Yvonne Adhiambo Owuor DER ORT, AN DEM DIE REISE ENDET

Yvonne Adhiambo Owuor - DER ORT, AN DEM DIE REISE ENDET

Ein Debütroman aus Kenia, ein Buch, das es dem Leser, zumindest dem westeuropäisch geprägten, nicht gerade leicht macht.
Fast 100 Seiten brauchte es, bis mir der Einstieg wirklich gelang.
Das ist mehr, als man gemeinhin einem Buch zugesteht. Hat man den Zutritt zu der ganz eigenen afrikanischen Welt, der überwältigenden, aber auch etwas unzugänglichen Sprache einmal gefunden, bietet sich eine hochinteressante und ergreifende Leseerfahrung.
Für mich begann dieses Eintauchen in die Geschichte wohl nicht zufällig mit dem Auftritt des „englischen Gasts“ Isaiah Bolton in der kenianischen Steppe, im abgelegenen Wuoth Ogik, „dem Ort an dem die Reise endet“ und dem Ort im unwirtlichen Norden Kenias, an dem die Familie Oganda beheimatet ist.

Die Familie Oganda ist etwas, was man im modernen, westlichen Sprachgebrauch gerne eine dysfunktionale, eine schwer traumatisierte Familie nennen würde. Eine Gemeinschaft,
„erstickt in der Familiengewohnheit des Schweigens.“
Die Mutter Akai steckt voller Wut, auch Gewalt, ist oft abweisend und auch meistens abwesend. Der Vater Nyipir ist seit seiner Kindheit seelisch verwundet, seine Mutter starb als er sehr klein war an einem Schlangenbiss, zur gleichen Zeit sind Vater und älterer Bruder im Dienste der britischen Besatzungsmacht im Burmakrieg verschollen. Allein auf sich gestellt, vom Onkel als billige Arbeitskraft ausgenutzt und misshandelt, erschlägt er diesen eines Tages mehr oder weniger in Notwehr und flieht zu einer Missionsstation, auf der er nicht minder schlecht behandelt wird.
Bei diesen Eltern wachsen die Geschwister Moses Odidi und Ajani auf, die von Beginn an eine sehr enge Beziehung zueinander haben. Beide fliehen aber früh aus der Familie, Ajani nach Brasilien, wo sie eine eher unglückliche Beziehung mit einem Brasilianer hat, Odidi engagiert sich in der Opposition, wird von einem Geschäftspartner im Stich gelassen, als er einen politischen Skandal bekannt machen will,  rutscht gesellschaftlich immer weiter ab und gerät in undurchsichtige Machenschaften.

Das Politische spielt eine bedeutende Rolle im Buch.
Nach der Unabhängigkeit Kenias von Großbritannien 1962 sollte alles besser werden, man träumte von der großen Zukunft, der Freiheit, dem Wohlstand. Diese sollten vor allem auch in den Kindern liegen, den Jungen, der neuen Generation. Die Unterdrückung und Ausbeutung durch die Kolonialherren sollten ein für alle Mal vergessen sein.
Dass diese Träume sehr bald zerplatzten, alles sogar noch viel schlimmer wurde als zuvor, zumindest für den Großteil der Bevölkerung, bildet den traurigen, leider allzu realistischen Hintergrund des Buches. Demokratie, Freiheit, Selbstbestimmung und Wohlstand gingen in Korruption, Vetternwirtschaft, Misswirtschaft, Machtkämpfen, Gewalt und Bürgerkrieg unter.
Eine Tatsache, die die alte Generation, die für die Unabhängigkeit kämpften, gerne mit ausgeprägtem Nationalstolz und die jüngere Generation mit ebenso ausgeprägtem Konsumstreben derer, die „es geschafft haben“, der größte Teil der Bevölkerung aber durch Nichtwissenwollen zu überdecken versuchen.
„Kenias offizielle Sprachen: Englisch, Swahili und Schweigen.“
Yvonne Adhiambo Owour geht hart ins Gericht mit ihren Landsleuten.
„Hier sitzt sie also, die „bessere Zukunft“, von der Eltern, Lehrer und Politiker ständig reden – und trinkt kenianischen Milchkaffee (…) sich immer noch vor anonymen Schreckgespenstern verstecken, immer noch mit oberflächlichen Worten die stinkenden moralischen Sümpfe zuzudecken versuchen die überquellen vom Schmutz dessen, was eine Nation aus ihrer Freiheit gemacht hat – oder eben nicht.“
Wie in der Familie Oganda herrscht auch im Land Kenia eine lähmende Sprachlosigkeit. „Und sollte ich etwas verraten, möge der Schwur mich töten.“ Eine vielfach erwähnte Losung.  Auch die Gegenwart ist geprägt durch Kämpfe, Polizeigewalt, Korruption, besonders nach den Wahlen Ende 2007, bei denen es zu zahlreichen Unregelmäßigkeiten kam und zu welcher Zeit der Roman spielt.
„Die Passanten, müde von den Kleinkriegen mit falschen Polizisten, mörderischen Gangs, doppelzüngigen Politikern und den Priestern des Leids(…), enn eine Nation unter den kleinen Egos kaputter Männer schwelt, die Könige sein wollen, und wenn fanatische Mobs mit stachelbewehrten Keulen kleine Jungen beschneiden und töten, wennn schzehn kopflose Leichen eine Straßensperre auf einer Autobahn bilden und wenn Menschen Kugelschreiber als Waffe benutzen, um ihre Nachbarn zu beschuldigen – die niedergemetzelt und verbrannt werden – , und ihren irdischen Besitz für sich beanspruchen.“
Trotz der Schonungslosigkeit ihrer Analyse merkt man der Autorin aber die Tiefe ihrer Liebe zu Kenia und seinen Menschen auf jeder Seite an. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und das Potential, das in der Bevölkerung steckt, es macht sie wütend, wie es verschwendet wird.
Auch Moses Odidi Oganda ist auf sehr ungeklärte Weise bei einem Polizeieinsatz erschossen worden. Das ist der Ausgangspunkt des Buches. Ajani Oganda ist aus Brasilien zurückgekehrt, um mit ihrem Vater zusammen den Bruder zu beerdigen. Wir begleiten in der Jetztzeit die Beiden auf ihrer Reise mit den sterblichen Überresten Odidis vom Leichenschauhaus Nairobis nach Wuoth Ogik, nehmen teil an ihrer überwältigenden, überbordeneden Trauer.
„Ajani wendet den Blick ab, legt die Hände auf ihr Herz, das unter einem Schleier der Trauer begraben ist und in dem ein Splitter Scham steckt, eil sie noch am Leben ist.“
In Rückblenden erfahren wir nicht nur viel aus der Geschichte Kenias, sondern auch aus der Familiengeschichte, der Kindheit Ajanis und Odidis, des Lebens Nyipirs, seine nicht immer ganz moralischen Machenschaften – er war zeitweise in Polizeidiensten mit der Beseitigung von Folteropfern, Geheimdienstaktivitäten und schließlich organisiertem Viehdiebstahl beschäftigt. Auch der Erwerb des Familiensitzes Wuoth Ogik ist unter mysteriösen Umständen geschehen. Der Vorbesitzer, Hugh Bolton und eben verschollener Vater jenes oben erwähnten „englischen Gasts“, hatte wohl eine Beziehung zu Mutter Akai. Isaiah Bolton ist nun nach Wuoth Ogik aufgebrochen, um nach dem Verbleib seines Vaters zu forschen. Der Empfang ist kein freundlicher und fällt eben mit der Trauer um Odidi zusammen. Aber hier gestattet uns die Autorin am Ende einen kleinen Hoffnungsschimmer. „Was Bleibt?“ ist die Frage, die das ganze Buch durchzieht. Was bleibt nach dem Tod eines geliebten Menschen? Was bleibt von all den Idealen und Träumen, die ein Volk einst hegte? Was bleibt von Familien, von Freundschaften, die zerbrechen?
Sehr impressionistisch, bildmächtig, voller großer Gefühle, voll magischer Einsprengsel und archaischem Glaube, sehr „afrikanisch“ anmutend in Sprache und Emotionalität und sich dadurch von den vielen in letzter Zeit von AutorInnen afrikanischer Herkunft erschienenen Romanen absetzend, bedeutete für mich Isaiahs Auftritt in der Geschichte eine gewisse „Europäisierung“ der Erzählweise, was auch damit zusammenhängen kann, dass Ajani zu dieser Zeit eine Reise nach Nairobi unternimmt und der Handlungsort ins Großstädtische wandert. Aber gerade abseits dessen, was man zu kennen glaubt, in den archaischen Gebieten der Geschichte, dort wo deutlich nicht nur die Faszination, sondern besonders auch die Fremde Afrikas zu spüren ist, entwickelt das Buch seine größte Intensität.
Ein forderndes, aber absolut lohnendes Stück Literatur.

Yvonne Adhiambo Owuor

DER ORT, AN DEM DIE REISE ENDET

512 Seiten, mit farbigem Vorsatz und Lesebändchen, Originalverlag: Alfred A. Knopf, New York 2014, Originaltitel: Dust
Erscheinungstag: 15.03.2016
ISBN 978-3-8321-9820-6

Übersetzung: Simone Jakob

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

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