Mathias Énard – Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten

Ebenso kunstvoll und kostbar wie die Preziosen am Hofe des Sultans Bayezid II. erscheint mir dieser schmale Roman von Matthias Énard, der 2010 auf der Shortlist des Prix Goncourt stand und schließlich den Prix Goncourt des Lycéens gewann und für mich das schönste Buch ist, das ich in diesem Jahr bisher gelesen habe.

Es erzählt von jenem Sultan des Osmanischen Reichs, der 1506 den Künstler Michelangelo Buonarotti nach Istanbul einlud, damit der ihm eine Brücke über den Bosporus entwerfe. Aus dem Jahr 1502 stammt ein Modell des Landsmannes und Konkurrenten Leonardo da Vinci, die dem Herrscher aber nicht zusagte.

Wer nun allerdings ein Porträt Michelangelos als Künstler und Mensch oder einen genau recherchierten Historienroman erwartet, wird vielleicht ebenso enttäuscht sein wie jener Kritiker,

der „westliche Bau- und östliche Ingenieurskunst, dazu ein Hauch 1001 Nacht, und das alles in der Wahrnehmung Michelangelos“ erwartet hatte, dann aber zu seiner Bestürzung feststellen musste, dies nicht zu erhalten, „Denn leider, leider interessiert sich Mathias Énard zwar für das bunte Treiben in der orientalischen Stadt, für Intrigen und heimliche Liebe, aber bedauerlicherweise nicht für Michelangelo“ und fordert, „dass man einer solchen Figur doch etwas konzentrierter gerecht werden sollte“. Für mich ein Beispiel einer völlig danebengehenden Kritik, denn, wie der Kritiker selbst schreibt, „Wenn er sich etwas nicht vorgenommen hat, dann das, nämlich einen historischen Romans zu schreiben.“

Die Erschaffung Adams – Michelangelo by Jörg Lohrer (CC BY 2.0) on Flickr

Es ist eine poetische Parabel, ein anregendes Gedankenspiel, das Matthias Ènard hier verfasst, eine historische Fantasie, „Was wäre wenn“. Was wäre, wenn Michelangelo, anders als angenommen, nicht aus Furcht vor dem Islam, der erst gute fünfzig Jahre zuvor das christliche Konstantinopel endgültig einnahm und das byzantinische Reich beendete, und aus Angst vor Repressalien, vielleicht sogar Exkommunikation durch seinen bisherigen Brotgeber Julius II, die Reise abgelehnt hätte. Was wäre, wenn sein Ärger über die ausbleibende Bezahlung durch den Heiligen Stuhl und die Intrigen gegen ihn, ihn tatsächlich in Richtung Morgenland aufbrechen ließen? Verfeindet mit den anderen großen Künstlern in Rom, mit Bramante, Raffael und dem großen Leonardo da Vinci, könnte er hier die Anerkennung und den unermesslichen Lohn gesucht haben, der ihm dort bisher verwehrt blieb.

Matthias Énard bedient sich der Figur des Michelangelo und des historischen Kontexts, verflicht geschickt Historie und Fiktion, um etwas zu erörtern, das ihm als ausgewiesenem Orientalist besonders am Herzen liegt: der Verständigung von Ost und West. Er bedient sich dabei auch etwas pathetischer Metaphern: die Brücke ist natürlich ein Sinnbild für die Verbindung von Orient und Okzident. Ihr letztendliches Scheitern ein Ausdruck für die vielen verpassten Chancen einer Annäherung über die Jahrhunderte hinweg. Ein Scheitern, das heute wieder so aktuell erscheint. Die Jahre um 1500 sind dabei die Jahre, in denen sich das Machtgefüge und die Ordnung Europas grundlegend veränderten. Mit der Vertreibung der Araber und Juden aus dem Spanien Ferdinand und Isabellas gen Osten und der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen bildete sich erst das heraus, was wir heute „den Westen“ und „den Osten“ nennen. Die Versöhnung dieser beiden Teile der Welt, die Betonung der Gemeinsamkeiten, die Tolerierung der Unterschiede und Gegensätze ist für Matthias Énard ein Anliegen, das er auch in seinem neuesten, mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Kompass“ verfolgt.

Edirne and Beyazit Bridge by Sean Munson ((CC BY-NC-ND 2.0) on Flickr

In „Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“ kleidet er es in eine Mischung aus Märchenhaftem und Realem, in kurze, manchmal skizzenhafte Kapitel, die in den Passagen einer sephardischen Tänzerin, die einige (unberührte) Nächte mit Michelangelo verbringt, den poetischen Ton orientalischer Liebesdichtung annehmen, in anderen den trockenen Ton der Briefe Michelangelos an seinen Bruder zitieren, dann wieder in erzählerischen Abschnitten ein farbenprächtiges, orientalische-multikulturelles Panorama erschaffen oder tief in die erdachte Gefühls- und Gedankenwelt Michelangelos eintauchen. Seinen Charakteren gestattet der Autor eine große Ambivalenz, was auch zu der Vielschichtigkeit dieses nur schmalen Romans beiträgt.

Ein weiteres Thema, das Énard beschäftigt, und das im titelgebenden Motto von Rudyard Kipling anklingt, ist die Macht und die Kraft von Geschichten.

„und dann – da sie ja alle Kinder sind – erzähl ihnen von Schlachten, von Königen, Pferden, Teufeln, Elefanten und Engeln; aber vergiss auch nicht, ihnen von Liebe und dergleichen zu erzählen.“

Das Motto ist dem Vorwort zu „Dunkles Indien“ entnommen und wird von Gedanken der geheimnisvollen Sephardin aufgenommen.

„Ich weiß, dass Männer Kinder sind, die ihre Verzweiflung, ihre Angst vor der Liebe mit Wut vertreiben. Auf die Leere antworten sie, indem sie Schlösser und Tempel bauen. Sie klammern sich an Erzählungen, tragen sie vor sich her wie Standarten; jeder macht sich eine Geschichte zu eigen, um sich der Menge anzuschließen, die sie teilt. Man erobert sie, indem man ihnen von Schlachten, Königen, Elefanten und anderen Wunderwesen erzählt; indem man ihnen von dem Glück erzählt, das uns jenseits des Todes erwartet (…)“

„Wiedergutmachung für all die Länder, die wir ab dem Moment verlieren, da wir den Bauch unserer Mutter verlassen, und die wir durch Geschichten ersetzen, wie gierige Kinder sitzen wir mit weit aufgerissenen Augen vor dem Geschichtenerzähler.“

Sultan Bayezid II  on Wikimedia Commons

Der Zauber, der Trost, die Macht von Geschichten – der Autor glaubt an sie. Und wenn sie mit so wunderbaren Worten erzählt werden, wie Matthias Énard sie benutzt, dann werden sie zum kostbaren Kleinod. Wie schön beschreibt er beispielsweise den Tod des Sultans Bayezid II.

„Er starb im Jahr 1512, kurz nachdem er zugunsten seines Sohn Selim abgedankt hatte, auf dem Weg nach Dimetoka, seinem Geburtsort, den er nie erreichte; das Gift, das ihm ein Scherge Selims verabreichte, oder eines jener anderen tödlichen gifte wie Traurigkeit und Melancholie obsiegte über den Mann, der von einem Bauwerk in Istanbul von der Hand Leonardo da Vincis oder Michelangelo Buonarottis geträumt hatte.“

Ein wunderbares Buch!

Beitragsbild: Bosporus, Istanbul, Turkey by Minamie’s Photo (CC BY 2.0) on Flickr

letusreadsomebooks hat den Roman auch gelesen und besprochen.

 

 

 Matthias Énard – Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten

Übersetzt von: Holger Fock, Sabine Müller

Berlin Verlag September 2013, 176 Seiten, Broschur, € 10,00

 

 

Autor: literaturreich

"Bücher müssen mit ebenso viel Überlegung und Zurückhaltung gelesen werden, wie sie geschrieben wurden" Henry David Thoreau

8 Kommentare zu „Mathias Énard – Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“

    1. Sehr gerne! Ich habe Énard auch in Leipzig und virher bereits in Frankfurt treffen dürfen. Ein sehr sympathischer, gebildeter Autor. Im Herbst kommt er sicher auch wieder nach Frankfurt. Darauf freue ich mich! Schöne Grüße!

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