Matthias Brandt – Raumpatrouille

Eine Kindheit in der alten Bonner Republik. Einige Autoren haben sich schon daran begeben, über eine solche zu schreiben, und besonders diejenigen LeserInnen, die selbst in den Sechziger und Siebziger Jahren großgeworden sind, werden dabei immer wieder auf eine leicht verklärte Zeitreise geschickt. Teewurst und Fürst-Pückler Eis, Kassettenrekorder und Telefone in Brokathülle, James Last und Ricky Shane, Wim Thoelke und Günter Netzer – wen überfällt da nicht dieses besondere Gefühl, das eine Mischung aus träg, langweilig, aber auch irgendwie schön wohlig war. Und das wohl weniger ein Zeitgefühl, denn es blendet überwiegend die negativen Vorkommnisse aus, als ein Gefühl der Kindheit war. Das Gefühl einer noch weitgehend unverplanten, nicht so eng getakteten Kindheit.

Und so fährt auch der Protagonist in „Raumpatrouille“ mit seinem Bonanzarad durch die Seiten und lässt diese Zeit auf wundersame Weise wiederauferstehen.

Es ist unzweifelhaft ein autobiografischer Blick, der hier von Matthias Brandt geworfen wird. Auch wenn „Raumpatrouille“ alles andere geworden ist, als ein Enthüllungsbuch, das Einblicke in das Leben der Kanzlerfamilie Brandt gewähren will oder gar in irgendeiner Form mit der Familie, speziell dem berühmten Vater, abrechnen möchte.

„Der Mann im Fernsehen war für mich eine Fiktion.“

Willy Brandt, Stockholm, By Vattkoppa (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons
Zwar ist Willy Brandt quasi als Hintergrundmusik im ganzen Buch präsent, aber eben eher als eine große Abwesenheit. Als Abwesenheit, die jedoch weniger schmerzt, als als gegeben hingenommen wird. Hier schaut jemand ohne Bitterkeit, ein wenig versonnen, geradezu staunend, manchmal leicht spöttisch auf seine Kindheit zurück, die so gar nicht „normal“ war, obwohl das Kind sich gerade das oft gewünscht hätte.

So wächst er auf, in der großen Villa mit Park am Venusberg, umgeben von Wachleuten, mit denen er ein überwiegend freundschaftlich-familiäres Verhältnis pflegt, viel allein oder mit Erwachsenen, zum Beispiel dem ziemlich verschrobenen alten Nachbarn, mit dem sich wunderbar Kakao trinken lässt und der der alte Bundespräsident Heinrich Lübke ist, von seiner Frau liebevoll „Heini“ gerufen. Oder er fährt mit seinem Vater und dessen Kollegen Herbert Wehner im Park Fahrrad, ein Treffen, das als Versöhnung zwischen den beiden Kontrahenten gedacht war, mangels der fahrpraktischen Kenntnisse Brandts aber als Desaster endete – Willy „kenterte“ im Karottenbeet.

„Raumpatrouille“ enthält auch solche Anekdoten, die durch ihre berühmten Protagonisten natürlich eine besondere Note bekommen. Sie sind aber niemals voyeuristisch oder gar wichtigtuerisch und außerdem eher eine Randerscheinung, und ganz sicher nichts für das Geschichtsbuch. Denn:

„Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden.“

hat Matthias Brandt dem Erzählten vorangestellt.

Viel wichtiger als Biografisches auszubreiten, ist ihm, ein Gefühl für Kindheit im Allgemeinen und eine Kindheit in dieser speziellen Zeit zu vermitteln. Einer Zeit, die Kindern vielleicht einfach etwas mehr Raum und vor allem Zeit ließ als die heutige.

By Siebbi [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
Und so verbrachte der kleine Protagonist eben viele Stunden in seinenFantasien, seinen Gedanken und Träumen, schuf sich in seinem familiären Schutzraum, der ohne Zweifel da war, besonders die Mutter Rut taucht immer wieder als liebender, verlässlicher Ruhepunkt auf, kleine Fluchten; erkennt aber auch eigene und äußere Grenzen, zum Beispiel als ihn einmal, die Waffe eines Wachmanns war ihm zufällig in die Hand gekommen, eine unbändige, kaum zu zügelnde Wut packt. Dieses Erschrecken über sich selbst hat Matthias Brandt in die erste seiner insgesamt 14 Geschichten gepackt, die zusammen dieses Buch bilden. In einer anderen Geschichte entgeht die Villa nur knapp einem Brand, als der Protagonist einen Zaubertrick übt. Impressionen einer Kindheit.

Sicher hat die Mondlandung von 1969, die jeden, der sie bewusst erleben konnte, nachhaltig geprägt hat, einen Einfluss auf den Titel genommen, sicher auch die gleichnamige Fernsehserie. Er ist aber auch ein schönes Bild für die Art, wie Matthias Brandt an seine Kindheitserinnerungen herangeht. Wie in eine ferne Galaxie, wie auf Streifzug bewegt er sich durch seine frühen Jahre.

Dabei bleibt er auf Augenhöhe seines kindlichen Ichs, das so um die 8-10, selten auch etwas älter ist. Eine genaue Datierung fehlt, erzählt wird nicht chronologisch, sondern episodenhaft-assoziativ. Er ist aber nicht gefangen in diesem Kind, sondern schaut, wenn auch ohne besserwisserische Kommentare oder Psychologisierungen, auf dieses zurück. Er tut das tastend, manchmal fast ein wenig zweifelnd, zurückgenommen, fast fragil, ausgesprochen achtsam und neugierig. Auch Selbstironie blitzt immer wieder durch. Sprachlich ist das Buch klar und stilistisch elegant.

Stellt man das berühmte Personal einmal beiseite, mögen die einzelnen Geschichten in ihrer Lakonie vielleicht etwas fast Belangloses haben. Stellt man sie aber in einen atmosphärischen Zusammenhang, liest sie vielleicht noch zusammen mit ihrem „Soundtrack“ – der befreundete Musiker Jens Thomas, mit dem Matthias Brandt auch auf Lesereise ging, veröffentlichte in enger Zusammenarbeit die CD „Memory Boy“, die praktisch die zweite Hälfte eines Projekts bildet – dann ergeben sie bei aller Lakonie ein zauberhaftes Porträt einer besonderen Kindheit, die doch in Vielem eben auch eine ganz normale, typische Kindheit war.

Aber ganz beiseitelassen kann man die berühmten Familienmitglieder ja doch nicht. Und so wird das letzte Kapitel, das eine große, wenn auch sehr leise Liebeserklärung an den Vater ist, besonders eindrücklich.

„Ich schaute auf das zu große, weiße Haus, in dem wir uns immer so leicht verpassten. Hier wollte ich sein. Bei ihnen. Für mich. Nirgendwo sonst.“

 

 

Eine sehr schöne Besprechung habe ich bei Analog-Lesen gefunden.

 

Matthias Brandt – Raumpatrouille

Kiepenheuer&Witsch September 2016, 176 Seiten, gebunden, 18,00 €

 

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

6 Kommentare zu „Matthias Brandt – Raumpatrouille“

  1. „Stellt man das berühmte Personal einmal beiseite, mögen die einzelnen Geschichten in ihrer Lakonie vielleicht etwas fast Belangloses haben. “ Wenn ich dasselbe Buch geschrieben hätte – gleicher Jahrgang wie der Autor – hätte es kein Verlag angenommen. Hier verkauft sich Prominenz. Das ist eben so. Ansonsten eine nette Lektüre, da es meine Kindheit 40 Km den Rhein runter zur selben Zeit ist. Danke für die ausführliche Besprechung.

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  2. Da hast du sicher ein wenig recht, liebe Erika. Man kann ja doch den berühmten Namen nicht ganz vergessen. Anfangs waren mir die Geschichten wirklich auch ein wenig zu belanglos. Schließlich hat sich bei mir aber dann doch ein ganz feines Gefühl für sie eingestellt. Das mag ganz sicher auch mit der Generation zusammenhängen. Würde mich interessieren, wie jüngere Leser auf die Geschichten reagieren. Die Rezensenten sind überwiegend auch so unser Alter 😉 Aber insgesamt sind das fein gearbeitete, schöne Geschichten. Viele Grüße!

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  3. Ich schätze übrigens Matthias Brandt als Schauspieler sehr und habe das Buch auch darum sofort gelesen. Ich mochte seinen Schreibstil, habe aber seine feinsinnige Art zu spielen immer mit vor Augen gehabt. Deshalb war ich insgesamt sehr wohlwollend. Eine über 80jährige Leserin meiner Bücherei wunderte sich zu Recht, dass er seine Geschwister mit keinem Wort erwähnt. Sie fand die Episoden auch eher belanglos.

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  4. Nun, wenn ich an meine Kindheit denke – immerhin auch am Rhein, aber in den 80ern – dann ist es doch oft genau diese „Belanglosigkeit“, die diese spezifisiche Ruhe ausmachte, die du ja in deiner Rezension auch erwähnst. Es gibt ja so einige Autoren, die derartige Erzählungen/Romane veröffentlicht haben (z.B. Ralf Rothmann), in denen dieses besondere Gefühl beschrieben wird – insofern liegt es nicht unbedingt nur am Namen Brandt, der auf dem Cover steht. Ich habe das Buch übrigens noch nicht gelesen, habe es aber definitiv vor.

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    1. Nein, ich denke auch nicht, dass das Buch nur gelobt wird, weil es von Matthias Brandt stammt. Er hat wirklich eine ganz eigene Sprache, die sich von der Art, wie er als Schauspieler agiert, gar nicht so sehr unterscheidet. Und das hat einen ungeheuren Reiz. Und wenige Bücher schaffen es, NACH der Lektüre ein runderes, noch gelungeneres Bild als während des Lesens zu zeigen. Mir ging es so, dass ich erst dann die ganze Stimmung erfasst habe, die wirklich, völlig abgesehen vom Namen Brandt, etwas ganz typisches hat. Viele Grüße und viel Freude bei der Lektüre!

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