Deborah Levy – Heiße Milch

„2015. Almería. Südspanien. August.“

Deborah Levy schafft von Beginn an eine sehr eindrückliche, sehr sinnliche Atmosphäre für ihren neuen Roman „Heiße Milch“, der 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize stand. Sogleich entstehen Kinobilder im Kopf des Lesers, die man sich sehr gut auf großer Leinwand vorstellen kann: die flirrende Hitze, die ausgedörrte Landschaft am Fuße der Sierra Nevada, die sich kilometerlang hinziehenden Gewächshausfolien, unter denen Tomaten und anderes Gemüse heranreifen.

In diese Landschaft stellt die Autorin ein kleines Ferienhaus, in dem zwei Britinnen untergebracht sind, Mutter und erwachsene Tochter. Die Atmosphäre ist aufgeladen und ein wenig surreal. Nebenan ist eine Tauchschule, an der jeden Morgen zwei Mexikaner herumweißeln, während der cholerische Inhaber am Computer spielt und sein auf dem Dach angeketteter Hund sich die Seele aus dem Leib bellt.

Diese leicht bizarre Szenerie passt hervorragend zu der merkwürdigen Beziehung, in der Mutter und Tochter zueinander stehen. Sofia ist Mitte zwanzig und begleitet ihre Mutter Rose in eine Spezialklinik hier in Südspanien. Etliche Ärzte haben die Beiden schon konsultiert, aber keiner wusste wirklich Rat. Rose leidet an unerklärlichen Lähmungserscheinungen der Beine, kann manchmal laufen, manchmal nicht. Organische Ursachen lassen sich nicht finden, psychische Probleme liegen auf der Hand. Sofia scheint diese aber nicht zu sehen, hat für die Pflege ihrer Mutter sogar ihre Dissertation als Anthropologin hingeworfen. Oder ist die Mutter für sie nur eine Art Vorwand, ein Versteck vor den Zumutungen eines eigenverantwortlichen Lebens? Eine ungesund enge Beziehung ist es allemal.

„Die Liebe zu meiner Mutter ist wie eine Axt. Sie schlägt sehr tief.“

Jelly fish CC0 via Pixabay

Wie auch in ihren anderen Romanen, zum Beispiel „Heim schwimmen“, versetzt Deborah Levy ihre Protagonisten in eine ungewohnte Umgebung, um sie dort mit ihrer Lebenssituation zu konfrontieren. Anstatt nun psychologisch zu analysieren, lässt sie innere Zustände, Gefühle und Ängste in äußeren Dingen, Landschaften, Szenen spiegeln. Gleich zu Beginn fällt Sofias Laptop zu Boden, der „ihr ganzes Leben“ enthält. Sein gesplittertes Display ist nur unschwer als Sinnbild für Sofias zersplittertes Leben zu deuten. Die träge, leicht klaustrophobische Situation im Ferienhaus am Strand passt wiederum perfekt zu Sofias momentanen Lebenssituation, in der sie eingeschlossen scheint, festgefahren, in der sie sich treiben lässt. Treiben wie die Medusen, die Quallen, die omnipräsent sind, das Meer scheint übersät von ihnen und ihren langen Tentakeln, die schmerzhafte Verbrennungen hervorrufen. Diese Medusen sind ein stetig auftauchendes Motiv, wie das Wasser, das Sofia ihrer Mutter immer wieder bringen muss, und das „doch immer das falsche ist“.

Trotz ihrer klaren Sprache arbeitet Deborah Levy sehr stark mit Verrätselungen, Metaphern, bizarren, „sprechenden“ Bildern. Dazu gehört auch der eigenartige Dr. Gomez in seiner merkwürdigen Klinik. Die ganze Geschichte ähnelt einem leicht surrealen Traum. Auch die beiden Liebesabenteuer, in die sich Sofia stürzt, mit dem jungen Studenten, der in der Quallen-Erste-Hilfe-Station am Strand Dienst leistet, und der deutschen Urlauberin Ingrid Bauer, deren „Körper lang und hart wie eine Autobahn“ ist – eine Formulierung, die ich ziemlich daneben finde – haben etwas Unwirkliches.

Auch wenn die Konstruktion dieser flirrenden Atmosphäre Deborah Levy, wie auch schon in ihrem 2012 erschienenen „Heim schwimmen“, perfekt gelungen ist, konnte ich dem Roman wenig abgewinnen. Die Anspielungen und Verrätselungen wurden mir recht bald zu viel. Die Abhängigkeitsbeziehung zwischen Sofia und Rose gibt zu wenig her, beide gewinnen zu wenig Kontur. Ein Trip nach Griechenland zum seit langen abwesenden Vater und seiner neuen Familie zwecks Abklärung des Tochter – Vater Verhältnisses erschien mir nur aufgepfropft und die seltsamen, kurzen Einschübe einer neuen Erzählstimme, die die Ich-Erzählerin Sofia schlaglichtartig von außen beleuchtet, aber überhaupt nicht fassbar ist, erschienen mir im Text wie Fremdkörper.

So konnte mich „Heiße Milch“ leider am Ende wenig für sich einnehmen und blieb für mich eine Enttäuschung.

Beitragsbild: Jellyfish in the Montery Bay Aquarium by Hodgers on Flickr [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

Eine deutlich positivere Besprechung findet ihr auf Letteratura

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DEBORAH LEVY Heiße Milch
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Deborah Levy – Heiße Milch
Aus dem Englischen von Barbara Schaden
Kiepenheuer&Witsch Februar 2018, 288 Seiten, gebunden, 20,00 €

10 Kommentare zu „Deborah Levy – Heiße Milch

  1. Danke für wie die immer für mich sehr aufschlussreiche Rezi. Da mir in den letzten Wochen einiges an Büchern liegen geblieben ist, werde ich auf diesen Titel erst mal verzichten. Bisher haben Deine Rezis bei mir immer gepasst 😊 64 habe ich schon gelesen. Bin gespannt, was Du dazu schreibst. liebe Grüsse

    1. Liebe Biggi, das buch hat sehr viel Lob erhalten, für mich hat es einfach nicht gepasst. 64 habe ich jetzt gut zur Hälfte durch, die Besprechung wird aber erst im Juni im Rahmen eines Japan-Specials auf literaturkritik.de erscheinen. Dauert also noch ein wenig ;) Ich finde das Buch aber äußerst interessant, es gibt spannende Einblicke in die japanische Gesellschaft. Man benötigt aber schon einen längeren Atem dafür. Oft habe ich mit japanischen Autoren so meine Schwierigkeiten, das ist hier nicht der Fall. Mochtest du es?

      1. Japan Spezial klingt spannend. Wir waren über Ostern zwei Wochen in Japan und ich habe im Vorfeld ganz viel japanischen Autoren gelesen (nein, nicht nur Murakami ;-)). Ich fand 64 nicht schlecht, aber aus meiner Sicht zog es sich an einigen Stellen sehr. Sehr empfehlen kann ich 13 Stufen, das einen sehr guten Einblick in die Mentalität gibt. Ich muss sagen, dass mir die Beschäftigung im Vorfeld vor Ort doch ein besseres Verständnis für Land und Leute gegeben hat. Liebe Grüsse

  2. Ich finde es immer wieder spannend, wie unterschiedlich Bücher gelesen werden können. Wie sehr es doch vom Leser einerseits (man liest sich selbst ja immer mit) als auch vielleicht schlicht von Zeit oder Stimmung abhängt, wie einem ein Roman gefällt.

      1. Da habe ich noch nie drüber nachgedacht, klingt aber schlüssig, weil man beim Lesen ja doch viel mehr selbst „macht“ als beim Filme gucken.

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