Margaret Atwood – Hexensaat

„Die Arbeit an diesem Buch hat mir ein großes Vergnügen bereitet (…)“ verrät Margaret Atwood in ihrem Dank am Ende von „Hexensaat“. Man glaubt es gerne, sprüht dieser Roman doch vor Einfällen, schrägen Ideen und genialen Transformationen von Motiven aus der Welt Shakespeares.

Zur Erinnerung: Die englische Hogarth Press bat anlässlich des 400. Geburtstags William Shakespeares namhafte Autoren um eine Umsetzung eines von ihnen zu wählenden Stücks des großen Dramatikers. Daraus entstand „The Hogarth Shakespeare Project“, das auf Deutsch im Knaus Verlag veröffentlicht wird und in dem bereits Adaptionen von Jeanette Winterson („Der weite Raum der Zeit“), Howard Jacobson („Shylock“) und Ann Tyler („Die störrische Braut“) erschienen sind.

Die kanadische Autorin Margaret Atwood wählte für sich „The Tempest“, den „Sturm“ aus.

Zugleich frei und doch sehr eng an der Vorlage siedelte sie das Geschehen im zeitgenössischen Ontario an. Der geniale Kniff ist hierbei das „Stück im Stück“, denn Atwood lässt uns die Inszenierung, Einübung und Aufführung von „The Tempest“ mitverfolgen. Es ist aber keine x-beliebige Aufführung. Ihr Regisseur, Felix Phillips, der das Drama in einer Justizvollzugsanstalt im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms inszeniert, ist seinerseits ein moderner Prospero, der damit auch seine eigenen Rachepläne verfolgt.

Joseph Severn (1793-1879) – Ariel – Where the Bee Sucks, There Suck I (1826 or 1836-8) Victoria & Albert Museum, Feb 2014 CC BY-2.0 by Ketrin1407 on Flickr

Wir erinnern uns: In Shakespeares romantischem Stück, in dem es von Zauberern, Hexen, Elfen und Trollen nur so schwirrt, wurde der Herzog von Mailand, Prospero, seinerseits zaubermächtig und nach dem Tod seiner geliebten Frau alleinerziehender Vater der kleinen Tochter Miranda, von seinem intriganten Bruder Antonio entmachtet und in einem klapprigen Kahn aufs Meer verbannt. Prospero und Miranda können sich auf eine einst von der Hexe Sycorax bewohnte Insel retten, auf der immer noch deren missgestalteter Sohn Caliban haust. Ariel, ein Luftgeist, ist Prospero dort zu Diensten und so leben die beiden lange Jahre dort recht friedlich, auch wenn Prospero finstere Rachepläne schmiedet. Lediglich Calibans angeblich gewaltvolles Begehren gegenüber der heranwachsenden Miranda muss Prospero Einhalt gebieten, indem er diesen einsperrt und versklavt. Eines Tages werden Schiffe mit Bruder Antonio, König Alonso von Neapel und dessen Sohn Ferdinand vor der Insel gesichtet. Prospero, der seinen Tag der Rache gekommen sieht, entfesselt einen Sturm und lässt die Schiffe zerschellen, die Besatzung auf seiner Insel stranden. Wie bei Shakespeare gewohnt kommt es nun zu allerlei Verwicklungen und Konflikten, am Ende löst sich aber, wie in seinen Komödien üblich, alles zum Guten.

John William Waterhouse – Miranda. The tempest CC 0 (Gemeinfrei)

Wunderbar ist es nun der Entwicklung dieses Theaterstücks mit der ungewöhnlichen Theatergruppe zu folgen. Originelle Inszenierungsideen wechseln mit tiefgründigen Einblicken in das Geschehen im Stück. Originell ist zum Beispiel die „Lehreinheit“ Was geschieht danach? Was passiert mit den Protagonisten, nachdem das Schiff von der Insel fortgesegelt ist? Ein wenig sitzt der Leser mit am Seminartisch, das ist sehr erhellend, aber auch sehr amüsant.

Aber auch außerhalb des Stückes verkörpert Regisseur Felix Philipps seine Prospero-Figur, das wird kaum verhüllt, seine kleine Tochter, die mit drei Jahren an Hirnhautentzündung verstarb, ihre Mutter war da auch noch nicht lange im Grab, hieß Miranda. Auch Felix wurde von seinem Kollegen Anthony (!) unsanft aus seiner Intendantenrolle bei einem Theaterfestival verdrängt. Nach seinem Rückzug in Trauer und Eremitentum in einer heruntergekommenen Hütte in der Provinz Ontario leitet er nun seit einigen Jahren dieses Theaterprojekt. Und wie dem Shakespeareschen Prospero kommt auch für ihn der Moment der Rache, als seine alten Widersacher, mittlerweile in der Politik erfolgreich, die von ihm inszenierte Tempest-Aufführung zu Wahlkampfzwecken besuchen wollen. Seine Rachepläne sind ein wenig enttäuschend, als sie dann endlich offenbar werden, ein wenig vorhersehbar und auch reichlich unglaubwürdig. Aber wir befinden uns mit ihnen in einem Umfeld der Fabelwesen, in dem Luftgeister und Trolle ihr Wesen oder Unwesen treiben, Mirandas Geist stets um ihren Vater herum ist und Zauber in der Luft liegt. Und so kann Felix nicht nur seine Ehre wieder herstellen und seinen Feinden ordentlich in den Karren fahren, sondern auch das Theaterprojekt langfristig sichern und seinen „Knastbrüdern“ manch Hafterleichterung verschaffen. Vielleicht kann er sich nun auch endlich von seiner Trauer um Miranda lösen. Und: wartet da nicht sogar eine neue Liebe?

Margaret Atwood jongliert bis zum Schluss aufs Schönste mit ihren Ideen, wirbelt die Motive umher, verflicht sie miteinander, schafft neben der zweiten mindestens auch noch eine dritte Ebene, auf der man das Geschehen betrachten kann, spielt mit großem Vergnügen mit der Sprache, reimt, rappt und flucht, dass es das Zeug hält, alles in schönster Shakespeare-Manier. (Ein besonderes Vergnügen ist es bestimmt, diesen Roman im englischen Original zu lesen) Das macht bis zum Ende einen Riesenspaß und ist zugleich eine ehrerbietige Verneigung vor dem großen englischen Barden. Zugleich kommt mit Felix großer Trauer um seine kleine Tochter, mit seinem Festhalten, der Schwierigkeit, sie loslassen zu können auch ein zartes, trauriges und berührendes Motiv ins Buch.

Wunderbar, Mrs. Atwood! Sie sind eine hurensohnmäßig gute Schriftstellerin!

Ich danke dem Knaus Verlag ganz herzlich für das Rezensionsexemplar!

Margaret Atwood – Hexensaat

Aus dem Englischen von Brigitte Heinrich
Originaltitel: Hag-Seed
Originalverlag: Hogarth

Knaus Verlag April 2017, Gebunden, 320 Seiten, € 19,99

 

17 Kommentare zu „Margaret Atwood – Hexensaat

  1. Hurensohnmäßig 🙂 Das muss ich doch auch lesen … ich bin gerade mit dem „Shylock“ durch und erarbeite mir so nach und nach die Shakespeare-Adaptionen. Shylock fand ich klug, aber auch herausfordernd beim Lesen, von Anne Tylers Roman war ich ein wenig enttäuscht … aber ich glaube, Margaret Atwood – so lässt es mich Deine Besprechung hoffen – ist genau meins 🙂

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    1. Da ich Ann Tyler sehr mag, war ich auch etwas enttäuscht von ihrem Beitrag. Irgendwie ein wenig – belanglos. Shylock und besonders auch Jeanette Wintersons Beitrag gefielen mir besser. Und Hexensaat ist eine wahre Freude! Pesthauchig viel Spaß noch damit!

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      1. Sehr gerne doch, ich darf bei Dir in Deinem Blog Titel entdecken auf die ich selbst nie käme auch nicht bei einem Gang durch eine Buchhandlung. Da ich gerne quer durch den Gemüsegarten lese und mich auch kein Genre festlege, immer auch mal das Besondere abseits des Mainstreams suche, fühle ich mich bei Dir bestens aufgehoben. Mach bloß so weiter 😉

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  2. Ach ja, Margaret Atwood. „Der blinde Mörder“ und „Der Report der Magd“ subben bei mir schon seit Ewigkeiten bei mir herum. „Oryx und Crake“ (leider derzeit nicht lieferbar) lacht mich mindestens ebenso lange an. Und jetzt „Hexensaat“. Wird Zeit, dass ich Atwood mal aus dem Regal ziehe. Für hurensohnmäßige Literatur bin ich immer zu haben. – Deine Rezension (samt passender Bebilderung) ist übrigens mal wieder vom Feinsten!

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  3. Ich möchte mich gerne noch durch das gesamte Projekt lesen. Bisher ist es bei dem Wunsch geblieben. Ich möchte gerne vorher das passende Stück auf der Bühne sehen um die Adaption auch richtig würdigen zu können. Deshalb werde ich mit Shylock beginnen.
    Den Sturm habe ich noch nie gesehen, wenn das Buch aber so toll ist, werde ich direkt mal nach einer Inszenierung suchen.
    Viele Grüße
    Silvia

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    1. Liebe Silvia, es gibt auch durchaus andere Meinungen zu diesem Buch oder dem gesamten Projekt. Ich finde es aber sehr spannend und äußerst gelungen. Tatsächlich machen die Adaptionen für mich aber nur einen Sinn, wenn man die Originalstücke zumindest grob kennt. Ich habe tatsächlich außer dem „Wintermärchen“ alle drei Stücke (durch Zufall) im englischen Original gesehen und habe durch die Adaptionen noch mal ein ganz neues Verständnis für sie bekommen. Besonders Margaret Atwood leistet da ganze Arbeit. Wenn du soweit bist, wünsche ich dir viel Spaß bei Aufführung und Lektüre! Viele Grüße!

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  4. Liebe Petra,
    die vierte brillante Rezension von dir zum Hogarth Shakespeare Project! Dass mir deine Besprechungen immer sehr gefallen, weißt du ja inzwischen :). Deine Ausführungen über Atwoods Roman „Hexensaat“ sind wieder sehr ansprechend und machen Lust auf den Roman.
    Ich habe mir die 4 Neuverfassungen für den Urlaub zurückgelegt. Für Shakespeare brauche ich immer Muße :)!
    Liebe Grüße
    Rosa

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  5. ich bin sowas von hurensohnmäßig genau deiner Meinung ! Ein großartiges Buch, ein großartiges Projekt und Ms.Atwood führt vor Jeanette Winterson. Anne Tyler, sonst sehr geschätzt, fand ich auch enttäuschend. Und zu der Kritik des literarischen Quartetts sag ich nur : AN PEST KREPIER !“
    lg,
    Susa

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