Das Debüt 2017 – Bloggerpreis #5 – Christian Bangel – Oder Florida

Vielleicht Florida? Eine Option. Oder vielleicht mit Nadja nach Berlin? Auch möglich. Oder doch in Frankfurt an der Oder bleiben?

Der Ich-Erzähler Matthias Freier hat das Abi in der Tasche, aber seine weitere Lebensplanung ist, vorsichtig ausgedrückt, noch recht offen. Wir schreiben das Jahr 1998, Freier gehört irgendwie zur linken Szene, hat mit seinem Kumpel Fliege die Stadtzeitung 0335 gegründet und schreibt gelegentlich Artikel für diese. Fliege ist Punker mit Irokesenschnitt und gleichzeitig ein ganz gewiefter Kopf. Nicht nur verdient er mit seiner Agentur, in der Freier eher wenig motiviert Flyer und Newsletter für die unterschiedlichsten Unternehmen verfasst, ganz gut Geld, nein, er hat auch einen politischen Plan: durch Masseneintritte von Gesinnungsgenossen  und einen geeigneten Kandidaten will er den SPD-Ortsverein übernehmen und bei den kommenden Wahlen gegen den durch seine DDR-Vergangenheit in Schieflage geratenen bisherigen Bürgermeister siegen.

Schade nur, dass der ausgeguckte Kandidat Franziskus so gar nicht bei der Wählerschaft ankommt. Nicht zuletzt, weil er den „Ossis“ immer wieder vorwirft, den Hintern nicht hochzukriegen und stattdessen in Jammerei zu verfallen. Ein typischer, hemdärmeliger Kapitalist und „Wessi“. Schade besonders, weil die von Fliege ins Leben gerufene Kampagne „Mehr Sonne für Frankfurt!  Für ein gerechtes Klimaabkommen mit Afrika und Schluss mit der Wetterapartheid!“ eigentlich ganz gut läuft. Dafür lassen sich, bittere Ironie, plötzlich die Menschen mobilisieren, die bei demokratischen Vorhaben sonst nur müde abwinken. Eigentliches Ziel wäre, endlich „mal was gegen die Nazis machen“, die die Stadt zunehmend terrorisieren, für Linke und Liberale richtige Listen führen und auch vor körperlichen Angriffen gegen diese nicht zurückschrecken. Eine Erfahrung, die Freier nicht nur einmal gemacht hat.

ADN-ZB Kluge 15.1.90 Leipzig: Demonstration
Bundesarchiv, Bild 183-1990-0115-032 / Kluge, Wolfgang / CC-BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons

So ist auch eines seiner vorherrschenden Gefühle, neben der für sein Alter nicht ganz untypischen Plan- und Ziellosigkeit, die Angst. Angst vor den Rechtsradikalen, aber auch Angst vor seinen Gefühlen für die zurückgekehrte Schülerliebe Nadja, Angst vor der ganzen Umbruchsituation der Nachwendejahre.

„Aber was in den Archiven und auch sonst kaum vorkommt, ist, wie beschissen es danach wurde. Es war wie in einem Hollywoodfilm: Niemand will etwas über die Zeit nach der Kussszene wissen. Die Geschichte der zwei Länder, die sich friedlich und fröhlich wiedervereinten, war zu gut, um sie zu versauen.“

Dass es so einfach nicht war und ist, wissen wir mittlerweile. Dass „zusammenwächst, was zusammen gehört“, ist bis heute ein eher frommer Wunsch. Deutlich sind immer noch die Gräben zwischen Ost und West zu spüren, Argwohn und Misstrauen auf beiden Seiten noch immer nicht gänzlich beseitigt. Immer deutlicher wird, dass die sogenannte Wende mehr ein Epochenbruch zumindest für den einen Teil der Bevölkerung war, dessen Aufarbeitung Zeit braucht.

Auch Freiers Eltern bekommen die weniger schönen Seiten der Wiedervereinigung zu spüren. Die Mutter, früher Illustratorin, arbeitet seit der Übernahme des Verlags in einem Callcenter. Ihre Telefonate von dort mit dem Sohn, gehören mit zum Rührendsten des Romans. Der Vater, einst Leiter einer Bauartikelgenossenschaft, ist kaum noch zuhause, sondern jobbt im Westen.

Verlusterfahrungen allerorten, Existenzängste, Verunsicherungen, Demütigungen – auch Freier erlebt sie, als er, nachdem die Wahlsache in Frankfurt gescheitert ist, für den Unternehmer Franziskus, dessen „Pressesprecher“ er für die Zeit der Kampagne war, nach Hamburg gehen soll. Franziskus erkennt in dem jungen Mann ein Potential, das er für die Gründung einer Zoogeschäftskette in Florida nutzen möchte. Zuerst soll sich Freier bei einem befreundeten Hamburger Unternehmer ein paar „Kenntnisse“ aneignen, ein wenig „Biss“ erhalten. Für Freier die Chance auf den großen Gewinn – es locken immerhin 100.000 Mark -, im Alltag eher Ausbeutung beim Scheibenputzen in der Aquaristik oder bei der Müllentsorgung. Für die Kollegen ist er Udo – Unser doofer Ossi. Irgendwann muss er sich entscheiden, ob es das ist, was er will.

Frankfurt O trilingual By Ziko (Own work) (CC BY-SA 3.0), via Wikimedia Commons

Freier – der Name ist kein Zufall. Mit der Leichtfüßigkeit und Lässigkeit, mit der der Roman erzählt ist, geht Freier auch sein Leben an. Alle Trostlosigkeit und alle Widrigkeiten können ihn nicht völlig erschüttern.

Es steckt vermutlich einiges von Christian Bangel in Matthias Freier. Dasselbe Alter, Heimatort Frankfurt/Oder, journalistische Neigungen. Auch eine linke Szene rund um die KuFa, die Kulturfabrik gab es in der Form in der Stadt. Selbst Gerüchte, dass eine Art feindliche Übernahme der SPD geplant wurde, existieren. Und leider auch die Probleme mit den Rechtsradikalen. So schlimm wie geschildert, hätte ich mir diese nicht vorgestellt, hätte ich nicht vor zwei Jahren den Roman 89/90 von Peter Richter gelesen, der wie eine Art Vorgänger, wenn auch in Dresden beheimatet, wirkt. Doch, es war wohl wirklich so schlimm mit den Nazis. Und dass diese auch heute noch ein großes Problem sind, hat sich mittlerweile auch herumgesprochen.

Man findet im Roman vieles so, wie man es erwartet hat: der Ossi mit Selbstmitleid und Wut, der Wessi mit Arroganz und Rücksichtslosigkeit. Aber eben nicht nur. Klischees ja, aber keine Stereotypen. Da rackern sich die Leute im Osten eben auch ab, sind kreativ und innovativ, da sind die Menschen im Westen eben auch ungeheuer friedlich und freundlich. Da schauen die Bürger im Osten gerne mal weg, wenn von rechts gegrölt, gekloppt und gesoffen wird, verfallen in bitteren Trotz und Ostalgie, wenn es nicht so läuft, wie gedacht. Und die im Westen haben keine Probleme, auf ihre „Udos“ herabzuschauen und immer alles besser zu wissen. So und so.

Die Menschen in Christian Bangels Roman sind keine Karikaturen, sondern eben Menschen. Der Autor verrät sie nicht, hat aber auch kein Mitleid oder ergreift für die eine oder andere Seite Partei. Man kann sehr gut sehen, was da alles schief gelaufen ist und was seine Schatten bis ins Heute wirft. „Oder Florida“ wird dadurch für mich zu einem Zeitdokument, das auch sehr authentisch ein Lebensgefühl transportiert. Es ist witzig und tragisch, nachdenklich und lässig, gefühlvoll und komisch. Ein Bildungsroman, ein Wenderoman, ein Frankfurt/Oder-Roman, ein Liebesroman, ein Zeitroman.

Es gibt auch Dinge, die nicht perfekt geglückt sind, so zum Beispiel die wahre Identität von Nachbar Töffler. Auch Nadja bleibt als Figur so wenig greifbar wie die Geschäftsabsichten von Herrn Franziskus. Aber das ist Erbsenzählerei bei einem gelungenen Debütroman.

 

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Christian Bangel – Oder Florida

Piper Verlag Oktober 2017, 352 Seiten, Hardcover, € 18,00

 

 

 

Eva Jancak von Literaturgeflüster, Ruth von Ruth liest und Marc von Lesen macht glücklich haben auch bereits Rezensionen veröffentlicht.

3 Kommentare zu „Das Debüt 2017 – Bloggerpreis #5 – Christian Bangel – Oder Florida

  1. Lustig, genau heute habe auch ich meinen Beitrag zu diesem Buch veröffentlicht. Alle Bücher der Shortlist sind so unterschiedlich. Eine Rangliste zu erstellen ist für mich wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen.
    Liebe Grüße
    Silvia

    1. Dann muss ich gleich mal schauen! Ja, vergleichen ist echt schwierig. Da ich mich aber nicht als Fachjury fühle, sondern als Leserin, ist das für mich entscheidende Kriterium: habe ich das Buch gern gelesen, hat es mich erreicht, etwas bei mir bewirkt. Und da fällt mir das Urteil ehrlich gesagt nicht so schwer. Liebe Grüße, Petra

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