Elif Shafak – Der Geruch des Paradieses

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„Die drei Evas“ – wieder einmal trifft das Original das Buch so viel besser als der deutsche Buchtitel.
Die drei Evas sind drei Frauen mit muslimischem Hintergrund, die sich im Jahr 2000 während ihres Studiums in Oxford kennenlernen und zusammenziehen.

Es sind drei auf sehr unterschiedliche Weise starke junge Frauen, alle drei auf unterschiedlichen Wegen unterwegs.
Leicht ironisch nennen sie sich „Die Sünderin, die Gläubige und die Verwirrte.“ Shirin lebt ein westliches, säkulares Leben, Mona ist streng gläubig, hat das Kopftuch gewählt, ist aber auch feministisch sehr engagiert und Peri, aus deren Sicht überwiegend erzählt wird, stammt aus der Türkei und ist „die Verirrte“.

Schon von klein auf ist sie zerrissen zwischen ihrem kemalistisch denkenden, säkularen Vater und ihrer Mutter, deren Religiosität nach familiären Schicksalsschlägen fast ein wenig fanatisch geworden ist. Einer dieser Schicksalsschläge war die Verhaftung des ältesten Sohns der Familie, eines marxistisch eingestellten jungen Mannes. Jahre im Gefängnis, Jahre der Folter haben ihn schließlich mehr oder weniger zerbrechen lassen.
Der jüngere Bruder hingegen wählte einen ganz anderen Weg, ist streng nationalistisch eingestellt und rückwärts gewandt.

Die Zerrissenheit der Familie Nalbantoglu bildet die Zerrissenheit der türkischen Gesellschaft ab. Eine Zerrissenheit, die in letzter Zeit noch zugenommen hat. Traf man in der Vergangenheit besonders auch in aufgeklärten Kreisen noch oft den „Muslimus modernus. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon“ an, so

„hatte sich (das) in den letzten Jahren dramatisch verändert. Statt vieler Farben schien es nur mehr Schwarz und Weiß zu geben.“

Elif Shafak benennt ihr Unbehagen angesichts der politischen Entwicklung, des Abrückens von westlichen und demokratischen, letztlich humanistischen Werten in der Türkei deutlich. Einen Grund dafür sieht sie wohl zurecht im gescheiterten EU-Beitritt ihres Landes.

„Europa war so nah, dass die Türkei bereits einen Fuß in die Tür gestellt und sich mit aller Kraft hineinzuzwängen versucht hatte, nur um zu erkennen, dass der Spalt viel zu schmal war, sosehr man sich auch drehte und wand. Das Europa gleichzeitig die Tür wieder zudrückte, machte die Sache nicht leichter.“

Dieses Abwenden von Europa vollzieht sich nicht nur in den islamisch geprägten Kreisen, sondern zunehmend auch in den einstmalig dem Westen schon allein aus wirtschaftlichen Interessen zugewandten „aufgeklärten Eliten“. Nun hört man dort Sätze wie

„Demokratie ist reine Zeit- und Geldverschwendung.“

Zumal in islamischen Gesellschaften. Selbst Verschwörungstheorien sind auf einmal gesellschaftsfähig:

„Heute fürchtet uns Europa und wird alles tun, um Unruhen herbeizuführen.“
„Sie debattierten über internationale Beziehungen mit demselben Argwohn, mit dem sie Klebstoffschnüfflern und Drogenabhängigen auf der Straße begegneten, nämlich in der Erwartung, jeden Augenblick überfallen und ausgeraubt zu werden.“

So ganz unbekannt liest sich das nicht. Elif Shafak lässt diese Bemerkungen bei einer Abendgesellschaft der „besseren Kreise“ hören, zu der Peri zu Beginn des Buches unterwegs ist.
Auf der Fahrt mit ihrer Tochter dorthin entkommt sie nur um Haaresbreite einem Überfall und Schlimmerem.

Dabei fällt ihr ein altes Foto vor die Füße Ein Foto, das sie mit den Studienfreundinnen Shirin und Mona und ihrem damaligen Professor Azur zeigt. Es wird zum Auslöser von Erinnerungen an diesen Lebensabschnitt, der auf ungute Weise beendet wurde, wie der Leser schon sehr bald erahnt.
Professor Azur leitete damals das Seminar GOTT auf sehr unorthodoxe und auch umstrittene Weise. Er ließ Studenten mit den unterschiedlichsten religiösen und gesellschaftlichen Hintergründen quasi aufeinander los. Ließ sie über Gott und ihre Haltung zu ihm nachdenken und diskutieren. Die Religion selbst stand dabei ausdrücklich im Hintergrund. Ein Seminar, das so manchen Studenten überforderte, gerade aber für die Suchende Peri so manche Tür aufstieß. Leider auch die Tür zu Liebe und Leidenschaft, die Zeit in Oxford endete äußerst unschön. Wie, erfährt der Leser erst gegen Ende, dass Peri seitdem mit einer Schuld kämpft, schon etwas früher.

So kommt zum Politischen die Frage nach dem Glauben, weniger als eine Religion, sondern eher im Sinne von Spiritualität zur Verhandlung.
Ein dritter Aspekt neben Politik und Glauben ist allerdings genauso wichtig. Es ist der des Feminismus, der Rolle der Frau, besonders in der islamischen Welt. Elif Shafak sagt es deutlich:

„Die Türkei ist ein patriarchalisches, sexistisches und homophobes Land.“

Wie sich Frauen darin behaupten, aber auch sich damit arrangieren, resignieren, ist immer wieder Thema in Elif Shafaks Romanen.
Für ihren Mut, gerade angesichts der neuesten Entwicklungen in der Türkei, der deutlichen Schläge gegen die Meinungsfreiheit, ist die Autorin genauso zu bewundern wie für ihre Klugheit und Weitsicht, ihr stetes Bemühen um Vermittlung. Mit tiefer Empathie tritt sie immer auch denen gegenüber, deren Ansichten sie nicht teilt. Für sie ist es Aufgabe eines Schriftstellers, die Komplexität des Lebens, der Menschen, der Welt zu zeigen und sich ausdrücklich gegen die Polarisierung der Gesellschaft zu stellen.

„Gedanken müssen mit Gedanken bekämpft werden, Bücher mit besseren Büchern.“

lässt sie ihren Professor sagen. Und betont immer wieder, wie viele Identitäten in einem einzelnen Menschen ruhen können. Türkin und Britin, Feministin und Ehefrau, westlichen Werten zugewandt und östlicher Spiritualität zugeneigt, um nur bei der Person der Autorin zu bleiben.

Auch Peri kann nicht verstehen,

„Warum die Wurzeln im Verhältnis zu den Ästen oder Blättern so sehr zählten.“

Auch wenn der Wunsch und Glaube, einst von Peris Vater ausgesprochen

„Junge Leute wie du werden dieses Land aus seiner Rückständigkeit befreien.“

heute utopischer als je erscheint, braucht es Stimmen wie die von Elif Shafak, die immer wieder an diese Utopie erinnern. Eine Utopie des friedlichen Pluralismus, des Humanismus, der Gleichstellung aller Menschen, ungeachtet der Religion, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, der Nationalität.

Und dass Elif Shafak es schafft, diese Stimme in exzellent geschriebene, unterhaltsame, ja spannende Romane zu packen sei ausdrücklich erwähnt.

Elif Shafak – Der Geruch des Paradieses, 

Kein & Aber Oktober 2016, gebunden, 560 Seiten, € 25,-

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

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