Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben

Es ist schwer, über ein Buch zu schreiben, das im Moment in aller Munde ist. Einige Leser diskutieren die Optionen Weiterlesen oder Abbrechen. Das war für mich nie die Frage, obwohl der Text dem Leser so einiges zumutet.

Da ist natürlich zunächst der schiere Umfang des Textes, 958 Seiten, die müssen erst einmal gelesen werden.

Aber viel schwerer zu bewältigen ist das, worüber Hanya Yanagihara in „Ein wenig Leben“ schreibt. Das Buch ist mit so viel Leid, Trauer, Grausamkeit, Ungerechtigkeit und Verzweiflung angefüllt, dass es das Lesen wirklich zu einer Herausforderung macht, an den Nerven zehrt und die Leserin tatsächlich so manches Mal an ihre Grenzen führt.

Andererseits sind aber auch so viel Liebe, Wärme, Freundschaft und Solidarität enthalten, dass es stellenweise ganz hell erstrahlt. Helles Licht und absolute Düsternis – an den Graustufen dazwischen lässt uns die Autorin weniger teilhaben.

Worum geht es? Zu Beginn wird eine Freundschaftsgeschichte erzählt. Vier junge Männer lernen sich auf dem College kennen, teilen sich ein Zimmer, viel Zeit und unzählige gemeinsame Erlebnisse. Es soll, mit einigem Auf und Ab, eine Freundschaft fürs Leben werden. Zunächst lernen wir die Vier auch gleichberechtigt kennen, den aus reichem Haus stammenden zuverlässigen, bodenständigen Malcolm, den etwas leichtfertigen, lebensfrohen Jean-Baptiste, JB genannt, dessen alleinerziehende Mutter sich mit viel Einsatz nach oben gearbeitet hat, den aus einer provinziellen, verarmten Farmerfamilie ausgebrochenen Willem und den rätselhaften, zurückgezogenen Jude.

Sehr bald fokussiert sich die Geschichte aber auf das besondere Verhältnis zwischen Willem und Jude und wird letzterer und seine tragische Geschichte immer mehr Mittelpunkt des Romans.

Jude wurde als Neugeborenes im wahrsten Sinne des Wortes weggeworfen, wuchs nacheinander in einem Kloster und einem Heim auf. Unsagbares geschieht ihm sowohl in dem einen wie in dem anderen. Doch die Flucht aus beiden Einrichtungen zieht Jude jeweils in noch größeres Leid. Gewalt, Erniedrigung, Missbrauch und ein traumatisches Erlebnis, das zu lebenslanger Behinderung und regelmäßig auftretende Schmerzen führt, bestimmen sein Leben bis zu seinem 15. Geburtstag. Unsagbares, denn Jude wird über das ihm zugefügte Leid niemals wirklich sprechen können. Er ist hoch traumatisiert, verweigert sich aber einer möglicherweise hilfreichen Therapie. Aber wäre sie hilfreich? Wieweit kann hier überhaupt noch medizinisch geholfen werden? Jude jedenfalls verschließt sich, verdrängt, versucht zu vergessen und wird doch allein schon wegen seiner körperlichen Einschränkungen immer wieder an seine Vergangenheit erinnert. Einzig dem befreundeten Arzt Andy öffnet er sich ein wenig.

Durch seine ungewöhnliche Intelligenz und eine gehörigen Portion Glück schafft Jude eine atemberaubende Karriere als Anwalt, findet nicht nur in den anderen drei Jungen großartige, stets solidarische Freunde, sondern auch in seinem Professor an der Universität, Harold, und seiner Frau Julia eine wunderbare Ersatzfamilie.

Freundschaft, beruflicher Erfolg, Liebe, Reichtum und Anerkennung tun ihm gut, aber können niemals seine schrecklichen Erinnerungen vergessen lassen. Das kann für Momente nur selbst zugefügter Schmerz. Die Schilderungen dieser Autoaggressionen, dieses tiefen, tiefen Selbsthasses gehören auch für die Leserin zu den schmerzhaftesten Abschnitten in diesem zutiefst schmerzhaften Buch. Die Autorin geht so dicht ran, schildert so explizit. Das muss man als Leser aushalten können.

Die Unüberwindbarkeit des kindlichen Traumas, die Tatsache, dass weder Erfolg, Geld, noch nicht einmal Freundschaft oder gar reine, aufrichtige Liebe in irgendeiner Form Verletzungen lindern können, widerspricht allen Hoffnungen, die man gemeinhin so hegt. Und auch die Zeit heilt keine Wunden, vergehen doch die Jahrzehnte, ohne dass Vergessen möglich wäre.

Das steht so eklatant im Widerspruch zu der Vorstellung von der Machbarkeit des Glücks, des gelungenen Lebens und gewiss zum amerikanischen „Pursuit of Happiness“.

Dabei enthält das Buch so viel von dem, was für Viele das „gute Amerika“ ausmacht. Das Streben nach Erfolg, die Freiheit zu tun, was einem liegt, Freundschaft, kulturelle und ethnische Vielfalt, Selbstentfaltung.

„Doch dies war die Ära der Selbstverwirklichung, in der es als willensschwach und schändlich galt, sich mit etwas Geringerem als dem absoluten Lebenstraum abzufinden.“

Dabei spielt das Buch natürlich in einem ganz besonderen New Yorker Milieu.

„Ganz New York war von den Ambitionierten bevölkert. Oft war es das Einzige, was die Menschen hier gemeinsam hatten.“

Geld spielt hier keine Rolle. Ob als Anwalt, Architekt, bildender Künstler oder erfolgreicher Schauspieler, die vier Freunde bringen es zu was. Apartments rund um die Park Avenue oder in hippen Künstlervierteln, Landhäuser in Conneticut, Vernissagen, Partys und Dinner sind die Schauplätze. Man jettet rund um die Welt und trifft sich auch mal zum Geburtstagskaffee in Paris. Familie, Ehe, lockere Partnerschaft oder auch ständig wechselnde Beziehungen – alle Lebensformen sind gleichberechtigt möglich. Dieses Milieu existiert tatsächlich in bestimmten Biotopen der Stadt, hier sind ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung oder Abweichungen von der Norm belanglos. Es ist ein Lebensstil, wie Hanya Yanagihara im Interview sagte, der allem entgegensteht, was durch den neuen amerikanischen Präsidenten propagiert wird. Einem Präsidenten, der Sinnbild sei für das „alte Amerika“, das hier in einer letzten Kraftanstrengung noch einmal die Macht an sich reißt, bevor es vergeht.

„In dem New York, das Malcolm und seine Familie bewohnten, verliefen die Trennlinien nicht zwischen Schwarz und Weiß, sondern zwischen Steuerklassen“

Andererseits ist diese Welt natürlich extrem weit von der Lebenswirklichkeit der meisten Amerikaner entfernt. Diese werden sich in dem Buch wohl kaum wiederfinden.

Hanya Yanagihara erzählt ihre Freundschaftsgeschichte über dreißig Jahre. Sie blendet zurück in die Kindheit und Jugend, spult vor und zurück, raunt dem Leser zu „Später, als es richtig schlimm wurde…“ und greift damit tief in die erzählerische Trickkiste. So weit wie die Kritikerin Ursula März, die darin Anleihen an die Trivialliteratur sieht, möchte ich nicht gehen, aber ihr zustimmen, dass Yanagiharas Schreiben schon ein wenig manipulativ ist. Sie weiß jedenfalls, wie man den Leser an den Text bindet.

Dabei sind ihre Sache die großen Emotionen. Furchtbare Dinge beschreibt sie sehr detailliert, erzählt fast in Echtzeit, geht so nah ran, dass es weh tut. Auf der anderen Seite sind die guten Momente im Roman oft ein wenig zu schön. Besonders in der Schilderung der Freundschaften wird es gern opulent.

Hanya Yanagihara ist ein Anwalt der Freundschaft. Diese selbstgewählte Gemeinschaft strahlt über alles hinweg, ersetzt auf deutlich stabilere Art und Weise die traditionelle Familie. Und doch sinnieren ihre Figuren immer wieder auch über Kinderlosigkeit.

„Ohne Kinder, was ist da der Sinn des Ganzen? Stellt ihr euch die Frage nie? Woher sollen wir wissen, dass unser Leben irgendeinen Sinn hat?“

Der Sinn des Lebens, der Wert des Lebens ist das große Thema des Romans. Die unglaubliche Verletzlichkeit des Menschen, das Leid, das ihm, vor allem durch Seinesgleichen zugefügt werden kann. Aber auch die Würde, die in jeder einzelnen Existenz liegt. Jude fällt es schwer, diese Würde in seinem eigenen Leben zu finden.

„Und auch wenn er sich nicht den Kopf darüber zerbrach, ob sein Leben einen Wert hatte, hatte er sich doch immer gefragt, warum er, warum so viele andere überhaupt weiter lebten; es fiel ihm mitunter schwer, sich selbst dazu zu bewegen, und doch lebten so viele Menschen, so viele Millionen, Milliarden von Menschen, in unvorstellbarem Elend, waren mit Entbehrungen und Krankheiten von obszönem Ausmaß konfrontiert. Und machten unverdrossen immer weiter. War ihr Wille zum Weiterleben vielleicht gar keine bewusste Entscheidung, sondern ein evolutionäres Programm?“

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„Er hätte es als Traurigkeit bezeichnen können, aber es war keine mitleidige Traurigkeit; es war eine umfassender Traurigkeit, eine, die all die armen, strebsamen Menschen einzuschließen schien, die Milliarden, die er gar nicht kannte, die alle ihr Leben lebten, eine Traurigkeit, in die sich Verwunderung und Ehrfurcht angesichts dessen mischten, wie sehr sich die Menschen allerorten anstrengten zu leben, mochten ihre Tage noch so hart, ihre Lebensumstände noch so ungünstig sein. Das Leben ist so traurig, dachte er in solchen Momenten. Es ist so traurig, und trotzdem tun wir es alle. Wir hängen alle daran; wir suchen alle nach etwas, das uns Trost spenden kann.“

Für Jude liegt dieser Trost oft nur in der Selbstverletzung. Obwohl er danach giert zu hören,

„dass sein Leben, so unbegreiflich es auch sein mag, trotz allem ein Leben ist.“

Trotz allem ein Leben. Und so wird Hanya Yanagiharas Buch neben dem Lob der Freundschaft zur großen Feier des Lebens in all seinen Ausprägungen, einer  Verteidigung seiner Würde, einer unbedingten Anerkennung seines Wertes. Und ein Zeugnis seiner Zerbrechlichkeit.

Ein Buch mit einer großen Aussage. Ein großes Buch!

Weitere Besprechungen findet man bei LeseschatzLetteraturaletusreadsomebooks

Ich danke dem Hanser Berlin Verlag für das ebook-Rezensionsexemplar!

 

Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben
übersetzt von Stephan Kleiner

Hanser Berlin Januar 2017, Fester Einband 960 Seiten, 28,00 €

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

2 Kommentare zu „Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben“

    1. 4321 habe ich erst einmal zurückgestellt. Nicht weil es mich weniger interessiert, sondern weil es für mich DIE Neuerscheinung dieses Frühjahr ist. Ich möchte dafür genug Zeit haben. Ich hoffe, meine Erwartungen sind nicht zu hoch. Liebe Grüße, Petra

      Gefällt 1 Person

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