Wendi Stewart – Ein unbesiegbarer Sommer

 

Wendi Stewart - Ein unbesiegbarer SommerZu Beginn der Sechziger Jahre.
Drei Kinder wachsen in der Kanadischen Provinz auf.
Sie alle leiden in der ein oder anderen Art an ihrer Kindheit, an den Erwachsenen, denen diese Kindheit anvertraut wurde.
Da ist zunächst die sechsjährige Rebecca, die bei einem tragischen Unglücksfall die über alles geliebte Muttter und den kleinen Bruder verliert. Der Vater, der nur sie retten konnte, zieht sich komplett in seine Trauer zurück. In seiner tiefen Depression kümmert er sich um nichts und niemand. Mehr als einmal glaubt Rebecca ein Bedauern zu spüren. Darüber, dass er sie und nicht ihre Mutter oder den vergötterten Stammhalter hat retten können. Natürlich keine leichte Situation für ein kleines Mädchen, die auch sonst keine Verwandten kennt. Die Großeltern wohnen in England und ziehen sich offensichtlich zurück.
Trost und Halt gibt ihr ihre Freundschaft mit Chuck aus der Nachbarschaft. Bei ihm leben zwar beide Eltern, aber in der Familie herrscht eine derart lieblose, gleichgültige Atmosphäre, der Vater neigt zu Wutausbrüchen und Gewalt, hat überhaupt keine Verständnis für seinen Sohn, ja beutet ihn durch die harte Farmarbeit, die er ihn verrichten lässt, direkt aus. Wäre da nicht die liebevolle Gran, die gleich auch noch für Rebecca die Großmutterrolle übernimmt, könnte man fast sagen, er wäre ohne Familie besser dran.
Rebecca und Chuck werden in der Schule unzertrennlich, reiten mit ihren Ponys aus, besuchen die Bibliothek und machen das Beste aus ihrer schwierigen Kindheit. Bewundernswürdig und manchmal ein wenig unglaublich ist die Stärke, die vor allem Rebecca dabei zeigt.
Lissie stößt später zu den Beiden. Auch sie eine Außenseiterin, wird sie von Rebecca schnell in den Freundschaftsbund aufgenommen. Lissie lebt als adoptiertes Kind mit eindeutig indianischer Abstammung bei ihrer überordentlichen, leicht neurotischen Mutter Charlotte, die jegliche Auskunft zu ihrer eigenen Familie oder Lissies genauer Herkunft strikt verweigert. Alleinerziehend und übervorsichtig, ein richtiger Kontrollfreak, macht sie ihrer Tochter das Leben auch nicht gerade leicht. Die Situation wird aber erst dramatisch, als sie schwer erkrankt und Lissie plötzlich in die Lage gerät, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Mutter verantwortlich zu sein. Die Kinder sind zu der Zeit bereits 14, aber immer noch viel zu jung für solch eine Last. Rebecca und Chuck kennen es aber kaum anders.
Wir begleiten die drei noch bis zum Schulabschluss, sie sind nun 19 und es ist Zeit, einige Entscheidungen zu treffen.
Wendi Stewart erzählt diese Coming-of-age Geschichte sehr eindrücklich und berührend. Sie wählt dabei die leisen Töne, Trauer, Witz, Grausamkeiten und Poesie liegen dabei dicht beieinander. Selbst Farmerkind weiß sie genau, wovon sie erzählt. Die Geschichten werden dabei nicht schlicht heruntererzählt, sondern verwoben, Zeit- und Perspektivwechsel inklusive. Es entsteht dabei ein dichtes Bild von Freundschaft und Kindheit, deren wichtigstes Kennzeichen vielleicht der unbedingte Glaube an die Zukunft ist, die Hoffnung, den Aufbruch. Und so endet auch der Roman mit dieser Hoffnung auf ein Stück unbesiegbaren Sommer, egal wie frostig es rundherum auch sein mag.
Frei nach dem wunderschönen Motto von Albert Camus, das dem Buch vorangestellt ist:

„Mitten im Winter habe ich einen unbesiegbaren Sommer in mir entdeckt.“

Wendi Stewart – Ein unbesiegbarer Sommer

Nagel & Kimche Juli 2016, gebunden, 336 Seiten, 22,00 €

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

1 Kommentar zu „Wendi Stewart – Ein unbesiegbarer Sommer“

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