Walt Whitman – Jack Engles Leben und Abenteuer

Solche Funde sind natürlich eine Sensation. 165 Jahre nach seiner Veröffentlichung als Fortsetzungsgeschichte in einer kurzlebigen Wochenzeitung, dem Sunday Dispatch, entdeckt ein Doktorand der Houston University, der Walt Whitman Experte Zachary Turpin, einen bisher unentdeckten Roman des großen amerikanischen Lyrikers. Mithilfe von digitalen Suchmethoden gelingt es ihm zuerst einen von Whitman veröffentlichten Fitnessratgeber, „Manly health and training“, in den Weiten der journalistischen Veröffentlichungen zu entdecken – ein eher bizarrer Fund -, darauf förderte auf recht abenteuerliche Weise den kleinen Roman „Jack Engles Leben und Abenteuer“ zutage.

Tatsächlich ist die Geschichte dieser Entdeckung das eigentlich Spannendste. Über die recht eigentümlichen Namen von Figuren, die Whitman in seinem berühmten „Roten Notizbuch“ erwähnt hat, stieß Turpin auf eine Werbeanzeige für den Fortsetzungsroman, der zwischen März und April 1852 in sechs Teilen im Sunday Dipatch anonym erschien. Die Zeitung ist, wohl aufgrund ihres kurzen Bestehens von 1845 bis 1854, noch nicht digitalisiert und der Roman nur in einer einzigen Kopie auf Mikrofilm einsehbar. Das Originalmanuskript des Romans hat Walt Whitman selbst vernichtet, ebenso wie andere Prosatexte.

Walt Whitman at 36 published by Dodd, Mead and Co, NY, 1898 (American Bookmen) [Public domain], via Wikimedia Commons
Es ist natürlich immer wieder diskussionswürdig, ob es überhaupt legitim ist, Texte, die ein Autor rundweg nicht veröffentlicht sehen wollte, dennoch einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Whitman wollte definitiv als Verfasser des großen amerikanischen Poems „Leaves of grass“ rezipiert werden, dem Hohelied auf Individualität, Freiheit, Gemeinsamkeit und Einheit, dem Loblied auf die amerikanische Demokratie per se, das er bis zu seinem Tod immer wieder bearbeitet hat und das vielleicht zu dem Lyrikwerk des 19. Jahrhunderts in den USA und Whitman dadurch zu einem Nationaldichter wurde. Und tatsächlich zeigt „Jack Engles“ einen ziemlich anderen Walt Whitman.

Es ist eine Geschichte ganz in der Manier von Charles Dickens. Die Handlung kommt dementsprechend vertraut daher: Der kleine Waisenjunge Jack steht eines Tages vor der Tür des Milchhändlers Ephraim Foster und bittet um etwas zu essen. Ihm wird nicht nur das gewährt, sondern das Ehepaar Foster nimmt ihn an Kindes statt an und gewährt ihm später eine Ausbildung in einer Anwaltskanzlei. Hier setzt der Roman ein, denn Jack ist alles andere als dem Anwaltsberuf zugeneigt, kommt dem Wunsch des Adoptivvaters nur aus Dankbarkeit nach.  Anwalt Covert ist, wie so oft auch bei Dickens, ein Schurke, dem Jack mithilfe des alten Kanzleiangestellten Wigglesworth auf die Schliche kommt. Allerhand Verwicklungen und etliches an skurril-liebenswertem Personal sind genauso anzutreffen wie das aus seiner Not gerettete Mündel des Anwalts und eine veritable Liebesgeschichte.

Walt Whitman at about 50, By Photographer unidentified (Google Books) [Public domain], via Wikimedia Commons
Trotz des Dickens verhafteten Plots ist bei Whitman aber auch eine typisch amerikanische Note zu finden. Besonders die Stadt New York wird in ihrer Vielfalt und Einzigartigkeit besungen, so dass ein wunderbares Porträt der Metropole um die damalige Zeit entsteht. Aber auch der alte (amerikanische) Traum, es schaffen zu können, in Gemeinschaft und Solidarität zu prosperieren, kommt deutlicher als bei seinem englischen Kollegen hervor. Optimismus und Zuversicht ist ein Gefühl, das deutlich durch die Zeilen hindurch schimmert.

An die Komplexität und literarische Qualität von Charles Dickens kommt das kleine Werk allerdings nicht heran. Es ist mit seiner Mischung aus rührseliger Sentimentalität, Tragik und Situationskomik sehr gefällig, eindeutig für ein großes (Zeitungs)publikum geschrieben. Als Drucker und Herausgeber einer Zeitung wusste er recht genau, wonach die Leser verlangten. Auch dass die Geschichte nicht besonders sorgfältig, sondern teilweise sogar recht nachlässig verfasst wurde, lässt sich nicht übersehen. Whitman handelt das mit einer gehörigen Portion Selbstironie.  So schlängelt er sich zum Beispiel auf Seite 74, in der eine für die Geschichte recht wichtige Person überraschend eingeführt wird, aus der Affäre, indem er bemerkt:

„(…)und ich kann mich nur wundern, dass ich ihn in dieser Chronik bisher noch nicht vorgestellt habe.“

1860 Leaves Of Grass Thayer Eldridge NYPL, By Thayer and Eldridge [Public domain], via Wikimedia Commons
Als die Geschehnisse etwas zu abenteuerlich zufällig wirken könnten, fügt er hinzu:

„Wiederum musste ich innerlich die zwingende Beweiskette, die Wigglesworth zusammengetragen hatte, Glied um Glied aneinanderfügen, bevor ich etwas so Romanhaftes glauben konnte.“

Überhaupt bleibt der Verfasser der Aufzeichnungen, der niemand anderes als Jack Engles selbst zu sein behauptet – „Da ich aber hier nur eine wahre Geschichte aufschreibe, überlasse ich es dem Leser dieser Zeilen, diesen Gedankengang selbst weiterzuführen.“ – in steter Ansprache zu seiner Leserschaft.

Was bleibt als Fazit zu diesem „Sensationsfund“? Es ist ein nett und unterhaltsam geschriebenes Stück Literaturgeschichte, mit starken Personenbildern, aber auch einer Neigung zur Kolportage, ein Loblied auf die amerikanische Demokratie und Pluralität, das aber auch das herrschende soziale Elend nicht verschweigt. Es ist ein durchaus lesenswertes Zeitdokument, das seinen besonderen Charme durch die Art seiner Wiederentdeckung, seinen Kontrast zu „Leaves of grass“ und sein Zeitkolorit gewinnt. Die allerorts verbreitete „Sensation“ ist aber eine Nummer zu groß für diese kleine Geschichte und berührt wohl in erster Linie die Literaturhistoriker.

 

Beitragsbild By New York (N.Y.). Common Council; Willis, Samuel J; Valentine, David T. (David Thomas), 1801-1869 [No restrictions], via Wikimedia Commons

Weitere Meinungen findet ihr auf Poesierausch und Fixpoetry zu lesen. Sehr gefallen hat er Little Words und auch Sounds & Books.

Ich danke dem Manesse Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Walt Whitman – Jack Engles Leben und Abenteuer

Aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttmann, Irma Wehrli
Originaltitel: Life and Adventures of Jack Engle

Mit Nachwort von Wieland Freund

Manesse Mai 2017, gebundene, 192 Seiten, € 22,00

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

6 Kommentare zu „Walt Whitman – Jack Engles Leben und Abenteuer“

  1. Danke, dass hier nicht einfach in die werbewirksamen Sensationsrufe eingestimmt wird, dein nachvollziehbares und begründetes Urteil hilft mir bei der Entscheidung, dass es auch Bücher gibt, die ich NICHT kaufen muss. LG, Anna

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich finde das Buch interessant als Zeitbild, als Illustration der damaligen Lesevorlieben. Und hat sicher als kleiner, historischer Roman durchaus Bestand. Ich zweifle dennoch daran, dass er, wenn er nicht von Walt Whitman wäre, diese Würdigung erhalten hätte. Zumal sich ja drei Verlage gleichzeitig an die deutsche Übersetzung gemacht haben. Liebe Grüße, Petra

      Gefällt mir

  2. Sehr gut zusammengefasst, ich bin ganz deiner Meinung. Will man den wirklichen Whitman, wie er sich selbst auch als Autoren gesehen hat, dann müssen wohl doch die Leaves of Grass her… viele Grüße, stefan

    Gefällt 1 Person

  3. Danke für diesen echten Geheimtipp und die aussagekräftige Rezension. Ich werde wohl doch dann erst zu den noch nicht gelesenen Dickens-Romanen greifen, aber das Werk von Walt Whitman werde ich mir mal näher ansehen, von diesem Autor habe ich bisher noch nichts gelesen.
    Viele Grüße, Thomas

    Gefällt 1 Person

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