John Wray – Gotteskind

John Wray, 1971 geborener Amerikaner mit österreichischen Wurzeln, hat mit „Gotteskind“ einen hochbrisanten Roman geschrieben, seinen fünften bereits.

Für eine geplante Reportage reiste der Autor 2015 nach Afghanistan. Die Lage vor Ort erwies sich allerdings als zu schwierig, so dass er, einmal dort, einer anderen Idee nachging, nämlich der eines Buchs über den „amerikanischen Taliban“ John Walker Lindh, der im Alter von 16 zum Islam konvertierte und 2001 bis zu seiner Verhaftung auf Seiten der Taliban kämpfte. Im Rahmen seiner Recherchen hörte er Gerüchte über ein amerikanisches Mädchen, das sich ebenfalls auf Seiten der Gotteskrieger kämpfte. Überprüfen ließ sich das Gerücht nicht, John Wray nahm es als Inspiration für den vorliegenden Roman.

Was bewegt einen jungen, im Westen sozialisierten Menschen dazu, einen solchen Weg einzuschlagen? Was lässt tiefempfundenen Glauben in fanatische Gewaltbereitschaft umschlagen? Wie geht eine solche Wesensveränderung vonstatten?

Das sind Fragen, die der Text stellt. Um es vorweg zu nehmen, er wird sie nicht befriedigend beantworten können. Aber das ist es auch nicht, was Wray anstrebt.

„Schreiben bedeutet, Fragen zu stellen und nicht, Fragen zu beantworten.“

Davon ist John Wray überzeugt.

Little world, Medrese, by Yanajin33 [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons
Aden Grace Sawyer ist achtzehn, als sie beschließt, mit ihrem Freund Decker Yousafzai, dessen Familie pakistanische Wurzeln hat, in den Dschihad zu ziehen. Vom Leben in den USA gelangweilt, über dessen Oberflächlichkeit und Leere klagend, suchen sie die Reinheit und Strenge der wahren Lehre, wohl auch ein wenig Abenteuer. Bei Aden kommen die zerrütteten Familienverhältnisse hinzu. Der Vater lehrt Islamwissenschaften in Berkeley und hat seine Tochter schon früh mit der Glaubenslehre und der arabischen Sprache vertraut gemacht. Ihm wirft Aden aber Inkonsequenz und Zynismus vor, nachdem er seine Familie für eine andere Frau verlassen hat. Als Aden zum Islam konvertiert, ist er überrascht. Die Mutter leidet unter psychischen Problemen und ist Alkoholikerin. Keiner von beiden kann der Tochter Halt und Geborgenheit vermitteln. Der Fall ist fast schon ein wenig zu beispielhaft.

Bei ihrer Abreise geben Aden und Decker vor, zu Koranstudien nach Saudi-Arabien reisen zu wollen. Dabei ist der Besuch einer Medrese, einer strengen Koranschule, in Pakistan auf Vermittlung  von den paschtunischen Verwandten Deckers bereits geplant. Hier in einer kleinen Dorfmedrese nahe Peschawar am Khyberpass erhält Aden nur Aufnahme, indem sie sich als den Jungen Suleyman Al-Na`ama ausgibt, die Brüste bandagiert, die Menstruation durch Hormontabletten unterdrückt. Trotzdem lebt sie natürlich in ständiger Gefahr, entlarvt zu werden. Doch das einfache, streng geregelte und vom Koranstudium bestimmte Leben erfüllt sie zunächst. Sie ist fasziniert von der „Schönheit der Strenge und Einfachheit“, erkennt Unterwerfung als „höchste Form der Liebe“ an. Der Mullah steht den gewaltbereiten Dschihadkämpfern kritisch gegenüber.

Was schließlich Aden bewegt, über die Grenze nach Afghanistan in ein Ausbildungslager für den bewaffneten Kampf zu gehen, wird nicht ganz klar. Ist es, weil Decker, der weniger am Koranstudium interessiert, weniger von der Reinheit des Glaubens erfüllt und schneller gelangweilt ist, eines Tages mit dem Anführer Ziar Khan diesen Weg beschreitet? Oder ist es die erotische Anziehung von Ziar Khan? Oder neigt Aden von Beginn an zur Gewalt? Das wird meiner Meinung nach nicht ganz klar. Jedenfalls beginnt mit diesem Schritt ein Weg des Grauens, der ständigen Angst vor dem Entdecktwerden, der Gewalt und Brutalität.

Erst allmählich wird klar, dass die Handlung im Jahr 2001 angesiedelt ist. Nachrichten über die islamistischen Anschläge in New York sickern auch bis in die afghanischen Bergregionen vor, einen Angriff amerikanischer Drohnen überlebt Aden nur knapp, die Situation spitzt sich zu.

Khyber Pass by Mhtoori [CC BY-SA 4.0] via Wikimedia Commons
Trotz der ganzen Dramatik, die immer brodelt, erzählt Wray eher ruhig und nüchtern, sehr dialogbetont. Sehr schön gelingen ihm immer wieder Beschreibungen der kargen Landschaft. Viel Raum gibt er auch den Reflexionen Adens und durch einen beständigen Wechsel von Innen- und Außenperspektive schafft er sehr differenzierte Charaktere. Dennoch konnte mir der Roman auch nicht ansatzweise erklären, warum nun Aden diesen Weg beschritten hat. Auch blieb mir das Geschehen weitgehend unglaubwürdig – kann man sich in einer solch engen, primitiven Gemeinschaft wirklich so verborgen halten? Was passiert, wenn man krank ist/verletzt wird?

Kann man diese Bedenken beiseiteschieben, liest man mit „Gotteskind“ nicht nur einen interessanten Roman über die Taliban, sondern auch einen gelungenen Mix aus Coming of age, Abenteuerroman und Thriller, der wirklich sehr spannend ist. Lediglich zum Schluss überreizt der Autor das Genre ein wenig – Rettung in letzter Minute –, lässt das Ende aber angenehm offen. Die Liebesgeschichte mit der nötigen Portion Erotik am Ende ist allerdings ziemlich daneben und diskreditiert nicht nur Adens Motivation und Haltung, sondern lässt den ganzen Roman bedrohlich kippeln. Aber da ist man, wie gesagt, bereits am Ende des Buches angelangt.

 

Beitragsbild: U.S. Navy photo by Chief Photographers Mate Johnny Bivera. [Public domain] via Wikimedia Commons

Auch Letteratura hat das Buch besprochen

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John Wray - Gotteskind.

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John Wray – Gotteskind

übersetzt von: Bernhard Robben

Rowohlt Januar 2019, gebunden, 352 Seiten, € 23,00

 

 

2 Kommentare zu „John Wray – Gotteskind

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