Guadalupe Nettel – Nach dem Winter

„ Als unvollkommene Wesen, die in einer unvollkommenen Welt leben, sind wir dazu verurteilt, stets nur Stückchen vom Glück zu finden.“

                                                                     Julio Ramón Ribeyro

Zunächst gilt es, den Winter zu überstehen – für die Protagonisten wie für den Leser. Es ist ein kalter, unwirtlicher, einsamer Winter. Die beiden Hauptfiguren verbringen ihn weit fort von ihrer Heimat. Sie sind moderne Migranten.

Père Lachaise – Gourlot  [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons
Claudio stammt aus Havanna, Kuba und ist als Lektor in New York tätig. Kein atemberaubender Job, aber es reicht für das Leben in der teuren Metropole. Seinen Traum vom besseren Leben erfüllt er sich durch eine Affäre mit einer reichen, älteren Frau, Ruth, die er einerseits verachtet, weil sie sich an ihn hängt, obwohl er sie oft nicht gut behandelt und sich nicht binden will, ihm sie ihm jeden Wunsch erfüllt. Andererseits bewundert er sie auch wegen ihrer Gelassenheit und der Souveränität, mit der sie dies tut. Claudio ist mit seiner lateinamerikanischen Machopose, seiner Arroganz und Egozentrik wahrlich kein Sympathieträger. Aber er ist einer der zwei Ich-Erzähler in Guadalupe Nettels Roman. Und nach und nach lernt der Leser ihn ein wenig zu verstehen, wenn auch nicht zu schätzen.

Claudio hat sich mit seiner verächtlichen, kühlen Art und seinem pedantisch geordneten Alltagsleben eine Bastion gegen die Enttäuschungen und Verletzungen der Welt errichtet, in die er nach Möglichkeit niemanden dringen lässt. Frühe Verlusterfahrungen führten ihn dazu.

Die zweite Ich-Erzählerin ist Cecilia, eine mexikanische Studentin der Literaturwissenschaften, die ihren Magister in Paris machen möchte. Paris, der Sehnsuchtsort (nicht nur) lateinamerikanischer Poeten, erweist sich als ein kalter, abweisender Ort mit mürrischen, abweisenden Einwohnern. Zum Glück lernt sie sehr bald die Kubanerin Haydée und ihren indischen Freund Rajeev kennen, eine kleine Migrantenfamilie bildet sich, die das Gefühl des Fremdseins und die Einsamkeit ein wenig mildern. Durch Bekannte ihres Vaters erhält Cecilia sogar eine eigene kleine Wohnung und freundet sich mit ihrem Nachbarn Tom an, auch er ein Migrant, aus Sizilien.

Cecilia und Tom eint eine Liebe zu Friedhöfen, deren berühmtester in Paris, der Père Lachaise, sich direkt gegenüber ihres Hauses befindet. Aber auch die anderen Pariser Friedhöfe werden besucht. Tom fühlt nicht nur eine tiefe Verbindung mit den Verstorbenen, vor allem den vielen Schriftstellern und Musikern, die hier begraben liegen, sondern er ist aufgrund einer ernsten, unheilbaren Erkrankung selbst dem Tode nahe.

cimetiere père-lachaise by  Till Krech (CC BY 2.0) via flickr

Guadalupe Nettel lässt nun auf einer Party in Paris Cecilia und Claudio aufeinandertreffen und sich ineinander verlieben. Claudio sofort und schwärmerisch, Cecilia eher ein wenig zögerlich. Der Leser fragt sich verwundert, was diese beiden Menschen zueinander hinzieht. Und tatsächlich bleibt ihre Affäre nur eine kurze, ungefähr in der Mitte des Romans, bevor sich ihre Leben wieder voneinander fort bewegen.

In einem Interview sprach die Autorin folglich auch von einem „Anti-Liebesroman“.

Es ist vor allem ein Roman über das Gefühl des Fremdseins, der Einsamkeit von Menschen fern ihrer Heimat. Ein Buch auch über Verluste und Enttäuschungen, aber ebenso über das kleine Glück, das unvollkommene, das so oft übersehen wird, weil wir „unvollkommene Wesen in einer unvollkommenen Welt“ sind.

Guadalupe Nettel hat keinen autobiografischen Roman geschrieben, aber sie hat viele persönliche Erfahrungen verarbeitet, zum Beispiel einen langen Aufenthalt in Paris (gegenüber Père Lachaise), die Freundschaft zu einem todkranken Mann dort, das Fremdsein. Manche Passagen hat sie nach einem damals geführten Tagebuch gestaltet.

Père Lachaise – Gareau  [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons
Sie erzählt davon leise, melancholisch und poetisch in einer klaren Prosa. Besonders die Schilderungen des winterlichen Paris und seiner Friedhöfe haben mir sehr gefallen. Das Buch steckt voller Bezüge zur (vor allem lateinamerikanischen) Literatur, da sowohl Cecilia als auch Claudio und Tom große Leser sind, aber auch zur Musik. Die Figur des machohaften, aber eigentlich zutiefst versehrten Claudio hingegen finde ich weniger überzeugend. Und auch der Schluss, der mit einer kleinen Moralkeule daherkommt, hat den Gesamteindruck etwas getrübt (ebenso einige Ungenauigkeiten bei den medizinischen Schilderungen; das dürfte den meisten Lesern nicht unbedingt auffallen, aber mich hat das etwas gestört; Übersetzungsfehler?).

Dennoch lohnt sich das Lesen von „Nach dem Winter“, besonders da es tatsächlich hoffnungsvoll, wenn auch nicht als Happy-End endet.

Guadalupe Nettel hat 2009 bereits den Anna-Seghers-Preis erhalten, trotzdem ist dies ihr erstes ins Deutsche übersetzte Buch. Man darf auf weitere hoffen und gespannt bleiben.

Beitragsbild: Père Lachaise under the snow  By Amelia Wells (Flickr: & then, the snow) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Eine weitere Besprechung findet ihr bei Letteratura

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Guadalupe Nettel – Nach dem Winter

Aus dem Spanischen von Carola Fischer 
Originaltitel: Después del invierno
Blessing Verlag März 2018, Gebunden, 352 Seiten, € 22,00 

3 Kommentare zu „Guadalupe Nettel – Nach dem Winter

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