Nino Haratischwili – Die Katze und der General

„Wie kommt der Krieg in den Menschen“, so könnte man sich an einem anderen Titel der Buchpreislonglist, der ansonsten nichts mit Nino Haratischwilis 760 Seiten starken Roman gemein hat und es zu meinem Bedauern auch nicht auf die Shortlist geschafft hat, bedienen, um das Hauptthema von „Die Katze und der General“ zu beschreiben.
Was macht der Krieg mit den Menschen, die ihn erleiden? Aber auch mit denen, die ihn führen? Was geschieht in den sogenannten „rechtsfreien Räumen“ mit den in ihnen Agierenden? Was bedeutet und wie geht man um mit Schuld? Und was ist Sühne? Kann es sie überhaupt geben? Und wie könnte sie aussehen?
Indem ich alle diese Fragen formuliere, die der Text stellt, bediene ich mich eines Stilmittels, das auch Haratischwili zu lieben scheint, und das für mein Empfinden im Buch viel zu oft angewandt wird – dem Stellen von (rhetorischen) Fragen. Leider ist dies nur einer der stilistischen Mängel des Buches, aber dazu später mehr.
Haratischwili verhandelt diese großen Fragen anhand eines Konflikts, der zeitlich gar nicht so weit entfernt ist, aber in der westlichen Wahrnehmung doch keinen prominenten Platz einnehmen konnte – der Tschetschenienkrieg, genauer gesagt der Erste Tschetschenienkrieg (1994-1996), dem 1999 bis 2009 ein zweiter folgte. Der aus Georgien stammenden Autorin ist Tschetschenien als Nachbarland natürlich näher als gemeinhin dem deutschen Leser. Die Zahl der Romane, die sich mit ihm beschäftigen und die in deutscher Sprache vorliegen, ist überschaubar. Anthony Marra mit „Die niedrigen Himmel“ und Arkadi Babschenko würden mir da lediglich einfallen. Es ist also ein Verdienst, sich dieses Themas anzunehmen. Als Vorbild diente der Autorin ein realer Fall, der von der 2006 ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja dokumentiert wurde. Leider bleibt der Konflikt aber nur Kulisse für ein großes, mit Pathos angefülltes Drama antiken Ausmaßes.
Der reale Fall, der Haratischwili inspirierte, ist der der 18 jährigen Tschetschenin Elsa Kungajewa. Es ist tatsächlich der einzige Fall, in dem einem russischen Militärangehörigen wegen eindeutiger und grausamer Kriegsverbrechen der Prozess gemacht wurde. Wenn auch nur auf starken internationalen Druck hin.
Im Roman ist es Nura, die der der Leser in einem längeren Prolog als willensstarkes, lebenshungriges Mädchen im Jahr 1994 kennenlernt. Sie träumt sich in mexikanischen Telenovelas fort aus ihrem kleinen tschetschenischen Dorf und sehnt sich zurück nach der russischen Lehrerin, die sie dort kurze Zeit unterrichtete. Diese Nura, man erfährt es gleich zu Anbeginn, wird im Krieg Opfer von brutalen russischen Soldaten, die sie foltern, vergewaltigen und schließlich töten. Einer der an der Tat (unfreiwillig) Beteiligten ist der General des Romantitels.

Evstafiev-chechnya-palace By Русский: Фото: Михаил Евстафьев English: Photo: Mikhail Evstafiev (Mikhail Evstafiev) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons
Ihn, Alexander Orlow, seines Zeichens nun unermesslich reicher Unternehmer und Oligarch, der seiner Tochter zum Trost über Liebesleid mal eben einen venezianischen Palazzo kaufen kann, drunter geht es nicht, packt nun im Jahr 2016 der große Rache- und Reuedurst. Damals als Soldat, der er als Feingeist und Literatur- und Kunstbegeisterter nur auf immensen Druck seiner Mutter, die ihn in den Fußstapfen seines berühmten, verstorbenen Kriegsheldenvaters sehen wollte, geworden war, hatte er nicht eingegriffen, wohl auch nicht eingreifen können, als drei Männer seiner Einheit das grauenhafte Verbrechen an Nura begingen. Nun entdeckt er auf einem Theaterplakat in Berlin, in dem er mittlerweile zuhause ist, ein Gesicht, das dem des damals geschändeten Mädchen bis aufs Haar gleicht und heckt einen teuflischen Plan aus, die Täter von damals, den Oberst Schujew und die Soldaten Petruschow und Juritsch, wieder am Ort des Verbrechens zu versammeln. Eine späte Sühne für eine Tat, die zur damaligen Zeit auch nach der (Selbst)anzeige von Orlow nicht verfolgt wurde, soll es werden. Was der General genau plant, bleibt bis zum Ende unklar. (Hier weicht der Roman von den realen Begebenheiten ab, die wirklich nur als Inspiration dienten).
Das Gesicht gehört der „Katze“, der zweiten Titelfigur. Die junge Schauspielerin Sesili, die sich so nennt, stammt wie die Autorin aus Georgien, aus dem sie als Kind mit den Eltern emigrierte. Das schwierige Ankommen in Berlin, die Zusammenkünfte der östlichen Exilgemeinde, das sind zwei sehr liebevolle, aber viel zu kurze Exkurse in der Geschichte, die an solchen Nebenhandlungen und Nebenfiguren geradezu birst. Manchmal sind diese Nebenschauplätze gern besuchte Ruheplätze abseits der Haupthandlung, manchmal fragt man sich aber auch nach ihrer (meist nicht vorhandenen) Relevanz für die Geschichte. Die Katze nun braucht Geld und erklärt sich darum bereit, bei Orlows Plan mitzuwirken.
Es gibt noch eine weitere Hauptfigur, Onno Bender, genannt „die Krähe“ (warum auch immer, das blieb mir verborgen). Er ist ein deutscher Journalist und einst Liebhaber von Orlows Tochter Ada, letztendlich verantwortlich für deren Selbstmord, oder zumindest von ihrem Vater und auch sich selbst dafür verantwortlich gemacht. Er wirbt nicht nur die Katze im Auftrag des Generals für das Vorhaben an, sondern ist auch selbst mit dabei. Orlow hat noch seine ganz persönliche Rechnung mit ihm offen, außerdem will er ein Buch über die Ereignisse schreiben. „Die Krähe“ ist der einzige Ich-Erzähler im Roman, über den General und die Katze erfahren wir in der personalen Perspektive. Haratischwili wechselt zwischen den Figuren und auch in den Zeitebenen beständig ab. Dabei bleibt sie stets ganz nah an ihren Figuren dran. Zeitweise stimmen die Perspektiven aber nicht, verrutschen, werden unklar.

Nino Haratischwili bei der Buchpremiere im Frankfurter Literaturhaus

Diese ganze Geschichte ist eigentlich schon ziemlich am Anfang des umfangreichen Romans erzählt. Hunderte Seiten braucht die Autorin nun, um ihre Figuren und deren Handlungen bis ins Kleinste zu durchleuchten, wahre Psychogramme zu erstellen, Einzelheiten nachzuliefern und auf einen Showdown beim Zusammentreffen in Tschetschenien hinzuführen. Dabei fällt sie so manches Mal in einen raunenden Ton, um doch so etwas wie langfristige Spannung aufzubauen.
Thema und Geschichte haben einiges an Potential. Nino Haratischwili konstruiert aber so mühsam, zeitweise unlogisch und ausufernd, dass die Lust darauf ziemlich bald schwindet. Wie auf dem Reißbrett werden die Charaktere herumgeschoben, oder, um einen freundlicheren Vergleich zu gebrauchen, wie in einer griechischen Tragödie auf der Bühne. Dabei werden sie trotz seitenlanger Erklärungen, was sie wann, wo, wie gedacht, und warum so gehandelt haben, nie wirklich plastisch. Ihr Schicksal ließ überraschend kalt. Dabei ist es doch das große Pathos, die tragische Größe, die leidenschaftliche Tiefe, die die Autorin sucht. Haufenweise Klischees, bemühte Metaphern, missglückte Dialoge und völlig überzeichnete Figuren sind das, was der Leser findet. Ganz große (Seifen)Oper – wer sich davor nicht scheut, kann mit diesem Buch vielleicht glücklich werden.
Mehr Handlung und weniger Introspektion hätten dem Buch gut getan. In einigen Szenen, zum Beispiel der lange herausgezögerten Vergewaltigungsszene oder der Flucht aus Tschetschenien zeigt sich, dass Nino Haratischwili durchaus zu packen versteht. Aber leider verliert sich das dann sehr bald wieder in der Ambition, ihre Charaktere bis ins letzte auszuleuchten. Dabei machen sie allesamt außer dem General, der sich recht unplausibel vom schüchternen Junge zum eiskalten Geschäftsmann und schließlich rücksichtslosen Oligarchen wandelt, keine Entwicklung durch. Und immer muss es das ganz große Klavier sein, auf dem gespielt wird. Über die Katze heißt es schon zu Beginn:
„Nein, sie wollte sich alles abverlangen, über jede Grenze hinwegschreiten. Sie wollte in dieser staubigen, schwarzen, fensterlosen Galaxie jeden Abgrund erkunden und erforschen und wie ein Phönix aus der Asche aufsteigen und leer sein, vollkommen leer.“
Für wen es, wie für mich, gern ein wenig kleiner sein darf, ist dies leider nicht das richtige Buch. Es steckt zu viel davon darin, das Haratischwili so formuliert:
„Bis heute aber klammerte auch sie sich wie eine Schiffbrüchige an ihre Bootsreste, auch sie wollte nicht, dass die Emigration ihr ihre zentralen Wesenszüge nahm; auf Biegen und Brechen wollte sie sich den westlichen Gesetzen widersetzen, wollte ihre irrationale Flatterhaftigkeit, Leichtgläubigkeit, ihren Optimismus bewahren, gegen die Vernunft handeln, wollte sich nicht das große östliche Pathos, das unendliche Gerede und die nahezu infantile, idiotische Hoffnung auf eine irreale Form der Liebe nehmen lassen.“

Zwei weitere kritische Stimmen findet ihr beim Bookster HRO und im Buchrevier. Sehr viel positiver hat es Ines von Letteratura gelesen.

Beitragsbild via Pixabay

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Nino Haratischwili – DIE KATZE UND DER GENERAL

Frankfurter Verlagsanstalt August 2018, gebunden, 750 Seiten, € 30,00

10 Kommentare zu „Nino Haratischwili – Die Katze und der General

  1. Ich verstehe deine Gründe, dieses Buch schlecht zu finden. Es ist ein Tanz auf der Handlungsrasierklinge, den die Autorin da vollführt. Bei mir springt der Funken über, obwohl ich bei solch überladenen Stoffen eigentlich auch die Arme und Beine von mir strecke.

    Wenn ich durch bin, kommt bei mir auch eine ausführliche Besprechung, positiv mit kritischen Anleihen 😉

  2. Bis jetzt habe ich nichts wirklich gutes über dieses Buch gehört, und da ich noch nichts von Haratischwili gelesen habe, werde ich wahrscheinlich lieber mit Brilka anfangen.

  3. Hm, schade. Ich hatte mir von dem Buch eigentlich sehr viel versprochen. Über „Brilka“ habe ich viel Gutes gehört, da hat mich aber der wirklich enorme Umfang sehr abgeschreckt. Ich dachte „Die Katze“ ist vielleicht ein guter Haratischwilli- Einstieg für mich, weil das Thema spannend klingt und das Buch nicht ganz so überwältigend dick ist. Aber ich habe jetzt schon mehrere enttäuschte Stimmen gehört, dass ich jetzt doch am Zweifeln bin, ob ich mich an das Buch heranwagen soll. Und auch dich konnte dieser Roman ja nicht so recht begeistern. Hm, mal sehen, wie ich mich entscheide. Das Buch läuft ja zum Glück nicht weg. Aber auf „großes Theater“ habe ich im Moment eigentlich nicht so Lust.
    Liebe Grüße, Julia

    1. Liebe Julia, also Lust auf große Oper und große Emotionen sollte man schon haben, dann könnte das Buch gefallen. Ich kenne sonst auch nichts von der Autorin, aber die älteren Bücher sollen auch gut sein – und viel dünner. Vllt. wären die etwas für den Einstieg. Ich lasse jetzt erst einmal die Finger davon. Liebe Grüße, Petra

  4. Hallo!
    Danke für deine tolle Buchbesprechung. Ich quäle mich jetzt auch schon seit 2 Wochen durch das Buch und bin mittlerweile schwer am (ver)zweifeln. Zu Beginn fand ich die Geschichte wirklich toll, aber in der zweiten Hälfte hat man das Gefühl die Autorin macht bei jedem Schritt nach vorne wieder zwei zurück! Kann man von sowas graue Haare bekommen? 😂
    Lg, Birgit

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