Tobias Wenzel – Solange ich lebe, kriegt mich der Tod nicht

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Der November ist der Monat der dunklen Tage, mit Volkstrauertag, Toten- und Ewigkeitssonntag auch traditionell der Trauermonat.

Für mich Anlass, ein bereits 2013 bei Knesebeck erschienenes wunderbares, mittlerweile nur noch antiquarisch erhältliches Buch hervorzuholen: Tobias Wenzels „Solange ich lebe, kriegt mich der Tod nicht – Friedhofsgänge mit Schriftstellern“.

Mich hat es schon von klein auf sehr auf Friedhöfe gezogen. Vielleicht weil mein kleiner Bruder starb, als ich erst fünf Jahre alt war, war der Tod für mich immer präsent. Ich studierte die Grabinschriften, -wie alt wurden die Verstorbenen?- dachte mir Geschichten aus, war immer wieder persönlich betroffen und gleichzeitig getröstet. Ob der kleine, einmalig gelegene Pfarrfriedhof in Wasserburg am Bodensee, der ehrwürdige Highgate Cemetery oder der Campo Verano in Rom – für mich alles ganz wunderbare Orte, Zeugnisse vorangegangener Existenzen, fühlbare Geschichte und Ausdruck unterschiedlichster Traditionen.

„Seelenfrieden“ nennt Adler-Olsen in seinem Vorwort diesen Zustand, der ihn auf einem würdevollen Bestattungsort überkommt.

Tobias Wenzel ist ein Berliner Journalist, Literaturkritiker und hier im Buch auch Fotograf. Entstanden ist seine Idee der Friedhofsspaziergänge bei einem Interview mit dem isländischen Schriftsteller Sjón in einem Berliner Café. Die Geräuschkulisse war anscheinend derart ungünstig, dass die Beiden auf den gegenüber liegenden Dorotheenstädtischen Friedhof ausgewichen sind. Ein Erlebnis, das für Wenzel so positiv gewesen ist, dass sich daraus sein Projekt entwickelte. Vier Jahre reiste er kreuz und quer über den Erdball und führte Gespräche mit Schriftstellern auf von ihnen ausgewählten Friedhöfen.

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Es sind sehr bekannte Autoren darunter, wie Jonathan Franzen, Donna Leon, T.C.Boyle oder Jussi Adler-Olsen, der auch das Vorwort beigesteuert hat, andere sind eher unbekannt. Cees Nooteboom, der selbst ein Buch über Friedhofsbesuche geschrieben hat (Tumbas – Gräber von Dichtern und Denkern: Mit Photographien von Simone Sassen bei Schirmer Mosel), ist vertreten, aber auch Simon Beckett, der mit seinen Thrillern um den forensischen Anthropologen Hunter sicher auch einen besonderen Bezug zum Tod zeigt. 39 von insgesamt 77 geführten Gesprächen sind abgedruckt.

Eine ganze Reihe von Autoren haben allerdings auch abgesagt. Spontan wie die inzwischen verstorbene Nadine Gordimer („Friedhöfe sind widerliche Orte!“), oder nach einer langen Zeit der Unentschiedenheit, des Hinhaltens. Friedhöfe sind nun einmal ganz besondere Plätze. Nicht für Jeden sind sie friedliche Orte der Ruhe und des Innehaltens. Oft sind sie auch Orte der Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit.

Die Texte sind unterschiedlich lang, sehr persönlich und von großer Intensität. Jeder, der sich für Literatur und deren Verfasser interessiert findet darin seine persönliche Perle. Begleitet sind sie von vom Verfasser selbst geschossenen, sehr stimmungsvollen Porträts (ein zusätzlicher Fotograf hätte die Intimität gestört).

Ein Buch von Orten des Todes über das Leben. Nicht nur für den November.

Zum Reinschnuppern:

http://www.deutschlandradiokultur.de/friedhofsbesuche-mit-schriftstellern.1853.de.html

Tobias Wenzel – Solange ich lebe, kriegt mich der Tod nicht – Friedhofsgänge mit Schriftstellern

Knesebeck 2013, gebunden,221 Seiten, vergriffen

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

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