der Überholspur, ordert auch mal eine Flasche Wein für 2400 Euro und schaut auf den „Normalbürger“ mit einer riesigen Arroganz herab, auf jene „Befehlsempfänger“,

„(…) lebenslängliche Untertanen, deren Vorgabe es war, die Wirklichkeit in Zahlen zu übersetzen, um sich mit der daraus resultierenden Finanzkraft von sich selbst ablenken zu können.“

„(die ihr) Dasein der Mitwirkung an einer fortwährenden finanziellen Umschichtung widmen müssen.“

Porsche  by Victor Rivera (CC BY 2.0) via Flickr

Und dennoch regen sich in ihm Ideen, die in eine scheinbar ganz andere Richtung gehen, und die sich in der Niederschrift eines „Manifests“ niederschlagen, einem „Manifest“ zugunsten Deutschlands.

„Ein radikales Projekt war vonnöten, so dachte Victor, um das deutsche Volk zu einen. Es würde darum gehen müssen, die nationalen Ressourcen in ein kognitives Upgrade der Mehrheit umzuleiten, um das Land vor seiner drohenden Irrelevanz zu bewahren.“

Weg vom Privatisierungstrend soll es gehen, besonders die so wichtige Infrastruktur soll wieder in die Hände des Staates gelangen. So handelt er einen „Deal“ mit dem Finanzminister aus, der ein erster Schritt in diese Richtung sein soll, die Verstaatlichung eines Pumpspeicherkraftwerks am Schluchsee, der noch viele weitere folgen sollen. Weitere Programmpunkte des Manifests sind der breite Ausbau des Sozialstaats, die Einführung einer Reichensteuer und vor allem die „Obergrenze“. Ab einem Vermögen von 25 Millionen Euro soll das Geld in einen Fond fließen, die GINA (German Investment Authority). Mit Hilfe dieses Fonds soll Deutschland international vor allem gegenüber den USA, China und den arabischen Staaten konkurrenzfähig bleiben und vor allem auch wieder ausreichend investieren können. Die Leserin ertappt sich sehr bald dabei, dass sie zustimmend nickt, viele der Gedanken gut heißt, die dieser Unsympath da äußert, über Inkorrektes zunehmend hinwegsieht, ja sogar amüsiert ist. Und tatsächlich

„Ließ ein derartiges Misstrauen in das Gemeinwesen nicht eineundemokratische, ja, asoziale Gesinnung erahnen?“

Auch bei Ali Osman, einem alten Studienfreund Victors, Nachkomme eines Dönerimperiums (nicht nur hier wird auch gerne mal die eine oder andere Sterotype herangezogen) und bisheriger Bundestagsabgeordneter der Grünen, trifft das Manifest auf große Begeisterung. Es ist 2017, die Bundestagswahl steht bevor und Osman gründet basierend auf Victors Programm eine neue Partei, die „Deutschland-AG“. Eigene Ideen werden beigemischt, ein wenig Islam- und Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel, und das Ganze zu einer populistischen Mischung zusammengerührt. Die Leserin fühlt sich nun schon ein wenig ungemütlicher, aber auch jetzt kann sie etlichen Standpunkten die Zustimmung nicht versagen. Ertappt!

Wahlen  CC0 via Pixabay

Der Wahlausgang wird nicht verwundern. Die Deutschland-AG siegt, Osman wird Bundeskanzler und Victor sein neuer Superminister.

Alexander Schimmelbusch schreibt mit „Hochdeutschland“ einen ungeheuer klugen, intellektuell anregenden und pointiert formulierten Roman. Aktuell, böse, witzig und satirisch nimmt er den modernen neoliberalen Kapitalismus und populistische Politik ins Visier, den

„Neoliberalismus im umgangssprachlichen Sinne, also auf die radikale Heilslehre von der Entsolidarisierung, die in den letzten zwei Jahrzehnten lustvoll einen tiefen Keil in die Gesellschaften des Westens getrieben hatte.“

Wie viel davon nur ironisch gemeint ist, wie viel Standpunkt des Autors, der viele Eckdaten, besonders Ausbildungs- und Berufskarriere mit Victor gemein hat, darüber kann die Leserin nur spekulieren.

So manches Lachen blieb ihr im Hals stecken. Wie schnell populistische Verführung, geschickt verpackt, verfangen kann, wird zumindest recht schnell deutlich. Linke und rechte Gedanken werden hier so heftig miteinander verquirlt, dass einen schwindelt. Das gleicht manchmal ein wenig einem politisch-gesellschaftlichen Essay, dem Manifest, das Victor verfasst. Auch bleiben die Nebenfiguren recht blass und stereotyp. Insgesamt ist „Hochdeutschland“ aber sehr erhellend, anregend und macht auch einfach Spaß.

Im letzten Abschnitt allerdings geht es mit Alexander Schimmelbuschs Fabulier- und Imaginationslust für meinen Geschmack ein wenig zu sehr durch. Er ist 15 Jahre später angesiedelt, führt in eine leicht dystopische Zukunft und wartet mit der einen oder anderen Albernheit auf. Damit nimmt er sich selbst ein wenig die Brisanz und Dringlichkeit seiner Beobachtungen und Analysen. Das ist schade.

Beitragsbild by Thomas Wolf (Der Wolf im Wald) (CC BY 3.0) via Wikimedia Commons

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Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Klett-Cotta Verlag  Mai 2018, 214 Seiten, gebunden, € 20,00

Virginia Reeves – Ein anderes Leben als dieses

Alabama in den Zwanziger Jahren. Die Südstaaten der USA vollziehen seit 1896 eine strenge Form der Rassentrennung gemäß dem Grundsatz „Separate but equal“ (getrennt aber gleich), den das Bundesgericht legitimiert hatte. Für viele bedeutet das eine „zweite Sklaverei“ nach der Befreiung durch den Bürgerkrieg 1865. Und sie sollte andauern bis 1954. Aber auch danach änderten sich gerade in Alabama die Zustände nur zögerlich, wurde 1956 der ersten afroamerikanischen Studentin, Autherine Lucy, der Zugang zur Universität verwehrt, jeder kennt den Fall von Rosa Parks, die noch 1956 verhaftet wurde, weil sie einem weißen Fahrgast nicht ihren Sitzplatz überlassen wollte und auch heute sind die USA noch von einer wahren Gleichbehandlung aller Bürger weit entfernt.

Auf der Farm von Roscoe Martin und seiner Frau Marie lebt zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auch eine schwarze Familie, die von Wilson und Moa. Schon Maries verstorbener Vater, von dem sie das Land geerbt haben, hatte mit ihnen ein eher freundschaftliches Verhältnis, Moa war für die kleine Marie nach dem frühen Tod der Mutter die Hauptbezugsperson. Und auch Roscoe, der eigentlich viel lieber in seinem Beruf als Elektriker arbeiten und in der Stadt leben würde, verlässt sich bei vielen Arbeiten auf Wilson. Die Farm ist ihm ein Graus und ein Bürde.

Eines Tages hat er die Idee, sein Haus und damit auch die Dreschmaschine illegal zu elektrifizieren und an die Leitungen der Alabama Power anzuschließen. Eine Arbeit, die ihn nicht nur beflügelt, sondern auch der Farm sehr zugute kommt. Eine Zeitlang läuft alles blendend, die Umsätze steigen und auch die angeschlagene Ehe und das Verhältnis zu seinem Sohn Gerald entwickeln sich positiv.

Da geschieht ein schrecklicher Unfall und ein Arbeiter der Elektrizitätswerke stirbt an den illegalen Leitungen. Wir erfahren dies bereits im ersten Satz.

„Die Transformatoren, die eines Tages George Haskin töten würden, befanden sich auf einem hohen Mast etwas zehn Meter vom nordöstlichen Teil der Farm entfernt, auf der Roscoe T. Martin mit seiner Familie lebte.“

Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Ein Unglück, das alles verändert. Roscoe wird verhaftet und zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Wilson, der trotz der Unschuldsbeteuerungen Roscoes gleich mit verhaftet wird, ergeht es noch schlimmer. Schwarze Gefangene wurden in Alabama regelmäßig als Leiharbeiter an Kohlebergwerke geschickt. Dort waren die Arbeits- und Lebensbedingungen so hart, dass viele nicht überlebten.

A southern chain gang  [Public domain], via Wikimedia Commons
Die folgenden schrecklichen Jahre im Gefängnis, die Schuld, die Roscoe niederdrückt, die unbarmherzige Verurteilung durch seine Frau Marie, die jeden Kontakt zu ihrem inhaftierten Mann ablehnt, die kleinen Freuden, die beispielsweise die Tätigkeit in der Gefängnisbücherei bereitet, werden alternierend von Roscoe selbst und einem Erzähler in der dritten Person geschildert. Dabei liegt der Fokus stark auf dem Inhaftierten, selten schwenkt er zu Marie oder Wilsons Familie.

Neben einem eindrücklichen Roman über die Verhältnisse in den Gefängnissen zur damaligen Zeit, die Rechtsprechung und die Ungleichbehandlung von Schwarzen und Weißen vor Gericht, zeichnet das Buch ein Gesellschaftsporträt Alabamas und der Südstaaten, mit ihrem Rassismus und ihrer ländlichen Prägung. Virginia Reeves macht das schnörkellos und eindringlich und stand mit dem Buch 2016 auf der Longlist des Man Booker Prize. Die Figuren des Roscoe, seiner Mitinsassen im Gefängnis, von Wilson und seiner Familie gelingen ihr ausgesprochen gut. Die Schilderung seines Kampfes mit Schuld und Verantwortung, seine Selbstzweifel, sein Hoffen und Verzagen, aber auch sein Wegducken und sich Anpassen werden sehr einfühlsam geschildert.

„Ein Vogel zwitscherte, ein eigentümlicher, hoher Gesang. Ich hätte wissen müssen, was es für einer war. Ich konnte alle Pflanzen um mich herum benennen, die Bäume und Sträucher, Blumen und Gräser. Ich konnte Masten aufstellen und ein verlassenes Haus verkabeln. Ich konnte ein Dach abdecken und inmitten von jahrealter Fäulnis stehen, sie trocknen, damit ich sie verbrennen konnte. Aber ich wusste nicht, ob ich meinem Sohn ain Vater sein konnte.“

Dabei bleiben alle Protagonisten ambivalent und authentisch. Lediglich Marie mit ihrem unbeugsamen Zorn und ihrer bitteren Unnachgiebigkeit hat sich mir nicht wirklich erschlossen. Das ist aber nur ein kleiner Einwand gegen dieses ansonsten sehr gelungene Debüt.

Beitragsbild: U.S. Department of Agriculture Public Domain via Flickr

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Virginia Reeves EIN ANDERES LEBEN.

Virginia Reeves – Ein anderes Leben als dieses

Originaltitel: Work like any other

Übersetzung: Simone Jakob, Hannes Meyer

Dumont April 2018, 320 Seiten, gebunden,  € 23,00

 

 

Guadalupe Nettel – Nach dem Winter

„ Als unvollkommene Wesen, die in einer unvollkommenen Welt leben, sind wir dazu verurteilt, stets nur Stückchen vom Glück zu finden.“

                                                                     Julio Ramón Ribeyro

Zunächst gilt es, den Winter zu überstehen – für die Protagonisten wie für den Leser. Es ist ein kalter, unwirtlicher, einsamer Winter. Die beiden Hauptfiguren verbringen ihn weit fort von ihrer Heimat. Sie sind moderne Migranten.

Père Lachaise – Gourlot  [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons
Claudio stammt aus Havanna, Kuba und ist als Lektor in New York tätig. Kein atemberaubender Job, aber es reicht für das Leben in der teuren Metropole. Seinen Traum vom besseren Leben erfüllt er sich durch eine Affäre mit einer reichen, älteren Frau, Ruth, die er einerseits verachtet, weil sie sich an ihn hängt, obwohl er sie oft nicht gut behandelt und sich nicht binden will, ihm sie ihm jeden Wunsch erfüllt. Andererseits bewundert er sie auch wegen ihrer Gelassenheit und der Souveränität, mit der sie dies tut. Claudio ist mit seiner lateinamerikanischen Machopose, seiner Arroganz und Egozentrik wahrlich kein Sympathieträger. Aber er ist einer der zwei Ich-Erzähler in Guadalupe Nettels Roman. Und nach und nach lernt der Leser ihn ein wenig zu verstehen, wenn auch nicht zu schätzen. „Guadalupe Nettel – Nach dem Winter“ weiterlesen

Johan Bargum – Nachsommer

Die Entdeckung des finnischen, schwedisch schreibenden Schriftstellers Johan Bargum für den deutschen Buchmarkt verdanken wir vermutlich der Frankfurter Buchmesse, dessen Gastland Finnland 2014 war. Der Roman „Septembernovelle“ erschien damals, ein subtil-raffiniertes Drama auf hoher See, das folgerichtig im Hamburger Mare Verlag eine Heimat fand.

Nun erschien ein genauso schmales Werk, das wieder im Spätsommer angesiedelt ist (genauso lautet sein Originaltitel: „Sensommar“; warum im Deutschen der sehr nach Adalbert Stifter klingende „Nachsommer“ daraus wurde ist eines der Rätsel der Titelgebung) und das aufgrund seiner Meeresnähe, hier ein im finnischen Schärengarten gelegenes Sommerhaus, dankenswerterweise wieder bei Mare erscheint. Das schwedische Original stammt bereits aus dem Jahr 1993.

Nur 142 Seiten benötigt Johan Bargum für seine psychologisch ausgesprochen fein beobachtete Familienstudie.

Olof, der alleinstehende Musikkritiker und sein jüngerer Bruder Carl, der mit seiner Familie schon lange Zeit als erfolgreicher IT-Experte in den USA lebt, und die schon genauso lange keinen Kontakt mehr zueinander haben, treffen im erwähnten Sommerhaus der Mutter wieder aufeinander. Hierhin hat sich Gertrud nach ihrem Krankenhausaufenthalt zurückgezogen. Ihre Krebserkrankung ist austherapiert, sie wird sterben. Die Tage im Spätsommer, alle Feriengäste sind bereits abgereist, sind geprägt von ganz alltäglichen Verrichtungen, Einkäufen, Kochen, Reparaturarbeiten. Gleichzeitig ist von Beginn an eine untergründige, aber deutlich spürbare Spannung zwischen den Brüdern vorhanden. Sie reicht weit in die Kindheit und Jugend der Beiden zurück, in der die Mutter immer wieder Carl, den Charmanten, Sportlichen, Pragmatischen, seinem Bruder vorzog, mit geradezu unglaublicher Konsequenz. Der Vater starb früh, Olof konnte mit diesem Verlust damals offensichtlich nicht richtig umgehen. Wir erfahren diese Vorgeschichte in Rückblenden, erinnerten Episoden, die genau wie die Gegenwartsebene von Olof erzählt werden. Zwischen den Brüdern herrscht ein aggressives, aufgeladenes Schweigen, aber auch das Verhältnis zur Mutter und ihrem Lebenspartner, „Onkel“ Tom ist nicht unbelastet. Mit dabei im Fereienhaus sind außerdem die resolut-witzige Krankenpflegerin Heidi und Carls Familie. Seine Frau Klara hat an der gespannten Familiensituation ihren ganz eigenen Anteil. Dieser enthüllt sich, wie manches andere, erst nach und nach. Die Spannungen scheinen dabei langsam zu eskalieren, auch dadurch entsteht ein enormer Erzählsog.

Schärenmeer Turku by Hajotthu [CC-BY-SA-3.0], from Wikimedia Commons
Doch Johan Bargum lässt auch Leerstellen, gibt dem Leser Raum. Das ist genauso positiv wie die vielen Ambivalenzen bei den Personen, die er ihnen lässt. Jeder der Protagonisten hat seine positiven wie seine negativen Seiten, Verhaltensweisen, Abgründe.

Trotz seiner melancholischen Grundstimmung, ist der Text durchaus auch mit feinem Humor durchsetzt und sehr leichtfüßig erzählt. Und das, obwohl er ganz existentielle Fragen verhandelt. Eine immer wiederkehrende davon läutet das Erzählte ein:

„Weiß man eigentlich jemals, was vor sich geht?“

Wie weit ist man Herr seiner eigenen Geschichte? Wie groß kann das Bedauern über verpasste Chancen werden? Erreicht irgendwann jeder einmal den Punkt, an dem er alles, das eigene Leben vorneweg, in Frage stellt?

Das Alles kommt, wie gesagt, ganz leicht daher. Nachdenkliche und heitere Episoden wechseln sich ab, dazu kommen atmosphärisch dichte Beschreibungen der Natur in der Schärenlandschaft. Diese ist, wie auch der Garten rund ums Sommerhaus, immer wieder auch Zuflucht für die Protagonisten.

Johan Bargum schreibt äußerst reduziert, klar, schnörkellos. Der schmale Roman liest sich schnell und leicht. Aber er bietet dem Leser Raum und hallt noch einige Zeit nach.

Beitragsbild: Schärenmeer Turku by Hajotthu [CC-BY-SA-3.0], from Wikimedia Commons

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Johan Bargum - Nachsommer.
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Johan Bargum – Nachsommer
OT: Sensommar
Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig
Mare Verlag Februar 2018. gebunden, 144 Seiten, € 18,00

Esther Kinsky – Hain

Der Roman beginnt mit einer Tradition aus rumänischen Kirchen. Dort wird an verschiedenen Stellen für die Lebenden und die Verstorbenen gebetet. Viǐ und morțǐ. Stirbt ein Mensch, für den eine Kerze entzündet wurde, wird diese nach seinem Tod auf die andere Seite getragen.

Ein Bild für die Seelenverfassung der Ich-Erzählerin und für den Charakter des Erzählten. Es ist eine Zwischen-, eine Übergangszeit nach dem Tod des Lebenspartners, M., ein Hinübergehen von der Zeit der lebendigen Zweisamkeit zum Leben ohne ihn. „Hain“ ist ein Buch der Trauer. „Esther Kinsky – Hain“ weiterlesen

Lektüre April 2018

Der April ist schon wieder vorüber. Außer zum Teil herrlichem Wetter brachte er auch vor allem gegen Ende jede Menge Aufregung in Sachen DSGVO, und ich muss zugeben, dass ich noch nicht wirklich weitergekommen bin in dieser Angelegenheit. Als bei WordPress hostender Blogger ist man doch sehr von deren Arbeit abhängig und kann relativ wenig selbst unternehmen. Trotzdem bin ich eher zuversichtlich, dass sich eine Lösung auch für mich finden wird.

Meine Lektüre war recht bunt gemischt. Von hellauf begeistert bis ziemlich enttäuscht war von allem etwas dabei. „Lektüre April 2018“ weiterlesen