Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Shida Bazyars Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ auf einem Buchblog zu bewerben, heißt natürlich, Eulen nach Athen tragen.

Das Buch wurde auf vielen Blogs sehr positiv aufgenommen, besprochen und vorgestellt und schließlich erhielt die junge, 1988 in Hermeskeil geborene Autorin mit iranischen Wurzeln den 2016 zum ersten Mal vergebenen Bloggerpreis „Das Debüt“. Aber auch in den Printmedien wurde der Roman sehr gut besprochen und erhielt einiges an Aufmerksamkeit, im November erhielt sie den Ulla-Hahn-Autorenpreis.

Um es kurz zu machen: Das Lob ist meiner Ansicht nach sehr begründet. Shida Bazyar legt ein Werk mit spannendem, aktuellem Thema, einer sehr gut konstruierten Geschichte und großem sprachlichen Können vor.

Die autobiografischen Bezüge liegen nah. Erzählt wird von einer iranischen Familie, die in den Achtziger Jahren, nach der islamischen Revolution, nach Deutschland flieht und sich dort ein neues Leben aufbaut. Genau, wie das auch Bazyars Familie getan hat. Gegliedert ist das Buch in 4+1 Großkapitel, die im Abstand von jeweils zehn Jahren aus der Sicht von je einem der Familienmitglieder erzählt wird. Den Schluss macht ein nur drei Seiten langer Epilog, der von der in Deutschland geborenen jüngsten Tochter Tara erzählt wird.

 

by Frode Ramone (CC BY 2.0) on Flickr

Den Anfang macht Behsad, der Vater, ein ernsthafter, nachdenklicher, aber auch politisch leidenschaftlicher Mann, der auf Seiten der Kommunisten die Regierung des Shahs bekämpft hat und sich von der Revolution 1979 eine große, positive Veränderung erhofft hat, nur um zu erkennen, dass linke und liberale Positionen sehr bald von den religiös-klerikalen Mächten an den Rand gedrängt und ihre Anhänger nach deren Machterhalt bald genauso unerbittlich, wenn nicht noch grausamer, verfolgt werden. Sein bester Freund Peyman wird Opfer des neuen Regimes, eine Art Schuld, die Behsad noch sein ganzes Leben lang begleiten wird. Ihm gelingt mit seiner Familie die Flucht, sogar auf recht komfortable Weise über die Türkei und dann per Flugzeug nach Deutschland. Hier muss der einst erfolgreiche Behsad erkennen, dass er, der einst erfolgreiche Mann, am meisten Probleme mit der Eingewöhnung hat. Folgerichtig schrumpft seine Rolle in den folgenden Kapiteln zunehmend.

Nahid, seine Frau, ist die Stimme der Flucht und des Exils, die beschreibt, wie schwer sowohl das Weggehen wie auch das Ankommen fällt. Laleh, die dritte im Bund, ist bei der Flucht noch ein kleines Mädchen. Ihr kommt das Kapitel des Jahres 1999 zu. Sie erzählt von einer Reise, die sie zusammen mit Mutter und Schwester in den, damals reformorientierten, Iran unter Chatami führt. Diese Episode gewährt einen interessanten Einblick in die iranische, hier vorwiegend die weibliche Gesellschaft. Bei Laleh wird die Zerrissenheit zwischen der alten Heimat, die sie zwar kaum kennt, zu der sie aber noch starke emotionale Bindungen hat, und dem neuen Lebensumfeld in einer deutschen Kleinstadt besonders deutlich. Noch stärker in Deutschland verwurzelt ist der jüngere Bruder Morad. Erst die starke Präsenz der „grünen Bewegung“ im Iran des Jahres 2009 in den westlichen Medien, lässt Morad seine Wurzeln ein wenig deutlicher fühlen. Diese Bewegung ließ Hoffnungen auf eine freiere Zukunft, auf mögliche Rückkehr bei den Exiliranern aufkommen. Gleichzeitig wird aber auch die weitgehend unpolitische Haltung vieler junger Menschen verdeutlicht, auch die westliche Protestkultur steht als letztlich Light-Variante da.

Shida Bazyar auf dem Erlangener Poetenfest By Amrei-Marie (Own work) CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Mit viel Einfühlungsvermögen, auch in die unterschiedlichen Sprachhaltungen der Familienmitglieder, stellt Shida Bayzar die schwierige Frage nach Identitätsfindung oder auch deren Aufgabe nach dem unfreiwilligen Verlassen der Heimat und ist damit ganz nach dran an der aktuellen Flüchtlingssituation. Sie verhandelt aber natürlich auch die Integrationsmöglichkeiten und -schwierigkeiten derer, die schon lange oder in zweiter, dritter oder gar vierter Generation hier leben.

Was von der Struktur her vielleicht ein wenig formal klingen mag, wird von der Autorin sehr dicht, lebendig und einfühlsam in inneren Monologen geschildert. Sie schreibt zeitweise poetisch, dann wieder politisch konkret, die Stimmen werden aber niemals larmoyant.

Der Schluss gehört der neuen Generation. Er ist bewusst nicht datiert, birgt er doch eine große utopische Hoffnung. Hier kommt zum ersten Mal ein klein wenig berechtigtes Pathos ins Spiel.

Shiad Bazyar hat ein vielschichtiges, überraschend souveränes Debüt geschrieben.

Beitragsbild: Teheran donnerstags um Mitternacht by qiv (CC BY-SA 2.0)

 

Marina von Literaturleuchtet und Aus.gelesen haben schöne Besprechungen geschrieben, Buchrevier hat ein Interview mit der Autorin geführt.

 

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Kiepenheuer&Witsch Februar2016, 288 Seiten, gebunden mit SU, 19,99 €

 

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

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