Graham Swift – England und andere Stories

Graham Swift - England und andere Stories25 kurze Erzählungen, alle meist weniger als 10 Seiten umfassend, vereinigt Graham Swift in seinem neuen Buch „England und andere Stories“.
Sie erzählen aus unterschiedlichen Zeiten – eine reicht zurück ins Jahr 1649, eine andere trägt die Jahreszahl 1805, sie berichten von den Zeiten der beiden Weltkriege und reichen hinein bis in unsere unmittelbare Gegenwart.
Protagonisten sind Männer, Frauen, Kinder, Alte, Weiße und Schwarze. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive oder durch einen auktorialen Erzähler. Manchmal beherrschen Erinnerungen oder Rückblicke die Geschichte, manchmal wird unmittelbar Erlebtes geschildert.
Gibt es überhaupt einen roten Faden, der all diese Erzählungen eint?
Zum einen ist da natürlich Swifts ruhiger, sorgfältiger Ton. Ob es sich um Alltägliches, die kleinen oder die ganz großen Katastrophen im Leben handelt, immer wird in diesem fast gleichmütigen Ton erzählt, wird Haltung bewahrt, egal was auch passiert, egal, wie es innen drin aussieht, die Protagonisten bleiben seltsam gefasst. Das ist vielleicht das typisch Britische an den Geschichten, die ja nicht zufällig den Titel „England und andere Geschichten“ tragen.
Sie alle spielen, auch das eine Gemeinsamkeit, in England, aber das typische, klischeebeladene England der Cottages und Teegesellschaften, der Rosengärtner und leicht exzentrischen Bewohner sucht man – zum Glück – vergebens. Das Leben ist hier genau so wie überall in unserer westlichen Welt, und doch ist es spürbar britisch. Das zu schildern, gelingt Swift sehr gut.
Auch wenn die Themen der Geschichten sehr unterschiedlich sind, geht es doch oft auch um Krankheit, um Tod und Verlust. Meist nicht vordergründig, sondern subtil, im Hintergrund. Es geht darum, wie es in einer der Erzählungen heißt, „wie schrecklich es sein kann, einfach auf der Welt zu sein.“
Dabei ist das Buch keineswegs düster, aber zutiefst melancholisch. Die Erzählungen laufen nicht auf die berühmte „unerhörte Begebenheit“ hin, meist laufen sie auf gar nichts hin. Sie sind kurze Momentaufnahmen, der Vorhang geht für einen Moment auf, Gedanken, Erinnerungen blitzen auf und verlöschen genauso schnell wieder. Und doch sammeln sich am Ende all diese Bilder zu einer Art Gruppenfoto, das uns Leser bereichernde Einblicke gewährt in das Leben, in England oder überall. Ein Mysterium, immer wieder.

Graham Swift – England und andere Stories

Aus dem Englischen von Susanne Höbel
dtv Literatur April 2016 gebunden, 304 Seiten, 21,90 €

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

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