Éric Vuillard – Die Tagesordnung

2017 erhielt Éric Vuillard für sein schmales „L´ordre du jour“ den begehrten Prix Goncourt. Im Original trägt es die Gattungsbezeichnung „récit“, was nur etwas unzureichend mit „kurze Erzählung“ übersetzt werden kann, denn bei einer „Erzählung“ geht man in der Regel von einer fiktiven Geschichte aus. Aber: „On appelle récit tout texte racontant une histoire (un enchaînement d’événements) qu’elle soit fictive ou réelle.“ Also ein etwas weiter ausgelegter Begriff für „Erzählung“. Dennoch eher eine überraschende Entscheidung, werden doch für den „Goncourt“ meist episch breitere fiktionale Werke ausgewählt. Und hier nun das knapp über 100 Seiten starke doku-fiktionale Werk, das sich zudem noch mit deutscher Geschichte beschäftigt.

Éric Vuillard 2018, von Chusec [CC BY-SA 4.0], vom Wikimedia Commons
Nach dem großen, wenn auch nicht ganz unumstrittenen Erfolg in Frankreich erschien der Text nun auf Deutsch und hat auch hier ganz unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Neben großer Begeisterung wurden auch Stimmen laut, die das Buch „ärgerlich“ fanden, ja sogar die Frage stellten, ob man das Erzählte denn wirklich so erzählen darf, wie es Vuillard tut.

Das hat natürlich mit dem Sujet des Textes zu tun. Éric Vuillard erzählt als nachgeborener Franzose (Jahrgang 1968) von der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs, von der Machtergreifung durch die Nazis und den vielen kleinen Rädchen, die ineinandergriffen und schließlich zu der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts führten. Und er erzählt davon weder rein faktengetreu berichtend noch anhand von (fiktiven) Einzelschicksalen exemplarisch-empathisch, sondern er vermischt. Am ehesten ähnelt sein Verfahren (man nennt es mittlerweile bereits die Methode Vuillard, da er sie bereits in seinen vorhergehenden Texten angewandt hat) dem, was man in bestimmten TV-Formaten an Geschichte vermittelt bekommt (z.B. ZDF-History). (Zeit)historische Ereignisse werden an realen Personen und charakteristischen Momenten „erlebbar“ gemacht. Kondensierte Geschichte. Autor und Leser rücken ganz nah an die Ereignisse, spielen das berühmte „Mäuschen“ in prägnanten historischen Situationen. Und tatsächlich ist Éric Vuillard auch Filmemacher, ist sein Erzählen dadurch erkennbar geprägt.

Seine „Erzählung“ beginnt am 20. Februar 1933. Die Machtübergabe an Adolf Hitler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 liegt gerade drei Wochen zurück, die sie rechtfertigen sollende Reichstagswahl steht am 5. März unmittelbar bevor. Die NSDAP sucht Geldgeber, um den „Wahlkampf“ noch einmal zu intensivieren.

Dr. Krupp von Bohlen und Halbach, der neue Industrie-Präsident des Reichsverbandes der Deutschen Industrie  Bundesarchiv, Bild 102-12331 / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
Im Palais des Reichtagspräsidenten treffen sich zu diesem Zweck am Abend des 20. Februar vierundzwanzig führende Männer aus Wirtschaft und Hochfinanz in aller Heimlichkeit. Gastgeber und Strippenzieher ist Hermann Göring. Auf 13 Seiten wohnen wir als Leser bei Vuillard diesem Ballett der Eitelkeiten, Selbstgewissheiten und Überheblichkeiten bei. Einem Ballett, das lediglich das Präludium für ein entsetzliches Stück war, das die Herren meinten, dirigieren zu können, jene vierundzwanzig „Biedermänner“, die am Ende dort reglos verharren „wie vierundzwanzig Rechenmaschinen an den Toren zur Hölle“.

Éric Vuillard erklärt der Legende von der „Stunde Null“, des moralischen Neuanfangs nach dem Krieg, eine eindeutige Absage. Es sind die gleichen Größen der Wirtschaft, die auch heute noch das Sagen haben. Gustav Krupp, Wilhelm von Opel, Günther Quandt, Friedrich Flick, Hugo Stinnes und Ernst Tengelmann – ihre Firmen haben Drittes Reich und Krieg nahezu unbeschadet überstanden. Eine Strafverfolgung für ihre Aktivität zwischen 1933 und 1945 blieb nahezu aus.

Sicher, ein wenig Arroganz der Nachgeborenen, ein wenig Besserwisserei liegt in diesem Erzählansatz. Zumal der Autor nicht mit Spott, Häme, Sarkasmus und auch dem ein oder anderen nicht ganz gelungenen Witzchen auf die damaligen Ereignisse zurückschaut. Einige Kritiker warfen ihm auch seine moralische Empörung vor.

Sicher hatten die damals Handelnden nicht unsere Einsicht in die Entwicklungen. Aber auch mit dem heutigen Wissen muss man wertend auf die damalige Zeit blicken dürfen. Zumal es Éric Vuillard um die Alternativen geht, um die Handlungsspielräume, die es auch in vermeintlich „alternativlosen“ Situationen (wir begegnen dieser Vokabel gerade heute wieder viel zu häufig) gegeben hätte. Alternative Geschichte und, auch im Hinblick auf die Gegenwart, Frühwarnzeichen, die man hätte erkennen und entsprechen hätte handeln können.

Lord [Edward Frederik ]Halifax bei Göring in der Schorfheide
20.11.37, Bundesarchiv, Bild 102-17986 / CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia commons
Das Geheimtreffen vom Februar 1933 ist eine der geschilderten Episoden. Eine andere ist dem Besuch von Lord Halifax, dem damaligen Lord President of the Council und späteren britischen Außenminister, mit Chamberlain vehementestem Verfechter der Appeasement-Politik, 1937 in Deutschland gewidmet. Auch er, Gast von Hermann Göring und vermeintlich gefangen in seiner britischen Höflichkeit, gibt hier einerseits ein recht lächerliches Bild ab, andererseits wird auch seine teilweise recht positive Haltung gegenüber dem deutschen Regime deutlich.

„Nationalismus und Rassismus sind starke Kräfte, die ich jedoch weder als widernatürlich noch als unmoralisch erachte!“

so Halifax in einem Brief über das Treffen an Premierminister Stanley Baldwin.

Ober-Österreich: motorisierte Truppen auf der Fahrt zwischen Schärding und Passau 13.3.1938
Atlantic-Photo, Bundesarchiv, Bild 137-049270 / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
Den umfangreichsten Teil des Buches widmet Vuillard dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich im Jahr 1938. Sowohl dem Treffen mit Kurt Schuschnigg im Februar in Berchtesgaden, bei dem er den österreichischen Kanzler erwartungsgemäß schlecht aussehen lässt, als auch den Ereignissen am Tage des Einmarsches (12. März), die in einem gigantischen Panzerstau an der Grenze mündeten, während das erwartungsvolle Volk an den Straßen Stunde um Stunde warten musste, widmet der Autor seine Aufmerksamkeit. Wie beim Abschiedsessen des bisherigen Londoner Botschafters Joachim von Ribbentrops, der zum Außenminister des Reichs ernannt wurde, spart Vuillard in diesen Nacherzählungen der Ereignisse nicht an beißendem Sarkasmus und Häme, ja sogar an slapstickartigen Momenten, was ihm einige Kritiker übel genommen haben. Aber gerade dieses Abrücken von gewohnten Sehweisen, von unzählige Male geschilderten Episoden der Geschichte, meist nur ein winziges Stückchen, das Zoomen auf skurrile Nebensächlichkeiten, auf Fußnoten der Ereignisse, machen das Unkonventionelle von Vuillards Geschichtserzählung aus. Der etwas andere Blick, brillant, prägnant und zugespitzt, eröffnet eine neue Sicht.

Österreich: stürmischer Jubel empfängt die deutschen Formationen in Österreich.
13.3.1938 Presse-Bild-Zentrale, Bundesarchiv, Bild 137-049271 / [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
Dem Autor geht es sichtlich auch um eine Entmythologisierung der nationalsozialistischen Herrschaft. Ein anderer Weg der Geschichte wäre durchaus möglich gewesen. Aber:

„Die größten Katastrophen kommen oft auf leisen Sohlen.“

und

„Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörte Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff. Selbst die seriöseste, steifste Welt, selbst die alte Ordnung, die sich niemals dem Anspruch der Gerechtigkeit beugt oder vor dem aufständischen Volk einknickt: Sie tut es vor dem Bluff.“

Große, geräuschvolle Inszenierungen, sogar für den ausländischen Geheimdienst gefakte Telefonate, die Propagandamaschine der NSDAP lief stets auf Hochtouren. Bis heute prägen die Bilder der Wochenschauen unseren Blick auf die Zeit und stehen den Panoramen der großen Illusionsfabrik Hollywood in nichts nach.

Éric Vuillard hält diesen ablaufenden Film für prägnante „Stills“ an, zoomt hinein, hält sich an dekorativen Details fest und öffnet gerade dadurch den Blick für das Ganze. Er malt aus, ergänzt essayistisch, kommentiert, ätzt. Sicher, auch ich zucke zusammen, wenn er die Teilnehmer der Münchner Konferenz 1938, die die Tschechoslowakei „verhökerten“, als „Butzemänner“ bezeichnet. Wenn er von den Wiener Gaswerken erzählt, die kurzerhand ihren jüdischen Kunden das Gas abgestellt haben, nachdem deren Verbrauch kurz vor dem Anschluss dramatisch angestiegen war.

Zentralbild Das Münchner Abkommen vom 29.9.1938. Das am 29.9.1938 in München zwischen dem britischen Ministerpräsidenten Neville Chamberlain, dem französischen Ministerpräsidenten Edouard Daladier, dem italienischen Staatschef Benito Mussolini und Adolf Hitler geschlossene Abkommen ermächtigte das faschistische Deutschland zur Annexion tschechoslowakischen Gebietes. UBz: von links: Chamberlain, Daladier, Hitler, Mussolini, und der italienische Außenminister Graf Galeazzo Ciano. Im Hintergrund v.l.n.r. Unbekannter (wahrscheinlich ein brite Diplomat), Fromageot, Ribbentrop, Weizsäcker, Leger alias Saint-John Perse. 12 766-38, Bundesarchiv, Bild 183-R69173 /  [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
Aber Éric Vuillard will die Irritation, die historische Verunsicherung. Er will deutlich machen, eine andere Geschichte wäre möglich gewesen. Ja, er will auch ein Lehrstück abliefern, eine Warnung an uns heute.

„Die größten Katastrophen kommen oft auf leisen Sohlen.“

Das mag man anmaßend nennen. Ich finde es notwendig, erhellend, sprachlich brillant. Ein Meisterwerk!

 

Beitragsbild: Reichskabinett Adolf Hitler, Bundesarchiv, Bild 183-H28422 / [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

Weitere Besprechungen auf Literatur leuchtet, bei der Buchbloggerin und auf Lesen in vollen Zügen

_____________________________________________________

*Werbung*

 

.

Éric Vuillard – Die Tagesordnung

Originaltitel: L’Ordre du Jour (Französisch)
Übersetzung: Dr. Nicola Denis

Matthes&Seitz Berlin März 2018, 128 Seiten, Gebunden, € 18,00

 

 

4 Kommentare zu „Éric Vuillard – Die Tagesordnung

  1. Danke für diese Besprechung. Ein Buch, das man lesen sollte mit dem Blick auf heutige Geschehnisse: Bluff, Grossspurigkeit und Frechheit (unterstützt von allgemeiner Blindheit) sind gerade dermassen en vogue, dass einem angst und bange wird.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.