Viet Thanh Nguyen – Der Sympathisant

Nahezu jeder kennt die Eröffnungsszene des amerikanischen Films „Apocalypse now“. Wenn nicht den Film, so doch zumindest das eindrückliche musikalische Intro „The end“ von den Doors. Rotorblätter schrappen, Helikopter vor Dschungellandschaft, Düsternis.

Nahezu jeder weiß etwas über den Vietnamkrieg, der doch in Vietnam selbst „Amerikanischer Krieg“ genannt wird. Es gibt unendlich viel Material über diese mörderische Auseinandersetzung, das Netz quillt über von Fotos, Videos, Berichten, Analysen. ( Wer sich dafür interessiert oder das Buch bereits gelesen hat, sollte mal hier nachschauen. Ich habe bei diesem Flickr Nutzer unglaublich eindrückliche Fotos gefunden, die oft tatsächlich bestimmte Szenen des Buches visualisieren. Sehr interessant!) Aber gleich auf welcher Seite des Konfliktes deren Urheber stehen, auf der amerikanisch-westlichen oder der kommunistischen des Vietcongs, immer ist es vor allem die US-amerikanische Perspektive, die bestimmt. Es sind die Traumata der GIs, die politischen Auseinandersetzungen im Westen, die dramatischen Evakuierungen, die abenteuerlichen Kriegsreporter, die im Mittelpunkt stehen. Die Vietnamesen selbst kommen meist lediglich lediglich als Opfer vor, als Leichen auf der Erde, als hilflos und verzweifelt Fliehende. Charakteristisch dafür ist das weltberühmte Foto des „Napalm-Mädchens“ Phan Thị Kim Phúc.

Trotzdem die Amerikaner diesen Krieg militärisch verloren haben und geschätzt bis zu sechs Millionen tote Vietnamesen 50.000 gefallenen US Soldaten gegenüberstehen, besitzen die Verlierer weitgehend die Deutungshoheit über das Geschehen

„Das war der erste Krieg, dessen Geschichte die Verlierer und nicht die Sieger schreiben würden.“

So auch die Bilanz des Erzählers in Viet Thanh Nguyens Roman „Der Sympathisant“. Das Hauptmittel zur Wahrung dieser Deutungshoheit sieht er in eben jenem Hollywood, das Filme wie „Apocalypse now“ zu von Millionen Menschen konsumierten Geschichten macht. Aber auch Romane wie „Der stille Amerikaner“ von Graham Greene, Dokumentarfilme und Zeitungsartikel stammen überwiegend aus westlicher Feder.

„Dieses amerikanische Narrativ“ zu verändern, erklärt Viet Thanh Nguyen im Interview als erklärtes Ziel seines Romans. Schon im Vorfeld erschien sein Essayband „Nothing ever dies: Vietnam and the memory of war“ zu diesem Thema.

In „Der Sympathisant“ haben wir es mit einem Erzähler zu tun, der in seiner Zelle irgendwo in Vietnam sitzt und für den Kommandanten des kommunistischen Umerziehungslagers einen Rechenschaftsbericht schreibt. Das macht ihn von Beginn an zum unzuverlässigen Erzähler, denn natürlich hängt von dem, was und wie er es erzählt sein zukünftiges Schicksal oder sogar sein Leben ab. Also, inwieweit kann man den Aufzeichnungen trauen?

Der namenlose Mann ist aber noch in anderer Hinsicht wenig vertrauenswürdig. Erfahren wir doch schon im ersten Satz, dass er ein Doppelagent ist und war, ein berufsmäßiger Lügner sozusagen.

„Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern.“

Diese zwei Gesichter bestimmen sein ganzes Leben. Als unehelicher Sohn eines französischen Priesters und dessen jungen vietnamesischen Hausmädchens, wird er von klein auf als Bastard beschimpft und gemieden. Eine zerrissene Persönlichkeit, aufgewachsen in streng katholischem Haus, nach dem Untergang der französischen Kolonialherren 1954 in den Süden Vietnams geflüchtet, sympathisiert er selbst stark mit dem Kommunismus und Atheismus. Gleichzeitig lebt er aber den westlichen Lebensstil, der sich zunehmend in Vietnam engagierenden Amerikaner – es gilt, ein weiteres kommunistisches Bollwerk in Südostasien zu verhindern.

Der Erzähler wird zum Adjutanten eines hohen südvietnamesischen Generals, erhält eine geheimdienstliche Ausbildung und wird damit tief in die amerikanischen Operationen hineingezogen. Gleichzeitig arbeitet er für die Kommunisten und versorgt sie mit geheimen Informationen. Diese Zerrissenheit wird auch noch einmal deutlich in dem Freundestrio, Erzähler, Man und Bon. Man arbeitet im kommunistischen Untergrund und ist des Erzählers Verbindungsmann, während Bon pro-amerikanisch denkt. Blutsbrüder seit der Schulzeit, sind die Freunde doch so gespalten wie ihr ganzes Land.

1975 zeichnete sich die endgültige Niederlage der US-amerikanischen Streitkräfte ab. Der Widerstand im Heimatland gegen diesen barbarischen Krieg wurde zu groß, Präsident Nixon war bereits 1974 zurückgetreten, Niederlage reihte sich an Niederlage. Dennoch warteten die Amerikaner um Panik in der Zivilbevölkerung zu vermeiden sehr lange ab und begannen erst Ende April, als die nordvietnamesischen Truppen vor Saigon standen, mit großflächigen Evakuierungen. Im Roman wird das sehr eindrücklich geschildert. „White Christmas“ ertönte im US-Sender als Starsignal dafür. Hunderttausende Menschen stürmten nun in Todesangst die US-Botschaft und hofften darauf, ausgeflogen zu werden. Amerikaner, Westeuropäer, aber auch deren Verbündete unter der einheimischen Bevölkerung. Bei weitem nicht alle konnten gerettet werden. Als am 28. April der Flughafen Saigons durch Bombardierungen weitgehend zerstört wurde, blieben nur noch Hubschrauber zur Rettung. Die Szenen rund um diese Evakuierungen gehören zum spannendsten und eindrücklichsten des Romans.

South_Vietnamese_refugees_on_US_ship_Apr_1975 By Dirck Halstead [Public domain], via Wikimedia Commons
Durch seine guten Beziehungen gelang dem Erzähler die Flucht und er konnte auch seinen Freund Bon retten. Zunächst gelangten sie nach Guam, danach nach Kalifornien, wo sich eine große vietnamesische Community ansiedelte. Sehr anschaulich erzählt der Autor von den Anpassungsschwierigkeiten, der Verbitterung darüber, das Heimatland verloren zu haben, den geheimen Operationen der Veteranen. Der namenlose Erzähler bleibt auch hier Doppelagent und berichtet über einen Mittelsmann in Frankreich an die Kommunisten. Zwar steckt er zuweilen in einem Gewissenskonflikt, besonders weil er auch Gegner liquidieren muss, aber insgesamt kommt er mit seiner Existenz ganz gut zurecht und wer weiß, wieviel seiner Reue auch der Tatsache geschuldet ist, dass das, was wir lesen, ja ein Bekenntnisbericht im Umerziehungslager ist. Irgendwann schließt er sich einer militärischen Operation an, die ihn wieder in sein Heimatland führt – und die scheitert. Als Ergebnis sitzt er nun hier im Umerziehungslager ein.

Es ist viel, was Viet Thanh Nguyen in seinen Debütroman packt: Krieg, Politik, Geschichte, Abhandlungen über Ideologie, Identität und Moral. Dazu noch Kritik an der amerikazentrierten Sichtweise auf den Vietnamkrieg und eine sehr gelungene Parodie und Filmkritik auf „Apocalypse now“ (der Erzähler arbeitet zeitweise als Berater für den Film „Das Dorf“, der stark an diesen angelehnt ist). Das macht „Der Sympathisant“ zu einem Spionagethriller, einem historischen Roman, einem Kriegsroman, einem politischen Roman und einer Einwanderergeschichte gleichzeitg.

Zu viel auf einmal?

Ich finde, nicht. Man lernt viel beim „Sympathisanten“. Er ist zudem noch spannend, unterhaltsam und mit einer gehörigen Portion Spott und satirischem Witz ausgestattet. Lediglich der Erzähler selbst kommt dem Leser nicht wirklich nah, was aber an seiner Rolle als unzuverlässiger Erzähler liegt. Sympathisch ist er nicht, ein Trinker, ein Zyniker und reichlich zwielichtig. Das ermöglicht aber nicht nur verschiedenste Blickwinkel auf das Geschehen, sondern fordert den Leser ständig zum Hinterfragen des Berichteten auf. Eine anregende Art des Erzählens. Mir hat sie gut gefallen.

Und da stehe ich nicht alleine. Der Debütroman war ein großer Erfolg in den USA, erhielt 2016 den Pulitzerpreis. Auch eine vietnamesische Übersetzung ist in Arbeit, ob sie es zur Veröffentlichung schafft, ist noch offen.

Auch letusreadsomebooks, Gunnar von Kaliber 17, Bookster HRO,und Mia vom Paper und Poetry Blog  hat das Buch gut gefallen.

Beitragsbild: Hubschraubereinsatz in Vietnam By James K. F. Dung, SFC, Photographer [Public domain], via Wikimedia Commons

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Viet Thanh Nguyen – Der Sympathisant

Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller 
Blessing August 2017, Gebunden, 528 Seiten, € 24,99

 

9 Kommentare zu „Viet Thanh Nguyen – Der Sympathisant

  1. Mir gefiel an diesem Roman ja vor allem diese satirisch-amüsante Note. Das hatte ich nicht erwartet.
    Zu Graham Greenes „Der stille Amerikaner“ muss man natürlich sagen, dass das Buch vor dem Kriegseintritt der Amerikaner veröffentlicht wurde und deren Scheitern quasi prophetisch vorwegnimmt. Keine vietnamesische Sichtweise, aber auch keine amerikanische.

    Gefällt 1 Person

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