Joachim Meyerhoff – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

JOACHIM MEYERHOFF Ach, diese Lücke, diese entsetzliche LückeEin drittes Mal lässt der Schauspieler Joachim Meyerhoff seine Toten hoch fliegen und erzählt aus seinen Jugendjahren.
Nach seinem Schüleraustausch-Jahr in Amerika und seiner Kindheit in der Psychiatrie – als Sohn des leitenden Arztes -, ist nun die Zeit auf der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München an der Reihe.

Eigentlich war ein Zivildienstjahr in München geplant, weit weg von der Heimat Schleswig, das vielversprechende Zimmer im Schwesternwohnheim bereits zugesagt, da bekam Meyerhoff völlig unerwartet einen der wenigen begehrten Plätze.

Einiges, vornehmlich Merkwürdiges weiß der Autor nun von seiner Ausbildung zu berichten. So z.B. von der Übung Fontanes „Effie Briest“ als Nilpferd vorzutragen, stundenlange Schweigeübungen und absonderliche Bewegungsübungen.

Dabei liegt es ihm aber fern, nur über seine Entwicklung oder gar über seine herausragende Begabung zu berichten. Wie schon in den Vorgängerbänden bewahrt er zu den Geschehnissen sowohl wie zu der eigenen Person eine selbstironische, liebevoll-kritische Distanz, ein staunendes Betrachten.
Er erzählt humorvoll und assoziativ Anekdoten aus dieser Zeit, die sich aber in ihrer Gänze zu einem stimmungsvollen Gesamtbild fügen.
Dabei ist der zweite Erzählschwerpunkt mindestens genauso wichtig wie die Zeit an der Schule, nämlich die drei Jahre, die Meyerhoff während seiner Ausbildung im Haus seiner großbürgerlichen Großeltern verlebte. Er, emeritierter Philosophieprofessor, und sie, einst sehr erfolgreiche, divenhafte Ex-Schauspielerin geben ein reichlich exzentrisches Paar ab. Dazu gehört eine gehörige Portion Luxus genauso wie strikt befolgte Tagesabläufe, ritualisierte Alkoholexzesse, aus denen die Hochbetagten via Treppenlift in die Schlafgemächer entschwinden, den auch reichlich alkoholisierten Enkel zurücklassend ebenso wie „Wanderungen“ in Minutenlänge. Die Kräfte schwinden, aber man wahrt das selbstbestimmte Leben in Würde.
Ein Hort der Sicherheit und des Beständigen, der für Joachim Meyerhoff lebensnotwendig erschien. War er doch durch den plötzlichen Tod seines Bruders und dem darauffolgenden des Vaters ziemlich aus der Bahn geworfen, und forderte die Schaupielschule ganz gegen seine Bedürfnisse ein stetes „Beisichsein“, ein permanentes Selbstentblößen, wo er sich doch lieber verkriechen und verstecken wollte.
„Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, ein Zitat, entlehnt aus Goethes Werther, bei dessen Inszenierung Meyerhoff endlich zu sich als Schauspieler fand, bezeichnet auch diese Lücke neben sich selbst.
Wie in den beiden vorherigen Bänden beschreibt der Autor damit aber auch die Leerstellen, die durch den Verlust geliebter Menschen entstehen. Waren es zuvor Bruder und Vater, ist dieses Buch der Versuch, die Großeltern dem Vergessen zu entreißen.  Einmal ist von einem „Gedankenbesuch“ bei ihnen die Rede. „Es ist vor allen Dingen ein vehementes Sich-Wehren gegen eine Forderung der Gesellschaft, dass man Dinge hinter sich lässt.“ sagt Joachim Meyerhoff selbst und meint damit vor allem Menschen, die man verliert.

Und so ist auch „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ vor allem eine große zärtliche, so witzig wie melancholische Liebeserklärung an verlorene Familienmitglieder, diesmal die Großeltern, von deren Leben,  Verlöschen und Sterben mit Behutsamkeit, Humor und viel Liebe erzählt wird.

Joachim Meyerhoff – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Kiepenheuer&Witsch Verlag November 2015, 352 Seiten, gebunden, 21,99€

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

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