Annie Ernaux – Der Platz

Spät wurde sie hier bei uns in Deutschland entdeckt und so langsam wird ihr der gebührende Platz am Literarischen Himmel, den sie im Heimatland Frankreich schon lange einnimmt, auch hier eingeräumt: Annie Ernaux, Jahrgang 1940, ist seit ihrer 2017 auf Deutsch (mit neun Jahren Verspätung) erschienenen Autobiografie „Die Jahre“ auch hierzulande eine Bestsellerautorin, hochgelobt von der Kritik und geliebt von den Leser*innen. Ein wenig hat sicher der Erfolg von Autoren wie Édouard Louis und Didier Eribon, die beide Bewunderer Ernauxs sind, und auch der 2017 erfolgte Gastlandauftritt Frankreichs bei der Frankfurter Buchmesse beigetragen. Es ist zumindest sehr zu begrüßen, dass sich der Suhrkamp Verlag daraufhin zur (Wieder)Veröffentlichung älterer Werke (in hoffentlich noch größerer Zahl) entschlossen hat. Der Erfolg ihres neuesten Werks „Erinnerung eines Mädchens“ im letzten Jahr wird das sicher unterstützen.

Nun also ein kleines, ein ausgesprochen feines Büchlein (95 Seiten), das bereits 1983 erschien und 1984 den angesehenen Prix Renaudot erhielt.

Auch „Der Platz“ ist ein autobiografisches Werk. Es reiht sich ein in die „kollektive Autobiografie“, die Ernauxs Programm ist. Nie geht es ihr allein um ihre Geschichte, ihre Erlebnisse, ihreEindrücke. Ähnlich wie Éribon und Louis in ihren besten Büchern erweitert sie das Autobiografische ins Soziokulturelle, macht am Persönlichen das Allgemeingültige sichtbar. Wie diese beiden stammt Annie Ernaux aus sehr einfachen Verhältnissen. Wie diese beschäftigt sie ihr eigenes „Aufsteigen“ ins Bürgerliche, Wohlsituierte, die Spannungen, die daraus mit der Familie entstanden, die Entfremdungen.

In „Der Platz“ ist es der Tod des Vaters 1967, der Auslöser für die Betrachtungen ist. Zwei Monate waren erst vergangen seit ihrer praktischen Prüfung für den höheren Schuldienst, der den endgültigen Abschied vom kleinbürgerlich-ärmlichen Provinzmilieu in der Normandie bedeutete, aus dem Ernaux stammt. Der Vater begleitete diesen mit einer Mischung aus enormem Stolz und einer Portion Verletztheit, Gram und Missgunst.

Die Großeltern waren noch einfache Feldarbeiter, er konnte sich mit seiner Frau einen kleinen Lebensmittelladen mit angrenzender Kneipe leisten. Dieser warf niemals große Gewinne ab, ermöglichte aber ein gewisses Ansehen und eine gewisse Selbständigkeit, auf die man stolz war. Sehr genau bestimmt war für ihn sein „Platz“ in der Welt.

Für Annie Ernaux bedeutete das Elternhaus hingegen stets nur Enge, Beschränktheit, Trostlosigkeit, aus der sie, die hervorragende Schülerin, sich so bald wie möglich befreien wollte. Ein Wunsch, der ihr wie die Scham, die sie stets über ihre Herkunft empfand, stets auch ein schlechtes Gewissen bereitete. Aber zu weit hatte sie sich bereits entfremdet von den Eltern, Menschen, die Bildung geringschätzten, Bücher, Literatur, Kunst missachteten, keinen Blick für Schönheit oder Umgangsformen hatten.

„Meine Mutter und unsere Nachbarn gehorchten Lebensregeln, in denen das Bemühen um ein würdevolles Auftreten keine Rolle spielt.“

Dabei schaut die Autorin niemals herab auf dieses „Milieu“, sie weiß, dass es strukturbedingt entstanden ist, aber es ist ihr unendlich fern und unbegreiflich.

„Ich wollte alles sagen, über meinen Vater schreiben, über sein Leben und über die Distanz, die in meiner Jugend zwischen ihm und mir entstanden ist. Eine Klassendistanz, die zugleich aber auch sehr persönlich ist, die keinen Namen hat. Eine Art distanzierte Liebe.“

Es ist der typische sachliche, nüchterne, knappe Ton, in dem Annie Ernaux Schnappschüsse und Erinnerungssplitter aus dem Leben des Vaters zusammenträgt. Es geschieht mit einiger Distanz, aber immer liebevoll, ja sogar zärtlich. So genau und gnadenlos sie auch beobachtet, sie tut es mit Respekt und lässt den Personen immer ihre Würde, auch wenn sie mit ihnen und ihren Einstellungen und Entscheidungen hadert.

„Keine Erinnerungspoesie, kein spöttisches Auftrumpfen. Der sachliche Ton fällt mir leicht, es ist derselbe Ton, in dem ich früher meinen Eltern schrieb, um ihnen von wichtigen Neuigkeiten zu berichten.“

Immer wieder vergewissert sie sich ihrer „Methode“, sieht selbst die Schwierigkeiten und Gefahren darin, das Leben des Vaters angemessen fassen zu können, mit all der Beschränktheit, der sie als Tochter längst entwachsen ist.

„Beim Schreiben ein schmaler Grat zwischen der Rehabilitierung einer als unterlegen geltenden Lebensweise und dem Anprangern der Fremdbestimmung, die mit ihr einhergeht.“

Ihr gelingt das dabei so unglaublich besser als unlängst Èdouard Louis in seinem Vaterbuch „Wer hat meinen Vater umgebracht“, der nach der Verurteilung des gewalttätigen Vaters in vorangegangenen Büchern diesen nun zu rehabilitieren sucht, indem der dem französischen Gesellschaftssystem und den dortigen Eliten die alleinige Schuld an dessen verpfuschten Leben zuschreibt und sein Buch zum Pamphlet werden lässt.

Annie Ernaux weiß auch, dass die Verhältnisse das Leben der Eltern bestimmt und vorgelenkt haben und ihnen gleichzeitig keine Sprache dafür gegeben haben, darüber zu sprechen. Sie schildert dieses aber bei aller Ablehnung dennoch mit Würde, Zärtlichkeit und Erstaunen.

Ihr gelingt es:

„Ans Licht holen, was ich an der Schwelle zur gebildeten, bürgerlichen Welt zurücklassen musste.“

Den Sprachlosen eine Stimme geben. Ganz große autobiografische Kunst!

 

Beitragsbild von Colin Paradine von Pexels

Hauke vom Leseschatz hat das Buch ebenfalls besprochen.

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Annie Ernaux - Der Platz.

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Annie Ernaux – Der Platz
Aus dem Französischen von Sonja Finck

Bibliothek Suhrkamp 1509 März 2019, Gebunden, 94 Seiten, € 18,00

 

2 Kommentare zu „Annie Ernaux – Der Platz

  1. Es wird Zeit, dass ich Ernaux endlich auch mal kennenlernen. Ich habe sie noch nicht gelesen. Im Übrigen war sie in einer Dokumentation über die Gelb-Westen auf 3sat zu sehen. Das war eine sehr interessante Reportage. Das Beitragsbild finde ich überaus schön. Viele Grüße

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