Nathan Hill – Geister

Nathan Hill - GeisterWähle dein eigenes Abenteuer

Der kleine Samuel hat diese Bücher geliebt. Konnte man doch an entscheidenden Schnittstellen als Leser entscheiden wie es weiter ging, notfalls zurückblättern und doch die andere Abzweigung wählen. Jedes Mal ergab sich eine andere, aber jedes Mal sinnvolle Geschichte.

Schon sehr bald dämmerte es ihm aber, dass es im realen Leben nicht immer so einfach läuft. Dass man nicht immer die freie Wahl besitzt, Entscheidungen zu treffen, geschweige denn, einmal getroffene problemlos zu revidieren. Sehr oft ist man noch nicht einmal in der Lage, Einfluss zu nehmen auf Dinge, die doch das ganze eigene Leben prägen werden.

Zum Beispiel damals, als Samuel elf Jahre alt war und seine Mutter die Familie verließ, ohne sich noch einmal zu melden. Ein Erlebnis, das den Jungen natürlich sein ganzes Leben prägen sollte. Wie hätte er als Kind sein sollen, müssen, damit seine Mutter ihn nicht verließ? Sein Bestreben, seine Karriere als (gescheiterter) Buchautor und Literaturprofessor, fast seine ganze Existenz hatte immer, wie nebenbei, die Frage laufen: „Was sagt meine Mutter dazu, wenn sie mich so sieht?“ Da hilft auch all die Wut und vorgetäuschte Gleichgültigkeit gegenüber der Verlassenden nichts.

Seit seinem elften Lebensjahr kein Kontakt, kein Lebenszeichen von der Mutter. Im Universitätsalltag zunehmend genervt von ignoranten, leistungsunwilligen, nur auf Noten und Karriere bedachten jungen Menschen

„So viel Sprache erschöpfte die Studenten.“

Im Privatleben ohne engere Beziehungen und regelmäßige soziale Kontakte, flüchtet sich Samuel immer häufiger in das Onlinespiel „World of Elfscape“ (Escape?). Lange Abschnitte im Buch sind diesem Abtauchen in eine imaginierte Welt voller Abenteuer, Anerkennung, Belohnung und Solidarität gewidmet. Auch als Spielabstinenzler bekommt man einen guten Einblick in die Faszination, die diese Parallelwelten ausüben können.

In dieses eher öde Leben platzen zwei Dinge. Einmal die Auseinandersetzung mit einer entschlossenen Studentin, die Samuels Betrugsvorwurf bei einer Semesterarbeit nicht auf sich sitzen lassen möchte.

Und, für Samuel deutlich erschütternder, der Anruf eines Anwalts seiner Mutter. Diese ist nach dem tätlichen Angriff auf den Gouverneur Packer ein Medienstar, der „Packer-Attacker“, und wegen einer terroristischen Handlung angeklagt.

Die darauf folgende Begegnung mit seiner Mutter verläuft für Samuel sehr unbefriedigend und bringt Dinge ans Licht, die für ihn überraschend sind. Da Mutter Faye sich nicht dazu äußern will, macht er sich selbst daran, Informationen zu bekommen. Dabei taucht er weit in die Vergangenheit von Faye, ihre Kindheit im ländlichen Iowa, ihre kurze Zeit an der Chicagoer Universität, während der sie in die dortigen Studentenunruhen verwickelt war, und ihre Vernunftehe mit Samuels Vater Henry. Auch in seine eigene verlassene Kindheit und seine Jugend, die durch die Freundschaft zum eigenwilligen Bishop und der unerfüllten Liebe zu dessen Zwillingsschwester Bethany geprägt war, taucht er dabei mehr und mehr ein.

Wie die Zusammenfassung der Handlung zeigt, spielt das Buch auf verschiedenen Zeitebenen. Die Gegenwartsebene ist dabei das Jahr 2011, die Studentenunruhen datieren zurück ins Jahr 1968 und Fayes Kindheit liegt in den 50er und 60er Jahren.

Nathan Hill schafft ein beeindruckendes Gesellschaftsporträt der USA dieser Zeit. Die Fülle an Themen, die er anschneidet, die Vielfältigkeit der Kritik, die immer wieder an bestimmten Phänomenen geübt wird, ist kaum überschaubar.

Zentral steht aber die Medienkritik, sei es an der reißerischen Aufmachung rund um Fayes (eigentlich harmlosen) Angriff, sei es das fast leitmotivisch im Text immer wieder auftauchende Lied „You have got to represent“ des neuesten Popsternchens Molly Miller, dessen Botschaft „Das Leben ist super!“ vom Publikum allzu gerne gehört wird. Herrscht doch so oft nur Trostlosigkeit.

„Kaum dass sie den Fernseher einschalteten, sahen sie in den Nachrichten Bilder von einer weiteren verdammten humanitären Krise, von einem weiteren gottverdammten Krieg an einem gottverlassenen Ort, sahen Bilder von verwundeten Menschen und hungernden Kindern und empfanden eine schreiende, bittere Wut auf diese Kinder, weil sie in die einzigen Momente der Entspannung eindrangen und die wenige Zeit zerstörten, die ihnen vom Tag noch blieb.“

Überraschend aktuell ist auch das Licht, das auf den amerikanischen Wahlkampf geworfen wird.

„Darauf durfte sich die Nation freuen: zwölf Monate mit Wahlkampfreden, Entgleisungen, Werbespots und Attacken, mit qualvoller, ans Unmoralische grenzender Dummheit. (…) Millionen und Abermillionen Dollar wurden dafür ausgegeben, das sowieso Unausweichliche zu erreichen – dass die Wahl am Ende durch eine Handvoll Wechselwähler in Cuyahoga County im Bundesstaat Ohio entschieden wurde.“

Nicht immer ist Hill so deutlich. Viele Themen werden auch nur angerissen, eher oberflächlich abgehakt. Tiefer schürfende Betrachtungen oder subtilere Beschäftigung mit Gegenwartsphänomenen darf man eher nicht erwarten.

Dafür wartet der Autor immer wieder mit einem grandiosen Humor auf und schafft auch interessante Nebenfiguren. Neben der skrupellosen Studentin Laura ist das vor allem der erfolgreiche Marketingmann und Verleger Periwinkel, dem Hill so manche drastische und nicht gerade sympathische Aussage in den Mund legt. So zum Beispiel:

„Für den Fall, dass es Ihnen noch nicht aufgefallen ist, die Welt hat sich von der alten Vorstellung der Aufklärung, dass man sich die Wahrheit durch Weltbeobachtung zusammenstückeln könnte, so gut wie verabschiedet. Die Wirklichkeit ist viel zu kompliziert und schrecklich geworden. Es ist weit einfacher, alles zu ignorieren, was nicht in Ihre vorgefasste Meinung passt und stattdessen zu glauben, was Sie in Ihrem Denken bestätigt.“

 

„Wir sind politisch und religiös fanatischer denn je, weit rigider in unserem Denken und immer weniger empathiefähig.“

Trotz all dieser gut in die Handlung integrierten Gesellschaftskritik ist allerdings ein anderer Punkt weit bedeutungsvoller für den Roman. Es geht auch und vor allem, wie zu Beginn dieser Rezension angesprochen, um die Entscheidungen, die wir immer wieder in unserem Leben treffen müssen. Um die Unausweichlichkeit, die Bedeutung, die sie auch für das Leben anderer besitzen, aber auch wie wenig wir manchmal auch tatsächlich die Wahl besitzen.

Und es geht um das Elefantengleichnis Buddhas, das dem Buch vorangestellt ist. Darin geht es um einen König, der Blindgeborene jeweils einen Teil eines Elefanten fühlen lässt und sie dann danach fragt, wie der Elefant aussieht. Da jeder etwas anderes erfühlt hat, geraten die Blinden in einen erbitterten Streit. Für Faye und jeden an sich selbst Zweifelnden gilt,

„…dass es nicht das eine wahre Ich gibt, das sich hinter den vielen falschen Ichs versteckt. (…) Es war nicht ihre Blindheit, sondern dass sie sich zu früh zufrieden gegeben haben und damit nie erfuhren, dass es eine größere Wahrheit gab.“

Nathan Hill schafft es, diese Themenfülle in einen gut lesbaren, stellenweise witzigen, kritischen und geschickt konstruierten Roman zu packen. Er spielt mit unterschiedlichen Erzählstilen und vielleicht spielt er am Ende sogar mit den Lesern. Was er nämlich da zum Schluss hinlegt, ist ein veritables Happy-End, dass es kracht. Man ist fast versucht, es ein wenig seicht zu nennen, wenn da nicht der Verdacht des spielerisch Gewollten wäre. Und wenn nicht, dann ist es eben sehr amerikanisch, dieses versöhnliche Ende.

Nathan Hill hat einen 860 Seiten starken Debütroman hingelegt, der über weit mehr als ¾ seiner Länge prächtig und intelligent unterhält. Da schlägt das Ende nicht so sehr zu Buche.

Nathan Hill – Geister

Piper Oktober 2016, gebunden, 864 Seiten, € 25,00

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

3 Kommentare zu „Nathan Hill – Geister“

  1. Ich bin bei einem Drittel angelangt – ja, ein Pageturner, schon beachtenswert für ein Debüt, allerdings auch sehr geprägt von der amerikanischen Schreibschul-Routine, finde ich. Es gibt dort soviele Autoren, die durch das Creative Writing gehen und denen man das irgendwie dann – ohne dass ich es richtig festmachen könnte – doch anmerkt. Aber unterhaltsam und mitreißend ist „Gespenster“ allemal.

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    1. Bedeutende, gar innovative Literatur ist das sicher nicht. Aber er schaut schon genau hin und schreibt ein wirklich im besten Sinne unterhaltsames Buch. Bei Debütautoren darf man den Stall noch ein bisschen riechen 😉 Bin gespannt, was du zum Ende sagst.

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