Richard Yates – Eine letzte Liebschaft

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Neun letzte, bisher noch nicht in Buchform veröffentlichte Erzählungen des 1992 verstorbenen großen amerikanischen, zu Lebzeiten leider nie angemessen erfolgreichen Erzählers.

Yates ist der Meisters der erzählerischen Verdichtung, der Aufspürer auch feinster Risse in der Existenz, der gnadenlose und doch so mitfühlende Beobachter der ganz alltäglichen Selbsttäuschungen.

Es sind die Bewohner der US amerikanischen Suburbias, oft Ehepaare, meist weiße Mittelschicht, die seine Erzählungen wie seine Romane bevölkern. Es sind die, die sich bemühen, den großen amerikanischen Traum vom individuellen Glück zu verwirklichen, auch wenn sie sehr deutlich merken, wie schwierig, wie aussichtslos das für viele von ihnen ist, wieviel Gegenwind ihnen entgegen weht.

Die undatierten Geschichten dieses Bandes spielen in den fünfziger Jahren. Man merkt sehr deutlich den Anpassungsdruck, die herrschende Prävalenz des positiven Denkens, den unbedingten Willen zum Aufstieg, die auch schon Willy Loman in „Tod eines Handlungsreisenden“ umgetrieben haben und die in den meisten Texten Richard Yates regieren. Die Figuren sind voller unerfüllter Sehnsüchte, und sind auch die Hoffnungen bei den meisten bereits ziemlich gedämpft, droht stets ihr Scheitern, das Zerplatzen auch ihrer bescheidenen Träume.

Es steckt wohl auch viel autobiografische Bitternis in Richard Yates Texten. Erfolglosigkeit, familiäres Unglück, fortschreitende ernste Erkrankungen, Alkoholismus, finanzielle Schwierigkeiten bestimmten vor allem die späteren Lebensjahre. In den hier vorliegenden Erzählungen bekommen die Erfahrungen als Soldat im Zweiten Weltkrieg und die daraus mitgebrachte Tuberkuloseerkrankung eine große Rolle. Fünf der neun Geschichten haben in irgendeiner Form damit zu tun.

Eine der am meisten berührenden und dabei mit fünf Seiten Umfang kürzesten Erzählung „Glocken am Morgen“ erzählt von zwei Soldaten, die an der Front in einem Erdloch hocken. Ausgekühlt und schlammverkrustet kochen sie sich eine Tasse Kaffee, als sie Kirchenglocken läuten hören. Es ist April 1944, könnte das das Kriegsende sein? Nach kurzer Zeit der Hoffnung erinnern sich die Beiden: nein, es ist der Ostersonntag, der auch im Krieg mit Glockengeläut gefeiert wird. Ein Glanzstück an Reduziertheit, völlig schnörkellos und doch ergreifend.

Andere Geschichten spielen in Lazaretten und Tuberkulosestationen, eine weit nach dem Krieg auf einer Party, wo sich zwei ehemals in derselben Division dienende Soldaten treffen und die Frau des einen so gerne hätte, dass auch ihr Mann von seinen Heldentaten erzählen würde. Allein, ihn plagen nur ungute Erinnerungen.

Diese Missverständnisse zwischen Ehepartnern, zwischen Mann und Frau, auch sie geprägt von Hoffnungen und ihren Enttäuschungen, von meist unausgesprochenen Sehnsüchten, sind ein bestimmendes Thema bei Richard Yates. Nicht selten führen sie zu verzweifelten Ausbrüchen, starkem Alkoholkonsum oder zu unterschwelligen Aggressionen.

„Betty, sagte Miller. Tust du mir einen Gefallen? Er beobachtete, wie sich ihr Stirnrunzeln im Licht der vorbeigleitenden Straßenlaterne in einen gekränkten Blick verwandelte. Halt den Mund. Halt bitte einfach den Mund“.

Nicht von ungefähr erinnert das an Raymond Carvers großartigen Erzählungsband „Würdest du bitte endlich still sein, bitte“.

Ob Lebenskrise oder Alltagssituation, Richard Yates schafft in seinen kunstvoll knappen, völlig unspektakulären Stories ein beeindruckendes Gesellschaftsbild der USA der damaligen Zeit und verhandelt gleichzeitig zeitlose Themen.

Er erzählt mit so vielen Zwischentönen, beobachtet so messerscharf, ohne seine Figuren jemals zu denunzieren, zeichnet ein solch abgründiges Bild der menschlichen Existenz wie in all seinen Romanen und Erzählungen, die jetzt bei DVA komplett vorliegen.

Richard Yates - Eine letzte Liebschaft

Ich danke DVA für das Rezensionsexemplar!

Richard Yates

Eine letzte Liebschaft

Short Storys

Aus dem Englischen von Thomas Gunkel

DVA September 2016, gebunden, 208 Seiten, € 19,99

 

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

3 Kommentare zu „Richard Yates – Eine letzte Liebschaft“

  1. Mit Yates rennst Du bei mir offene Türen ein – ich hab mich mit anhaltender Begeisterung durch sein Gesamtwerk gelesen. Und auch wenn vieles thematisch ähnlich ist – mir wurde keine Zeile langweilig oder zuviel. Ja, gerade diese Mischung aus Zynismus, Bitterkeit und Empathie für seine Figuren zugleich, die tat es mir auch sehr an. Ich verlinke mal auf meine letzte Liebschaft: https://saetzeundschaetze.com/2016/11/25/richard-yates-eine-letzte-liebschaft/
    Viele Grüße, Birgit

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Petra,

    ich mag Richard Yates sehr. Mein erster Roman von ihm war „Zeiten des Aufruhrs“, den ich großartig fand. Auch „Eine strahlende Zukunft“ hat mir sehr gefallen.

    Daher freut es mich umso mehr, dass du auf diese Short Story Sammlung von Yates aufmerksam machst und sie darüber hinaus auch noch exzellent rezensierst.

    Danke für den Tipp!

    Liebe Grüße

    Rosa

    Gefällt 1 Person

    1. Richard Yates Romane und Erzählungen ähneln sich in der Thematik und Tonlage sehr. Ich lese sie aber tatsächlich immer wieder ausgesprochen gerne. Ich kann dir auch „Cold Sprin Harbour“ sehr empfehlen. Liebe Grüße!

      Gefällt mir

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