Paul Auster – Winterjournal

Bild: New York by Jacrot Christophe on Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

„Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist. Schließlich verrinnt die Zeit. Vielleicht solltest du deine Geschichten fürs Erste einmal beiseite legen und zu ergründen versuchen, wie das für dich war, in diesem Körper zu leben – vom ersten Tag , an den du dich erinnern kannst, bis heute. Ein Katalog der Sinnesdaten. Was man eine Phämenologie des Atmens nennen könnte.

Zur Zeit der Entstehung des Winterjournals 2011 ist Paul Auster gerade 64 geworden, in den „Winter seines Lebens“ eingetreten. So viele seiner Familienangehörigen, Freunde und Weggefährten leben nicht mehr. Nicht zum ersten Mal Zeit, sich seines eigenen Lebens zu vergewissern, sich zu erinnern. Immer wieder tauchten auch in der Vergangenheit autobiografische Texte in Austers Werk auf, nicht zuletzt begann mit einem solchen, „Der Erfindung der Einsamkeit“ seine Karriere als Prosaschriftsteller, nachdem er einiges an Lyrik vorgelegt hatte. Auch in seinen Romanen findet man viel Material aus Austers eigenem Leben. Dieses in seinen autobiografischen Schriften wiederzufinden, ist ein Mehrwert bei der Lektüre.

Das „Winterjournal“ geht nicht chronologisch vor. Es springt vielmehr in den Zeiten und den Lebensorten, erzählt assoziativ. Beginnend bei einem Schneesturm in Brooklyn wandern Austers Erinnerungen zunächst in die Kindheit. Kleine Momentaufnahmen, Bruchstücke, prägende und unvergessene Situationen, Leitmotiven seines Lebens, oft auch Momente, an denen der Autor (vermeintlich) scheiterte. Hier versucht jemand, Ordnung ins Chaos des eigenen Lebens zu bringen. Eine Selbstvergewisserung an einem Punkt im Leben, an dem man die Zielgerade bereits vor Augen hat.

Dieser persönliche Ansatz wird auch dadurch unterstützt, dass Paul Auster durchgehend in der zweiten Person mit sich spricht. Das erzeugt eine ungeheure Privatheit, eine Vertrautheit mit dem Leser. Gleichzeitig verdeutlicht es aber auch die Diskrepanz, die zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung besteht, aber auch zwischen dem kindlichen Ich und dem des Autors in vorgerücktem Alter. Austers Reflexionen über das eigene Leben sind meist von einer tiefen Melancholie durchdrungen, auch wenn er immer wieder betont, wie glücklich sein Leben ist, zumal in der Ehe mit seiner großen Liebe, der Schriftstellerin Siri Hustvedt, die mittlerweile über 30 Jahre andauert. Auch wenn seine Kindheit und Jugend als glücklich beschrieben wird, lauert in der Rückschau stets Trauer. Die unglückliche Ehe seiner Eltern, ihre Trennung, das sind Dinge, die Auster auch heute noch beschäftigen.

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Auster y a su esposa Sra. Siri Hustvedt.  by Gobiernodechile on Flickr CC BY 2.0

Mit großer Ehrlichkeit widmet er sich auch den eigenen Unzulänglichkeiten, Situationen, in denen er nach eigener Meinung versagt hat. Viel Raum bietet er körperlichen Gegebenheiten. So zählt er alle Narben seines Körpers auf und wie sie entstanden sind, erzählt von handgreiflichen Auseinandersetzungen und immer wieder sexuellen Begegnungen, auch mit Prostituierten. Seit frühester Jugend an war er ein Mann mit großer Sehnsucht nach den Frauen.

Ein besonders schöner Abschnitt ist seinen bisherigen Wohnsitzen und den dazugehörenden Phasen seines Lebens gewidmet. Von den Vorstädten Newarks und längeren Aufenthalten in Paris und einem kürzeren an der Westküste der USA sind es immer wieder die Straßen New Yorks, die ihn beherbergen, bis er schließlich in Haus Nr. 21 in Park Slope, Brooklyn ankommt. Nach eigenen Bekunden sein Lebensort. Hier möchte er bis zu seinem Tod bleiben.

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Spring in Park Slope by karlnorling on Flickr (CC BY 2.0)

Das Thema Tod – der Tod eines Freundes durch einen Blitzschlag, den der 14jährige Auster unmittelbar miterlebt, der Tod der Großeltern, und des Vaters, der unfassbare Mord der Großmutter am Großvater, der Beinahetod der eigenen Familie bei einem schweren Autounfall. Besonders aber der Tod der geliebten, aber auch unverstandenen Mutter, einer rätselhaften Frau, eitel und herzlich, zupackend und ängstlich – kehrt immer wieder.

Austers Sprache ist eilig vorpreschend, dann wieder in Details verharrend, z.B. als er minutiös den Film D.O.A. (Death on Arrival) beschreibt, den er eines Abends sieht oder aber sich in minutiösen Aufzählungen verliert. Stilistisch ist das Buch gewohnt brillant, sein Rhythmus fließend und melodiös. Etwas, was sicher zu dem ungeheuren Sog beiträgt, den diese Aufzeichnungen auf den Leser ausüben.

So liest man diese – eigentlich oft – Alltäglichkeiten und Banalitäten eines Lebens fasziniert und interessiert.

Paul Auster kommt dem Leser sehr nahe in diesem Winterjournal, auch wenn er niemals voyeuristische Neigungen bedient.

„Das Ende des Lebens ist bitter.“

zitiert er den französischen Essayisten Joseph Joubert von 1815. Und

„Man muss liebenswert sterben (wenn man kann).“

Wahrscheinlich kann ein Mensch am Ende seines Lebens nichts Größeres leisten, mutmaßt Auster.

„Deine nackten Füße auf dem kalten Boden, wenn du aus dem Bett steigst und zum Fenster gehst. Du bist vierundsechzig Jahre alt. Draußen ist alles grau, fast weiß, die Sonne nicht sichtbar. Du fragst dich: Wie viele Morgen bleiben noch?

Eine Tür ist zugefallen. Eine andere Tür hat sich geöffnet.

Du bist in den Winter deines Lebens eingetreten.“

Zu Paul Austers 70. Geburtstag erschien ein Themenportal zum Autor auf Deutschlandradio Kultur und ein interessanten Bericht in der NZZ.

Zur Verlagsseite

Paul Auster – Winterjournal

übersetzt von Werner Schmitz

Rowohlt September 2013, gebunden, 256 Seiten, 19,95 €

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

6 Kommentare zu „Paul Auster – Winterjournal“

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