Daniel Kehlmann – Tyll

Tyll – prangt in großen, etwas ungelenken Lettern in grellem Orange über einem Mummenschanzbild von Francisco Goya. Das Cover lenkt den Leser sofort auf die Spur von Till Eulenspiegel, jenem legendären Schalk und Narren, der im 14. Jahrhundert seine geistreichen, oft auch derben Späße machte, die in der vermutlich 1510 erstmals veröffentlichten Sammlung „Ein kurtzweilig lesen von Dyl Ulenspiegel“ bis heute populär sind.

Liest man weiter im Klappentext, erfährt man aber eine leichte Verunsicherung. Vom 17. Jahrhundert ist hier die Rede, vom Dreißigjährigen Krieg, in dem das Buch spielt.

Darf ein Roman das? Historische Gegebenheiten derart verschieben. Bekannte Figuren in ein ganz anderes Zeitumfeld verpflanzen? Und kann das funktionieren?

Literatur darf zunächst einmal natürlich alles. Die Frage ist nur, ob es funktioniert. Und das tut es hier zweifelsohne. Die Fusion von 14. und 17. Jahrhundert gelingt so organisch, so selbstverständlich, dass sie dem Leser von Beginn an überzeugt. Vielleicht liegt es daran, dass sich besonders beim Leben auf dem Land in den 300 Jahren, die dazwischen liegen, relativ wenig verändert hat. Renaissance, Aufklärung, selbst uns so revolutionär erscheinende Entwicklungen wie der Gutenbergsche Buchdruck kamen beim Volk zunächst gar nicht an. Das machte es zumindest Daniel Kehlmann nach eigener Aussage leicht, seinen Tyll Ulenspiegel ins 17. Jahrhundert zu versetzen.

Aber warum war ihm das notwendig?

Hermann Bote – Till Eulenspiegel, Buchseite von 1515, gemeinfrei CC0, via Wikimedia Commons

Zunächst einmal, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, ist „Tyll“ eigentlich kein Buch über Till Eulenspiegel. Dieser taucht zwar wie ein roter Faden im Romanverlauf immer wieder auf, es werden lustige, anrührende und nachdenklich machende Szenen und Episoden erzählt, darunter auch altbekannte, aber eben keine Lebensgeschichte des berühmten Spötters. Für historische Genauigkeit ist hier auch die Quellenlage viel zu dünn, die „Eulenspiegelforschung“ gibt da auch nicht besonders viel her. Tyll ist im Buch die Titel-, aber vielleicht noch nicht einmal die Hauptfigur. Zumindest das Paar des Winterkönigs, Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz und seiner Frau, Elizabeth Stuart, englische Prinzessin, zwei sehr tragische historische Figuren, konkurrieren mit ihm. (Tatsächlich plante Kehlmann einige Zeit, das Buch „Der Winterkönig“ zu nennen.)

Der eigentliche Hauptprotagonist ist sowieso der Krieg, der Dreißigjährige Krieg, der im Jahr 1618 ausbrach. Und es ist auch sicher kein Zufall, dass das Buch gerade jetzt erscheint, wo sich das Datum im kommenden Jahr zum 400. Mal jährt.

Aber warum dann überhaupt diese Versetzung des Gauklers aus dem 14. Jahrhundert in die dunkle, grausame Zeit des vielleicht furchtbarsten Krieges, den Deutschland je gesehen hat, der zusammen mit den aus ihm direkt resultierenden Hungersnöten und Seuchen in manchen Gebieten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation zwei Drittel der Bevölkerung das Leben gekostet hat?

Wie Daniel Kehlmann feststellte, brauchte es für sein Romanprojekt, das ein möglichst breites Panorama der damaligen Zeit und zugleich eine eng an bestimmte Personen angelehnte Erzählstimme besitzen sollte, eine Figur, die mit den unterschiedlichsten Gesellschaftskreisen und Regionen in Kontakt kam. Anders als in unserer heutigen mobilen, globalisierten Gesellschaft kamen für das 17. Jahrhundert, das in allen Bereichen, seien es regionale, ständische oder berufliche, ein sehr statisches war, da nur sehr wenige Bevölkerungsgruppen in Frage. Ein Vertreter des „Fahrenden Volks“ lag nahe, aber eben auch einer, der enge Beziehungen zu „denen da oben“ pflegte. Und so wurde es eben ein Hofnarr. Der Schritt zu Till Eulenspiegel war da nicht mehr weit (obwohl dieser wohl nie als Hofnarr diente).

Aber auch literarische Aspekte spielten sicher eine Rolle. Shakespeare, der sogar einen Kurzauftritt bekommt, gab in vielen seiner Stücke dem Narren eine Rolle. Dass Kehlmann Shakespeare verehrt, ist anzunehmen. Außerdem erschien bereits 1867 ein historischer Roman, der Till Eulenspiegel in eine gänzlich andere Umgebung verpflanzte, nämlich in die des 16./17. Jahrhunderts in Flandern: Charles de Costers Thyl Ulenspiegel. Und schließlich kennen wir Kehlmanns Freude an Spielereien. Auch in seinem Erfolgsromen „Die Vermessung der Welt“ von 2005 ließ der Autor gegen jede historische Wahrscheinlichkeiten die damaligen Universalgelehrten Johann Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt aufeinander treffen.

Mit „Die Vermessung der Welt“ legte sich Daniel Kehlmann die eigene Messlatte ziemlich hoch – mit „Tyll“ hat er sie locker übersprungen.

Der Galgenbaum – Darstellung von Kriegsgräueln nach Jacques Callot (1632) Public domain via Wikimedia commons

Der dreißigjährige Krieg ist sicher eine der dunkelsten, grausamsten Zeiten auf mitteleuropäischem Gebiet. Es war die Zeit der „Kleinen Eiszeit“, die das Klima in Mitteleuropa stark verschlechterte und zu der sogenannten „Agrarkrise“ führte, die gehäufte Hungersnöten zur Folge hatte (auch wenn deren Höhepunkt eher gegen Ende des 17. Jahrhunderts lag; insgesamt dauerte sie vom Ende des 15. bis ins frühe 19. Jahrhundert an). Es war aber auch, anders als oft im Mittelalter vermutet, die Zeit der größten Hexenverfolgungen, besonders auf deutschem Gebiet. Man schätzt, dass allein hier an die 40.000 Hexenverbrennungen stattfanden. Die frühe Neuzeit war generell eine Zeit der Unsicherheit und des Umbruchs. Alte Ordnungen gerieten ins Rutschen, nicht zuletzt auch durch die Reformation. Schließlich war (vorgeschoben) der Dreißigjährige Krieg ein Religionskrieg um die Vormacht von Katholischer Liga/Kaiser oder Protestantischer Union. So sind nicht nur die Schilderung der Verheerungen des Krieges im Alltag der Menschen Kehlmanns Thema, sondern auch diejenigen in den Köpfen, die Gefühle der Unsicherheit, der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins, wenn jederzeit marodierende Horden Besitz und Leben rauben konnten, stets Hungersnöte und Seuchen drohten.

by NobbiP [Public domain], via Wikimedia Commons
Der rebellische, auch zynische und nachgerade böse Tyll ist da eine Figur, die Freiheit von all dem Elend versprach. Zwar entbehrte sie jeglichen Schutzes durch die Obrigkeit, konnte sich aber frei durch das Land bewegen. Selbst derber Spott war ihr erlaubt.

Gleich zu Beginn lässt Kehlmann erkennen, für warum er diesen Roman schreibt. Es sind die vielen, vielen Toten, die Opfer, die nicht mehr erreichbaren Zeugen der vergangenen Zeiten, die doch in der großen Historie meist keinen Raum einnehmen und die doch gar nicht so weit entfernt sind. Denn Geschichte ist niemals abgeschlossen.

 

 

„Der Krieg war bisher nicht zu uns gekommen. Wir lebten in Furcht und Hoffnung und versuchten, Gottes Zorn nicht auf unsere fest von Mauern umschlossene Stadt zu ziehen, mit ihren hundertfünf Häusern und der Kirche und dem Friedhof, wo unsere Vorfahren auf den Tag der Auferstehung warteten. (…) Unsere Kirche steht nicht mehr, aber die Kiesel, die das Wasser rund und weiß geschliffen hat, sind noch dieselben, wie auch die Bäume dieselben sind. Wir aber erinnern uns, auch wenn keiner sich an uns erinnert, denn wir haben uns noch nicht damit abgefunden, nicht zu sein. Der Tod ist immer noch neu für uns, und die Dinge der Lebenden sind uns nicht gleichgültig. Denn es ist alles nicht lang her.“

Beginnend mit einer Episode aus Tylls Leben, in der er die Bevölkerung eines kleinen Orts narrt (dem bekannten Schuhstreich), bewegt sich Kehlmann in recht wilden Zeitsprüngen sowohl in die Vergangenheit – die ärmliche Kindheit, die Verurteilung des Vaters als Hexer, an der der Junge nicht ganz unschuldig ist, an seine Flucht mit der Bäckerstochter Nele zu den Vaganten -, als auch in die Zukunft – Tylls Stellung als Hofnarr beim Winterkönig, dessen tragischer Tod, der Kampf seiner Witwe um die Wahrung der Kurpfalzwürde für ihren Sohn. Insgesamt erstreckt sich die Handlung bis zur letzten Schlacht des Dreißigjährigen Kriegs in Zusmarshausen.

Friedrich V. von der Pfalz Michiel van Mierevelt [Public domain], via Wikimedia Commons
In Episoden wird erzählt von Schlachten und Brandschatzungen, von Aberglaube und Inquisition, vom Überlebenskampf der Bevölkerung und den Ränken und Intrigen der Regierenden. Erzählt wird von den Dichtern und Gelehrten Adam Olearius und Paul Fleming auf Drachenjagd, den Heucheleien der Jesuiten Oswald Tesimond und Athanasius Kircher, dem dicken Graf Wolkenstein und immer wieder von Friedrich V. von der Pfalz, dem protestantischen Kurfürst, der mit der Annahme der böhmischen Krone durch die Stände zum offenen Konflikt mit dem Kaiser und damit zum Ausbruch des Krieges führte. Seine Regentschaft dauerte nur ein Jahr, weswegen er den spöttischen Beinamen „Der Winterkönig“ erhielt. Ihm und seiner Frau Elizabeth Stuart, Tochter des englischen Königs, gilt eindeutig Kehlmanns Sympathie. Insgesamt bringt der Autor überhaupt deutlich mehr Empathie für seine Figuren auf als in der eher kühl-eleganten „Vermessung der Zeit“.

Elizabeth Stuart Workshop of Michiel van Mierevelt [Public domain], via Wikimedia Common

„Mädchen gehen nicht anderswohin. Sie bleiben, wo sie geboren sind, so war es immer: Du bist klein, du hilfst im Haus, du wirst größer, du hilfst den Mägden, du wirst erwachsen und heiratest einen Steger-Sohn, wenn du hübsch bist, oder aber einen Verwandten des Schmieds oder, wenn es schlecht läuft, einen Heinerling. Dann bekommst du ein kind und noch ein Kind und weitere Kinder, von denen die meisten sterben, und weiterhin hilfst du den Mägden und sitzt in der Kirche etwas weiter vorne, neben deinem Mann und hinter der Schwiegermutter, und dann, wenn du vierzig bist und deine Knochen schmerzen und deine Zähne dahin sind, sitzt du auf dem Platz der Schwiegermutter.“

Man lernt viel ohne belehrt zu werden in diesem „Welttheater unvergesslicher Gestalten“, das in einer eleganten, aber zurückgenommenen Sprache verfasst ist und niemals der Versuchung zu falsch altertümelndem Duktus verfällt. Man ist erschüttert angesichts all der herrschenden und geschilderten Grausamkeiten, amüsiert durch den Humor, beeindruckt vom Esprit, berührt von den Schicksalen und unterhalten von den vielen versteckten Bezügen und postmodernen Spielereien. So spöttelt der Autor über das Entstehen der deutschen Schriftsprache und deren Ablehnung durch berühmte Gelehrte.

„Unsere Sprache wird gerade erst geboren. Hier sitzen wir, drei Männer aus dem gleichen Land und sprechen Latein. Warum?“ fragt da beispielsweise der Barockdichter Paul Fleming. Athanasius Kircher antwortet ihm: „Aber das Deutsche hat keine Zukunft. Erstens, weil es eine hässliche Sprache ist, dickflüssig und unsauber, ein Idiom für ungelernte Laute, die nicht baden. Zweitens, es gibt für so ein langwieriges Wachsen und Werden gar keine Zeit mehr. In sechsundsiebzig Jahren endet das eiserne Zeitalter, Feuer kommt über die Welt, und unser Herr kehrt in Glorie zurück“ Die gefräßige Zeit löschte fast alles, aber gegen das hier würde sie machtlos sein. An einer sache bestand kein Zweifel. Solange die Welt bestand, würde man Athanasius  Kircher lesen.“ So kann man sich täuschen!

Komplex und kunstvoll konstruiert behält Kehlmann wie sein Tyll stets alle Bälle in der Luft bis zum anrührenden, aber auch offenen Schlussbild. Das ist große Kunst. So sollte ein historischer Roman sein. Und man muss schon bis nach England schauen, bis zu Hilary Mantel und ihren Cromwell-Romanen, um etwas Gleichwertiges zu finden.

Dass der Roman nebenbei auch noch einer über Europa ist, eines Europas in der größten Krise, ein zerrüttetes, nahezu zerstörtes, eines in einer Zeit des Umbruchs und der großen Verunsicherung, das wirft ein beunruhigenden Blick ins Heute. Auch nicht das Schlechteste, was man über einen historischen Roman sagen kann.

Beitragsbild: Josef F Heydendahl Szene aus dem dreißigjährigem Krieg, Joseph Heydendahl [Public domain], via Wikimedia Commons

In Petras Bücherapotheke und beim Buchuhu könnt ihr weitere Besprechungen finden.

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Daniel Kehlmann Tyll

 

 

Daniel Kehlmann – Tyll

Rowohlt Oktober 2017, gebunden, 480 Seiten, € 22,95

 

Ich danke dem Rowohlt Verlag sehr für das Rezensionsexemplar!

16 Kommentare zu „Daniel Kehlmann – Tyll

    1. Schön. Ich denke, vielen Lesern werden meine Rezensionen zu lang sein. Aber ich brauche diesen Platz für mich selbst, um meine Gedanken zum Buch zu ordnen. Ich freue mich, wenn es Leser gibt, die mir da folgen mögen. Ich möchte unbedingt auch die Kurzrezensionen, die ich auf „Blitzlichter“ veröffentlicht habe, wiederbeleben. In der letzten Zeit hat mir da die Zeit für die Kürzungen gefehlt. Tyll lohnt sich auf jeden Fall!

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      1. Das ist so ein bisschen mein Problem. Ich kann mich nicht kurz fassen. Und wenn ich es doch mal irgendwie hinbekomme, bin ich damit partout nicht zufrieden. – Ja, mal schauen, wann ich es mir gönne. Derzeit habe ich jobbedingt aber wieder meine fünf-Seiten-lesen-und-dann-auf-dem-Sofa-einschlafen-Phase. 😀

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    1. Das freut mich natürlich. Kennst du die Vermessung? Ich will nicht sagen, dass es das Gleiche ist, aber es geht in die Richtung. Spielerisch, manchmal durchaus ein wenig bildungshuberisch, ironisch – es gibt Kritiker, die das nicht mögen. Ich finde es wunderbar!

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      1. ich habe einiges von ihm gelesen, ja, und das beste fand ich immer Ich und Kaminiski, er kann es einfach und fängt man an zu lesen, kommt man kaum los davon. Allerdings hatte ich bei Ruhm und bei F. meine Schwierigkeiten. Die Vermessung ist wiederum einfach gut! Und nach dem, was du schreibst, scheint Tyll wieder ganz auf Höhe zu sein. Ich lass es mir noch durch den Kopf gehen! Du weißt ja, es gibt so vieles. Ich habe mich gerade bei Péter Nádas festgelesen. Der Vergleich zwischen beiden verbietet sich natürlich, und trotzdem: das von innen nach außen Entwickelte (Nádas) liegt mir derzeit näher als das von der Konstruktion nach innen Geschriebene. (was ich seit F. bei Kehlmann immer unterstelle: dass er da was konstruiert, ich habe dann immer Angst, dem Autor auf die Schliche zu kommen: aber allein die von Dir zitierten Stellen deuten etwas anderes an … ) Du merkst hoffentlich: Du hast mich schon ziemlich und fast in Gänze überzeugt, meine Vorbehalte zu räumen. Beste Grüße und schönes Wochenende!

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  1. Hallo Petra,
    ich bin erfreut, dass du das Buch gelesen hast und es dir auch noch so gut gefallen hat! Als Hörbuch liegt es nämlich schon längst auf meiner Merkliste und bei nächster Gelegenheit wollte ich es hören. Freue mich jetzt umso mehr darauf.
    GlG vom monerl

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