Das Debüt 2017 – Bloggerpreis – Meine Entscheidung

Der von Dr. Bozena Anna Badura, Janine Hasse und Sarah Jäger geführte Blog „Das Debüt“ hat zum zweiten Mal einen Bloggerpreis ausgeschrieben. Über sechzig Romane wurden von den Verlagen eingereicht. Aus einer von „Das Debüt“ zusammengestellten Shortlist sollten 17 Blogger und Bloggerinnen ihre drei Favoriten auswählen und mit je fünf, drei bzw. einem Punkt versehen. Daraus geht dann der Titel mit den meisten Punkten als Sieger hervor.

Eine spannende Aktion, an der ich gerne teilgenommen habe, besonders, da mir die Titel im vergangenen Jahr sehr gut gefallen hatten. Aber auch, weil solch eine Juryarbeit neu für mich und ich sehr neugierig auf die deutschen Debüts 2017 war. Auch auf einen Austausch über die gelesenen Bücher habe ich mich sehr gefreut.

Auch wenn es mir die diesjährige Shortlist nicht gerade einfach gemacht hat, wurden alle meine Erwartungen erfüllt. Es gefiel mir sehr, mich auch mit Büchern auseinanderzusetzen, die so gar nicht meinem Geschmack und meiner Leseerwartung entsprachen (zum Glück waren die meisten Titel relativ schmal, sonst sähe das Fazit vielleicht anders aus ;) ). Spannend ist auch, wie unterschiedlich immer wieder gelesen wird, wie weit die Meinungen der LeserInnen und damit auch der Jurymitglieder auseinander gehen. Ein Teil der Jury hat sich sehr rege ausgetauscht, auch etwas, das mir sehr gut gefiel, von anderen werde ich heute, am Tag der Veröffentlichung unserer Wertung, leider zum ersten Mal hören. Ich bin sehr gespannt.

Insgesamt mussten fünf Titel mit insgesamt 1656 Seiten gelesen werden. Und wie oben bereits angedeutet und in meinen bisherigen Beiträgen kundgetan, hatte ich mit manchen dieser Seiten so meine Schwierigkeiten.

Keines der Bücher hatte es tatsächlich auf meine persönliche Shortlist geschafft, die zugegebenermaßen recht unprofessionell nach Klappentext und kurzem Anlesen zusammengestellt wurde. Die offizielle Shortlist entstand, nachdem die drei Bloggerinnen von „Das Debüt“ tatsächlich alle Romane komplett gelesen haben.

Interessant war, dass nicht nur die Lesevorlieben und der Lesegeschmack von uns Teilnehmern ein ganz unterschiedlicher war (das war vorauszusehen und macht einen Teil des Reizes eines solchen Preises aus), sondern dass wir auch alle recht verschiedene Erwartungen an ein Debüt und von daher auch verschiedene Kriterien zur Beurteilung haben.

Für mich steht ganz eindeutig im Vordergrund, dass wir eine Leser-Jury sind und keine Fachjury. Sicher legen wir alle gewisse Qualitätskriterien an, die höher sind als bei so manch anderem Publikumspreis („Der Autor ist so süß“, „Das Cover ist traumhaft“, „Die Protagonisten sind so sympathisch“), aber ich fühle mich definitiv nicht als Fachjury. Das gibt mir die Freiheit, zu entscheiden, welches Debüt mir persönlich am besten gefallen hat, welches mich interessiert, berührt, amüsiert, begeistert hat, kurz, etwas mit mir gemacht hat und das ich gerne gelesen habe. Innovation, Sprachartistik oder literaturkritische Kriterien, abgesehen von einer überzeugenden Sprache und einem schlüssigen Aufbau, waren für mich eher nebensächlich.

Zwei der Titel schieden von Anfang an aus, da sie mich gar nicht für sich gewinnen konnten. Julia Webers „Immer ist alles schön“ war dabei für mich das schwächste Buch. Ich habe in meiner Rezension versucht, zu beschreiben, warum. Andere LeserInnen sahen das ganz anders und der Titel wurde zu ihrem Favoriten.

Jovana Reisingers „Still halten“ war in seiner Konsequenz durchaus beeindruckend, für mich allerdings kaum lesbar. Auch dafür habe ich versucht, Erklärungen zu finden.

Bleiben noch die „Top 3“, also die Bücher, die von mir Punkte erhalten.

Es gibt tatsächlich nur ein Buch, das mich wirklich für sich gewinnen konnte und ich bin froh, es gelesen zu haben, obwohl ich es vorher nicht auf dem Schirm hatte. Dies ist Christian Bangels Roman Oder Florida über eine Jugend im Nachwende-Deutschland, das mich nicht nur gut unterhalten hat und sehr amüsant war, sondern auch die wichtigen Fragen danach, was bei der Vereinigung der beiden Deutschland falsch gelaufen sein könnte, warum auch so viele Jahre nach 1989 so viel Unverständnis auf beiden Seiten herrscht und warum es gerade im Osten so viel rechtes Gedankengut zu geben scheint (und warum das gar nicht so überraschend ist), ein ganz klein wenig beleuchtet. Ein Buch, dem ich hier sehr gerne die maximale Punktzahl von 5 (und am liebsten noch mehr) gebe.

Denn Platz zwei und drei meiner persönlichen Wertung sind Bücher, hinter denen ich nur bedingt stehe und deren Reihung mir entsprechend schwer fiel.

Juliana Kálnay Eine kurze Chronik des allmählichen VerschwindensJuliana Kálnay habe ich nun auf Platz 2 mit 3 Punkten gesetzt, da ich ihren surrealen „Hausroman“ originell, fantasiereich und amüsant fand. Es hat Spaß gemacht, ihn zu lesen. Letztlich fehlt es mir bei ihm aber an dem, was für mich wirklich gute Literatur ausmacht, der Aussage, dem Thema, dem Inhalt.

Klaus Cäsar Zehrer hat hingegen eine wirkliche Geschichte zu erzählen, nämlich die des tragischen Genies des beginnenden 20. Jahrhunderts in den USA, William James Sidis. Diese Entwicklungsgeschichte mit ihren psychologischen Einsprengseln ist auch recht interessant, besonders im letzten Viertel hätte er deswegen fast noch Platz zwei erobern können. Die politischen Ideen, der Kampf des Protagonisten vor Gericht gegen den New Yorker, das war richtig spannend. Letztlich ist er aber für meinen Geschmack zu brav erzählt, immer vorhersehbar und darum auch auf die Länge von über 600 Seiten zeitweise ermüdend. Schwerer wog für mich aber schließlich das Gefühl, dass der Autor seinen Protagonisten irgendwie vorgeführt hat, zum Amüsement seiner Leser. Das war für mich der Tragik dieser Existenz nicht angemessen.

Eine ausführliche Rezension dieses Buches folgt noch, da ich es erst gestern beendet habe.

 

Meine Wertung im Überblick:

Christian Bangel – Oder Florida                                                                               5 Punkte

Juliana Kálnay – Ein kurze Chronik des allmählichen Vergessens                   3 Punkte

Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie                                                                               1 Punkt

 

Die Auswertung wird sicher spannend, da sich noch kein Favorit abzeichnet und die Meinungen bisher sehr kontrovers waren.

Ich möchte schon einmal den Macherinnen von „Das Debüt“ für ihre Arbeit, die Idee und ihre Durchführung danken. Es hat viel Spaß gemacht.

Ebenso den beteiligten Verlagen, die sich für das Projekt engagiert haben.

Und schließlich kann ich es mir nicht verkneifen, den für mich bisher besten deutschsprachigen Debütoman des Jahres 2017 zu empfehlen, ihn euch allen ans Herz zu legen. Es ist Arno Frank – So, und jetzt kommst du, den ich hier auf der Shortlist so schmerzlich vermisst habe. Ein großartiges Buch!

Ich habe auch vor, den einen oder anderen meiner Shortlist-Titel noch zu lesen und zu ergänzen. Diwiak, Freudenthaler, Lohse, auch Kraft und Salzmann werde ich sicher noch lesen. Ich halte euch auf dem Laufenden.

Nun heißt es aber gespannt sein auf die Auswertung und den diesjährigen Sieger des Bloggerpreises für Literatur – Das Debüt.

Ich sammele hier auch die Ergebnisse der Bloggerkollegen:

Ruth von Ruth liest

Marina von Literatur leuchtet

Silvia von Leckerekekse

Eva von Literaturgeflüster

Nadine von Tausendleben

Friederike von Frintze

Janine von Frau Hemingway

Marc von Lesen macht glücklich

Katja von Zwischen den Seiten

Fabian von Mokita

Andrea von Lohnt das Lesen

Der Gewinner meiner Verlosung von Christian Bangels Buch ist:

Melanie R

Herzlichen Glückwunsch! Ich danke allen für ihre Teilnahme und grüße ganz herzlich!

10 Kommentare zu „Das Debüt 2017 – Bloggerpreis – Meine Entscheidung

  1. Hallo petra,
    wir haben ja die selben Bücher gewählt, nur in einr anderen Reihenfolge.
    Das is gut, so kann ich mich auf dene Bucempfehlungen verlassen ;))
    Liebe Grüße
    Sivia

  2. Total interessant, wie zu das Genie wahrgenommen hast. Ich fand diesen Rechtsstreit am Ende recht uninteressant (nicht aber das Thema der Privatsphäre gegen die Pressefreiheit an sich), die Handlung des Buches unvorhersehbar, und den Autor sehr fair im Umgang mit seinen Figuren.

    So macht die Sache Spaß, indem ich bei euch ganz andere Reaktionen und Herangehensweisen lesen kann. 🙂

  3. Hallo Petra,

    ich klapperne nun nach und nach die Juryentscheidungen ab.
    Ich bin froh und auch glücklich, dass ich wenigstens eine Mitstreiterin für das gelbe Buch gefunden habe. Das Zehrer am Ende so deutlich gewinnt, war bis zum Wochenende nicht abzusehen und empfinde den Sieg auch als ein wenig zu hoch. Ich empfinde das Buch ähnlich wie du, dass es nur ein abklappern von Lebebsstationen ist und erschwerend war für mich noch, dass ich mit Bill nicht warm wurde, ihn vielmehr als abstoßend empfand. Keine gute Voraussetzung. Das Buch ist gut geschrieben und verleitet zum Weiterlesen, aber es wird nicht richtig tief geschürft.

    Arno Frank wäre ja auch mein persönlicher Favorit gewesen, hätte er doch zu all den schweren Themen einen schönen Gegenpol bilden können.
    Freue mich schon auf 2018. Bist du auch wieder mit dabei?

    1. Hallo Marc, ja das „gelbe Buch“ war wirklich das einzige aus der Liste, das mir so richtig gefallen hat. Ich habe von der Longlist ja nur den Arno Frank gelesen, aber ein paar der Bücher liegen hier noch. Mal schauen, ob da noch was für mich dabei gewesen wäre. Hat trotzdem Spaß gemacht, auch wenn ich es schade fand, dass man von manchen Jurymitgliedern so gar nichts gehört hat. 2018 muss ich mal schauen. Letztes Jahr hat mir die Shortlist gut gefallen, dieses Jahr musste ich mich durch die Bücher quälen. Interesse hätte ich schon, mal sehen, was die Zeit dann sagt. Viele Grüße!

      1. Dir anstrengenderen Lektüren haben mir persönlich auch was gegeben, waren aber eben recht schwer zu lesen.
        Ich habe noch Tierchen Unlimited und Außer sich vor mir und werde diese demnächst noch anfangen.

        Wäre schön, wenn du 2018 wieder dabei wärst.

        Gruß
        Marc

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