Fatima Farheen Mirza – Worauf wir hoffen

Noch deutlicher als vielleicht der deutsche Titel „Worauf wir hoffen“ verrät der Originaltitel, um was sich der bemerkenswerte Debütroman der Amerikanerin mit indischen Wurzeln Fatima Farheen Mirza dreht: „A place for us“.

Auf die eine oder andere Weise suchen alle Figuren des Romans ihren Platz – innerhalb der Familie, der Gesellschaft, dem Glauben.

Die Protagonisten, das sind die Eltern Rafik und Laila, die aus Indien nach Kalifornien auswanderten, Rafik, weil er dort beruflich vorankommen konnte, Laila, weil sie, wie zumindest in früheren Zeiten sehr üblich und weit verbreitet, aus ihrer Heimat Hyderabad heraus mit dem aussichtsreichen Mann in den USA verheiratet wurde. Das Paar durfte sich vor der Hochzeit zumindest kennenlernen, etwas, das ihren Eltern noch verwehrt wurde. Die beiden bekommen drei Kinder, Hadia, Huda und Amar.

Die Familie führt ein typisches Immigrantenleben, das geprägt ist durch Bemühungen um sozialen Aufstieg, berufliches Vorankommen und materielle Sicherheit. Gleichzeit sind Rafik und Laila streng gläubige Muslime, die ihren Glauben auch in der neuen Heimat intensiv praktizieren. Auch alte Traditionen werden hochgehalten, sei es die Muttersprache Urdu, sei es die traditionelle Rolle der Frau oder die strengen Sitten. So sind Tabak und Alkohol tabu, der Hijab für Frauen Pflicht und Sittsamkeit und Tugendhaftigkeit für Frauen die wichtigsten Werte.

Wie vielen Elterngenerationen fällt auch Rafik und Laila die Veränderung schwer. Äußerlich angepasst und sozial unauffällig, bleiben sie ihren Werten und Lebensgewohnheiten auch in Kalifornien weitgehend treu. Ihre Welt ist streng geteilt in Gut und Böse, halal und haram. Eine große indisch-muslimische Gemeinde bietet reichlich Kontakte, man bleibt unter sich.

Erste Erschütterungen zeigen sich nach dem 11. September, als die muslimischen Gemeinden in den USA durch die islamistischen Anschläge heftig erschüttert wurden. Plötzlich fürchtet man sich, als „zu denen da“ gehörig eingestuft zu werden. Rafik verbietet seinen halbwüchsigen Töchtern fortan das Tragen des Hijabs, trotz ihrer religiösen Verbundenheit. Plötzlich ist der Platz, den sie sich geschaffen haben – immer etwas abseits, aber doch zur Gesellschaft gehörig- ins Rutschen geraten.

Die Kinder müssen den schwierigen Spagat vollführen zwischen ihrem traditionellen, streng muslimischen Elternhaus, das sie lieben und dem sie sich emotional sehr verbunden fühlen, und ihrem freien, westlichen Leben in Schule, später Universität und Freundeskreis. Der Vater bestreitet sogar, dass es überhaupt neben der Familie so etwas wie Freunde geben sollte, schon gar nicht Freundschaften zwischen Männern und Frauen. Bekanntschaften – ja, Freundschaften – nein.

Konflikte sind da natürlich vorprogrammiert. Erfüllen die beiden älteren Mädchen Hadia und Huda noch die Hoffnungen der Eltern, auf die sich der deutsche Titel bezieht, dass sie nämlich ein sittsames, bescheidenes, gehorsames Leben führen, sowohl den Eltern, als auch Allah gegenüber, so rebelliert der Sohn Amar alsbald gegen die hohen Erwartungen der Eltern, den Leistungsdruck, die engen Traditionen. Er wird ein schwieriger Schüler, ein „Herumtreiber“, konsumiert später Alkohol und Drogen. Hat Schwester Hadia ihre heimliche Liebe zu Abbas Ali noch gehorsam unterdrückt und streng verborgen, trifft sich Amar heimlich mit dessen Schwester Amira Ali – für deren Eltern ist das nach der Entdeckung eine Katastrophe, auch wenn weiter nichts passiert ist.

Der frühe Unfalltod von Abbas ist für alle ein Einschnitt. Während Hadia aber eher noch angepasster wird, schulisch sehr erfolgreich und sich die elterliche Aufsicht erst durch den Weg zur Universität etwas lockert, rutscht Amar immer weiter ab, was zum offenen Konflikt mit dem Vater und schließlich zum Bruch mit der Familie und seinem Weggang führt. Die von der Mutter stets beschworenen „schwarzen Flecken auf dem Herz“, die jeder Ungehorsam und jedes Fehlverhalten Allah gegenüber unauslöschbar hinterlassen, können ihn davon nicht abhalten. Die mittlere Schwester Huda erhält im Buch und wohl auch in der Familie selbst eine eher untergeordnete Rolle. Das liegt vielleicht an ihrem Status als „Sandwich“-Kind, vielleicht aber eher daran, dass Hadia und Amar eine solch enge Geschwisterbeziehung haben, dass dort kaum Platz für eine Dritte bleibt. Neben all der Liebe bleibt aber auch Platz für Eifersucht, für Verrat genauso wie für Solidarität.

Die Geschichte wird von Fatima Farheen Mirza nicht chronologisch erzählt. Sie beginnt bei der Hochzeit Hadias, übrigens eine Liebesheirat mit ihrem Kommilitonen Tarik. Hadia hat Amar trotz des Zerwürfnisses mit der Familie und der langjährigen Abwesenheit eingeladen. Nun hoffen und fürchten alle, dass er auch wirklich kommt und dass es nicht erneut zum Eklat mit dem Vater kommen mag. Von dieser Ausgangssituation springt Mirza munter in den unterschiedlichen Zeitebenen und von Perspektive zu Perspektive. Erinnerungssplitter, Geschehnisse, Geheimnisse, Verletzungen werden von verschiedenen Standpunkten beleuchtet, was hin und wieder zu Redundanzen führt, andererseits aber Dinge manchmal ganz anders als gedacht zeigt, nachträglich Situationen als Wendepunkte erkennen lässt und zeigt, wie jedes Mitglied der Familie seine eigenen Wahrheiten, Hoffnungen und Enttäuschungen mit sich herumträgt. Diese quasi kollektive Erinnerung offenbart Täuschungen, Verrat, Irrtümer, Fehler, tiefe, aber vielleicht nie eingestandene Gefühle. Es sind vor allem die Fehler der Eltern, die immer wieder betroffen machen. Denn sie handeln mit bestem Willen, in bester Absicht. Oder etwa nicht? Und zerstören nicht nur so manchen Traum der Kinder, sondern sogar unter Umständen ihr Leben. Das Buch zeigt eindrücklich den oft so erbitterten und dabei eigentlich überflüssigen Kampf von Tradition und Moderne, der für viele westliche Familien bereits vor vielen Jahrzehnten stattfand.

Leidenschaftlich und doch ruhig erzählt Fatima Farheen Mirza davon und kann damit nachdrücklich berühren. Ihr Debüt wurde von Sarah Jessica Parker als erstes Buch für ihr neu gegründetes Hogarth Imprint gewählt.

„A place for us“ – einmal möchten die Kinder, sie sind da noch recht klein, mit den Eltern picknicken. Eine für die Familie recht ungewöhnliche Aktivität, sind die Kinder doch sonst meist nur in der Obhut ihrer Mutter, alle höchstens bei religiösen oder gesellschaftlichen Veranstaltungen zusammen. „Vielleicht weiß ich einen Platz für uns“, sagt Rafik und dieses Picknick wird als ganz besonderer Tag ins Gedächtnis aller eingehen. Ein Tag, den man nicht mit falschen Forderungen, Erwartungen, Hoffnungen beschwerte, wie gut gemeint auch immer, sondern einfach nur genoss. „A place for us“ erinnert aber auch an einen Song aus „West Side Story“, dem amerikanischen Musical von Leonard Bernstein, einem modernen Romeo und Julia, das sich in den beiden vergeblichen Liebesgeschichten von Hadia und Amar wiederspiegelt. „Somewhere“.

There’s a place for us, somewhere a place for us
Peace and quiet and open air, wait for us somewhere

There’s a time for us, someday a time for us
Time together with time to spare, time to learn, time to care

Someday, somewhere, we’ll find a new way of living
We’ll find a way of forgiving, somewhere

There’s a place for us, a time and place for us
Hold my hand and we’re half-way there, hold my hand and I’ll take you there

Somehow, someday, somewhere

Einen solchen Weg zu finden, einen solchen Platz, dem man sich zugehörig fühlt, wo es möglich wird sich nah zu sein, sich zu akzeptieren, zu verzeihen, nicht irgendwann, irgendwo, sondern bald, solange es noch nicht zu spät ist – auch darin erinnert Fatima Farheen Mirza ganz eindrücklich.

 

Beitragsbild: via Pixabay

Eine weitere Besprechung findet ihr bei Leseninvollenzügen und bei Monerl

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FATIMA FARHEEN MIRZA - Worauf wir hoffen.

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Fatima Farheen Mirza – Worauf wir hoffen

Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Hübner
dtv Literatur Februar 2019, gebunden, 480 Seiten, EUR 24,00

 

 

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