Dominique Manotti – Kesseltreiben

Die 75 jährige Dominique Manotti ist die „Grande Dame“ unter den französischen KriminalautorInnen und neben Fred Vargas auch hierzulande die bekannteste. Seit 1995 veröffentlicht die promovierte Historikerin Marie-Noëlle Thibault unter ihrem Pseudonym politisch engagierte und sozialkritische Romane, die auch vielfach ausgezeichnet wurden. Mit französischem Flair und Charme à la „Bruno, Chef de police“ oder ähnlichem haben sie rein gar nichts gemeinsam. Manotti schreibt gnadenlos realistisch, ihr Thema sind die dunklen Seiten der Gesellschaft, das Machtgeflecht aus Politik, Geheimdiensten und den Eliten der französischen Industrie und Wirtschaft. Dominique Manotti steht den französischen Linken nahe, war Gewerkschafterin – und ist wütend. Wütend darüber, wie sich die Eliten immer wieder die eigenen Taschen füllen, Politiker zum eigenen Machterhalt jede unheilige Allianz eingehen, die Geheimdienste ihr eigenes Spiel spielen, und niemals zum Wohle des Volkes. Oft sind reale Geschehnisse, sei es aus der Welt der illegalen Migranten, der „Sans Papiers“, sei es aus der Welt der Hochfinanz oder einträglicher Wirtschaftszweige, wie zuletzt dem Erdölgeschäft, Inspiration für Manottis Texte.

Auch für ihren neuen Roman „Kesseltreiben“ stand ein solcher Vorgang Pate. Wie eng und realistisch die Autorin die Umstände und Verstrickungen beschreibt, verdeutlicht der ausdrückliche Hinweis, den sie dem Buch aus rechtlichen Gründen voranschicken musste.

„Dieser Roman ist frei (sehr frei) inspiriert von der „Alstom-Affäre“, der Übernahme des französischen Unternehmens Alstom Énergie durch den amerikanischen Konzern General Electric 2013-2015“

Wer Dominique Manotti kennt und die zahlreichen Links des Verlags zur Affäre verfolgt, weiß, dass alles wohl fast genauso wie geschildert abgelaufen ist. Und das ist tatsächlich atemberaubend.

Zur Erinnerung: Alstom Énergie, das im Roman nur halbwegs verschlüsselt als Orstam auftaucht, war einer der bedeutendsten französischen Hersteller von Kraftwerken und Turbinen, ein Unternehmen mit großer nationaler Bedeutung. Bis 2006 war der französische Staat größter Anteilseigner. 2015 übernahm unter dubiosen Umständen und mit nur mangelhafter Gegenwehr der Regierung der amerikanische Energiekonzern General Electrics die Energiesparte des Unternehmens.

Um die Aufdeckung der dubiosen Praktiken und skrupellosen Machenschaften, die leider in der globalen Konzernwelt wohl so ganz ungewöhnlich nicht sind, dreht sich Manottis neuester Wirtschaftsthriller.

Traversée du Bois de Boulogne by Olive Titus  CC0 via Flickr

Die schwer entwirrbaren Zusammenhänge rund um in das französische Unternehmen eingeschleuste CIA-Agenten, den Firmen-Email-Verkehr abfangende NSA-Behörden, geschäftsschädigende Gerüchte streuende amerikanische Hausbanken, untätige Inlandsgeheimdienste und dienstwillige französische Manager in Verbindung mit einer zögerlichen, um die transatlantischen Beziehungen bangende französische Regierung werden auch dem ahnungslosen Leser nachvollziehbar unterbreitet. Manotti bedient sich dabei eines klugen Tricks, indem sie ihre aus zwei weiteren Krimis bekannte Ermittlerin Noria Ghozali als absoluten Neuling in der Abteilung Wirtschaftskriminalität anfangen lässt. Dorthin ist sie strafversetzt worden, weil einer ihrer Brüder, zu dem sie wie zu ihrer ganzen Familie jahrelang keinen Kontakt hatte, sich dem IS angeschlossen hat. Norias algerische Wurzeln waren erneut, wie ihr weibliches Geschlecht, Grund für Diskriminierungen, wie sie in der französischen Gesellschaft und dem Mikrokosmos Polizeibehörde, gang und gäbe sind. Zur Seite gestellt sind Noria zum Glück zwei äußerst fähige und sympathische junge Kollegen. Man merkt, die Sympathie Manottis gehört eindeutig den Polizeibeamten, die sich tagtäglich durch die gesellschaftlichen Abgründe hindurcharbeiten müssen und oft genug noch Gegenwind von „oben“ erhalten.

Hier verfolgen wir die zähen Ermittlungen rund um die Verhaftung eines führenden Angestellten der Orstam am Flughafen New Yorks durch das amerikanische FBI. Zwar waren Reisewarnungen an Orstam-Mitarbeiter ergangen, da in den USA wegen vermeintlicher Unregelmäßigkeiten gegen das Unternehmen ermittelt wird, aber François Lamblin hatte von der Rechtsabteilung trotz seiner Bedenken grünes Licht für die geplante Geschäftsreise bekommen. Eine absichtliche Falle? Ist die Rechtsabteilung unterwandert? Und woher kommen plötzlich die Lamblin belastenden Fotos von einer Geschäftsparty in den USA mit reichlich Koks und minderjährigen Prostituierten? Und welche Rolle spielt hier der amerikanische Geheimdienst? Spätestens als ein Informant ums Leben kommt, schrillen alle Alarmglocken. Die Unterstützung von Lamblin durch Orstam lässt zu wünschen übrig und auch französische Regierung und Geheimdienst halten sich auffallend zurück.

Glänzend recherchiert, immer plausibel und in ihrer bekannt klaren, schnörkellosen und schnellen Prosa erzählt Dominique Manotti von diesem unglaublichen Fall, der zumindest bei mir gar nicht so präsent war. Zu schnell gehen in der heutigen Zeit solche skrupellosen Geschäfte wieder in Vergessenheit und lassen die Drahtzieher meist unbehelligt oder sogar noch profitieren.

General Electric hat der unsaubere Coup aber zumindest nicht viel genutzt. Erst unlängst ist das auf Thomas Edison zurückgehende Unternehmen, das seit 1907 ununterbrochen im Dow Jones vertreten war, aus diesem raus geflogen. Die Geschäftsbilanz war wohl zu schlecht.

Das in der Regel aber die „Großen“ das Spiel gewinnen, daran lässt Manotti keine Zweifel. Wie bereits Kollege Theo Daquin, bekannt aus einigen anderen Romanen der Autorin, der hier in „Kesseltreiben“ amüsanterweise einen Gastauftritt hat, resigniert auch Noria Ghozali. Sie wirft das Handtuch und sucht im Filmgeschäft ein neues Betätigungsfeld.

Uns Lesern zeigt Dominique Manotti nicht nur die dunklen Abseiten der Global-Player. Sie zeigt auch, wie wichtig es für Europa wäre, sich gegen einige amerikanische Geschäftspraktiken zu wehren, mehr innereuropäische Solidarität zu zeigen. Besser sind die Verhältnisse seit 2015 sicher nicht geworden.

Beitragsbild: Prefecture de police By Ana Paula Hirama (Notre-Dame, Paris – France, Mar2015) [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

Auf Kaliber.17 Krimirezensionen findet ihr eine weitere Besprechung.

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DOMINIQUE MANOTTI – Kesseltreiben
AUS DEM FRANZÖSISCHEN VON IRIS KONOPIK

ARIADNE 1231 Mai 2018, gebunden, 400 Seiten, €20,00

10 Kommentare zu „Dominique Manotti – Kesseltreiben

  1. Das hört sich nach einem wirklich guten Krimiplot an. Ich kann mit diesem Genre sonst oft nicht so viel anfangen, jedoch Fred Vargas oder auch Wolfgang Schorlau finde ich sehr spannend … und wenn man aktuelle politische Bezüge findet, um so besser!

  2. Oh, von Madame Magnotti habe ich noch nie gehört – aber ich mag Krimis, die aktuelle politische Affären aufgreifen und somit auch einen Blick auf den Zustand einer Gesellschaft werfen, sehr gerne. Danke für den Tipp, von ihr werde ich mir sicher was besorgen! Liebe Grüße, Birgit

    1. Liebe Birgit, freut mich, dass ich neugierig machen konnte. Bei Manotti stehen tatsächlich die gesellschaftlichen Verfasstheiten im Mittelpunkt ihrer gut recherchierten Romane. Die Ermittlung dient nur der Spannung. Viele Grüße, Petra

  3. Liebe Petra,
    von Fred Vargas habe ich ja schon gehört und einen Roman gelesen, von Dominique Manotti aber jetzt erst durch deinen tollen Beitrag erfahren. Eigentlich genau mein Interessensgebiet, dass Manotti abbildet. Ich werde die Sache im Auge behalten, wenn mich die Krimilust überkommt.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia, mit Fred Vargas hat Manotti lediglich das Herkunftsland gemeinsam. Vargas leicht versponnene Krimiplots sind ganz anders gestrickt als Manottis nüchterne, exzellent recherchierten Romane. Vielleicht kommt die Krimilust ja bald, dann denke mal an Madame Manotti ;) Liebe Grüße, Petra

      1. Ich fühlte mich beim Lesen deiner Besprechung auch sehr an Gila Lustigers Roman/Krimi „Die Schuld der Anderen“ erinnert. Lustiger hat ihre Geschichte ja auch sehr genau an der wirtschaftlichen und politischen Realität entlang entwickelt und schreibt sehr gesellschaftskritisch. Das hat mir schon sehr gut gefallen, denn zum einen gibt es – neben der spannenden Geschichte – sehr viel zu lernen über Frankreich. Und zum anderen sind ja viele Aspekte gar nicht nur französische Probleme, sondern hier genauso zu finden.
        Ein schönes (Lese-)Wochenende wünscht Claudia

      2. Liebe Claudia, Manotti schreibt nochmal ganz anders, direkter, als Gila Lustiger in Die Schuld der Anderen, das ich nebenbei ganz großartig fand. Aber stimmt, der kritische Ansatz ist derselbe. Zu meiner Schande verbuche ich Lustiger immer noch als deutsche Autorin, obwohl sie so lange schon von/aus Paris schreibt. Aber ja, wenn dir das gefiel, könnte Manotti einen Versuch wert sein. Liebe Grüße!

  4. Ich habe das Buch wieder mal genossen. Danke auch für die Verlinkung. Wie es scheint, hast du la Manotti ein paar neue Leser verschafft. Gut so!
    LG, Gunnar

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