Lektüre Januar 2019

Ein neues Jahr, neue Lektüre.

Meinen Vorsatz, möglichst keine „alte“ Lektüre mit ins neue Jahr zu nehmen, hat recht gut geklappt. Nur vier Titel aus dem Herbstprogramm sind auf meine neue Leseliste gewandert, der Rest darauf ist sozusagen „druckfrisch“. Das heißt natürlich nicht, dass ich nichts aus 2018 noch lesen möchte, die Liste ist auch da noch lang, aber nach dem Abebben der Frühjahrstitel-Flut (vermutlich nach der Buchmesse Ende März) ist dafür auch noch Zeit. Die neuen Bücher locken mich jedes Jahr dann doch zu sehr.

Der Januar war ein etwas durchwachsener Lesemonat. Zehn Bücher habe ich gelesen, drei weitere als Hörbuch gehört (endlich mal wieder). Wirklich begeistern konnte mich von den Printexemplaren nur Dörte Hansen mit ihrer allseits zu recht gelobten Mittagsstunde. Der Rest war gut (Woelck, Ernaux, Honigmann, Huttel) oder interessant (Collins, Ford) oder „geht so“ (Würger), schwierig (Preti) oder ein wenig ärgerlich (Louis). Meine drei Hörbücher habe ich allesamt gerne gehört.

Aber der Reihe nach:

 

Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

Die heute 78 jährige französische Schriftstellerin Annie Ernaux wurde in Deutschland sehr spät entdeckt. 2017 wurde ihr im Original bereits 2008 erschienener autobiografischer Roman „Die Jahre“ auch hierzulande ein Riesenerfolg, zumindest bei der Literaturkritik. Dabei gilt Ernaux in Frankreich seit langem als eine der wichtigsten literarischen Stimmen. Schriftsteller wie Didier Eribon und Édouard Louis zählen sie zu ihren Vorbildern. Wie sie entstammt Annie Ernaux einfachen sozialen Verhältnissen, mit denen sie ein problematisches Verhältnis verbindet, wie sie schreibt sie stets stark autobiografisch, wie sie nimmt sie das Biografische aber nur, um wichtige politische und gesellschaftliche Strukturen in Frankreich zu beschreiben und analysieren. Die strikte Klassengesellschaft in Frankreich ist ihr Thema, die Schwierigkeit des sozialen Aufstiegs, die dramatische soziale Ungleichheit. Und immer wieder die Rolle der Frau.
In „Erinnerung eines Mädchens“ wendet sie sich nun einer Episode aus ihrem Leben zu, die vergleichsweise kurz währte, sie aber nachhaltig beeinflusste. Annie Ernaux spricht sogar davon, dass ihr ganzes nachfolgendes Leben davon und von der Scham, die sie später darüber empfinden sollte, geprägt wurde. Eine Episode, die bisher verdrängt und in ihrem vielfältigen autobiografischen Werk nicht erwähnt wurde. Etwas, dass sie aber noch zu erzählen sich gezwungen sah, jetzt, da die Lebenszeit sich zunehmend neigt – der Missbrauch, den sie in einem Ferienlager durch einen etwas älteren Betreuer erlitten, aber damals als Liebe empfunden hatte. Analytisch, kühl, mit Erstaunen versucht sie eine Annäherung an ihr jüngeres Selbst.

 

Kathleen Collins – Nur einmal

Viele autobiografische Spuren lassen sich in den sechzehn kurzen bis kürzesten Storys der afroamerikanischen Regisseurin, Dramatikerin und Filmdozentin Kathleen Collins finden, die 1988 nur 46 jährig starb. Sie umkreisen immer wieder den Einfluss von Rasse, Geschlecht und Herkunft auf die Protagonisten. In manchen spürt man noch die Aufbruchsstimmung, die durch die erstarkende Bürgerrechtsbewegung, in den 1960er Jahren aufkam. In anderen ist die Erwartung bereits wieder gedämpft oder gänzlich erloschen. What happened to interracial love? – so der Originaltitel – und so drehen sich viele der Geschichten um die Beziehung zwischen Mann und Frau. Über zwanzig Jahre lang lagen die unveröffentlichten Storys in einer Kiste im Nachlass. 2016 hat Tochter Nina Collins sie mit großem Erfolg in den USA herausgegeben, im Kampaverlag liegt nun die deutsche Übersetzung vor.

 

Dörte Hansen – Mittagsstunde

Auf anschauliche, leise melancholische Weise schildert Dörte Hansen die Entwicklungen in einem nordfriesischen Dorf von den 60er Jahren bis heute, erzählt von den Menschen und lässt darüber nachdenken, wie uns unsere Herkunft prägt, was uns Zugehörigkeit bedeutet. Neben dem von ihr selbst so bezeichneten „Ende der Sesshaftigkeit“ stehen Themen wie Verlust von sozialen Bindungen, Verödung von ländlichen Gemeinden, aber auch Gegenentwürfe dazu, zudem die Sorge um die alternden Eltern völlig unangestrengt auf der Agenda des Romans. Dörte Hansen schreibt nicht nur wunderbar, sie konstruiert ihren Roman auch äußerst geschickt und spannend, lässt genau so viel Nostalgie hinein, dass es nicht sentimental zu werden droht und es dem Leser doch ordentlich warm ums Herz wird.

 

Ford Maddox Ford – Die allertraurigste Geschichte

Eine merkwürdige Geschichte, die nicht wenige zu einem der besten englischsprachigen Romane des 20.Jahrhunderts zählen. Ich brauchte ein wenig und konnte eigentlich erst im Nachhinein den äußert raffinierten Aufbau mit einem extrem unzuverlässigen Erzähler so richtig schätzen und den Liebesreigen zweier vermögender Paare im Kurbad Bad Nauheim bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg für mich entwirren. Ein typisches Buch für eine zweite Lektüre – wenn es die Zeit erlaubte.

 

Édouard Louis - Wer hat meinen Vater umgebrachtÉdouard Louis – Wer hat meinen Vater umgebracht

Èdouard Louis, der französische Shootingstar, hat ein schmales Buch über seinen Vater verfasst, jenen Mann, mit dem er in seinem Debütroman „Das Ende von Eddy“ voller Hass abrechnete, dem er vorwarf „An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung“, der den homosexuellen Sohn verachtete und die Mutter quälte, der in einem Sumpf von Alkohol, Arbeitslosigkeit und Hass versank. Nun schlägt Louis ganz andere Töne an. Es kam zur Aussöhnung und das schmale Büchlein kann fast als eine Art Liebeserklärung gelesen werden. Zumindest ist es ein Versuch, den Vater zu verstehen, ihm zu verzeihen. Der Hass ist aber weiterhin da. Er richtet sich nun aber gegen diejenigen, die den Vater vermeintlich zu dem gemacht haben, der er nun ist: gesundheitlich schwer angeschlagen, frustriert, chancenlos. Es ist die Bourgeoisie, es sind die Eliten und expliziert die Politiker, die für die Situation des Vaters und vieler, vieler anderer verantwortlich gemacht werden. In einer zornigen Anklageschrift prangert er an. Dabei vereinfacht er gnadenlos. Mich hat dieses Buch dadurch geärgert, aber zweifellos regt es zur Diskussion über ein wichtiges Thema an: die zunehmende soziale Ungleichheit.

 

Takis Würger – StellaTakis Würger - Stella

Einiges an Ärger und Diskussion hat auch Takis Würger mit seinem Roman „Stella“ auf sich gezogen, vor allem im Feuilleton, das das Buch aufs Schärfste verriss, und, teilweise als Gegenreaktion dazu, in den Social Media Kanälen. So ganz kann ich den Sturm, zumindest in seiner Heftigkeit, nicht verstehen, erkläre es mir nur durch die wirklich offensive Werbekampagne im Vorfeld. Aber die gab es auch schon bei anderen Büchern, und die waren auch nicht alle gut. Es hat wohl mit dem Thema zu tun – eine junge Jüdin betätigt sich im Berlin der Nazizeit als „Greiferin“, die untergetauchte Juden an die Behörden verriet.

Zunächst wollte ich angesichts des Hypes – besonders auf Instagram gab es eine wahre Stella-Flut – mit der Lektüre warten. Je schärfer allerdings geschossen wurde, um so neugieriger wurde ich. Tatsächlich finde ich das Buch selbst recht mittelmäßig, die Geschichte eher oberflächlich, die Perspektive des jungen Schweizers, der sich zu Kriegszeiten in Berlin in Stella verliebt, nicht ganz glücklich und auch nicht sehr überzeugend. Das Thema ist aber interessant. Ich werde mich sowohl mit den Stimmen zum Roman als auch mit der Person Stella Goldschlag noch näher auseinandersetzen. Im Moment empfinde ich jede Äußerung dazu als schwierig – zuviel Polarisierung, dabei ist es für mich ein typisches „Sowohl als auch“-Buch. Ein Beitrag folgt zu gegebener Zeit.

 

Preti Taneja - Wir, die wir jung sindPreti Taneja – Wir die wir jung sind

Sehr schwierig fand ich die Lektüre von Taneja Pretis indischem Familienroman. An Shakespeares „König Lear“ angelehnt, erzählt er ein modernes Märchen von einem mächtigen Industriemagnaten und seinen drei Töchtern im heutigen Indien. Intrigen, Ränke, Eifersüchteleien – manchmal etwas ausufernd, häufig drastisch, oft fremd, ist es doch eine interessante Geschichte, die die Autorin da ausbreitet. Was sie allerdings phasenweise unlesbar macht, sind nicht die vielen, vielen Anspielungen, literarischen Verweise und nicht erläuterten Hintergründe – das kann man überlesen oder nachschlagen. Sehr störend empfand ich, was man auch bei anderen indischen Autoren findet, besonders, wenn sie auf Englisch schreiben und in der Diaspora leben, lange aber nicht so ausufernd wie hier, nämlich den inflationären Gebrauch von Hindi-Wörtern und kompletten Absätzen auf Hindi. Dem Buch ist die Art Glossar angefügt, die mich beim Lesen wahnsinnig macht: von zehn verwendeten Wörtern findet man maximal zwei. Nach welchen Maßstäben ausgewählt wurde, ist nicht ganz klar. Die Übersetzerin gibt an, nur Worte aufgenommen zu haben, die man im deutschsprachigen Wikipedia nicht findet – was ich schon als Zumutung empfinde (sollte man tatsächlich jedes Wort googeln, verdoppelte sich die Lesezeit mindestens), was aber auch in vielen Fällen einfach nicht stimmt. Schreibt die Autorin tatsächlich nur für ihre eigene Community? Sind andere Leser da langmütiger? Ich habe mich durchgequält, weil ich die Geschichte interessant fand und schon einige Shakespeare-Adaptionen gelesen habe. Die Umsetzung fand ich auch sehr gelungen, besser zum Beispiel als Edward St. Aubyn – Dunbar und seine Töchter. Im Endeffekt war aber der Ärger größer als das Vergnügen.

 

Sabine Huttel – Mein Onkel Hubert

Sabine Huttel habe ich hier schon mit ihrem sehr schönen Roman „Ein Anderer“ vorgestellt, einem meiner Lesehighlights 2018. Auch ihren Debütroman über ein Mädchen in den Fünfziger Jahren, unehelich geboren und eine „richtige“ Familie schmerzlich vermissend, habe ich sehr gerne gelesen. Die Hoffnung, in dem Bekannten der Mutter, „Onkel“ Hubert eine Vaterfigur zu finden, zerbricht.

 

 

Barbara Honigmann – GeorgBarbara Honigmann - Georg

In ihrem neuen Buch erzählt Barbara Honigmann von ihrem 1903 geborenen Vater, dem Journalisten Georg Honigmann. Ein durchaus schillernder Mann, viermal verheiratet mit jeweils dreißigjährigen Frauen, aus vermögender, assimilierter jüdischer Familie stammend, die Nazizeit als Korrespondent in London überstehend, Kommunist und nach Kriegsende in der DDR lebend – ein Buch über den Vater, aber auch ein Buch über Deutschland.  „Ein Kapitel aus meinem Leben“, die Geschichte über ihre Mutter, werde ich auch demnächst lesen.

 

Ulrich Woelk - Der Sommer meiner MutterUlrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter

Zum Abschluss des Monats dann noch einmal ein sehr schönes Buch. Wie oft hat man nicht schon eine solche Geschichte gelesen: ein Junge an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die unglückliche, letztlich scheiternde Ehe der Eltern, erste Liebeserfahrungen und dann gerne noch als Setting die Mondlandung 1969, ein wenig Summer of love und Revolte. Eigentlich müsste man sagen: Nicht schon wieder! Aber mich ziehen solche Geschichten doch immer wieder an und sehr oft werde ich auch nicht enttäuscht. Und auch Ulrich Woelk schafft es, ähnlich wie Matthias Brandt in Raumpatrouille, wieder Funken aus dem eigentlich Bekannten zu schlagen. Ein feiner, leiser, melancholischer Roman.

 

Meine Hörbücher:

Ganz viel Freude hat mir Karen Duve mit ihrer Lesung gemacht. Fräulein Nette – die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff – und ihr schwieriger Stand als gebildete und eigenwillige Frau im deutschen Biedermeier ist so voller Sprachwitz und wunderbaren Formulierungen – ich freue mich schon, das Buch im nächsten Quartal als Büchergilde-Ausgabe auch in gedruckter Form bei mir einziehen zu lassen.

Gegen Mariana Lekys Buch habe ich mich lange Zeit ein wenig gewehrt – zu groß der Hype, zu flach klang eigentlich die Geschichte. Und auch wenn sich an dieser Einschätzung gar nicht so viel geändert hat – die Geschichte eines Westerwälder Dorfs und seiner teils kautziger Bewohner ist tatsächlich ein wenig zu possierlich und vorhersehbar – konnte ich mich dessem Charme doch nicht verschließen. Einige der Charaktere sind wirklich ganz wunderbar gelungen und es ist einfach ein Wohlfühlbuch, gute Unterhaltung.

Robert Seethalers Sammlung von Stimmen aus dem Grab, aus dem „Feld“, wie der Friedhof genannt wird, sind von sehr unterschiedlicher Güte. Einige davon haben mich wirklich erreicht, die fand ich ganz großartig, andere blieben für mich belanglos. Insgesamt rundet sich das Ganze nicht wirklich zu einem stimmigen Gesamtbild, bleibt ein wenig beliebig. Aber für einzelne Geschichten lohnt sich die Lektüre dennoch auf jeden Fall.

 

 

 

2 Kommentare zu „Lektüre Januar 2019

  1. Tolle Bücherauswahl. Zu Stella wollte ich dann doch was sagen 😊. Ich fand es gar nicht sooo schlecht. Ich habe aber auch extra vorher keine Kritiken gelesen. Ich fand die Geschichte hinter Stella schon sehr krass und werde mich mit der Person wohl auch noch beschäftigen.

    1. Liebe Sarah, ich fand Stella auch nicht sooo schlecht, eher so mittelmäßig mit Für und Wieder. aber für eine solche abwägende Kritik scheint im Moment keiner in der Stimmung, alles ist sehr polarisiert. Das finde ich schade. Ich habe mir nun einen Beitrag vorgenommen, der auch das Echo in der Presse berücksichtigen soll. Und meine Meinung dazu. Mal schauen bis wann ich das hinbekomme. Viele Grüße!

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