Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort

„Wir sind keine Individuen. Die Lebenden suchen uns ebenso heim wie die Toten. Geglaubt habe ich das früher schon. Aber jetzt weiß ich es. Das war es, was er uns immer sagen wollte.“

Das Verwobensein in eine Gemeinschaft, hier die Familie, ist eines der für mich zentralen Motive in Adam Hasletts für den National Book Award und die Shortlist des Pulitzer Prize nominiertem Roman „Stellt euch vor, ich bin fort“. Es ist eine eine Variation von John Donnes berühmtem Zitat „No man is an island of itself“.

So sehr der Mensch nach Individualität und Unabhängigkeit strebt, nach seinem eigenen, ganz persönlichen Weg durchs Leben, so ist er doch unlösbar verstrickt in das Geschick seiner Mitmenschen, in die Gesellschaft, die Menschheitsgeschichte. Und ganz besonders, so viel Widerstand er dagegen aufbauen mag oder ihm entgegengesetzt wird, ist er Teil seiner Familiengeschichte. Es sind die Menschen, die ihn und seinen Lebensweg am nachhaltigsten prägen, auf die eine oder andere Weise, ihm ein Erbe mitgeben. Sich daraus ganz zu befreien, ist fast unmöglich und manch einer sucht gerade in der Gemeinschaft Trost und Geborgenheit, fühlt für sie Verantwortung, die am zerstörerischsten auf ihn wirkt.

Moment in light by Frank Lindecke  (CC BY-ND 2.0) via Flickr

Adam Hasletts Roman umfasst fünfzig Jahre Familiengeschichte, beleuchtet von fünf Ich-Erzählern, die schon sehr bald ganz deutliche Konturen und ihre ganz eigenen Stimmen erhalten.

John und Margret lernen sich in den frühen sechziger Jahren in London kennen. Er stammt aus gutbürgerlichem, englischem Haus, sie ist Ostküsten-Amerikanerin. Schon vor der geplanten Hochzeit kristallisiert sich heraus, dass John, der ruhige, charmante Mann, manisch-depressiv ist. Dennoch steht Margret zu ihm, die beiden heiraten. Vielleicht auch als eine Art Flucht vor den Schatten der Krankheit siedeln sie in die USA über, gründen dort eine Familie, bekommen drei Kinder. Eine vielversprechende Geschäftsidee Johns bedingt – die Kinder sind mittlerweile inzwischen alle im Schulalter – wieder einen Umzug nach England. Doch John scheitert beruflich. Für ihn ist das eine Enttäuschung, die er nicht wegstecken kann, auch nicht nach ihrer Rückkehr an die amerikanische Ostküste. Das „Ungeheuer“, wie er seine Depression nennt, hebt wieder merklich den Kopf. John, wie auch seine Frau Margret, sehen die Situation ganz klar. Es ist erstaunlich, zu sehen, wie sie die Krankheit lange Zeit in Schach halten, regelrecht „verwalten“. Dabei fürchtet John,  auch in seinem ältesten Sohn Michael das „Ungeheuer“ zu erkennen, und auch Margret scheint es zu sehen.

„Er hat Johns schwarzes Haar, die braunen Augen, denselben blassen Teint. Sie sind unverkennbar Vater und Sohn. Das ist nur natürlich. Warum habe ich, als ich in dieses durch und durch vertraute Gesicht sehe, das jetzt durch etwas Unsichtbares, etwas Neues und zugleich sehr Altes, ganz still geworden ist – warum habe ich mit einem Mal solche Angst?“

Boating by Logan Ingalls  (CC BY 2.0) via Flickr

In einer zentralen Stelle des Romans, die ihm auch zu seinem Titel verhilft, ist der Vater mit seinen beiden kleineren Kindern bei einem Bootsausflug auf dem offene Meer.  Draußen legt sich John reglos auf den Schiffsboden und sagt ihnen „Stellt euch vor, ich bin fort.“ Er ist nicht ansprechbar für das Flehen und Weinen der Kinder, die sich mit den viel zu großen Rudern und der See abmühen müssen. Tochter Celia, zehn Jahre alt, weiß aber

„(…) dass das Spiel jetzt, da ich aufgegeben hatte, bald vorbei sein würde.“

John ahnt, dass seine kinder vielleicht bald ohne ihn auskommen müssen. Die Grausamkeit, die diese „Übung“ für sie bedeutet, ist aber erschütternd. Auch im Alltag ist der Vater immer wieder einmal unansprechbar, abwesend und unerreichbar.

Bereits nach dem ersten Viertel des Buches vermag John dem Druck nicht länger standzuhalten. Vielleicht auch, um das „Ungeheuer“ endgültig zu besiegen, nimmt er sich das Leben. Das einzige seiner Stimme gewidmete Kapitel ist zugleich eines der zentralsten und berührendsten.

„Unsichtbarkeit. Das ist seine letzte Waffe. Dass ich nicht den utM habe, ihm ins Auge zu sehen. Du Schuft! schreit es und kämpft um sein Leben. Du egoistischer Schuft! Lässt sie mit nichts zurück! Vergebens. Es gehört jetzt mir.

Die Rasierklinge gleitet beinahe schmerzlos durch die Haut an meinem Handgelenk. Blut rinnt über meine Hand, meine Finger. Mein Kopf fällt in den Nacken, ich schaue in den Himmel.

Und da ist es: das Gesicht des Ungeheuers – mein Gesicht -, und es ist menschlich, also doch.“

Nach dem Tod des Vaters droht die Familie auseinanderzubrechen. Michael, der für den Rest der Schulzeit in England geblieben ist, zieht sich zurück, wird sich aber sein ganzes Leben lang Vorwürfe machen, nicht da gewesen zu sein. Margret kämpft mit sozialer Instabilität und um den Erhalt der Familiengemeinschaft. Für sie, wie für die Kinder, ist bei all der großen Liebe, die sie für John empfunden haben, aber auch ein Moment der Erleichterung dabei. Etwas, das neue Schuldgefühle hervorzurufen vermag.

Hier, wie im gesamten Roman, entwickelt Adam Haslett eine feine Differenziertheit. Die Figuren und ihre Gefühle sind so facettenreich wie authentisch. Deshalb ist die Geschichte auch keine absolut traurige. Es gibt viele Glücksmomente, Momente großer Nähe, von Solidarität und Verantwortlichtkeit, aber eben auch den Wunsch nach Abgrenzung, die Überforderung. Die Geborgenheit und Liebe in der Familie und der Wunsch nach und die Notwendigkeit von Unabhängigkeit stehen sich gegenüber.

Michael, der sich immer mehr zur zentralen Figur entwickelt, und der mit einer massiven Angststörung zu kämpfen hat ist sensibel, hochintelligent, in eingefügten, von ihm verfassten Texten eloquent und von einem enormen selbstironischen Witz. Liebesbeziehungen führt er mit Obsession, ebenso seine Leidenschaft für die Popmusik. Seine Passagen sind die amüsantesten, wenn auch anfänglich verwirrendsten des gesamten Romans. Aber er benötigt ständig Hilfe und Zuspruch, von der Schwester Celia, von der Freundin Caleigh. Diese gelangen dabei auch an ihre Grenzen.

Peaks Island, Maine by Frank Carroll  (CC BY-NC-SA 2.0) via Flickr

Dabei wissen wir von Beginn an, dass auch er das Leben nicht wird aushalten können. Im Prolog irrt der verzweifelte Alec über die kleine verschneite Insel in Maine, wohin er sich mit Michael zurückgezogen hat, um ihn endlich von den Psychopharmaka zu befreien, die er fast sein gesamtes Erwachsenenleben eingenommen hat (das Buch ist auch ein kritischer Blick auf den Umgang von Ärzten und Psychiatern mit ihren Patienten und den Psychopharmakakonsum). Es ist dieselbe Ferieninsel, von der aus John damals mit den Kindern den Bootsausflug gemacht hat und sie ihre Ferien verbracht haben.

Adam Haslett zeichnet ein eindringliches und bewegendes Psychogramm der Familie. Wie viel autobiographisches Material eingeflossen ist, ist wohl eine der am häufigsten an ihn gerichteten Fragen. Und tatsächlich hat sich Hasletts Vater, als dieser vierzehn war, das Leben genommen. Die Homosexualität des einen Sohns Alecs, die Erfahrungen mit einer manifesten Angststörung bei Michael – der Autor weiß, wovon er erzählt.

Der gesamte Roman großartig konstruiert. Er beginnt in der Gegenwart auf der Ferieninsel, springt in der Rückblende auf den Sommer dort und erzählt von da an chronologisch, aber multiperspektivisch. Am Ende führt er in einem unangestrengten Bogen an den Anfangspunkt zurück. Motive wie der Hummerfischer, der Schnee, die Insel tauchen wiederholt auf. Für Adam Haslett ist die Form und der Rhythmus beim Schreiben dieses sehr persönlichen Buchs ein großer Trost gewesen. Auch der Leser findet ihn in der Schönheit der Komposition.

Dabei ist die Geschichte trotz aller Tragik keine deprimierende oder trostlose. Haslett schreibt feinsinnig, komplex, einfühlsam und sehr intensiv, aber dabei nie Mitleid erheischend oder pathetisch, sondern leise und fast leichtfüßig. Wie mit der Kamera zoomt er sich dabei abwechselnd ganz nah ran an seine Figuren, betrachtet sie dann wieder aus der Distanz, indem er einen anderen Protagonisten von ihnen erzählen lässt, wechselt immer wieder die Perspektive. Das schafft auch dem Leser Raum.

Die Familie ist bei Adam Haslett ein Hort der Geborgenheit, der Liebe und Verantwortung, aber auch Ursprung so mancher Schrecken und manchen Leids, vor allem aber untrennbar mit uns verbunden.

„Dass kleine Kinder Menschen ausgeliefert sind, die keine Ahnung haben, was sie tun, und nur experimentieren können, hat etwas zutiefst Willkürliches. Es ist ungerecht.“

Alle Figuren wollen und tun ihr Bestes. Das reicht sehr oft, aber leider nicht immer. Es ist schön, darüber in solch eindringlichen, gelungenen Romanen wie dem von Adam Haslett zu lesen. Und am Ende gönnt uns der Autor fast so etwas wie ein Happy End.

Beitragsbild: Lighthouse by Johann1127 CC0 via Pixabay

Weitere Besprechungen bei letusreadsomebooksletteratura, leseschatz

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Adam Haslett Stellt euch vor, ich bin fort

 

Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort

übersetzt von: Dirk van Gunsteren

Rowohlt Januar 2018, gebunden, 464 Seiten

6 Kommentare zu „Adam Haslett – Stellt euch vor, ich bin fort

    1. Ich war, wie gesagt, ganz irritiert, dass bei Hasletts Lesung in Ffm nur so wenig Zuschauer kamen und das Buch sich wohl auch nicht so gut verkauft. Ich finde es wirklich ausgesprochen gut und hoffe, der Erfolg kommt noch. Viele Grüße, Petra

      1. Sehr schade, dass da nur so wenig Besucher waren. Zum Glück ist seine Lesung bei der lit.COLOGNE ausverkauft, ich gönne ihm bei diesem Buch wirklich jeden Erfolg.

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