Alexander Münninghoff – Der Stammhalter

Alexander Münninghoff ist ein niederländischer Journalist, der auch verschiedene Bücher veröffentlicht hat, unter anderem über Schach, in dem er eine ziemliche Koryphäe ist. Außerdem war er als Kriegsreporter unterwegs.

2014 erschien in den Niederlanden ein autobiographisches Buch, das sehr viel Beachtung und einige Preise erlangte und nun auch auf Deutsch erschienen ist. Es ist im Original „Een Familiekroniek“, im Deutschen wurde daraus der „Roman einer Familie“. Dabei trifft die Bezeichnung Chronik den nüchternen, berichtenden Ton, der sehr eng nicht nur auf Erinnerungen, sondern vor allem auch auf Zeitzeugnisse zurückgreift, recht gut.

Tatsächlich ist aber die Geschichte, die Alexander Münninghoff erzählt, und die seine eigene und die seiner Eltern und Großeltern ist, derart unglaublich, abwechslungsreich, spannend, überraschend und schillernd, dass sie mit all ihren Absurditäten und tragischen Wendungen, mit all ihrem unkonventionellen und manchmal zwielichtigen Personal wie eine fiktive Geschichte erscheint. Und auch deren Unterhaltungswert besitzt. In den Niederlanden wird daraus gerade eine Fernsehserie produziert.

Alexander Münninghof auf dem Feest der Letteren By Vera de Kok [CC BY-SA 4.0 ], from Wikimedia Commons
Die Erzählung beginnt mit dem Großvater Joan, einem streng katholischen Niederländer, der Ende des ersten Weltkriegs zunächst in Dänemark sein Glück mit Obst- und Gemüsehandel versuchte. Auch nicht ganz saubere Geschäftspraktiken nicht scheuend, hatte er reichlich Erfolg und investierte in ein Handelsschiff, das seine Waren bis nach Riga brachte. Hier in Lettland ließ er sich nieder und gründete bald ein wahres Wirtschaftsimperium mit verschiedenen Fabriken, Handelsschiffen, einer eigenen Bank und einer Handelsgesellschaft. Dies gelang auch dank guter Beziehungen zum Ministerpräsidenten Ulmanis, dessen Gunst sich der diplomatisch geschickte Joan regelrecht erkaufte. Im Laufe der Jahre wurde er zu einem der reichsten Bewohner Lettlands. Dabei blieb er im Herzen aber immer Holländer, auch nach seiner Heirat mit einer mondänen russischen Gräfin. Auf dem Landgut Von Lomani trafen sich bald die bessergestellten Balten, die Jeunesse Dorée, und führten ein Leben im Luxus und in Ausschweifungen. Die Familiensage lautet, dass die auf die Kinder Titty und Frans folgenden Zwillinge Xeno und Jimmy in einer Festnacht von zwei verschiedenen Vätern gezeugt wurden.

Der zweitälteste Sohn, Frans, Alexander Münninghoffs späterer Vater, wurde wie seine Schwester Titty bereits mit zwölf Jahren auf ein katholisches Internat in den fernen Niederlanden geschickt. Ein kleiner Holländer sollte aus ihm werden. Dabei fühlte er sich so wohl in seinem baltischen Luxusleben, fühlte sich strikt als Deutschbalte und entwickelte einen regelrechten Hass auf die Niederlande. Ein Grund, weswegen er sich, nachdem die Familie sich 1939 kurz vor Kriegsanbruch gen Westen absetzte, von dieser abwandte und sich so bald als möglich der deutschen Waffen-SS anschloss, um Lettland von den Russen zu befreien. Für seinen Vater Joan, der zwar nicht davor zurückschreckte, mit den neuen Herren während der Besatzung seine Geschäfte zu machen, diese aber innerlich zutiefst verabscheute, war das ein Unding. Es kam zum Bruch mit Frans.

Posen Wartheland Balten-Umsiedlung: Baltenlager 1940 by Bundesarchiv, Bild 137-051843 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
Frans heiratete die schöne Wera, deren Mutter eine großbürgerliche Russin und deren Vater ein deutschbaltischer Ingenieur war. 1944 wird Alexander auf der Flucht vor den bereits heranrückenden russischen Truppen in Posen geboren. Von Großvater Joan wird er wegen seines Streits mit Frans sogleich zum „Stammhalter“ gekürt. Eine zweifelhafte Ehre, vor allem, da die Vaterfamilie Mutter Wera nach ihrer Ankunft in den Niederlanden heftig ablehnt, nach deren Trennung vom Vater, ihr den Sohn sogar entzieht. Einen Großteil seines Lebens wird Alexander keinen Kontakt zur Mutter haben und schließlich auch zu folgendem Schluss kommen:

„Was ich damals nur gefühlsmäßig erfasste, sehe ich heute, während ich dies schreibe, endlich klar: Ich hatte einen Vater, der sich nicht für mich interessierte, der ganz von der Idee besessen war, einmal reicher zu werden, als der Alte Herr – erst dann würde er glücklich sein können.“

Eine traurige, eine einsame Kindheit, hin und her gestoßen in einer Familie, in der jeder in erster Linie mit sich selbst beschäftigt ist. Dabei schreibt Alexander Münninghoff davon ganz unaufgeregt, ja beinahe sachlich. Das ist ungemein interessant, spannend und unterhaltsam.

Bei einer Sache habe ich mich aber nicht ganz wohlgefühlt. Sicher ist es einfach als Nachgeborener die „Moralkeule“ auszupacken. Abrechnungsbücher mit der Vätergeneration konnte man in den Siebziger- und Achtzigerjahren zuhauf lesen. Dennoch: Die Mitgliedschaft in der Waffen-SS wird mir hier zu unkritisch gesehen, niemals wirklich beleuchtet, ja, als Trotzreaktion gegen den übermächtigen Vater mehr oder weniger entschuldigt. Von einem Kriegskameraden seines Vaters lässt sich der Autor leicht beruhigen.

„Auch charakterlich halte ich ihn keiner Untaten für fähig. Dafür hat er beispielsweise viel zu viel Humor, so seltsam das vielleicht klingen mag. Natürlich hat er Menschen getötet. Dutzende, vielleicht sogar mehr als hundert, glaube ich. Der von ihm geführte Trupp hatte sich einen beachtlichen Ruf erworben, und er hatte damals, 1943, schon das Eiserne Kreuz. Aber das macht ihn doch nicht zum Kriegsverbrecher. Er liebte auf eine jungenhafte Art das Kämpfen, und er war gut darin.“

Lettland, deutsche Propagandatafel  by Bundesarchiv, Bild 101I-765-0596-24 / Kurschat  [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
Auch die Geschäfte, die der Großvater auf dem Rücken vertriebener oder deportierter Juden machte, werden eher als clevere Geschäftspraktiken geschildert denn als die Ungeheuerlichkeiten, die sie waren.

Dabei erlaubt sich der Autor im persönlichen Bereich, sei es bei der Egozentrik der Eltern, dem Desinteresse des Vaters oder der mangelnden Durchsetzungskraft der Mutter durchaus deutlich kritischere Töne. Die Nähe zu den Nationalsozialisten hingegen wird den Familienmitgliedern vergeben, ja sogar der ganze (baltische) Adel herangezogen zum Bollwerk gegen die

„offensichtlichen Unzulänglichkeiten eines „Führers“ aus kleinbürgerlichem Milieu, der in seiner Beschränktheit den gesamten Russlandfeldzug verpfuscht habe, statt auf seine fähigen deutschbaltischen Generäle zu hören, und dessen Hang zu leerem Pathos und rücksichtsloser Gewalt, typisch für Menschen seines Schlags, letztlich Millionen das Leben gekostet habe.“

Wohlgemerkt keine Aussage des Autors, sondern ein Kamingespräch, das, wie vieles andere, aber völlig unkommentiert so stehen bleibt. So auch des Vaters Schilderung:

„Aber jetzt war es anders: Wir hatten Stalingrad verdauen müssen und waren auf dem Rückzug. Die Moral war schlecht, und wir waren nervös und gereizt. Das hatte Folgen für die russischen Gefangenen. In einer Rauchpause hörte ich von einem baltischen Bekannten, dass die Gefangenen nach dem Verhör in Zwanzigergruppen auf Lastwagen verladen und am Rand von Tscherkassy vor einer Grube abgeknallt würden.“

Solche Passagen bereiten mir Bauchschmerzen. Gerade bei einem solchen nüchtern erzählten Buch wünschte ich mir da mehr kritische Stellungnahme.

Dennoch: Wie der Autor von seiner alles andere als gewöhnlichen Familie, ihren Exaltiertheiten, der gnadenlos pragmatischen Geschäftstüchtigkeit des Großvaters, der Verletztheit des Vaters, der immer nur in Konkurrenz zum „Alten“ stand und darüber hinaus kaum Liebesfähigkeit und gesundes Selbstvertrauen entwickeln konnte, was dann wieder Sohn Alexander durch Gefühlskälte und Gleichgültigkeit zu spüren bekam – das alles ist beeindurckend offen und schonungslos geschildert und macht den Stammhalter zu einem hochinteressanten, lesenswerten und nicht zuletzt unterhaltsamen Buch, das zudem noch viel Zeit- und Milieukolorit verbreitet.

Weitere Besprechungen bei Monerl und Esthers Bücher

Beitragsbild: Lettland, Riga – Stadtansicht 1937 by Annemarie Schwarzenbach [Public domain], via Wikimedia Commons

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Alexander Münninghoff - Der Stammhalter.

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Münninghoff, Alexander – Der Stammhalter
ROMAN EINER FAMILIE

C.H.Beck Juli 2018, 334 S., Gebunden, 19,95 €

4 Kommentare zu „Alexander Münninghoff – Der Stammhalter

  1. Die Passagen, die dir Bauchschmerzen machen, sind mir auch unangenehm aufgefallen. Mich hat vor allem diese Über-Großvater mit seinen Machenschaften furchtbar verärgert. Ich glaube nicht, dass der Autor genauso denkt, wie er es im Buch erzählt.
    Meine Besprechung kommt demnächst.
    Liebe Grüße!

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