Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ – Bleib bei mir

Yejide und Akin sind ein modernes Ehepaar in Nigeria. Sie stammen aus recht privilegierten Verhältnissen, haben studiert und aus Liebe geheiratet. Das ist vier Jahre her. Vier Jahre, in denen beide ziemlich glücklich waren.

Yejide selbst hat keine sehr schöne Kindheit hinter sich. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt und die anderen Frauen ihres Vaters – in Nigeria ist Polygamie durchaus noch verbreitet – haben sie nie richtig in die Familie integriert, sie verachtet und gepeinigt. Deshalb ist sie über die Ehe mit Akin, der die Vielehe wie sie ablehnt, so glücklich wie über die Liebe, Anerkennung und Zuwendung, die sie durch Akins Familie, insbesondere seine Mutter, erfährt. Sie leben in der südwestnigerianischen Stadt Ilesa, auch in der Ehe ist sie berufstätig, führt einen kleinen, gut gehenden Frisiersalon.

Nur eines fehlt noch. Etwas, das besonders in den alten, den Traditionen trotz vordergründiger Modernität und Aufgeschlossenheit stark verhafteten Gesellschaften für das Glück einer Frau, einer Ehefrau, unabdingbar ist: der Nachwuchs.

What do you think?  by  Carsten ten Brink  (CC BY-NC-ND 2.0) via Flickr

Yejide wünscht sich nichts sehnlicher. Und dieser Kinderwunsch wird zum zentralen und alles beherrschenden Thema ihres Lebens – und des Romans von Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ „Bleib bei mir“.

Denn nun, vier Jahre nach der Hochzeit, wir schreiben das Jahr 1985, wird der Druck durch die Familien immer größer. Akins Familie drängt den jungen Mann, sich eine Zweitfrau zu nehmen. Denn, obwohl sich beide Ehepartner ohne negative Ergebnisse medizinisch untersuchen lassen haben, muss es natürlich an Yejide liegen. Die schöne, junge Funmi wird von der Familie Akins auch gleich mitgeliefert.

Nach anfänglicher Gegenwehr ergibt sich Akin schließlich dem Familienrat – um des lieben Friedens willen – und nimmt Funmi zur Frau. Das stürzt Yejide in eine tiefe Krise, voller Eifersucht, Neid, Trauer und Enttäuschung. Und führt natürlich in eine neue Offensive, schwanger zu werden. Auch alte Yoruba-Kulte werden von ihr nun nicht länger gescheut. Überhaupt kann man sehen, wie tief die vermeintlich moderne Yejide in den alten überlieferten Rollenmustern, Vorurteilen und Traditionen verhaftet ist. Yejide ist alles andere als eine Revolutionärin  oder gar Feministin. Kaum wagt sie es, der Familie zu widersprechen oder gar deren Unwillen hervorzurufen.

Beim Besuch eines Wunderheilers auf dem „Berg der beispiellosen Wunder“ unterzieht sie sich einer absurden Prozedur, die aber Wirkung zu zeigen scheint. Yejide wird schwanger. Doch obwohl ihre Monatsblutung ausbleibt, sie die typischen Schwangerschaftsbeschwerden hat und ihr Bauch beständig wächst, kann kein Arzt, kein Ultraschall ein Baby entdecken. Es handelt sich um eine typische Scheinschwangerschaft. Die Beziehung zwischen Yejide und Akin durchläuft dabei eine schwierige Phase. Bis eines Tages ein schreckliches Unglück geschieht.

Sleeping under a protective bed net by  World Bank Photo Collection (CC BY-NC-ND 2.0) via Flickr

Selten hat mich ein Buch so durch etliche unvorhersehbare Wendungen überrascht und erstaunt wie dieser Roman von Ayọ̀bámi Adébáyọ̀. Die 1988 in Lagos geborene Autorin, die in Großbritannien studierte und einen Schreibworkshop von Chimamanda Ngozi Adichie belegte, schreibt über Liebe und Verrat, Hoffnungen und Enttäuschungen, Verluste und Trauer, packt derart viele Schicksalsschläge und Tragödien in ihre Geschichte, dass deren Aufzählung fast ein wenig überdramatisiert wirken könnte und auch die Spannung nehmen könnte.  Am Ende führt die Geschichte bis ins Jahr 2008, als Yejide, sie lebt nun schon seit fünfzehn Jahren getrennt von Akin, anlässlich der Beerdigung von dessen Vater erstmals wieder zurück nach Ilesa kommt. Dies bildet den Rahmen, von der aus die Erzählungen von Yejide und Akin in die Vergangenheit zurückführen. Dabei bilden die beiden in ihrer subjektiven Wahrnehmung keine wirklich verlässlichen Erzähler. Bis zum Ende werden sie gewisse Geheimnisse nicht lüften.

Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ entwickelt ihre Geschichte überraschend und fesselnd. Sie ist angefüllt mit Details über den nigerianischen Alltag, weist auf politische Entwicklungen der Achtziger und Neunzigerjahre in Nigeria hin, mit Wahlkämpfen, Militärputschen, Unruhen und Korruption, und überzeugt mit einer enormen Erzählkraft. Es bleibt bis zum Ende spannend. Der Leser begleitet die durchaus ambivalent angelegten Charaktere durch die Wendungen und Schicksalsschläge ihrer gemeinsamen Zeit. Dabei wird der Roman trotz aller Tragik nie gefühlig oder gar kitschig.

Sehr beeindruckend für einen Debütroman und nicht verwunderlich, dass er sogleich auf der Nominierungsliste für den Baileys Woman´s Prize for Fiction stand.

Weitere Rezensionen auf Travel without moving, The lost art of keeping secrets, Letteratura  und Literaturgeflüster

Beitragsbild: Woman holds a child by World Bank Photo Collection (CC BY-NC-ND 2.0) via Flickr

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Ayòbámi Adébáyò - Bleib bei mir.

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Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ – Bleib bei mir

Übersetzt von: Maria Hummitzsch
Piper Verlag August 2018, 352 Seiten, Hardcover, € 22,00 

8 Kommentare zu „Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ – Bleib bei mir

  1. Da ich gedanklich viel in Afrika bin( meine Tochter ist seit einigen Wochen beruflich in Kenia und Tansania unterwegs) und ich gerade „Kleines Land “ von Gael Haye gelesen habe, würde ich am liebsten sofort mit diesem Roman beginnen…

  2. Liebe Petra,
    Ich habe dieses Buch nun schon so oft gesehen und eigentlich immer nur Positives dazu gehört. Deine Rezension bildet da keine Ausnahme. Eigentlich hatte der Klappentext mich zunächst nicht so sehr angesprochen, aber jetzt bin ich doch neugierig geworden.
    Liebe Grüße, Julia

    1. Liebe Julia, ich glaube wirklich, dass es sich sehr lohnt, dieses Buch zu lesen. Es würde dir bestimmt gefallen. Wenn du es lesen wirst, höre ich ja sicher deine Meinung. Liebe Grüße, Petra

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