Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Der Titel des Romans, für den Marlon James 2015 den Man Booker Preis verliehen bekommen hat, ist eine einzige Täuschung.

Natürlich ist es alles andere als eine kurze Geschichte, die hier auf 853 großformatigen Seiten detailreich und ausufernd dargeboten wird. Und von statt sieben Morden erzählt das Buch von unzähligen gewaltsamen Toden, Hinrichtungen, Massakern, so vielen, dass man das Zählen bald aufgibt. Welche dieser Tötungen es tatsächlich dann in den Titel geschafft haben, bleibt offen. Ja, der Autor erlaubt sich einen ironischen Kniff, indem er einem der Protagonisten, dem Journalisten Alex Price, das Buch „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ quasi unterschiebt. Als der auf die Sieben angesprochen wird, gibt er zu, es seien eigentlich elf Morde gewesen (woher auch immer diese Zahl kommt) von denen er berichten wollte, aber zu vieren davon hätte er nicht genug Informationen gefunden.

Bob Marley Museum , Kingston Hope Road by Stéphane DAMOUR (CC BY-NC-ND 2.0) on Flickr

Zentrales Ereignis des Buches ist das Attentat auf den Reggae-Sänger Bob Marley im Dezember 1976 auf Jamaika, Kingston Hope Road. Marley war in seine Heimat gekommen, um auf dem großen Friedenskonzert „Smile Jamaica“ aufzutreten. Initiiert wurde dieses von der regierenden Partei, der People´s National Party PNP, und es sollte die stark verfeindeten politischen Lager beschwichtigen, wenn nicht gar zur Versöhnung aufrufen. Das war nötig geworden, da die Kriminalität ein erschreckendes Ausmaß erreicht hatte. Verfeindete Gangs mit mafiösen Strukturen und jeweiliger Nähe zu einer der politischen Parteien begingen Morde, Überfälle, Brandstiftungen in den gegnerischen Stadtvierteln, es herrschte auf den Straßen Kingstons praktisch Krieg. Der PNP unter Präsident Michael Manley, die einen demokratischen Sozialismus vertrat und die Nähe zu Kuba suchte, stand dabei die stark westlich, sprich an den USA orientierte JLP, die Jamaica Labour Party unter Edward Seaga gegenüber. Nach der anfänglichen Euphorie über die 1962 erklärte Unabhängigkeit von Großbritannien versank das Land, auch infolge einer furchtbaren Dürre in den Jahren 1967/68, in Armut, Chaos, Gewalt und Korruption. Kriminelle Banden übernahmen bald eine Art Herrschaft.

Die tobenden Bandenkriege waren eine Sache, die zweite, und das wird in dem Buch ebenfalls thematisiert, waren die von den USA verfolgten Interessen in der Region. Meine Kenntnisse über die damalige Situation in Jamaika sind relativ gering gewesen, aber dass die USA sozialistische „Umtriebe“ vor „ihrer Haustür“, also in der Karibik, sicher nicht gern sahen, liegt auf der Hand und die Kubakrise ist sicher jedem ein Begriff. So mischen auch in Marlon James Roman die CIA kräftig mit. Ihr Ziel ist die Destabilisierung der Regierungspartei PNP. Ihr Mittel ist die Anfeuerung der Bandenkriege, die Torpedierung des Friedensprozesses und damit die Diskreditierung der PNP, zumindest hier bei James. Aber große Zweifel an der Wahrscheinlichkeit des Szenarios kommen beim Leser nicht auf. Das Buch geht sogar noch einen Schritt weiter und lässt diverse skrupellose CIA-Agenten auch hinter der Anstiftung zum Attentat auf Marley stecken. Dessen Engagement für den Friedensprozess der PNP stand gewiss ihren Interessen entgegen.

Diese Situation ist Ausgangspunkt für „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“, die am Vortag des Attentats beginnt.

Bob Marley Museum by Barney Bishop (CC BY-ND 2.0) on Flickr

Auch wenn das Buch natürlich fiktionalisiert ist, sind die Geschehnisse historisch belegt, einige Figuren, wie Regierungschef Michael Manning werden mit Klarnamen genannt, andere, wie Bob Marley, der nie mit Namen, sondern immer nur „der Sänger“ genannt wird, werden kaum, wieder andere, wie Edward Seaga, wenig verschlüsselt, indem ihnen andere Namen gegeben wurden. Einen interessanten Beitrag zu den realen Personen hinter den Figuren findet man hier.

Das Verzeichnis der handelnden Personen umfasst insgesamt 76 Namen, 13 davon erhalten von Marlon James eine eigene Stimme, einer der Erzähler schon seit geraumer Zeit tot ist. Die einzelnen Kapitel sind mit den Namen versehen, so dass sich der Leser recht gut orientieren kann. Nur im letzten der insgesamt fünf Bücher, in die der Roman aufgeteilt ist, sind die Kapitel lediglich nummeriert. Bis dahin hat man aber die verschiedenen Sprecher bereits ganz gut kennengelernt und erkennt ihren Sound recht schnell. Denn Marlon James schafft es, den Figuren recht eigene, authentische Stimmen zu verleihen. Ihre Auftritte sind unterschiedlich häufig, der ein oder andere erlebt auch das Ende des Romans nicht.

Es sind ein alternder, ermüdender Bandenchef, seine aufstrebende, absolut kaltblütige rechte Hand, kleine und größere Gangmitglieder, CIA-Mitarbeiter, ein für den Rolling Stone arbeitender Journalist und eine junge Jamaikanerin, die durch Zufall Zeugin des Marley-Attentats wurde und danach aus Angst nach New York flieht, die aus ihren unterschiedlichen Blickwinkeln von dem Attentat, ihrem Leben in Jamaika, speziell in den Vierteln Kingstons, und später aus New York berichten. Der Roman umspannt die Zeit von Dezember 1976 bis März 1991. Er erzählt von Gewalt, Rassismus, Kriminalität, Korruption, von Sex, Homophobie und Misogynie, von Drogen, Armut und Hoffnungslosigkeit. Es ist ein vielstimmiger Chor, radikal, brachial, brutal. Immer wieder musste ich pausieren von dieser Menschenverachtung, die sich schon in der Sprache der Erzähler niederschlägt, von dieser explizierten Homophobie, die sich gleichzeitig intensiver gleichgeschlechtlicher Sexualkontakte bedient – überhaupt dieses ständige Kreisen um Sex und Gewalt, die ineinander verschmelzen, Sex als Ausdruck von Gewalt, Ventil für Aggressionen und Machtinstrument. In Jamaika sind Homophobie und auch physische Gewalt gegen Homosexuelle wohl weit verbreitet. Regelrecht verstörend fand ich, dass selbst die momentane bürgerlich-konservative Regierungspartei JLP noch 2001 einen sogenannten „Battyman-Tune“, einen an den Reggae angelehnten Song, der die „Verbrennung und Ermordung von Schwulen feiert“, zum Wahlkampfsong wählte.

Marlon James bedient sich über weite Stellen des jamaikanischen Slangs, des Patois, inwieweit das gut ins Deutsche übertragen werden konnte, kann ich nicht beurteilen. Fünf Übersetzer haben sich der gewiss nicht einfachen Aufgabe angenommen. Am Ende schwirrte mir der Kopf vor Bombocloth und Pussyhole, vor Brethren und Sistren, vor Sufferah und Battymen. Das hat einen gewissen Rhythmus, auch wenn der eindeutig nicht so flockig und hoffnungsvoll rüberkommt wie bei vielen Reggaesongs, die das ganze Buch begleiten. Hier gibt es eine Playlist zum Roman.

Dubstereo na zauber by dan vieira (CC BY-SA 2.0) on Flickr

Der Roman ist brutal, wild und anstrengend, gleichzeitig aber auch ungemein fesselnd, aufschlussreich und genial. Er präsentiert ein gnadenloses, gewaltgesättigtes Bild von Jamaika, führt es fort nach New York, wo sich die jamaikanischen Bandenbosse ein neues Geschäft mit Drogen im großen Stil aufbauen, wo die Kontakte zum kolumbianischen Medellín-Kartell geknüpft werden und Kriminalität und Bandenkrieg einfach fortgesetzt. Hierhin fliehen aber auch die, die in ihrer Heimat keine Zukunft mehr sehen. Zum Beispiel die jamaikanische Zeugin, hier lebt auch der Journalist Alex Price. Die beiden werden allmählich zu den heimlichen Hauptprotagonisten des Romans. Sie sind auch die einzigen beiden Figuren, die ein wenig Identifikationsfläche bieten. Zumal für den Autor.

Alex Price versucht, die Geschehnisse rund um das Marley-Attentat, die Ursachen der Bandenkriege und die die politischen Verstrickungen in seinem Buch zu erfassen und erweist sich als gefährlicher Zeuge. Die Jamaikanerin Nina hat, wie der homosexuelle Autor Marlon James, Jamaika aus Angst vor Verfolgung verlassen, sie lebt in einer Art Exil. Aber: „Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.“ Alle Personen werden früher oder später von ihr eingeholt. Marlon James bemüht das berühmte Faulkner Zitat nicht zufällig, gehört dieser doch zu seinen großen Vorbildern. Auch was den Aufbau und die komplexe Stimmenführung dieses Romans angeht.

Ein monumentales Werk hat er geschaffen. Ein Kritikpunkt sei aber noch erwähnt. Bei all der Stimmenvielfalt und Komplexität des Romans leidet er doch daran, dass sich Marlon James zu sehr auf ein bestimmtes Milieu beschränkt, aus dem seine Figuren stammen. Da unterscheidet sich der skrupellose CIA-Agent kaum vom kleinkriminellen Drogenkonsument (auch wenn sie durchaus andere Sprachen sprechen). Mit Ausnahme der zwei erwähnten Figuren mit zaghaft positiver Ausrichtung, entstammen sie alle finstersten Ecken. Das verringert ein wenig die Tiefe, die Vielfalt und die Reibungsfläche, die der Roman hätte haben können und gewiss auch trotzdem hat. Auch hat der Leser manchmal das Gefühl, der Autor berauscht sich geradezu selbst an seinem Gettoslang, an den ständigen Gewalt- und Sexfantasien oder auch Praktiken seines Personals. Da wäre für mich weniger eindeutig mehr. Um mit einem der Protagonisten zu sprechen: „Es ist langweilig, Mann, und ich bin die Schwanzlutscher auf dem heimlichen Trip echt leid.“

Nichts desto trotz ein beeindruckender, ein anstrengender, aber auch lohnender Roman.

Beitragsbild: By Steve Brogdon [Public domain], via Wikimedia Commons

Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Aus dem Englischen von Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner, Kristian Lutze
Originaltitel: A Brief History of Seven Killings

Heyne Hardcore, Gebunden, 864 Seiten, € 27,99

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Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

6 Kommentare zu „Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden“

  1. Ich fand das Buch auch ziemlich gut. Bestimmt kein Roman, den man mal eben zwischendruch lesen kann, aber auf jeden Fall mehr als lohnenswert. Gelesen habe ich nur die englische Originalversion und mich dabei schon die ganze Zeit gefragt, wie es wohl möglich ist, den Slang ins deutsche zu übersetzen.
    LG

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    1. Ja das mit dem Slang würde mich auch interessieren. Der Autor hat ja wohl auch das Patois verwendet. Sicher keine leichte Übersetzungsarbeit, es waren ja auch fünf Übersetzer dran beteiligt. Ob es gelungen ist, kann ich wie gesagt, schlecht beurteilen. Ich fand das Buch sprachlich schon sehr heftig, zwischendurch war es mir auch oft zuviel, aber es ist wirklich lohnenswert, durchzuhalten. Viele Grüße!

      Gefällt 1 Person

  2. Also deine Rezension macht mich neugierig auf das Buch. Interessante und sicher auch verstörende Themen werden hier bedient. Ich hätte nur etwas Angst, dass die Masse an Stimmen und Personen etwas verwirrend wirkt. Nichtsdestotrotz werde ich wohl mal reinschnuppern.

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