Hannah Dübgen – Über Land

Hannah Dübgen - Über Land

Am Ende ist es eine grüne Schachtel mit köstlicher Baklava, die Clara, eine junge Berliner Ärztin, ihrer irakischen Freundin Amal aus deren Heimat mitbringen wird. Ein süßer, delikat duftender Gruß aus der Heimat, die Amal aus Angst vor Verfolgung verlassen hat, nachdem ihr Vater auf dubiose Weise spurlos verschwunden ist.

Die Flucht hat sie nach Berlin geführt, in ein Aufnahmeheim an Rande der Stadt. Damit teilt sie das Schicksal von unzähligen Anderen, die nun in vordergründiger Sicherheit leben, aber zu kämpfen haben, mit der Sprache, den ungewohnten Sitten, der Heimatlosigkeit, der Ungewissheit. Was wird drinstehen in dem gleichermaßen herbei gesehnten wie gefürchteten Schreiben der Behörden. Asyl oder Abschiebung?

Hannah Dübgen gelingt es ausgesprochen gut, die Gefühlswelt und das Leben einer jungen Geflohenen zu schildern. Sie beweist dabei genauso viel Empathie wie Sensibilität. Aber sie schafft noch eine zweite Ebene und eine zweite Erzählstimme, indem sie Amal eine junge Deutsche an die Seite stellt.
Clara und Amal begegnen sich durch Zufall. Die junge Irakerin läuft in das Fahrrad der Deutschen. Aus anfänglichem Schuldgefühl erwächst nach zunächst vorsichtigem Annähern eine tiefe Freundschaft. Hinter all den unterschiedlichen Traditionen und kulturellen Unterschieden ist es doch das Menschliche, das verbindet.

Das klingt ein wenig klischeehaft und ist es tatsächlich auch, zumindest stellenweise. Hannah Dübgen hat eine Botschaft. Und die ist hochaktuell, sie ist ungemein wichtig und wird hier sensibel vermittelt. Da verzeiht man der Autorin, dass sie manchmal allzu deutlich wird und manch ein Aspekt ein wenig unglaubwürdig erscheint (welche junge deutsche Frau würde nach einer solch kurzen Freundschaft aus Gefälligkeit in den brandgefährlichen Irak reisen?).
Hannah Dübgen schafft fein gezeichnete, überzeugende Figuren. Sie lässt die Ängste, Schwierigkeiten und Vorbehalte, die entstehen, wenn Menschen unterschiedlicher Kulturkreise aufeinandertreffen, deutlich werden. Mit Claras Liebesbeziehung zu dem indischen, in Deutschland lebenden Architekten Tarun soll dieser Aspekt auch in Hinblick auf eine multikulturelle Partnerschaft beleuchtet werden. Leider behindert das die Haupthandlung, bereichert sie zumindest nicht, wirkt ein wenig aufgesetzt. Sollte da vielleicht durch ein wenig Liebe und Erotik ein weibliches Publikum bei der Stange gehalten werden?

Das hat der Roman nicht nötig. Die Autorin erzählt klar und flüssig, empathisch und sensibel und ihr gelingen immer wieder beeindruckende Bilder.

Eines davon schmückt den Buchumschlag. Er zeigt ein Detail aus dem Ischtar-Tor, jenem der mesopotamischen Kriegs- und Liebesgöttin Ischtar geweihten babylonischen Tor, das seit 1899 von deutschen Archäologen in akribischer Arbeit ausgegraben, in 399 Kisten zerlegt nach Berlin verschifft wurde und seit 1930 im Berliner Pergamonmuseum zu bewundern ist. Dort steht es nun, fern der Heimat, relativ beziehungslos in einem viel zu kleinen Raum. Auch ein Sinnbild für die vielen nicht nur aus dem Irak Geflohenen. Denn Hannah Dübgen versäumt es nicht zu erwähnen, dass ohne die deutsche Ausgrabungs- und Instandhaltungsarbeiten dieser Kunstschatz wahrscheinlich verloren gegangen wäre. Der Gedanke an die vielen in den Ländern verbliebenen, nun den unterschiedlichsten Kriegsverwüstungen ausgesetzten Kulturgüter, ist da nah. Hannah Dübgen schafft dieses Bild, lässt es aber dem Leser, was er daraus schöpft. Auch eine Stärke dieses klugen Buchs.

Hannah Dübgen – Über Land

dtv August 2016, gebunden, 272 Seiten, € 20,-

 

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

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