Maxim Biller – Sechs Koffer

Kann man einen Text völlig losgelöst von seinem Autor lesen, sobald man diesen kennt, sei es durch eigene Begegnungen beispielsweise auf Lesungen, sei es durch Medienpräsenz, durch Interviews, Kolumnen? Vielleicht sollte man das können, mir gelingt es meist nicht.

Und so sitzt bei der Lektüre des schmalen Romans „Sechs Koffer“ sein Verfasser, der spätestens durch seine pointierte Beteiligung am „Literarischen Quartett“, aber auch durch etliche Beiträge im Feuilleton bekannte Maxim Biller, neben mir auf dem Sofa, sein charakteristisches Lächeln auf dem Gesicht und schaut mir über die Schulter. „Nun“, scheint er mich zu fragen, „was sagt ihr jetzt?“ Denn nach den fast überall negativen Besprechungen, die sein 900 Seiten starker Roman „Biografie“ vor zwei Jahren erhielt, legt der brillante Maxim Biller mit „Sechs Koffer“ einen diametralen Text vor. Vielleicht gar ein wenig trotzig, denn die Kritik an seinem „Opus magnum“ hat sicher geschmerzt. Und siehe da: die Herzen von Kritik und Lesern fliegen diesem schmalen Buch zu, es erreicht sogleich die Shortlist des Deutschen Buchpreis und hat gar nicht so schlechte Chancen auf den Gewinn.

Es sind dieselben Themen, die Maxim Biller zumeist umtreiben, es ist die fiktionalisierte eigene Familie und ihr tragisches Schicksal im 20. Jahrhundert, in den Grauen und Wirren des Krieges und der Nachkriegszeit, es ist vor allem immer wieder das Jüdischsein, das Gefühl des Ausgestoßenseins, die Erfahrung von Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit, um die sich der Roman dreht. Im Gegensatz zu vielen Texten Billers kommt „Sechs Koffer“ aber auf leisen Füßen daher, wehmütig, fast zärtlich, ein wenig unscharf. Wenig Provokation, wenig Schrilles, wenig Sex. Am ehesten kommt der „alte“ Biller noch bei etlichen Personenbeschreibungen hervor, da hat der eine einen „bösen, verklemmten Antisemitenblick“, stecken die Deutschen in „hässlichen, grauen, sackartigen Mänteln“ und ein anderer besitzt ein „unfreundliches, kleines Osteuropäergesicht“. Ich muss zugeben, dass ich solche boshaften, verallgemeinernden Charakterisierungen nicht besonders mag.

Vordergründig geht es also um die Familie Biller, die Namen stimmen überein, die Lebenseckdaten ebenso. Und doch weist nicht nur die Gattungsbezeichnung „Roman“ darauf hin, dass man sich über den Wahrheitsgehalt des Erzählten nicht so sicher sein darf. Die Verunsicherung des Lesers kommt sicher zum großen Teil auch von der Unschärfe des Erzählten. Denn die große Frage, die den Erzähler Maxim Biller umtreibt, ist die nach dem ungeklärten Schicksal des Großvaters väterlicherseits, und sie bleibt weitestgehend unbeantwortet. Dieser Schmil Gregorewitsch ist 1960 im stalinistischen Moskau hingerichtet worden. Am Flughafen wurde er mit Westgeld erwischt – er war auf dem Weg nach Tschechien, wohin sein Sohn Semjon, der Vater Maxims, mit der Familie vor den schlimmsten Repressionen geflohen war -, um dem Enkel ein Auto zu kaufen, so die Familienlegende. Schmil war zuvor schon in etliche nicht ganz saubere Schwarzmarktgeschäfte verwickelt. Er ist eine Figur, die derart perfekt in die antisemitischen Schablonen vom schlitzohrigen, vom Geld besessenen, schlauen Juden, der sich mit Tricksereien und Betrügereien eine goldene Nase verdient, passt, dass Maxim Biller diese Figur jedem anderen Autoren um die Ohren gehauen hätte. Er selbst kokettiert gerne mit solchen Stereotypen. Auch das etwas, das ich nicht mag.

Koffer by By Markus G. Klötzer [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons
Woher wussten nun die Beamten am Moskauer Flughafen von dem Westgeld und den verbotenen Umtrieben des Großvaters, des „Taten“? Darum kreist der Roman, davon ist schon der kleine Maxim besessen. Ist es einer der drei Onkel? Ganz oben auf der Liste der Verdächtigen steht für ihn dabei Dima, der nach einem gescheiterten Fluchtversuch in den Westen für fünf Jahre im Gefängnis saß, bevor er in die Schweiz ausreisen durfte. Hat er in der Haft geplaudert? Oder war es seine schillernde Ehefrau, die Filmemacherin Natalja Gelerntner (die zwar laut Buch zusammen mit Louis Malle einen Filmpreis erhalten haben soll, über die aber im Internet nichts zu finden ist). Sie hatte stets ein angespanntes Verhältnis zur Familie. Oder war es einer der anderen beiden Brüder, etwa Lev, der lange für die Kommunisten als falscher Außenhandelsattaché in Westberlin tätig war, bevor er sich nach Zürich absetzte, und der lange kein Wort mehr mit der Familie wechselte? Oder der völlig farblos bleibende Wladimir, schon geraume Zeit nach Brasilien ausgewandert? Oder sogar die eigenen Eltern, der Übersetzer Semjon, die launische Rada, die nach der Station in Prag 1970 nach Hamburg emigrierten?

Nichts ist gewiss in diesem Roman. Ich-Erzähler ist Maxim, aber seine Stimme ist nicht die einzige, sondern Biller spielt mit den Erzählperspektiven, wechselt die Ich- mit verschiedenen Personalperspektiven der Familienmitglieder, zeigt unterschiedliche Blickwinkel. Dennoch werden die Figuren nicht plastischer, ist eine gewisse Halbdistanz beabsichtigt, weicht Biller nicht nur einer Identifizierung durch den Leser, sondern jeder Festlegung aus. Der Leser wird zudem mit ständig widersprüchlichen Informationen versorgt. Das mag einmal die Farbe des Kühlschranks, einmal das Wetter am Beerdigungstag oder einmal der Bezugsstoff des neuen Sofas sein, der einmal als kratzig und einmal als herrlich weich bezeichnet wird. Und so geht es auch mit der Charakterisierung der Personen. Der Leser kann sich niemals sicher sein.

Das ist sehr gut gemacht und passt perfekt zu der bis zuletzt ungeklärten Frage, wer denn nun den Taten verraten und damit umgebracht hat. Nur dass es wohl einer aus der Familie gewesen sein muss, steht von Anfang an fest. Nur warum eigentlich? Weil diese Familie völlig kaputt ist? Weil ihr jeder Verrat zuzutrauen ist? Weil in ihr eine unglaubliche Kälte zu herrschen scheint? Biller bleibt die Antwort darauf schuldig. Lediglich zu seiner Schwester Jelena scheint eine tiefere Beziehung zu bestehen. Die anderen sechs Koffer bleiben verschlossen, das Gepäck, das mit ihnen herumgetragen wird, undeutlich. Der Schluss des Buches ist genial und versöhnt mich mit einigen Kritikpunkten, die ich zuvor hatte, ließ mich das Buch gerade wegen seiner völligen Offenheit zufrieden zuschlagen. Da sitzt Jelena, die wie in der Realität über ihre Familie und den Tod des Großvaters ein Buch verfasst hat, in einer Talkshow, die Moderatorin fragt zum wiederholten Mal, wer denn nun, ihrer Meinung nach wirklich schuld am Tod des Großvaters ist.

„Das geht niemanden etwas an. Das verstehen sie doch, oder?“ „Nein, das verstehe ich eigentlich nicht“, sagte die Moderatorin höflich und plötzlich sehr streng, und dann erzählte ihr Jelena, wie es wirklich gewesen ist.“

Davor erzählt Maxim Biller melancholisch, bisweilen auch witzig, hin und wieder auf nicht ganz schöne Art boshaft, von einer seltsam zerstörten Familie, von Verrat, von der Unmöglichkeit absoluter Wahrheit, auch von Vertrauen und einer Last, die man einfach nicht loswird.

Die Sprache ist schlicht, aber der Aufbau intelligent, voller Anspielungen. Aber da sitzt er wieder, der Autor, neben mir. „Siehst du, ich kann auch so schreiben, dass ihr das alle lesen mögt“ scheint er mir, süffisant lächelnd zuzuflüstern. Und irgendwie fühle ich mich ein wenig manipuliert.

Besprochen wurde der Roman auch auf Travelwithoutmoving, Literatur leuchtet, Frau Lehmann liest und dem Leseschatz

Beitragsbild via Pixnio

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Maxim Biller – Sechs Koffer

Kiepenheuer&Witsch August 2018, 208 Seiten, Leinen, 19,00 €

 

6 Kommentare zu „Maxim Biller – Sechs Koffer

  1. Hallo,

    wie haben sie im Literarischen Quartett gesagt: „Maxim Biller dreht sich zuverlässig um sich selbst“? (Oder so ähnlich.)

    Ich habe mich auch vorm Lesen gefragt: wie geh ich da jetzt ran, tu ich mal so, als habe ich von Maxim Biller noch nie etwas gehört? Aber auch ich kam zum Schluss, dass ich das gerne können würde, es aber einfach nicht klappt.

    Und zu meiner eigenen Überraschungen fand ich das Buch erstaunlich unterhaltsam, fast süffig! Ich empfehle das Buch im Moment gerne für Menschen, die glauben, Buchpreis-Bücher müssten zwangsläufig schwer zu lesen und staubtrocken sein.

    Ich habe den Großvater gar nicht so sehr als Stereotyp empfunden, weil er auf mich weniger wie ein richtiger Betrüger wirkte – mehr wie ein Mann, der sich und seine Familie eben so gut es geht versorgt. Mehr auf dem Level eines Schwarzarbeiters oder kleinen Steuerbetrügers als auf dem eines echten Kriminellen.

    Wie Sascha Marianna Salzmann glaubte auch ich eigentlich, des Rätsels Lösung auf Seite 176 gefunden zu haben! Aber das „und dann erzählte ihr Jelena, wie es wirklich gewesen ist“ ließ mich wieder zaudern… Obwohl ich mir da dachte: ist das jetzt ein „Cliffhanger“, damit man das Buch der Schwester kauft?

    Es dauerte ein paar Kapitel, bis mir die Diskrepanzen wie das schwedisch-dänische kratzig-weiche Sofa auffielen, aber dann war ich sehr angetan. Ich habe eine Schwäche für unzuverlässige Erzähler.

    Im Moment bin ich geneigt, „Der Vogelgott“ als meinen Favoriten zu bezeichnen, aber ich zweifele daran, dass es tatsächlich gewinnen kann. Für mich als Kafka- und Poe-Fan ein Genuss, aber vielleicht zu schwarzromantisch für den Buchpreis, mit zu wenig Gegenwartsbezug.

    Ich zaudere noch, ob ich „Sechs Koffer“ als möglichen Gewinner sehe oder nicht.

    LG,
    Mikka

    1. Liebe Mikka, der Vogelgott spricht mich so gar nicht an, muss aber wohl sehr gut geschrieben sein, ich höre nur Lob. Bin gespannt, ob ich bis Montag zumindest mal reinlesen kann. Auch Barbetta habe ich aufgrund der Leseprobe für mich persönlich aussortiert, die Sprache nervte mich. Die anderen vier habe ich gelesen. Haratischwili gehört meiner Meinung nach noch nicht mal auf die Longlist, ziemlich schwach. Meine Favoriten sind Archipel und Der Gott der Barbaren. Fand ich beide toll. Mal sehen, wie die Jury entscheidet. LG, Petra

  2. Eine wirklich schöne, ausgewogene und faire Kritik. Mich hat das Buch ehrlich gesagt nur genervt und ziemlich ratlos zurückgelassen. Ich sehe in „Sechs Koffer“ keinen Siegertitel, allerdings habe ich auch mit „Gott der Barbaren“ und „Nachtleuchten“ keine wirklich rundum überzeugenden Shortlistbücher gelesen. Vielleicht wirds doch „Archipel“? Ich lass mich überraschen.

    1. Danke! Ich denke auch, dass der Preis für das Buch zu hoch gegriffen wäre. Das schlechteste Buch der Auswahl ist es aber nicht. Ich mochte Archipel sehr gerne, würde ihm den Sieg gönnen (aber mir hat auch der Gott sehr gut gefallen). Gefühlsmäßig tippe ich auf den Vogelgott, obwohl es mich thematisch am wenigsten interessiert. Bleiben wir gespannt!

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