Verena Boos – Blutorangen

Verena boos BlutorangenWie geht man mit der eigenen Vergangenheit um, besonders wenn sie dunkle Flecken aufweist? Wie geht man mit eigener Schuld um? Wie begegnet man den Menschen, denen man Unrecht getan hat? Ein schwieriges Thema.
Schicksalhafte Dimensionen erreicht es, wenn ganze Staaten, ganze Völker davon betroffen sind. Wie lange der Prozess der Aufarbeitung oder gar Versöhnung dauert, sieht man immer wieder. Südafrika, Kambodscha, Ruanda oder, näher, der Balkan, sind nur einige Beispiele dafür.
Eine offene, ehrliche Auseinandersetzung scheint uns dabei das Wichtigste. Wie schwer dies ist, selbst für eine unserer westlichen Demokratien, sieht man am Beispiel Spaniens.

1936 bis 1939 tobte ein grausamer Bürgerkrieg zwischen den Anhängern der Spanischen Republik und faschistischen Putschisten. Letztere gewannen, nicht zuletzt auch durch deutsche Unterstützung (Legion Condor, Luftangriff auf Gernika; man kennt die Stichworte). Die Diktatur unter Francisco Franco dauerte bis zu seinem Tod im Jahr 1975 an.
Über die Opferzahlen herrscht bis heute keine Einigkeit. Von 200000 bis 800000 ist die Rede. Opfer nicht nur der Kampfhandlungen, sondern auch der während der franquistischen Diktatur durchgeführten „Säuberungen“ unter Kommunisten, Gewerkschaftlern, Sozialisten, Anarchisten und kritischen Akademikern. Ungezählt sind die „Verschwundenen“, deren Leichname nie gefunden wurden, über deren Schicksale seither geschwiegen wurde. Denn anders als in Deutschland gab es in Spanien nie einen radikalen Systembruch, sondern nach Francos Tod begann die Transición, eine Phase des Übergangs, die 1977 im „Pakt des Schweigens“ gipfelte, einem von der Politik verordneten Schweigegebot, und einer Amnestie für Verbrechen während der Franco-Zeit.

Seit einigen Jahren regt sich in der nunmehr dritten und vierten Generation der Widerstand. Genauer gesagt seit dem Jahr 2000, in dem durch den „Verein zur Wiedererlangung der historischen Erinnerung“ (Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica, ARMH) die erste Öffnung eines Massengrabes von Opfern der Falangisten und deren Exhumierung erfolgte.
Angehörige wollten es nicht länger hinnehmen, dass diese Opfer weiterhin unerkannt in Straßengräben, vor Friedhöfen oder auf Feldern verscharrt bleiben, während den ermordeten Franco-Anhängern im „Tal der Gefallenen“ ein monumentales Mausoleum errichtet wurde und noch heute auf Staatskosten unterhalten wird.

Seitdem sind durch die ARMH zahlreiche Exhumierungen durchgeführt worden, zunächst mit staatlicher Unterstützung, seit Amtsantritt der konservativen Regierung Rajoy wurden diese aber wieder gestrichen.
Das bürgerliche Lager protestierte bereits 2007 gegen das überfällige Ley de Memoria Histórica (Gesetz des historischen Andenkens), das die Opfer auf beiden Seiten anerkennt, das Franco-Regime offiziell verurteilt und den Opfern Hilfe zusagt.
Es würden alte Wunden aufgerissen, die besser verschlossen blieben. Wie einflussreich dieses Lager immer noch ist, zeigte sich 2012 an der Suspendierung des spanischen Ermittlungsrichters Baltasar Garzón, der Ermittlungen zu Menschenrechtsverbrechen während der Diktatur und wegen des Verschwindenlassens von über 114 000 Personen eingeleitet hatte und die Öffnung der Massengräber aus jener Zeit erwirken wollte.
Der Riss geht in Spanien quer durch die Bevölkerung. Lebten doch auch damals und seither Opfer- und Täterfamilien buchstäblich Tür an Tür.

Diese lange Einführung sei mir verziehen, denn Verena Boos packt die geschilderten Umstände perfekt recherchiert in ihren Roman „Blutorangen“, der eine Opfer- und eine Täterfamilie durch die Enkelgeneration zusammentreffen lässt.

Es ist die junge Maite, die ihrem Elternhaus und vor allem dem despotischen Vater entfliehen möchte und zum Studium nach München zieht. Es ist die Zeit um 1989/90, sie trifft den spanischstämmigen jungen Carlos, die Beiden werden ein Paar. Eher zufällig entdeckt sie ein Foto, das sie auf die Spur der unrühmlichen Vergangenheit ihres Vaters bringt: Im zweiten Weltkrieg Mitglied der spanischen „Blauen Division“, die auf Seiten Hitlerdeutschlands in Russland kämpfte, danach strammes Mitglied der gefürchteten Guardia Civil.
Carlos Großvater hingegen war ein Verfolgter des franquistischen Regimes, entkam seiner Deportation in ein deutsches Konzentrationslager nur mit viel Glück und blieb fortan in Deutschland. Über die Orangen aus Valencia sind beide Familien verbunden: die eine als großbürgerliche Orangenproduzenten, die andere durch Carlos Obststand in der Münchner Großmarkthalle.

Verena Boos erzählt diese Familiengeschichten nahe an der Zeitgeschichte, mit vielen Sprüngen in der Raum-, Zeit-, und Personenebene. Der Roman ist aber derart gut konstruiert, dass dies kein Problem darstellt, sondern ein vielschichtiges, eindrückliches Bild ergibt. Auch atmosphärisch ist die Geschichte äußerst gelungen. Sie berührt ohne jemals kitschig zu werden, klärt auf ohne jemals belehrend zu sein.
Und dafür, dass Verena Boos ein solch interessantes, wenngleich in Deutschland weniger bekanntes Thema wählt, das nicht nur für das heutige Spanien von enormer Bedeutung ist, sondern generell Fragen dazu stellt, wie mit der Vergangenheit umzugehen ist, Schweigen oder Offenheit, gebührt ihr Anerkennung.
Auch wenn in diesem Zusammenhang der Liebesgeschichte zwischen Maite und Carlos ein wenig zu viel Raum gegeben wird, ist „Blutorangen“ ein Buch, dass überzeugt und nachhaltig berührt.

Verena Boos – Blutorangen

Aufbau Verlag März 2015, gebunden, 411 Seiten, € 19,95

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

4 Kommentare zu „Verena Boos – Blutorangen“

  1. WoW, eine wirklich grandiose Rezension! Habe sogleich nach dem Buch gesucht und es soeben gekauft! Deine Begeisterung hat mich total angesteckt. 🙂 Bücher, die dieses Thema behandeln habe ich bisher auch noch nicht gelesen. Diese Lücke wird jetzt geschlossen werden.

    Danke und sonnige Grüße
    vom monerl

    Gefällt 1 Person

    1. Liebes Monerl, das freut mich sehr, da ich finde, dass das Buch unverdientermaßen ein wenig untergegangen ist bei all den Neuerscheinungen. mir hat es ganz ausgezeichnet gefallen. Ich bin gespannt, was du sagen wirst. Viel Freude beim Lesen. LG Petra

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      1. Guten Morgen liebe Petra,

        ich hatte bis dato auch noch nichts von diesem Buch gehört. Scheint wirklich untergegangen zu sein. Nun ist es bei mir eingetrudelt und ich freue mich sehr, es hoffentlich bald zu lesen. Meine Eindruck werde ich dann veröffentlichen. 😉

        Hab eine schöne Woche,
        GlG vom monerl

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