Ian McEwan – Nussschale

Ian McEwan - NussschaleEin (weiteres) Shakespeare-Jahr neigt sich dem Ende. Auch jenseits des Biografischen oder der Neuauflagen hat es in der Welt der Literatur einige Früchte getragen.

Die Hogarth Press hat ein sehr interessantes Projekt gestartet und englischsprachige Bestsellerautoren angeregt, moderne Versionen berühmter Shakespearestücke zu verfassen. Gestartet ist es mit Jeanette Wintersons Fassung des „Wintermärchens“ und hat mittlerweile Romane von Howard Jacobson, Anne Tyler und Margaret Atwood veröffentlicht. Bis März 2018 sollen drei weitere Bände erscheinen.

Für Mai 2021 ist dann der Abschluss geplant. Gillian Flynn, eigentlich als Thriller-Autorin bekannt (Gone Girl) beendet die Reihe mit ihrer Version des großen Trauerspiels „Hamlet“.

Auch Ian McEwan hat sich den Hamlet als Inspiration für seinen neuen Roman „Nussschale“ gewählt und macht daraus auch keinen Hehl. Bereits das vorangestellte Motto bezieht sich auf dieses großartige Drama.

Hier wie da wird eine Kriminal- und Liebesgeschichte mit großen philosophischen Fragen verwoben, herrschen Dramatik und große Gefühle, Irrungen und Intrigen.

Ian McEwans Roman setzt allerdings früher ein, der Mord am Vater durch dessen Bruder im Verein mit der ehebrecherischen Mutter ist noch nicht geschehen, sondern wird gerade geplant. Völlig ungewöhnlich ist die Erzählperspektive: es ist ein Fötus, kurz vor seiner Geburt, der das Komplott gegen seinen Vater quasi „erlauscht“. Seine untreue, leichtlebige und launenhafte Mutter ist dem reichlich tumben Schwager wegen dessen Virilität nicht zuletzt im Bett verfallen. Trudy und Claude, auch hier wieder die deutlichen Reminiszenzen an Shakespeare (Gertrude und Claudius). So können wir getrost den Ich-Erzähler als noch ungeborene Hamlet-Verkörperung nehmen. Sinnt er zunächst noch auf Tatvereitelung, was ihm aufgrund seines beschränkten Handlungsradius natürlich nicht gelingen wird, so ist es dann Rache, die er ersinnt. Aber auch er ist ein Zweifelnder, ein Zögernder, gerade wie sein berühmtes Vorbild. So gelingt es Ian McEwan allerhand philosophische Überlegungen (ja, selbst ein „Sein oder Nichtsein“ wird erwogen) in die durch die weit fortgeschrittene Schwangerschaft nur noch sehr begrenzte Handlung einzustreuen. Auch Gedanken zur allgemeinen Weltlage, der Flüchtlingsproblematik, der Finanzkrise, über religiöse Fanatisierung und die zu befürchtende Klimakatastrophe werden vom Ungeborenen formuliert.

Das klingt reichlich aberwitzig und ist es natürlich auch. Als Leser muss man sich völlig verabschieden von jeglicher Plausibilität oder jedem Realitätsanspruch. Zunächst scheint es, dass McEwan gerade dies dem Leser unterschieben will, indem er vom häufigen Hören bildender und informationsgesättigter Radiosendungen erzählt. Was anfangs etwas bemüht, wenn nicht sogar widersinnig störend empfunden werden kann, erweist sich dann aber immer mehr als ein Autor, der sich über seine eigene Erzählperspektive lustig macht, vielleicht auch dem Leseranspruch auf Realitätsnähe und Authentizität ein Schnippchen schlagen will.

Lässt man sich auf diese abenteuerliche Konstruktion einmal ein, hat man zunehmend Spaß an diesen altklugen Überlegungen zum Sein und der Welt, erlebt ein naturbedingt sehr konzentriertes Kammerspiel und sogar einen leidlich spannenden Krimiplot.

Immer ist dieser selbstironische innere Monolog aber intelligent und unterhaltsam, gespickt mit allerhand zutreffender, wenn auch nicht direkt subtil vermittelter Zeitkritik und philosophischen Grübeleien. Manchmal ein wenig albern, meist aber richtig lustig.

Kein wirklich großes Buch, aber eine gelungene Fingerübung und Spielerei.

Ian McEwan – Nussschale

Diogenes November 2016, Leinen, 288 Seiten, € 22,-

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

1 Kommentar zu „Ian McEwan – Nussschale“

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