Barney Norris – Hier treffen sich fünf Flüsse

Beitragsbild Confluence of Avon and Nadder by Derek Harper [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

Vier Flüsse fließen rund um Salisbury in den River Avon. Es ist eine uralte Landschaft hier im „grünen Süden Englands“. Unweit wurden vor mehr als 4000 Jahren die hölzernen und steinernen Kultstätten von Woodhenge und Stonehenge errichtet, wurde Old Sarum zu einer der bedeutendsten Städte der Angelsachsen, nachdem schon die keltischen Druiden und Römer hier siedelten. Im Mittelalter wurde Salisbury, New Sarum, rund um die neuerbaute, prächtige Kathedrale ein bedeutender Mittelpunkt.

Im Eingangskapitel von „Hier treffen sich fünf Flüsse“ wird der „Gesang der Erde“ beschworen, der hier zu hören sei, an diesem geschichtssatten Ort. Es ist eine Art Prolog, erst am Ende werden wir den jungen Mann, der ihn spricht, näher kennenlernen. Für ihn ist die offene Landschaft und die Erhabenheit der Kathedrale etwas, dass „uns auffordert, stehen zu bleiben und nachzudenken. Und von uns verlangt, den Blick von uns selbst abzuwenden.“

„Hierin liegt die Bedeutung dieser kleinen Stadt, wo der Turm hoch in den Himmel ragt, wo Flüsse und Geschichten sich verweben und Lebenswege einander kreuzen.“

View From Harnham Hill, Salisbury By Peter Trimming, CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons

Es sind fünf Lebenswege, die sich im Buch kreuzen. Der erste könnte nicht krasser im Gegensatz sein zu dem elegischen Prolog. Es ist Rita, bald 60 und Inhaberin eines kleinen Blumenstands auf dem Markt, Teilzeit-Drogendealerin und vom Leben völlig desillusioniert. In schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, vom Freund schwanger sitzen gelassen, in Alkohol- und Drogensucht abgerutscht, in unzähligen Männergeschichten etwas wie Zuneigung und Geborgenheit vergeblich suchend. Auch ihr Sohn lehnt jeden Kontakt mit ihr seit langem ab. Mit unbändiger Wut und Kratzbürstigkeit wehrt sie sich gegen die Zumutungen der Welt und merkt doch, dass sie sich selbst am meisten im Weg steht, von allen Möglichkeiten scheinbar immer die schlechteste wählt. Aber sie kann nicht anders. Sie erzählt laut, vulgär, verbittert. Sie ist es, die letztendlich die fünf Menschen, um die es im Buch geht, wenn auch nur für einen Augenblick, so doch verbindet. Sie wird auf einer verzweifelten Fahrt auf ihrem Moped Opfer eines schweren Verkehrsunfalls.

Der alte Farmer, George Street, Fahrer des Unfallwagens, ist einer der anderen Personen, die zu Wort kommen. Er hat am Morgen seine geliebte Frau nach langer schwerer Krankheit verloren, ist noch ganz betäubt von dem Verlust, sieht nicht das Zweirad das ihm die Vorfahrt nimmt. Zwei Zeugen, ein 15jähriger Junge und eine Frau mittleren Alters werden ebenso Zeugen des Unfalls wie der Erzähler aus dem Prolog, der nach einer schmerzhaften Trennung aus London in seinen Heimatort zurückgekommen ist und als Nachtwächter auf Old Sarum viel Zeit zum Nachdenken hat. Auch die anderen beiden tragen ihre Probleme mit sich herum. Sam, der Junge, verliebt sich gerade in dem Moment zum ersten Mal, als sein Vater im Sterben liegt. Er ist hin und her gerissen zwischen seinen Gefühlen und dem schlechten Gewissen, dass er seinem geliebten Vater gegenüber hat. Die Frau wiederum leidet unter der Abwesenheit ihres Mannes, der als Soldat in Afghanistan stationiert ist, und ihren Ängsten um ihn, genauso wie um die Loslösung ihres pubertierenden Sohns, der seit Kurzem ins Internat geht. Trost in ihrem einsamen Dasein, „auf Abruf“, ist einzig das Theater, in dem sie, einst angehende Schauspielerin, als Platzanweiserin arbeitet und eine Laienspielgruppe, in der sie die „Ophelia“ spielt. Hier, in der liebevollen Beschreibung des Theatermilieus, spürt man die Herkunft des Autors Barney Norris. Er ist erfolgreicher Dramaturg. Man spürt es aber auch daran, wie sehr er sich bemüht, den Figuren je eigene, überzeugende Stimmen zu verleihen. Das gelingt meistenteils gut. Rita flucht und schmeißt mit vulgären Begriffen um sich, Sam ist überschwänglich und verträumt (seinen Abschnitt unterbrechen kleine „Es war einmal“ Abschnitte), George ist zutiefst traurig und niedergeschlagen (seine Reflexionen werden wiederum von den Fragen während des Verhörs unterbrochen, dem er sich nach dem Unfall unterziehen muss). Die Frau schließlich erzählt uns anhand ihrer Tagebucheintragungen.

Das klingt ziemlich konstruiert und ist es tatsächlich auch. Trotzdem wächst alles zu einer wunderbaren Geschichte zusammen. So wie wir nach und nach erkennen, dass die Figuren auch abseits des Unfallgeschehens in der ein oder anderen Form miteinander verbunden waren, verweben sich auch die Geschichten dieser ganz „gewöhnlichen Menschen“ zu einem Buch über das Leben, die Frage, wie wir zu denen wurden, die wir sind, über die Entscheidungen, die jeder immer wieder treffen muss, die Weggabelungen, die sich bieten, das Vergehen der Zeit, die verpassten Chancen, die Möglichkeit oder aber auch Unmöglichkeit zu einem Neuanfang.

Barney Norris - Hier treffen sich fünf FlüsseEs ist aber auch ein Buch über Identität und Heimat, voll mit den großen Gefühlen, Liebe, Verlust, Trauer, Wut, Würde und Widerstandsfähigkeit, also auch voller Pathos, aber zum Glück auch ohne jeden Kitsch. Norris schreibt dicht und klar. Voller Mitgefühl und Empathie schafft er komplexe Figuren voller Menschlichkeit. Trotz der großen Melancholie, die über dem Buch und den Personen liegt, ist es aber kein schweres Buch, sondern immer eine große Freude, zu lesen.

Es ist Barney Norris Debüt. Ich denke, auf sein nächstes Buch darf man gespannt sein.

 

Barney Norris – HIER TREFFEN SICH FÜNF FLÜSSE 

Originaltitel: Five Rivers Met on a Wodded Plain
Übersetzung: Johann Christoph Maass

Dumont Verlag März 2017, gebunden, 320 Seiten, € 22,00 

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

7 Kommentare zu „Barney Norris – Hier treffen sich fünf Flüsse“

  1. Die Landschaft um Stonehenge selbst ist wirklich beeindruckend. Über den Bau der Kathedrale von Salisbury habe ich auch schon gelesen, letztes Jahr dann habe ich sie live gesehen und Stonehenge auch. Diese Geschichte klingt, als könne sie mich dorthin zurücktragen! Danke, dafür Petra!

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    1. Liebe Petra, ich bin leider nur einmal an der Kathedrale quasi vorbei gefahren, unfreiwillig, da eine Straße gesperrt war. Und nach langem Umweg hatten wir dann auch keine Lust auf Besichtigung. Etwas, das ich heute bereue. an Stonehenge fährt die Straße nahezu vorbei, aber sehen konnte man nichts. Sind für mich also beides noch Zukunftsprojekte. LG

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