Michael Chabon – Moonglow

„Beim Schreiben dieser Memoiren habe ich mich an die Fakten gehalten, es sei denn, sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie gerne verstehe, beugen. Wo immer ich mir Freiheiten mit Namen, Daten, Ereignissen, Unterhaltungen oder den Identitäten, Motiven und Beziehungen von Familienmitgliedern und historischen Persönlichkeiten erlaubt habe, sei dem Leser versichert, dass es mit der entsprechenden Hemmungslosigkeit geschah.“

Dieser Vorbemerkung des Autors folgt eine überaus überraschende, erstaunliche und vor Einfällen sprühende Familiengeschichte, die ich lange Zeit gar nicht als eine autobiografische gelesen habe. Zwar sitzt da ein Michael am Bett seines sterbenskranken Großvaters, ja, auch hat er etwas mit dem Schreiben zu tun, aber so abenteuerlich und fantastisch, so turbulent und „hemmungslos“ kommt die Geschichte daher, dass sie kaum den üblichen Mustern eines Erinnerungsbuchs gleicht. Doch dann fällt, einmal im gesamten Buch, tatsächlich der Name „Chabon“ und die Leserin reibt sich verwundert die Augen. Doch was ist tatsächlich Fakt an diesen Aufzeichnungen? Es ist zum einen ein brillantes Spiel des Autors mit seinen Lesern, dies offen zu halten, und gleichzeitig ist es völlig belanglos. Nicht-Fiktives und Fiktives mischt sich auf so stimmige Weise, historische Ereignisse und Persönlichkeiten werden so ungezwungen eingebunden, dass neben einer atemberaubenden Familiengeschichte auch noch ein treffendes Zeitpanorama aus der amerikanischen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts entsteht.

Der Rahmen des Erzählten ist dabei ein denkbar ruhiger. Es ist 1989 –

„zu der damaligen Zeit waren viele Deutsche damit beschäftigt, Löcher in die Berliner Mauer zu schlagen.“

Der Großvater liegt mit Knochenkrebs im Sterben, der Enkelsohn besucht ihn im Haus seiner Mutter über Tage. Tage, in denen er mehr von diesem alten Mann und seiner Familie erfährt als in all den Jahren zuvor.

„Ich war unter schweigsamen Menschen groß geworden, die ihre Gefühle unterdrückten. (…) In meiner Familie zogen wir es vor, das mit den Gefühlen und dem Reden darüber Menschen zu überlassen, die nichts Besseres zu tun haben.“

„Wenn es um Dinge ging, die gesagt werden mussten, war Aussprechen immer besser als Schweigen, doch im Angesicht des Unaussprechlichen war es völlig sinnlos.“

Doch nun, am Ende seines Weges angekommen, will der Großvater auch über diese unaussprechlichen Dinge reden. Er drängt seinen Enkel geradezu:

„Wenn ich nicht mehr da bin, schreib sie auf. Erkläre alles. Sorg dafür, dass sie etwas bedeutet. Bau deine eigenen ausgefallenen Metaphern ein. Bring alles in die richtige Reihenfolge, nicht dieses Durcheinander, das ich dir erzähle. Fang mit dem Tag an, an dem ich geboren wurde. 2. März 1915. In der Nacht gab es eine Mondfinsternis, weißt du, was das ist?

Michael Chabon macht nun gerade das nicht, eine chronologische, lineare, geordnete Erzählung des Lebens des Großvaters zu schreiben. Er springt stattdessen mit einer spektakulären Episode mitten hinein.

Im Jahr 1957 stürmt der Großvater, der gerade seine Entlassung als Vertreter der Firma Feathercombs erhalten hat, in das Büro des Direktors und versucht, diesen mit einem Telefonkabel zu erwürgen. Nur das beherzte Eingreifen der Vorzimmerdame – sie rammt ihm einen Brieföffner in die Schulter – kann seine Raserei noch rechtzeitig stoppen. Den dabei entstandenen „Kollateralschaden“ – die aus dem Fenster geworfene Sprechanlage streift einen Passanten zum Glück nur, dieser verzichtet auf eine Anzeige und lacht sogar: „Als guter Tscheche sei er verpflichtet, über alles zu lachen, was ihn nicht umbringe“ – verpackt Chabon in ein bei Romanen eher ungewöhnliches Stilmittel, die Fußnote. Diese Fußnoten kommen alle paar Seiten in unterschiedlicher Länge vor und erschweren erstaunlicherweise die Lektüre überhaupt nicht, sondern bereichern sie auf interessante Weise.

Danach springt die Geschichte in die Kindheit des Großvaters, um fortan munter zwischen den unterschiedlichsten Zeiten und der Rahmenhandlung am Krankenbett hin und her zu springen. Michael Chabon gelingt dies aber völlig mühelos, er behält stets die Erzählfäden souverän in der Hand und nimmt den Leser problemlos mit. Er begleitet den Großvater später zur Army, wo er im Krieg bei Spezialkräften die Aufgabe erhält, hinter der Front deutsche Wissenschaftler aufzuspüren, abzuwerben und notfalls zu entführen oder auch unschädlich zu machen. Auf der Suche nach Wernher von Braun, den führenden Raketentechniker, der an der Entwicklung der V2, der „Vergeltungswaffe“ der Nationalsozialisten, beteiligt war, gelangt er gegen Kriegende auch nach Nordhausen im Harz, wo im berüchtigten unterirdischen KZ Dora-Mittelbau die Häftlinge unter besonders grausamen Bedingungen eingesetzt waren. Von Braun entkommt und wird nach seiner Gefangennahme niemals angeklagt, sondern auch in den USA zum bedeutenden Wissenschaftler, der für die NASA arbeitete. Dass ihm weder die Sympathie des Großvaters noch des Autors gehören, wird spätestens bei einer Begegnung auf einem Space-Kongress im Jahr 1975 deutlich, bei der von Braun nicht sehr gut wegkommt.

Denn die große Leidenschaft des Großvaters ist tatsächlich die Raumfahrt. Viele Jahre seines Lebens widmet er ihr, baut artifizielle Modelle von Raketen und gründet die Chabon Scientific Co., die Spielzeugmodelle verkauft. Der Mond liefert nicht nur in Form des in den dreißiger Jahren populären Liedes „Moonglow“, das der im Krieg sterbende Freund Aughenbaugh auf den Lippen hat, den Titel des Buchs. Er taucht leitmotivisch immer wieder auf, als Mondschein, Sehnsuchtsort, Forschungs- und Nachrichtenthema. Auch der Explosion der Raumfähre Challenger im Jahr 1986 ist ein Abschnitt gewidmet. Seine „Unschuld“ hat er bereits durch von Brauns Raketenforschung verloren.

Apollo16 still By NASA [Public domain], via Wikimedia Commons
Eine wichtige Station der Erzählung ist natürlich die Ehe und das Kennenlernen der Großmutter, einer französischen Jüdin, die mit ihrer kleinen Tochter nach dem Krieg, den sie von Ordensschwestern versteckt verbracht hat, nach Amerika emigriert ist und deren Identität ein Geheimnis umhüllt, das erst der in der Vergangenheit forschende Enkel irgendwann, zumindest teilweise, enthüllen wird. Traumatische Erfahrungen binden sie an die Vision eines „gehäuteten Pferds“, immer wieder gleitet sie in Absencen und Wahn.

Michael Chabon erzählt von dieser psychisch kranken Großmutter, aber auch die anderen Familienmitglieder tragen Deformationen und Macken mit sich herum. Da ist zum Beispiel der etwas windige Großonkel Ray, bei dem Michaels Mutter einige Zeit lebt, als der Großvater wegen seines Angriffs auf den Direktor ins Gefängnis muss. Da ist der

„schwätzende, schmeichelnde, schnell sprechende Vater (der) in meiner Kindheit höchstens sporadisch in Gerichtssälen, die Steuerbetrügereien, in seiner Ehe und meinem Leben aufgetaucht war“.

Und natürlich der Großvater, der nach dem Tod seiner Frau im Alter in einem Seniorenheim in Florida ein recht munteres Leben führt, zum Jäger einer Python wird und noch einmal eine neue Liebe findet.

Chabon erzählt von ihnen, die alle ihre Ecken und Kanten haben, mit großer Wärme und Zugewandtheit. Das Buch sprüht vor Einfällen und Geschichten – und es ist gar nicht mehr wichtig, ob sie sich alle tatsächlich so zugetragen haben – und vor popkulturellen Verweisen auf das 20. Jahrhundert. Ein Roman, der bewusst mit dem Autobiografischen spielt, der von der zarten Großvater-Enkel-Geschichte zu einem schonungslosen Bericht von den Grauen des Zweiten Weltkriegs wechselt – und zurück- und eine ganze Menge Wissen über Raumfahrttechnik transportiert. Ein Roman, der glänzend geschrieben ist, witzig ist und darüber hinaus großartig unterhält. Was will man mehr? In diesem starken Lesefrühling ein weiteres Highlight.

 

Raketenrampe mit V2 Bundesarchiv, RH8II Bild-B2055-44 / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons
Wernher von Braun am 3. Mai 1945, nach ihrer Verhaftung durch US-Truppen By T5C. LOUIS WEINTRAUB [Public domain], via Wikimedia Commons

Beitragsbild: Moon Rise by Jim Mullhaupt (CC BY-NC-ND 2.0) via Flickr

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MICHAEL CHABON Moonglow
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Michael Chabon – Moonglow
Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer
Kiepenheuer&Witsch März 2018, 496 Seiten, gebunden , 24,00 €

9 Kommentare zu „Michael Chabon – Moonglow

    1. Dann unbedingt (vor „Moonglow“) mit „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“ beginnen. Nach wie vor sein bester Roman. lg_jochen

    2. Alles kann man einfach nicht lesen. Chabon wäre aber vielleicht einen Versuch wert. Ob Kavalier&Clay oder Moonglow, turbulent geht es meistens zu bei Chabon. Mir gefällt sein Humor und Stil sehr gut: Viele Grüße!

  1. Ich habe mir gestern den Literaturclub des SFR aus der Mediathek angeschaut, in dem der Roman vorgestellt wurde. Obwohl er auch kritisch beleuchtet wurde, hat mich die Geschichte in den Bann gezogen. Nun noch Deine wundervolle Besprechung und ich sollte zu Chabons Roman greifen, von dem ich „Telegraph Avenue“ noch ungelesen im Regal stehen habe. Viele Grüße

    1. Dann muss ich mir die Sendung unbedingt auch in der Mediathek anschauen. Danke für den Tipp. Kavalier&Clay ist auch sehr gut, ich glaube, Moonglow hat mir fast noch besser gefallen. Und Telegraph Avenue steht seit Ewigkeiten auf der Wunschliste. Heute abend gehe ich zu einer Lesung von Chabon, ich bin gespannt! Liebe Grüße!

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