Jane Gardam – Letzte Freunde

Jane Gardam Letzte Freunde Es ist wieder eine Beerdigung, die den Ausgangspunkt des Abschlussbandes der „Old-Filth-Trilogie“ von Jane Gardam bildet.

Nach Betty Feather und wenige Jahre danach Terry Veneering ist nun Old Filth selbst, der ehemalige Kronanwalt Edward Feathers bei einem Besuch in seiner alten Heimat Malaysia ums Leben gekommen.

Seine Kindheit als Raj-Waise, sein zunächst unglückliches Aufwachsen in einer Pflegefamilie in England, seine glückliche Ausbildung in „Sirs“ Schule, seine Studien, die Ehe mit Betty und die langen Jahre in Hongkong, schließlich die Rückkehr ins beschauliche Dorset und der dortige Lebensabend waren Teil der ersten beiden Bände. Waren es in ihnen bereits die unterschiedlichen Perspektiven, der gänzlich andere Blick auf dieselben Begebenheiten, die immer wieder neue Aspekte und ganz andere Wahrheiten zutage förderten, setzt Jane Gardam dies in diesem dritten Band fort.

Munter springt sie wie gewohnt in Vor- und Rückblenden durch Zeit und Ort, variiert Tempo und Rhythmus und durchaus auch mal die Erzählform. Das geschieht aber so gekonnt und unspektakulär wie die ganze Geschichte daherkommt. Die Figuren sind durch die letzten beiden Bücher so vertraut geworden (dabei sind beide genauso schmal wie der vorliegende Band), dass man sie zu kennen glaubt, sie erscheinen so real, dass man der Autorin auch schier Unglaubliches bereitwillig abkauft, z.B. die Anhäufung von durch ihre Geschichte lose verbundene Personen in demselben kleinen Ort in Dorset.

Es sind vor allem die ehemaligen – und „Letzten Freunde“ Dulcie und Fiscal-Smith, die hier Raum bekommen. Sie waren zuvor eher Nebenfiguren, ein vorsichtiges Rückblättern (das ebook macht es möglich), wie oft sie tatsächlich bereits in Band 1 und 2 auftauchten – im wahrsten Sinne aber Randfiguren.

Hier lernen wir sie näher kenne, beide bereits in sehr weit fortgeschrittenem Alter und mit allerhand Absonderlichkeiten und Macken gesegnet. Jane Gardam stellt sie uns mit schonungsloser Ironie, aber auch sehr warmherzig vor. Sie entblößt diese Menschen, die doch alle so sehr um die äußere Form bemüht sind, so „very british“, nie ganz, greift aber immer zum stets leicht schwarzen Humor (wohl auch „very british) und dem von ihr so gepflegten Wortwitz (wie immer wunderbar übertragen von Isabel Bogdan).

Neben Dulcie und Fiscal-Smith ist es aber der verstorbene Terry Veneering, auf den hier noch einmal ein besonderes Licht geworfen wird. Der im ersten Band, der aus der Sicht von Edward Feathers geschrieben ist, stets leicht zwielichtig erscheinende, großspurig auftretende Erzrivale, der im zweiten, „Bettys“ Band als bewunderungswürdig und liebevoll beschriebene Mann, zeigt sich hier erneut von einer anderen Seite. Die Armut und Tristesse seiner Kindheit wird erzählt, seine Einsamkeit, seine unglückliche Ehe, der Verlust seines Sohnes.

Das alles in der von Jane Gardam so meisterhaft beherrschten kunstvollen Verknappung – auch „Letzte Freunde“ umfasst gerade mal 240 Seiten.

Die Old-Filth-Trilogie gibt sich als Abgesang auf das British-Empire, dessen Nachhut so langsam aber sicher wegstirbt. Dass sie so hoffnungsfroh endet, ist irgendwie tröstlich.

Einige Kritiker bemängeln den vorliegenden letzten Teil als den schwächsten. Sicher fehlt die überraschende Neuheit des „Untadeligen Mannes“, aber davon abgesehen ist „Letzte Freunde“ wieder ganz auf dessen Höhe. Auch wenn dieser und „Eine untreue Frau“ nicht zwingend vorausgesetzt sind, empfiehlt es sich dringend, alle drei Bände in ihrer Reihenfolge zu lesen.

Jane Gardam – Letzte Freunde

Hanser Berlin Oktober 2016, gebunden, 240 Seiten, € 22,00

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

3 Kommentare zu „Jane Gardam – Letzte Freunde“

    1. Dein Kommentar war irgendwie in den Spam-Ordner gerutscht, aber hier ist er.
      Ich mochte die Jane Gardam Trilogie richtig gern. Der zweite Teil ist vielleicht etwas schwächer, aber alle haben so einen bestimmten Humor, eine schlichte Kunstfertigkeit und wenn man ein wenig anglophil ist, dann können sie eigentlich nur gefallen.

      Gefällt 1 Person

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