Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

„Auch wenn es um die grässlichsten Verbrechen geht, hat man das Bedürfnis, etwas zu verstehen, sich irgendwie ein wenig zum Verteidiger zu machen, hier und da ein bisschen Mitleid aufzubringen. Mit Pauline, diesem harten Biest, funktioniert das nicht. Sosehr ich es befrage, mein Herz bleibt kalt.“

Wer ist diese Pauline Dubuisson, die der französische Journalist und Autor einer Serie über berühmte Kriminalfälle Frankreichs in „Paris Match“, Jean Cau, fast vierzig Jahre nach ihrer Tat, im Jahr 1991, noch so harsch verdammt? Vielleicht trägt zu Caus rigorosen Urteil die Tatsache bei, dass Cau einst Mitglied der Résistance war.

Denn eines der großen Verbrechen dieser Pauline Dubuisson, 1927 nahe Dunkerque geboren, war, auch wenn das bei ihrem spektakulären Prozess 1953 allenfalls als Vorgeschichte taugte, die Tatsache, dass sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als gerade mal Sechzehnjährige ein Jahr lang ein Verhältnis mit einem deutschen Militärarzt und damit Besatzer hatte. Nach der Befreiung, die für sie keine war, entging sie nur knapp dem Lynchmord durch Mitglieder der Résistance, wurde, wie damals üblich, als Kollaborateurin kahl geschoren, verfemt und gequält. Wie nah Gut und Böse liegen, wie schnell die heroischen Résistancekämpfer sich ihrerseits in rachedurstige, unmenschliche Bestien verwandeln konnten, erschüttert zutiefst.

Auch eine Rolle bei ihrem Prozess spielte Dubuissons schlechter Leumund. Bereits als knapp Vierzehnjährige unterhielt sie angeblich schon diverse sexuelle Beziehungen. Das war für die damalige Sexualmoral schwer erträglich.

Die eigentliche Anklage beruhte aber auf einem Tötungsdelikt. 1951 erschoss Pauline ihren Ex-Verlobten im Affekt, wie sie zunächst aussagte, mit kaltem Vorsatz, wie die Anklage behauptete. Ihr drohte die Todesstrafe.

Jean-Luc Seigle nimmt sich diesen historischen Fall nun vor und schlüpft in die Haut Paulines. Im selben Jahr der Erstveröffentlichung von „Je vous écris dans le noir“, 2015, erschien ebenfalls in Frankreich ein biografischer Roman von Philippe Jaenada: La Petite Femelle, der ebenfalls den Fall Dubuisson zum Thema hat.

Was fasziniert diese Autoren so an dieser jungen Frau und ihrem Verbrechen, dass sie dies sechzig Jahre danach erneut thematisieren? Bereits 1960 inspirierte der Fall bereits  Henri-Georges Clouzot zu seinem Film „Die Wahrheit“, mit Brigitte Bardot in der Hauptrolle. Auch dieser war ein Versuch, etwas wie späte Gerechtigkeit zu schaffen. Auch wenn diejenige, der da Gerechtigkeit verschafft werden sollte, unter der Verfilmung und der dadurch hochkochenden Aufmerksamkeit erneut zu leiden hatte.

Sicher ist es die Chancenlosigkeit Paulines im Gerichtssaal. Eine von Männern dominierte Gerichtsbarkeit und Öffentlichkeit, die den Lebenswandel der jungen Frau, besonders auch ihre Affäre mit dem deutschen Arzt hart und unerbittlich verdammte und Misogynität aus allen Poren ausschwitzte, verurteilte sie schon weit vor Prozessende. Sie wurde zur „Messalina der Krankenhäuser“, zu der „Berüchtigten“, der „blutrünstigen Arroganten“. Zermürbt gestand die Angeklagte schließlich, vorsätzlich gehandelt zu haben. Dass das Todesurteil trotzdem in lebenslange Haft umgewandelt wurde, hatte Pauline wohl der einzigen weiblichen Geschworenen zu verdanken. Nach ihrer Begnadigung beendete Pauline Dubuisson ihr Medizinstudium und wurde Ärztin.

Bei Jean-Luc Seigle begegnen wir der ihr in Essaouira. Sie ist, erneut erschüttert durch die Veröffentlichung der „Wahrheit“, des Films, der zwar den Umständen des Verbrechens näher kam als die Verhandlung, die Täterin aber auch als narzisstisches, triebhaftes Geschöpf darstellte, nach Marokko geflohen. Dort kam sie langsam zur Ruhe und fand eine neue Liebe. Diesem Mann, der ihr die Ehe antrug, fühlt sie sich zur Wahrheit verpflichtet. Sie schreibt ihm auf, was geschehen ist, hofft auf sein Verständnis.

Diese Aufzeichnungen bekommen wir als Leser nun zu Gesicht. Pauline erzählt darin von ihrer Kindheit, der hingebungsvollen Liebe zu ihrem Vater, dem Unglück, das über die Familie hereinbricht, als zwei ihrer Brüder im Weltkrieg sterben, schildert die Verzweiflung ihrer Mutter, ihre Suche nach Liebe und Anerkennung und nach Erlösung von ihrem Schmerz, den sie in frühen sexuellen Abenteuern suchte, erwähnt den mehr als sanften Druck des Vaters, den „Kontakt“ zu den Deutschen zu pflegen, um eigene Vorteile für seine Geschäfte zu erlangen, berichtet über ihre Begeisterung für die Medizin.

Der Einstieg ins Buch hat mich noch nicht vollends überzeugen können. Seigle gelingt es bei aller stillen Einfühlung in seine Protagonistin nicht wirklich, ihre Beweggründe deutlich zu machen. Besonders warum eine knapp Vierzehnjährige wahllose anonyme Sexabenteuer suchen sollte, hat sich mir nicht ganz erschlossen. Hingegen konnte ich ihre Neigung zu dem viel älteren deutschen Arzt, der ihr Interesse und Unterstützung bei ihren medizinischen Studien entgegenbringt, gut nachvollziehen.

Besonders eindringlich wird Seigle aber in den Schilderungen von Paulines Martyrium nach der Befreiung, ihre tiefe Demütigung und langsame Gesundung, ihre Erschütterung, als ihre große Liebe sie, nachdem sie ihm davon erzählt, verurteilt und verlässt.

Jean-Luc Seigle erzählt davon leise und eindringlich, durch die gewählte Ich-Perspektive ganz nahe an Pauline dran. Die weibliche Sicht gelingt ihm dabei überwiegend hervorragend.

„Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“, dieser berühmte Satz William Faulkners trifft auch für Pauline zu. Das muss sie bitter erfahren. Am 22.September 1963 nimmt sie sich in Essaouira das Leben.

„Leider haben die Biografen Paulines Lebensgeschichte ganz auf diese Zeitspanne (Anmerkung: des Prozesses) ausgerichtet; sie beschränken sich auf die Fakten, sie belasten Pauline ihrerseits. Ich glaube, das ist ein Verbrechen der Literatur, es sei denn, man nimmt es als Paradox hin, dass eine Biografie im Unterschied zum Roman am Leben vorbei schreibt. Paulines Geschichte darf, wie alle Geschichten, nicht nur an den Fakten entlang erzählt werden, sie muss das Verborgene ihres Lebens ergründen, nicht nur ihre Kindheit und ihre Träume, sondern das Verborgene der Kindheit und das Verborgene ihrer Träume.“

Diesem „Verbrechen der Literatur“ versucht Jean-Luc Seigle entgegenzutreten. Es gelingt ihm beeindruckend und bewegend.

 

Ich danke dem C.H.Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Aus dem Französischen von Andrea Spingler

C.H.Beck Januar 2017, gebunden, 207 Seiten, 19,95 €

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

2 Kommentare zu „Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln“

  1. Liebe Petra,
    eine sehr schöne, gehaltvolle Rezension (wie immer)!
    Du hast mich neugierig gemacht – ich habe mir das Buch gestern gekauft. Ich bin gespannt und werde berichten.
    Viele Grüße
    Rosa

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