Rachel Cusk – Transit

Transit – Durchreise, Passage, vielleicht auch Übergang. Auch: der Vorbeizug eines Himmelskörpers oder auch mehrerer. Wie schon bei Rachel Cusks letztem Buch „Outline“, darf man den Titel gerne als Leitmotiv für den Roman nehmen.

Faye, die Autorin in mittleren Jahren, die wir aus dem Vorgänger bereits kennen, Mutter zweier Söhne, die in beiden Büchern jeweils nur in besorgniserregenden Anrufen vorkommen, geschieden, und zwar nicht, wie man das oft so schön sagt, in gegenseitigem Einvernehmen, sondern, wir spüren es, auch wenn es nirgends thematisiert wird, mit einigen Blessuren einhergehend, diese Faye ist auch in „Transit“ die Erzählerin und das Zentrum des Romans.

Auch von der grundlegenden Struktur her ähneln sich die beiden Bücher sehr – sind sie doch auch Teil einer geplanten Trilogie.

Faye begegnet unterschiedlichen Menschen, die wie Himmelskörper an ihr vorüberziehen, Handwerkern, ihrem Friseur, ihren Studenten, Kollegen, Freundinnen, einem ehemaligen Geliebten, und kommt mit ihnen ins Gespräch. Vielmehr, sie lässt diese Menschen erzählen, ist geduldige, manchmal ermunternde, manchmal nachfragende Zuhörerin. Die Gesprächspartner öffnen sich bereitwillig, erzählen oft aus ihrem Leben, holen kleine Geschichten daraus hervor. Faye selbst bleibt im Hintergrund. Von ihren Gedanken, Gefühlen, Ansichten erfahren wir, wenn überhaupt, nur indirekt. Darin ähneln sich beide Bücher, wie gesagt, sehr. Ebenso in ihrer Klugheit und intelligenten Unterhaltsamkeit.

Renovierung & Sanierung by Andreas Karsten (CC BY-NC-SA 2.0) on Flickr

Und doch gibt es auch Unterschiede. Transit als Leitmotiv scheint auch für Faye zu gelten. Haben wir sie in „Outline“ auf einer Reise nach Athen begleitet, die sich ein wenig auch wie eine Flucht vor den Verwüstungen, die die Scheidung mit ihr angerichtet hat, anfühlte, so ist sie nun zurück in London. Sie bezieht mit den Söhnen ein Haus, das sie auf Rat eines Freundes in einer „guten Gegend“ gekauft hat. Leider erweist es sich, das Budget war begrenzt, als eine ziemliche Bruchbude. Nahezu baufällig, zudem mit Untermietern versehen, die dort schon seit Jahrzehnten im Souterrain wohnen, oder besser gesagt, hausen. Deren Gartenanteil ist völlig zugemüllt, die Wohnung verdreckt und, das ist beinahe das Schlimmste, beide ausgesprochen unsympathisch, vulgär und streitlustig.

Unangenehme Begegnungen mit ihnen ziehen sich als wiederkehrende Motive genauso durch den Roman wie hilfesuchende Anrufe ihrer Söhne, die für die Zeit der dringend anstehenden Renovierung beim Vater wohnen. In beiden Fällen erweist sich Faye als ausgesprochen passiv. Sie wirkt wie eine Frau, deren Lebensmodell komplett zusammengebrochen ist, die sich mühsam ein neues zurechtbasteln muss. Von daher passt das Bild der Baustelle, des völlig baufälligen Hauses, der feindlich gesinnten Mitbewohner sehr gut.

Beschäftigt man sich ein wenig mit der Vita von Rachel Cusk, findet man darin erstaunliche Übereinstimmungen. Auch sie ist geschiedene zweifache Mutter. Zudem hat sie ihre zerbrochene Ehe und die Scheidung zum Thema eines in England stark umstrittenen Buchs, „Aftermath“, gemacht. Wegen ihrer Offenheit, „Obszönität“ und „Indiskretion“ wurde sie dafür in der Öffentlichkeit hart angegangen und angefeindet, zeitweise wurde ihr der Titel „meistgehasste Schriftstellerin“ zuerkannt. Eine Zeit, die die Person Rachel Cusk zutiefst erschüttert hat. Eine Erschütterung, die man auch bei ihrer Figur Faye wiederfindet. In einem Interview sagte Cusk, die Bücher wären für sie auch ein Versuch, sich „aus dem Käfig herauszuschreiben“.

Bereits in „Outline“ erklärte sie die Möglichkeit der Selbstvergewisserung, der Identitätsbestimmung in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen so:

„Während er sprach, sah sie sich selbst als Form, als Umriss, und alle Details legten sich von außen daran, während der Umriss selbst leer blieb. Und dennoch vermittelte ihr dieser Umriss, obwohl sein Inhalt unbekannt war, zum ersten Mal eine Ahnung davon, wer sie jetzt sein könnte.“

Und so scheint Faye  in „Transit“ in all ihrer Zurückhaltung doch auch  einen Schritt weiter gekommen zu sein, bewegt sich zunehmend auf festerem Grund. Wie das baufällige Haus, setzt sie auch langsam ihr eigenes Leben instand, widersteht auch den böswilligen „Trollen“ im Untergeschoss.

Rachel Cusk - TransitFaye mit ihrem zertrümmerten, inkongruenten inneren Selbst spiegelt sich in ihren Gesprächspartnern, die einen kurzen Blick auf ihre Leben erlauben, die aber selbst auch von Flüchtigkeit, Entfremdungen, Verletzungen erzählen, manchmal auch, wie der Friseur, kleine Alltagsphilosophien parat haben. Insgesamt erscheint Faye in „Transit“ deutlich präsenter als im vorangehenden „Outline“, auch wirkt das Buch insgesamt strukturierter. Man darf gespannt sein, wohin ihre „Durchreise“ sie im dritten und abschließenden Band führt.

Rachel Cusk hat mit ihren Büchern einen wirklich originellen Versuch der Identitätsbestimmung einer Frau gewagt. Stilistisch elegant, vieldeutig und gerade auch wegen ihres leisen Humors sehr unterhaltsam. Sie schreckt auch vor dem Mittel leiser Übertreibung nicht zurück. So kippen manche Szenen, zum Beispiel bei der Konfrontation mit den Untermietern oder auch bei einem abendlichen Essen im Bekanntenkreis, das im totalen Chaos endet, ins leicht Surreale. Ich bin sehr gespannt auf den letzten Teil ihrer Trilogie.

Titelbild:

Andreas Karsten Renovierung & Sanierung (CC BY-NC-SA 2.0) on Flickr

Literaturleuchtet und Letteratura haben den Roman auch bereits besprochen.

Zur Verlagseite

Ich danke herzlich für das Rezensionsexemplar!

 

Rachel Cusk – Transit

Aus dem Englischen von Eva Bonné

Suhrkamp Verlag März 2017, Gebunden, 238 Seiten, € 20,00

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

2 Kommentare zu „Rachel Cusk – Transit“

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