lit.COLOGNE 2017

2001 startete in Köln ein literarisches Programm, das sich als absolute Erfolgsgeschichte herausstellen sollte: Mit damals 60 Veranstaltungen an 5 Tagen noch relativ überschaubar, gelang es aber schon zu Beginn, auch große Namen der Buchbranche anzuziehen: Leon de Winter war zu Gast, Louis Begley, Jostein Gaarder, Cornelia Funke und Nick Hornby.

Ein besonderer Augenmerk lag von Anfang an auf dem Kinderprogramm, der lit.kid.cologne. Unsere Kinder waren damals leider noch zu klein für die Einlesung sämtlicher damals erschienenen vier Harry Potter Bände durch Rufus Beck. Ein Jahr später trafen wir aber Hase Felix auf dem Köln-Bonner Flughafen, gingen mit dem jungen Pablo Picasso ins Museum Ludwig, später begegnete uns der kleine Pinguin Tamino im Kölner Zoo, wir gingen mit Mozart ins Musikgeschäft und mit den Kindern von Kokolores ins Elefantenhaus. Die Kinder waren jedes Mal sehr begeistert und auch wir Erwachsenen staunten über den Einfallsreichtum des Organisationsteams.

Über viele Jahre zog es uns immer wieder zur lit.COLOGNE, trotz der einfachen Fahrtzeit von 1,5 Stunden, die wir nicht selten auch im Schneetreiben auf der Sauerlandlinie oder dichtem Nebel im Bergischen Land hinter uns brachten.

Unvergessliche Abende waren der Lohn, so zum Beispiel gleich im ersten Jahr ein gemeinsamer Auftritt von Robert Gernhardt, Max Goldt und Benjamin von Stuckrad-Barre, „Drei Generstionen deutsche Literatur“ im Gürzenich. Gerhard Polt trat mit der Grupo Converso auf, Klüpfl & Kobr blödelten sich genial durch eine Fahrt auf dem Literaturschiff und Iris Berben und Christoph Maria Herbst führten durch einen höchst amüsanten „Büroalltag“-Abend. Auf einer Veranstaltung durfte ich die von mir sehr geschätzte Zadie Smith erleben.

Die mit Abstand am meisten beeindruckende Veranstaltung war allerdings 2003 ein Abend mit Elke Heidenreich zu ihrem damals erschienenen Shakespeare Buch.

„Noch immer riecht es hier nach Blut – William Shakespeare und Macbeth“. Katharina Thalbach und Christoph Waltz lasen MacbethElke Heidenreich zeigte Fotos aus „Macbeth. Schlafes Bruder“ und Jürgen Tarrach sang, übrigens absolut großartig, Shakespeare Sonette. Ein Gänsehautabend, den ich nicht vergessen werde.

Dieses Jahr wiederholt sich die lit.COLOGNE zum 17. Mal. Mittlerweile angewachsen auf 194 Veranstaltungen an nun 12 Tagen und zwei vorgezogenen Veranstaltungen (im Januar Jonathan Safran Foer und im Februar T.C.Boyle), vermag sie es, die ganz großen Namen anzuziehen, immer wieder spannende Formate und abwechslungsreiche Veranstaltungsorte zu finden. Auf jeden Fall zu begrüßen ist es/wäre es, dass lit.COLOGNE und Leipziger Buchmesse nicht zeitgleich stattfinden (wie leider oft in den vergangenen Jahren).

Drei Veranstaltungen habe ich dieses Jahr besucht.

Im Januar durfte ich bereits Jonathan Safran Foer über seinen Roman „Hier bin ich“ sprechen hören. Die Moderation durch Dennis Scheck war allerdings für mich enttäuschend – kaum interessante Fragestellungen, wenig Erhellendes (mir kam die Frage, ob er das Buch überhaupt gelesen hatte nicht als Einziger). Dafür ein sympathischer und gut gelaunter Autor und ein großartig lesender (und vom Autor ausdrücklich dafür gelobter) Robert Dölle. Leider hat meine Kamera an diesem Abend versagt, deshalb nur ein leicht verschwommenes Foto.

Während der eigentlichen lit.cologne im März habe ich nun zwei Veranstaltungen ausgewählt. Ich muss zugeben, dass die Wahl schwer fiel, es waren einfach zu viele hochkarätige Autoren, am liebsten wäre ich zu mindestens der Hälfte davon auch gegangen. Die Auswahl bestimmt hat dann vor allem der Temin. 120 Kilometer Anreise, das ist einfach am Wochenende besser zu bewerkstelligen.

Literaturschiff lit.cologne
Literaturschiff der lit.cologne

Die Wahl fiel auf Llúis Llach, dessen Roman „Die Frauen von La Principal“ ich letztes Jahr sehr gerne gelesen habe. Die deutschen Passagen wurden von Iris Berben gelesen, deren Auftritte bei der lit.cologne schon immer hochklassig waren. Und auch an diesem Abend auf dem Literaturschiff war sie trotz anhaltender Bronchitis gewohnt souverän, ausdrucksstark und ungemein sympathisch. Das Empfehlen von Llúis Llachs Buch lag ihr spürbar am Herzen.

lit.cologne 2017 Lluís Llach und Iris Berben
lit.cologne 2017 Lluís Llach und Iris Berben

Durch den Abend führte Michael Ebmeyer, der Autor von „Gebrauchsanweisung für Katalonien“. Er tat das auf Katalanisch, locker, kenntnisreich und mit sehr guten Fragen.

Lluiís Llach lit.cologne 2017
Lluiís Llach lit.cologne 2017

Der 1948 geborene Llach, in Katalonien sehr verehrter Liedermacher, einst erbitterter Gegner des Francoregimes (nach Auftrittsverboten emigrierte er nach Paris und kehrte erst nach Francos Tod zurück) und Mitglied der Bewegung Nova Canço, die der Unterdrückung der katalanischen Sprache im Einheitsstaat Francos entgegentreten wollte. Sein Lied L’Estaca („Der Pfahl“) erlangte Kultstatus. Dabei schlug die Zensurbehörde erst nach ca. eineinhalb Jahren zu, Verständnisprobleme oder generell der „romanische Umgang mit Zensur“ vermutete Llach amüsiert.

Seit einiger Zeit hat sich Llach ganz aus dem Musikgeschäft zurückgezogen. Initialzündung für seine Karieren als Autor, Politiker für die Unabhängigkeit Kataloniens oder auch als äußerst erfolgreicher Winzer des Weinguts Vall Llach waren immer eher Zufälligkeiten, wie zum Beispiel bei letzterer ein Aufenthalt im Landhaus seiner Mutter, in das er sich nach einer Krebsdiagnose Anfang der Neunziger Jahre zurückgezogen hatte. Das Wetter war in diesem Jahr sehr schlecht, es kam zu verheerenden Überschwemmungen und Llach wollte mit der Gründung des Weinguts ein hoffnungsvolles Zeichen für die Region setzen. Er selbst ist übrigens schon immer Abstinenzler (und außerdem ist ihm sein Wein viel zu teuer ;)).
Insgesamt ein netter, amüsanter Abend, den Llach am Signiertisch beendete.

 

Die dritte Veranstaltung ergab sich fast zwangsläufig: Ist Paul Auster doch nicht nur ein literarisches Schwergewicht, sondern auch ein von mir sehr geschätzter Autor. Mit „4 3 2 1“ habe ich die letzten Lesewochen verbracht. Im Vorfeld wurde in der Presse schon so manches bekannt, von „Weltstar auf Reisen“, „Diva im Literaturbetrieb“ war da die Rede, keine Widmungen am Signiertisch, pro Besucher nur ein Buch und – vor allem – absolut keine Fotos im gesamten Veranstaltungsbereich. Nun, es kam alles tatsächlich so, zudem war die angekündigte stark angeschlagene Stimme des Autors zu einer ausgewachsene Erkältung mutiert. Ein großes weißes Taschentuch war denn auch Austers wichtigstes Accessoire des Abends.

Aber er war da, ausgesprochen freundlich, seinem Publikum zugewandt und arbeitete sich trotz der Stimmprobleme souverän durch die Lesung, die er mit Schauspieler Sylvester Groth wechselseitig in Deutsch und Englisch gestaltete. Moderiert wurde der Abend kenntnisreich von Bernhard Robben, der Auster zunächst auf Jiddisch begrüßte und fragte, ob ob Jiddisch in dessen aus Galizien stammenden Familie eine Rolle gespielt habe. Nur die Großmutter habe es zuzeiten gesprochen, erzählt Paul Auster.

 

Derek Wood CC BY-NC-SA

Ein aus den 40 er Jahren stammendes Trickfoto von einem mit Männern besetzten Tisch. Erst auf den zweiten Blick war zu erkennen, dass es sich dabei immer um den gleichen Mann in unterschiedlichen Positionen handelte.

 

Ein erster Gedanke an das „Was wäre wenn?“, wenn das Leben eben mal eine andere Abzweigung genommen hätte, ein Gedanke, den Paul Auster, wahrscheinlich wie viele seiner Leser auch, schon lange mit sich herumgetragen habe und der schließlich zu 4 3 2 1 geführt habe. In dem Moment, in dem sich die Idee dazu verfestigt habe, wäre er schier begeistert gewesen („I jumped out of my skin“). So habe er auch nicht lange überlegt, wie bei vielen vorherigen Büchern wochen- oder sogar monatelang, sondern ziemlich gleich losgelegt. Auch die Anzahl 4 seiner verschiedenen Versionen eines Lebens war für ihn gleich die richtige.

Nur der Titel erfuhr eine Änderung, denn der ursprünglich angedachte, „Ferguson“, nach dem Namen seines Protagonisten, erhielt nach den Vorgängen im August 2014, nach den tödlichen Schüssen eines Polizisten auf den schwarzen Jugendlichen Michael Brown im gleichnamigen Ort in Missouri, eine Bedeutung, die ihn für Auster unmöglich machte. Das war eineinhalb Jahre nachdem er begonnen hatte zu schreiben. Heute ist er überzeugt, dass 4 3 2 1 tatsächlich der bessere Titel sei.

Paul Auster - 4 3 2 1Gefragt nach der Methode seines Schreibens, spricht Auster von einem Tanz um die Frage, wie sich die Entwicklung eines Menschen gestaltet. Gleiche Genetik, gleiche Physis, gleiches Elternhaus und gleiche mentale Voraussetzungen, aber unter anderen Umständen wachsen die vier Archie Fergusons auf, wohnen in unterschiedlichen Orten rund um Newark und New York, besuchen unterschiedliche Schulen, haben unterschiedliche Freunde und vor allem unterschiedliche finanzielle und familiäre Konstellationen, besonders der Vater hat in allen vier Fällen ein sehr unterschiedliches Schicksal. Für Auster eine spannende Entdeckungsreise. Keine der vier Figuren ist ihm dabei lieber oder näher als die andere. Wie überhaupt Paul Auster davon überzeugt ist, dass ein Autor seine Figuren lieben muss, auf sie hören und sie möglichst nicht manipulieren soll. „Man schreibt nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen.“ So Austers Credo.

4 3 2 1 gehört für Paul Auster in die Reihe, die mit „Unsichtbar“ und „Sunset Park“ begonnen hat und sein Werk zu einer Erkundung des Innenlebens, in die Psyche hinein führte und begleitet war mit einer anderen Art zu Schreiben, mit einer Befreiung, einem neuen Tempo, einem anderen „drive“, mehr Musikalität, längeren Sätzen.

Gefragt, ob der ursprüngliche Name von Archies Großvater „Reznikoff“ als Hommage an den amerikanischen Poeten Charles Reznikoff gedacht war, verneint Auster, erzählt aber eine amüsante Anekdote, in der er den Verehrten, schon sehr Betagten in den 70 er Jahren besuchte, nachdem er ihm ein Essay zugeschickt hatte. Der Nachmittag verging indem Reznikoff ununterbrochen Geschichten erzählte. Schon an der Tür, hielt er Paul zurück: „Ach, ihr Essay! Es erinnert mich an meine Mutter!“ Keine ausgesprochene Schönheit, bekam sie einst von einem Fremden auf der Straße ein Kompliment für ihr wunderschönes Haar. Den Rest des Tages verbrachte sie vor dem Spiegel. „Daran hat mich ihr Essay erinnert.“

The road not taken By Robert Frost (Library of Congress; image by Leo Romero.) [Public domain], via Wikimedia Commons
Auch zu Robert Frost, dessen Gedicht „The Road not taken“ zum amerikanischen Gedichte-Kanon gehört und als Motto für 4 3 2 1 dienen könnte, fällt Paul Auster eine amüsante Szene aus Jim Jarmuschs „Down by law“ ein, in der Roberto Benigni aus dem Gedicht rezitiert, auf Italienisch, und dann schwärmt „Papa Frost – great American poet“, von Auster im Tonfall wunderbar imitiert.

Paul Auster ist definitiv nicht der unzugängliche, distanzierte Autor, als der er teilweise angekündigt wurde.

Zum Schluss stellte er noch einmal fest, dass für ihn das Leben eine Kombination aus bewussten Entscheidungen an den Weggabelungen des Lebens und eben Zufällen ist. Sein Archie Nummer 1 ist für ihn der introspektive, politisch engagierte Typ, Nummer 2 derjenige mit den festen Vorstellungen vom Leben, Nummer 3 der unsicherste, auch von den familiären Bedingungen her am meisten beeinträchtigte und Nummer 4 der toughste von allen, vielleicht auch, weil er mit seinem Vater schon früh die meisten Konflikte austragen muss.

Der Abend war sehr informativ, auch und gerade für Leser, die 4 3 2 1 schon gelesen haben. Und auch, wenn ich keine Fotos machen konnte, trage ich viele Bilder davon sicher noch lange mit mir.

Schön war sie, die lit.cologne 2017. Sehr gut fand ich, dass sie sich diese Jahr nicht mit dem anderen literarischen Frühlings-Großereignis, der Leipziger Buchmesse, ins Gehege kam. Eigentlich müsste das terminlich doch jedes Jahr möglich sein. Zumal sich beide kaum überschneiden, sondern ergänzen.

Na, dann tu ich es mal: DANKE! Und ich freue mich auf 2018!

 

 

 

 

 

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

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