Elizabeth Graver – Die Sommer der Porters

 

Die Sommer der Porters Elizabeth Graver

„(…) weil das Land schon vor seinen Besitzern da war und, mit ein bisschen Glück, auch noch nach ihnen da sein wird, und weil es einem etwas bedeutet und weil es erfüllt ist von grünen und wachsenden und toten und vergänglichen und erwarteten und unerwarteten Dingen.“

So heißt es gegen Ende von Elizabeth Gravers wunderbarem Roman „Die Sommer der Porters“. Und gemeint ist das Stückchen Land, das die Familie Porter schon seit Generationen jeden Sommer bewohnt, Ashaunt, eine fiktive felsige Halbinsel an der Küste von Massachusetts, „The end of the point“, so der Originaltitel.
Und deshalb geht es in diesem, sich über fast 60 Jahre und drei Generationen erstreckenden Roman nicht nur um die Menschen, die eine Familie bilden, denen erwartete und unerwartete Dinge, kurz das Leben, geschehen, sondern ebenso um diesen Ort, der für viele von ihnen einen Anlaufpunkt, einen Ort der Beständigkeit inmitten einer sich stets verändernden Welt bietet.

„15.Mai 1960. Wieder zurück.
Endlich kann ich wieder atmen.“

Mit diesem Tagebucheintrag über Ashaunt endet das Buch.

Zum ersten Mal betreten wir dieses Fleckchen Erde im Jahr 1942. Das Land ist alt, wir erfahren es durch die Übertragungsurkunde aus dem Jahr 1652, in dem es den Indianer für zweifelhaften Gegenwert genommen wurde.
Sicher sind die Zeitläufte auch an Ashaunt nicht spurlos vorübergegangen, aber schien es immer ein Ort der Ruhe, der Beständigkeit. Dieses Jahr ist es anders. Soldaten haben die Spitze der Halbinsel besetzt, Land ist zum Sperrbesitz erklärt worden, man hört Waffen explodieren. Viele der sich sonst Jahr für Jahr an diesem Ort einfindenden Familien kommen nicht. Es ist Krieg. Seit Pearl Harbour sind die USA in Alarmbereitschaft, eine Invasion wird nicht ausgeschlossen.
Die Familie Porter versucht, diese Veränderungen weitestgehend zu ignorieren, Ferien wie sonst zu verleben. Es wird nicht ganz gelingen, auch weil der älteste Sohn Charlie nun Soldat ist. Er wird nicht zurückkommen. Eizabeth Graver gibt dem Leser immer wieder in kurzen Blicken in die Zukunft ein Mehrwissen in die Hand, das aber immer organisch in das Erzählte eingefügt ist.
Diesen ersten Teil des Buches über legt die Autorin ihren Erzählschwerpunkt auf die schottische Kinderfrau Beatrice. Eine interessante Perspektive, denn sie ist zwar irgendwie Teil der Familie, aber steht doch auch ein wenig außerhalb. Ihre zarte Romanze mit dem Soldaten Smitty wird scheitern. Die Bindungskräfte der Familie sind zu groß.
Im zweiten Teil, der ganz anders gebaut ist, nämlich aus Briefen und Tagebucheinträgen von Helen, einer der drei Porter-Töchtern, erfahren wir von deren Europareisen, ihren Studien in Lausanne, der Begegnung mit ihrem Schweizer Mann Andre und ihren Konflikten zwischen dem Wunsch nach einer wissenschaftlichen Karriere und einer Familie.
Der dritte und vierte Teil kehrt dann wieder zurück nach Ashaunt. Helens Sohn Charlie, nach Drogenexperimenten psychisch angeschlagen und haltlos, rückt in den Erzählmittelpunkt, wir schreiben das Jahr 1970, um im letzten Teil ins Jahr 1999 vorzurücken.
Vieles wird in „Die Sommer der Porters“ nicht auserzählt, wirkt wie hingetupft. Das betrifft sowohl die Charaktere als auch die Landschaft und die Ereignisse. Das muss man als Leser aushalten können. Dann entsteht aus all den Tupfern ein großartiges impressionistisches Gemälde, das auch auf unaufdringliche Weise 60 Jahre US amerikanische Geschichte spiegelt, sei es der Weltkrieg, der Vietnamkrieg, Umweltverschmutzung oder Auswüchse des Kapitalismus. Es erzählt vor allem aber vom Zusammenhalt einer Familie und ihrer Zugehörigkeit zu einem Ort, über alle Schwierigkeiten in den Beziehungen, alle Konflikte, alle Zweifel und Veränderungen hinweg. Elizabeth Graver erzählt dabei mit großer Ruhe und Gelassenheit, mit viel Empathie für ihre Figuren. Der Abschied von Ashaunt fiel der Leserin entsprechend schwer.

The Boston Globe urteilte über den für den National Book Award nominierten Roman: „Elizabeth Graver erweist sich als meisterhafte Chronistin des schwindelerregenden Abenteuers, Mensch zu sein.“ Dem ist fast nichts hinzuzufügen.

Elizabeth Garver – Die Sommer der Porters

Mare Verlag Juli 2016, gebunden, 464 Seiten, 22,00 €

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s