Krimi-Zwischenspiel Donna Leon – Heimliche Versuchung und Volker Klüpfel und Michael Kobr – Kluftinger

Entspannendes Krimi-Zwischenspiel mit zwei Reihen, die ich zwar nicht konsequent, aber schon sehr lange verfolge.

Vor 25 Jahren erschien bei Diogenes der erste Fall für Commissario Guido Brunetti. Damals war der Boom der Regionalkrimis noch weit entfernt. Zwar gab es schon immer Krimi-Autoren, die ganz bestimmten Regionen einen wichtigen Platz in ihrer Handlung einräumten, also mit viel Lokalkolorit arbeiteten, und natürlich bedingen die so beliebten Krimi-Reihen in der Regel einen konstanten Schauplatz, wie beispielsweise Magdalen Nabb immer wieder Florenz wählte oder Jacques Berndorf, der mit seinen Eifel-Krimis in Deutschland erfolgreich war.

So richtig los ging es aber meines Erachtens mit Donna Leons in Venedig ermittelndem Commissario. Die Lagunenstadt nahm von Beginn an eine so reizvolle wie wichtige Rolle in den Büchern ein. Spannung war von Anfang an eher Neben- als Hauptsache, der sympathische, nachdenkliche und kultivierte Ermittler, seine nette Familie, die manchmal unerträglichen, manchmal reizenden Mitarbeiter, allen voran die so mondäne wie tüchtige Sekretärin Elettra und eben die stimmungsvollen Orte waren es, die die Leserschaft für sich einnahmen. Dazu kam eine leise, aber deutliche Kritik an verschiedensten aktuellen Problemen, die sich zwar immer auf die Verhältnisse in Venedig konkret bezogen, oft aber auch allgemeine Zustände abdeckten.

Venedig via pxhere

Geändert hat sich in all den Jahren recht wenig. Auch Guido Brunetti und seine Kinder alterten in dieser Zeit extrem verzögert. Lediglich Donna Leons Überdruss an Venedig, dem sie mittlerweile den Rücken gekehrt hat (seit einiger Zeit lebt die Amerikanerin in der Schweiz), das sie aber nach eigener Aussage immer noch liebt, ist gewachsen. Besonders die Touristenmassen, die die Stadt nahezu das ganze Jahr überschwemmen, sind ihr ein Dorn im Auge. Korruption und die damit verbundenen Machenschaften waren schon immer Hauptthemen der Krimireihe.

So auch in ihrem neuesten Fall, dem mittlerweile siebenundzwanzigsten.

Der Mann einer Universitätskollegin von Paola wird schwerverletzt am Fuße einer Brücke unweit seiner Wohnung aufgefunden – Unfall oder Verbrechen? Hängen die Drogenprobleme des Sohnes damit zusammen? Oder hat es mit der vermögenden alten, an Demenz erkrankten Tante zu tun? Sehr bald vermutet Brunetti, dass jemand nachgeholfen haben muss, ein Verdacht, der sich erhärtet, als der Mann stirbt.

Auch in „Heimliche Versuchung“ (ein Titel, der sich mir mal wieder nicht erschließt; der Originaltitel „The temptation of forgiveness“ erklärt sich ganz zum Schluss des Romans) köchelt die Spannung eher auf kleiner Flamme. Dafür erhält man wie gewohnt Venedig-Flair auf kritische Art, Familienanschluss bei den Brunettis, ein bisschen Questura und eine logisch entwickelte Geschichte. Für mich ist jeder Fall wie ein Familientreffen, ich habe auch diesen gerne gelesen.

 

Altusried im Allgäu  von Richard Mayer [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Ähnlich geht es mir mit dem Klufti – auch wenn die Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr nicht mit Donna Leons Ernsthaftigkeit und kultureller Gediegenheit ans Werk gehen. Ihr Kommissar Kluftinger ist eher das Gegenteil vom humanistisch gebildeten, ein wenig melancholisch veranlagten Brunetti. Bodenständig wie er ist, reichlich altmodisch und starrköpfig dreht sich auch bei ihm (fast) alles um die Familie. Seine Frau Erika, die ihm die besten Kaasspatzen der Welt kocht, Sohn Markus und Schwiegertochter Yumiko, die gerade Eltern geworden sind und der langjährige Freund/Feind Doktor Langhammer – sie sind dem Leser schon lange ans Herz gewachsen. Deswegen nehmen auch familiäre Abschnitte in den Büchern zunehmend Raum ein. So beginnt auch der neue Fall mit einem Besuch der ganzen Familie zu Allerheiligen auf dem Friedhof. Das Entsetzen ist groß, als man dort ein frisches Grab entdeckt, auf dessen Grabkreuz Kluftingers Name, Geburts- und Todesdatum stehen. Ein Scherz? Wohl kaum, die Drohungen mehren sich und schließlich kommt es zu einem tödlichen Zwischenfall.

Auch hier entfaltet sich die Spannung nur sehr gemächlich. Es geht in Kluftingers Vergangenheit, von der wir so einiges erfahren und, nun endlich im 10. Band, wird auch das Geheimnis um seinen Vornamen gelüftet. Wie gewohnt sparen die Autoren auch nicht an Klamauk und stereotypen Situationen und Charakteren. Sie verlassen dabei aber nie ein solides Niveau, wie leider mittlerweile so mancher Regionalkrimi. Und dass Kluftinger beinahe den Hubertus Jennerwein anstatt Kollege Maier eingestellt hätte, erweist einem zweiten bayrischen Kommissar, eben jenem Jennerwein aus der Feder von Jörg Maurer, eine vergnüglich-ironische Referenz. Auch er einer der wenigen empfehlenswerten Regionalermittler.

„Kluftinger“ macht Spaß, auch wenn es an einigen Ecken knirscht in Sachen Schlüssigkeit und die Spannung ein wenig kurz kommt. Wer noch nicht Teil der Kluftinger-Gemeinde ist, wird es mit diesem Teil vielleicht eher nicht werden. Für alle anderen ist es ein amüsantes, kurzweiliges Wiedersehen.

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Heimliche Versuchung Donna Leon.

Donna Leon – Heimliche Versuchung
Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

Diogenes Mai 2018, Hardcover Leinen, 336 Seiten, € 24.00

 

 

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Volker Klüpfel, Michael Kobr – Kluftinger (Kluftinger-Krimis 10)

Ullstein April 2018, Hardcover mit Schutzumschlag, 480 Seiten, € 22,00

2 Kommentare zu „Krimi-Zwischenspiel Donna Leon – Heimliche Versuchung und Volker Klüpfel und Michael Kobr – Kluftinger

  1. Ich habe letztes Jahr tatsächlich den ersten Fall für Brunetti gelesen. Einfach, um mal mitreden zu können. ;-)
    Um Längen besser als die Verfilmungen, aber mehr als sehr solide fand ich es auch nicht. Spannungsarm, wie du schon schreibst. Aber literarisch ansprechend. Trotzdem werde ich mir wohl eher nicht die ganze Reihe vornehmen. (Bei Kluftinger bin ich von vornherein raus.)

    1. Hallo Gunnar, alle Brunettis habe ich auch nicht gelesen, sagen wir mal so 3/4, aber von der ersten Stunde an. Die Verfilmungen sind grauselig, die Bücher, wie du schon sagst, solide Entspannung. Und Klufti ist gar nicht so schlimm, wie er sich anhört. Jennerwein von Jörg Maurer aber tatsächlich der Bessere. Regionalkrimis sind mir sonst eher ein Graus, aber da mache ich Ausnahmen 😉

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