Sylvie Schenk – Schnell, dein Leben

 

Sylvie Schenk - Schnell dein Leben

„Deine Kindheit ist eine kaum verblasste Musik. Man kann die Noten hintereinander staccato anklopfen oder jeder Zeit lassen, sich zu einer gebundenen Melodie auszudehnen.“

Sylvie Schenk macht in ihrem autobiografisch geprägten Roman eher ersteres: in 34 kurzen Kapiteln mit ebenso kurzen prägnanten Überschriften (Mädchen, Die Moral, Die Natur etc.) bei gerade mal 160 Seiten komprimiert sie ein Leben in eindringliche Szenen. Und dennoch gelingt ihr zugleich zweites, denn die kleinen Mosaiksplitter, die sie aus dem Leben Louises erzählt, ergeben insgesamt ein zwar verdichtetes, aber eben auch rundes Bild auf ein Leben und eine bestimmte Epoche unserer Geschichte.

Louise, Schenks Alter Ego, wächst in den 50er Jahren in den französischen Alpen auf, eng verbunden mit der Natur. Der Vater scheint ein eher grämlicher Zahnarzt gewesen zu sein, die Mutter eine sanfte, zurückhaltende Frau, die den Mann stets um Haushaltsgeld bitten musste und sehr unter der Zurückweisung durch dessen begüterte Familie litt. Sie stammte zwar auch aus „Gutem Haus“, war aber „nur“ Adoptivkind. Die Eltern stritten oft, worauf ihre von den Familien abgelehnte Ehe gründete, erschließt sich kaum.

Louises Kindheit war keine unglückliche, dennoch wurden ihr früh einige Härten klar. Neben den unglücklichen Eltern hatte sie früh einen Blick auch für soziales Elend, erzählt von der

„Schlucht, in die die Menschen springen, wenn sie ihr Unglück nicht mehr ertragen können. Das Unglück heißt Armut, Hunger, Schmutz, Gewalt, Kälte, vor allem Kälte.“

Auch „die autoritäre Welt der Erwachsenen und die drohenden, schwarzen Gestalten der Schule“ waren ihr schon als Kind bewusst, ebenso ihr Wunsch, lieber ein Junge als ein benachteiligtes Mädchen zu sein.

Louise geht zum Studium nach Lyon und lernt dort eine bunt gemischte Gruppe junger Leute kennen – Francine, mit der sie eine lebenslange Freundschaft verbinden wird, der Chinese Soon, der deutsche Pharmazie-Student Johann und der düstere, faszinierende Henri, dessen Eltern als Partisanen während der Besatzungszeit von den Deutschen ermordet wurde.

Damit kommt eines der großen Leitthemen dieses Lebens und dieses Buches auf: das nach dem Krieg schwierige Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland, die vorsichtige, aber entschlossene Wiederannäherung, die zu einer verlässlichen Völkerfreundschaft und stabilen Partnerschaft führte. Ein Prozess, der gerade heute, wo er als so selbstverständlich und oft genug gering geachtet wird, gar nicht ausreichend gewürdigt werden kann.

Denn trotz großer Anziehung zwischen Henri und Louise entscheidet sie sich letztendlich für den zuverlässigen, heiteren Johann und zieht mit ihm nach Deutschland.

„Du hast dich immer so gefühlt: als nicht dazugehörend. (…) Ein Fuß drinnen, ein Fuß draußen, dazugehören, aber doch anders sein.“

Louise wird Lehrerin, bringt Zwillinge zur Welt, wundert sich manches Mal über die deutsche Lebensart und bei ihrem Mann über „seine von dem Vaterland unterdrückte Lebenslust“

„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, das ist seine so deutsche Devise.“

Viele Klischees vom düsteren Deutschen und der Leichtigkeit der Franzosen tauchen auf. Die 50er und 60er Jahre waren aber auch voll davon.

Und das Düstere liegt auch auf Johanns Familie, so wie es aber auch auf der Louises lag. Sprach man dort niemals von der Herkunft der Mutter, so wird hier überhaupt viel geschwiegen. Das Schweigen lastet schwer, wie wohl in der Nachkriegszeit auf den meisten deutschen Familien. Und auch hier lauert ein wohlgehütetes Geheimnis, wie so oft die Taten von Johanns Vater im Zweiten Weltkrieg betreffend. Dessen Lüftung bringt schließlich auch Johann und Louise näher zusammen. So sind die letzten Abschnitte des Buches ihm und seiner Kindheit gewidmet.

Keine wirklich neue Geschichte. Sie wird sich so oder ähnlich unzählige Male abgespielt haben, wenn auch vielleicht ohne den Deutsch-Französischen Hintergrund. Dennoch ist Sylvie Schenk ein besonderes Buch gelungen.

Das liegt zum einen an der Klarheit und Ruhe, mit der die Autorin erzählt, diskret, fast alles schmückende Beiwerk vermeidend und gerade dadurch eine sehr eindringliche Kraft und Intensität entwickelnd.

Es ist ferner der Blickwinkel der Erzählerin als Französin in Deutschland – fremd und doch vertraut.

Und schließlich ist es natürlich die besondere Erzählperspektive, die Sylvie Schenk wählt: Es ist die zweite Person Singular – Du. Wie schon der Titel verrät, spricht die Erzählerin die Protagonistin mit Du an, und meint doch sich selbst. Ein Selbstgespräch, eine gewählte Halbdistanz, die, wie die Autorin im Gespräch verriet, nicht geplant war, sondern sich so ergeben hat, da alles andere falsch klang. Das durchgehend gewählte Präsens unterstreicht die Dringlichkeit und Unmittelbarkeit zudem.

Sylvie Schenk gelingt mit „Schnell dein Leben“ ein ergreifender und nachhallender Blick auf diesen Augenblick, den wir Leben nennen.

„Und ich habe euch alle erkannt, dich, Francine, Johann, Henri und weiter Menschen, die in Les Deux Pianos verkehrt hatten und die längst aus unserem Leben verschwunden waren (…). Der Regen, den wir zuerst alle jubelnd empfingen, wurde immer heftiger (…) und fühlte, wie dieser Regen in einen heftigen Sturm überging, sich zu einem Wirbelsturm erhob, sich zu einer Sintflut steigerte, und wusste, dass mein Leben, unser Leben, so kurz das Leben, zu Ende war.“

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

2 Kommentare zu „Sylvie Schenk – Schnell, dein Leben“

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