Sorj Chalandon – Am Tag davor

Am 27.12.1974 ereignete sich in der nordfranzösischen Gemeinde Liévin-Lens eine Tragödie. In der dortigen Zeche Saint-Amé, im Schacht 3b, ereignete sich ein Grubenunglück großen Ausmaßes. 42 Bergleute starben.

Fachleute und Öffentlichkeit waren sich relativ bald einig darüber, dass diese Katastrophe kein Schicksal, sondern vermeidbar gewesen wäre. Nach den Weihnachtsfeiertagen nur unzureichend belüftet, der Steinkohlestaub kaum befeuchtet, die Kontrollgänge durch die Stollen stark reduziert und Sicherheitsmaßnahmen wie Gesteinsstaubsperren massiv zurückgebaut, entsprach die Grube, die in absehbarer Zeit stillgelegt werden sollte, eindeutig nicht den Sicherheitsvorschriften. Der Verdacht lag nahe, dass Sparmaßnahmen der Grubengesellschaft und mangelnde Sorgfalt der Verantwortlichen das Ausmaß des Unglücks zu verantworten hatten.

Kumpel der Zeche hatten schon Wochen vorher protestiert, Jean-Paul Sartre hatte nur zwei Wochen davor anlässlich eines Prozesses eine flammende Anklage gegen die Betreiber gehalten. Hier standen Männer vor Gericht, denen vorgeworfen wurde, nach einem Grubenunglück am 4. Februar 1970, bei dem im benachbarten Hénin-Liétard 16 Bergleute starben, Molotowcocktails auf die Büros der Bergwerksgesellschaft geworfen zu haben. Auch bei diesem Prozess wurden Versäumnisse und Sicherheitslücken deutlich.

Das Unglück von Liévin-Liétard war also eines mit Ansage.

Liévin-Fosse_n°3-Lens-Décembre 1974 Auteur inconnu, image scannée par JÄNNICK Jérémy [Public domain]
Der mehrfach preisgekrönte französische Autor und Journalist Sorj Chalandon hat diese Ereignisse zum Thema seines jüngsten Romans gemacht.

Darin erzählt der gealterte Erzähler rückblickend auf sein damals Sechzehnjähriges Ich. In eine Landwirtsfamilie geboren, beobachten er und sein älterer Bruder Joseph, wie die Gegend immer mehr vom Steinkohle-Bergbau erobert wird. Die landwirtschaftlichen Flächen schrumpfen, mit Kohle ist einfach mehr zu verdienen. Auch Joseph Flavent, Jojo genannt, erliegt der Versuchung und heuert unter Tage an.

Heute, wo die deutschen Zechen bereits gestorben sind (die letzte wurde Ende 2018 geschlossen), ist es einigermaßen rätselhaft, was außer Wohlstand der Steinkohlebergbau an Segnungen gebracht hat, die die große Faszination für das „schwarze Gold“ erklären könnten. Mörderische Arbeitsbedingungen unter Tage, ständige Gefahr für Leib und Leben, Spätschäden (Staublungen, Strahlenschäden, kaputte Knochen etc.), Umweltbelastungen – was sorgt dennoch dafür, dass der Beruf des Bergmannes nahezu verklärt wurde und wird, das Sterben der Zechen nahezu beweint?

Essen, Bergmänner mit Milchflaschen Bundesarchiv, B 145 Bild-F009360-0001 / Steiner, Egon / [CC BY-SA 3.0 de]
Ein wenig Aufschluss darüber kann „Am Tag davor“ geben, das im nordfranzösischen Kohlerevier im Nord-Pas-de-Calais spielt. Ein starkes Gemeinschaftsgefühl, große Solidarität und ein enormer Stolz auf den Beruf, auf den gesellschaftlichen Nutzen dieser Arbeit, der auch von Regierungsseite immer wieder betont wurde, „Steinkohle als Motor der Industrialisierung“, begleitet die Kumpel schon über die Jahrhunderte. Blütezeit war natürlich der Beginn des Industriezeitalters, zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren allein im Ruhrgebiet über 400.000 Menschen im Bergbau beschäftigt. Das Ruhrgebiet Frankreichs liegt im Nord-Pas-de-Calais.

Und so fährt auch der geliebte und bewunderte große Bruder Jojo Tag für Tag in die Grube ein. Bis zum 27.12.1974. Bis zur großen Explosion unter Tage.

Anlass für den Ich-Erzähler Michel, sich an diese lang zurückliegende Zeit zu erinnern, ist der Krebstod seiner Frau Cécile. Plötzlich allein, erinnert er sich schmerzlich an das Jahr der Katastrophe, an die Kindheit mit seinem Bruder, an die letzten Worte des kurz darauf verstorbenen Vaters: „Michel, räche uns an der Zeche.“

Liévin-Fosse n°3-Lens

Und so verlässt er Paris, schmeißt seinen Job als LKW-Fahrer hin und mietet sich unter falschem Namen in der Nähe der Zeche ein. Dieser Michel Delanet – nach Michael Delaney, dem von Steve McQueen verkörperten Rennfahrer im Film „Le Mans“ (1970), einem Kindheitshelden der Brüder – versteigt sich nun immer mehr in seine Rachefantasie, die sich vor allem gegen den damals zuständigen Obersteiger Lucien Dravelle richtet. Ihn macht er verantwortlich für alle Versäumnisse der Bergwerksleitung, die zwar nach dem Unglück angeklagt, aber samt und sonders freigesprochen wurde. Die Fantasie wird mehr und mehr zu einer Obsession, die Michel Flavents Denken zunehmend verengt. Die anfängliche große Solidarität mit Michel und das Mitgefühl, das die Leser*in von Beginn an, auch natürlich durch die Ich-Perspektive, erfasst hat, beginnen ein wenig zu bröckeln. Zum 41. Jahrestag des Grubenunglücks kommt es dann zum Show-Down. Da sind wir allerdings erst in der Mitte des Romans angekommen und einige Überraschungen warten noch auf uns.

Was nun folgt, ist noch spannender, intensiver und beklemmender als die Seiten davor. Sorj Chalandon entrollt ein Gerichtsdrama, das nicht nur die Wahrheit über die Ereignisse jenes 26. und 27. Dezembers 1974 ans Licht bringt, auf packende Weise die Arbeitswelt unter Tage schildert, die Profitgier der Verantwortlichen anprangert und die sozialen Spannungen vor Ort thematisiert, sondern auch ein großes persönliches Drama und eine berührende Brudergeschichte erzählt.

Spannend, düster und tiefgründig entfaltet Chalandon hier ein persönliches Drama vor historischem Hintergrund, wie er das bereits in seinen vorangegangenen Romanen getan hat, sei es über die IRA in Nordirland, den Libanon des Bürgerkriegs oder die Résistance. Hier spielt er immer wieder auch auf das große Vorbild der Bergarbeiterromane, Emile Zolas „Germinal“, an.

Sorj Chalandon verbindet mit seinem in klarer Prosa geschrieben Werk intensive Recherche mit einem emotional berührenden, persönlichen Text und einer klaren politischen Botschaft. Das ist ihm ausgezeichnet gelungen.

 

Beitragsbild: Bundesarchiv, Bild 183-13175-0004 / [CC BY-SA 3.0]

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SORJ CHALANDON - Am Tag davor.

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Sorj Chalandon – Am Tag davor
Aus dem Französischen von Brigitte Große  
dtv Literatur April 2019, Deutsche Erstausgabe, 320 Seiten, 23,00 €

Ein Kommentar zu „Sorj Chalandon – Am Tag davor

  1. Einmal mehr eine richtig schöne Rezension Deinerseits! In Punkto Belletristik bist du inzwischen längst zu meiner ersten Anlaufstelle geworden. Chalandon ist bereits auf meinem Merkzettel (und war auch in meinem Vorschau-Ticker), Deine Besprechung wird aber jetzt den Ausschlag zum Kauf geben.

    Aber in den nächsten Blog-Beiträgen jetzt bitte ein paar Rohrkrepierer, denn ich bin bald pleite. :-D
    LG Stefan

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