Stewart O’Nan – Stadt der Geheimnisse

„Die Stadt der Geheimnisse“ ist in Stewart O´Nans neuem Roman das Jerusalem der Nachkriegszeit.

Der aus Riga stammende Jude Brand ist wie unzählige andere nach seiner leidvollen Odyssee durch stalinistische und nationalsozialistische Lager, nachdem er seine komplette Familie im Holocaust verloren und selbst nur durch seine außerordentliche Geschicklichkeit als Mechaniker überlebt hat, mit einem maltesischen Frachter in Palästina gelandet.

Weit entfernt vom Aufbruchswillen und Idealismus der Zionisten, ist er ein gebrochener Mann, schwer beschädigt, traumatisiert, sich und der Welt verloren gegangen.

„Er war nicht so schwach, um sich umzubringen, aber auch nicht so stark, dass er es nicht wollte. Ihm stellte sich immer die Frage, was er mit seinem alten Leben anfangen sollte, die Erinnerung gärte in ihm wie eine Krankheit.“

Eher aus Pflichtbewusstsein und Aussichtslosigkeit übernimmt er für die jüdischen Untergrundorganisationen der Haganah und der radikaleren Irgun, die ihn mit neuen Papieren und einer Taxilizenz ausstatten, Kurierfahrten und andere kleinere Aufträge in Jerusalem.

BEN YEHUDA STREET IN JERUSALEM IN THE 1940’S  by JNF [Public domain], via Wikimedia Commons
Diese zionistischen paramilitärische Untergrundorganisationen in Palästina kämpften anfangs vor allem gegen arabische Angriffe auf jüdische Siedlungen, später aber vermehrt auch gegen die seit Ende des Ersten Weltkriegs eingesetzte Mandatsmacht der Briten. Besonders die beiden Splittergruppen Irgun und Lechi (Stern-Bande) setzten immer häufiger auf Sabotageakte und terroristische Anschläge. Und auch Brand, nun auf den Namen Jussi hörend, wird immer häufiger zu solchen Aktionen herangezogen. Bei derSprengung einer Stromleitung handelt es sich noch lediglich um Gewalt gegen Sachen, beim Überfall auf einen Personenzug packen Brand/Jussi bereits größere moralische Bedenken. Die Eisenbahner und Passagiere, die sich vor ihm mit erhobenen Händen auf den Boden legen müssen, während er sie mit der Waffe in Schach hält, erinnern ihn zu sehr an Situationen, die er aus seiner dunkelsten Vergangenheit kennt und lieber vergessen möchte. Überhaupt ist es erschreckend, zu lesen, wie wenig sensibel sowohl Briten als auch „alteingesessene“ Juden, die den Holocaust selbst nicht miterleben mussten, mit den Überlebenden umspringen. So erinnern Verhaftungen sehr an Situationen in den KZs.

Für Brand und mit ihm der Leser stellt sich immer dringender die Frage, wie weit man für eine vermeintlich gerechte Sache gehen darf. Wie gerecht und notwendig sie sein muss, um dafür zu töten.

Brands Skrupel sind deutlich höher als die beispielsweise seiner Geliebten Eva, ebenso Mitglied in seiner „Einheit“. Eva stammt aus Litauen und ist ebenso wie Brand den Lagern entkommen, hat aber auch ihren geliebten Mann verloren. Seitdem arbeitet sie in Jerusalem als Edelprostituierte und horcht auf diesem Weg Kunden aus der britischen Regierung für die Untergrundorganisationen aus. Und ist bereit, noch viel weiter zu gehen. Bei ihr findet Brand vorübergehend ein wenig Ruhe und was so etwas wie Glück. Auch wenn er weiß, dass das nur ein Ersatz für Verlorenes sein kann.

In seinem recht schmalen Roman vereint Stewart O´Nan ein wenig Spionagethriller à la Graham Greene, ein wenig Abenteuerroman und einen halbdokumentarischen Einblick in das Jerusalem der Zwischenzeit, zwischen Ende des Zweiten Weltkriegs und der Staatsgründung von Israel im Jahr 1948. Dabei gelingt ihm eine wunderbar dunkle, düstere Atmosphäre, wenn Brand nachts mit seinem Taxi unterwegs ist. Es ist eine Zeit der Sperrstunden, der Straßensperren, der Stromausfälle, Jerusalem ist finster, labyrinthisch, gefährlich. Gleichzeitig fängt O´Nan aber auch das bunte, lebendige Jerusalem ein, das selbst damals bevölkert von Touristen aller Herren Länder, von Arabern, orthodoxen Juden, Zionisten und britischen Militärs bewohnt war. Das ist atmosphärisch sehr stimmig.

King David Hotel 1946 by Unknown author [Public domain], from Wikimedia Commons
Vor allem zeichnet O´Nan aber das Psychogramm eines Überlebenden des Holocaust. Traumatisiert, abgestumpft, melancholisch, wird er erkennen, dass der Weg, den das zukünftige Israel hier geht, nicht der seine sein kann. Der Roman endet mit dem Anschlag der Irgun auf das King David Hotel, das auch Teile der britischen Mandatsregierung beherbergte, und der über 90 Todesopfer forderte.

O´Nan geht mit seinem Roman sicher nicht sehr in die Tiefe, seine Sprache ist einfach und klar. Dennoch schafft er einen beeindruckenden Blick in ein bisher für mich noch nicht so häufig beleuchtetes Kapitel der Geschichte. Und überrascht einmal mehr mit der Fülle der von ihm für seine Bücher gewählten Themen und Genres. Damit bleibt O´Nan für mich einer der spannendsten US amerikanischen Autoren.

 

Beitragsbild: VIEW OF THE OLD CITY OF JERUSALEM AS SEEN FROM BEN HINOM VALLEY by JNF [Public domain], via Wikimedia Commons

Eine weitere Besprechung auf Literatur leuchtet.

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Stewart O´Nan - Stadt der Geheimnisse..

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Stewart O’Nan – Stadt der Geheimnisse

übersetzt von: Thomas Gunkel

Rowohlt Oktober 2018, gebunden, 224 Seiten, € 20,00

Paul Beatty – Der Verräter

„Aus dem Mund eines Schwarzen klingt das sicher unglaublich, aber ich habe nie geklaut. Habe nie Steuern hinterzogen oder beim Kartenspiel betrogen. Habe mich nie ins Kino gemogelt oder merkantile Gepflogenheiten und die Erwartungen von Mindestlohnempfängern ignoriert, indem ich einer Drugstore-Kassiererin das überschüssige Wechselgeld vorenthalten hätte. Ich bin nie in eine Wohnung eingebrochen. Habe nie einen Schnapsladen ausgeraubt. Habe mich in vollbesetzten Bussen oder U-Bahnen nie auf einen Platz für Senioren gepflanzt, meinen gigantischen Penis rausgeholt und mir lüstern, aber auch leicht zerknirscht einen runtergeholt. Dennoch sitze ich hier, in den Katakomben des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten von Amerika, auf einem gut gepolsterten Stuhl, der, ähnlich wie das Land insgesamt, nicht ganz so gemütlich ist, wie er aussieht, die Hände in Handschellen auf dem Rücken, mein Recht zu schweigen längst abgehakt und vergessen, während mein Auto ebenso illegal wie ironisch in der Constitution Avenue steht.“

Schon der Beginn des Prologs von Paul Beattys 2016 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnetem Roman „Der Verräter“ (Original „The Sellout“) macht deutlich, mit was für einem Buch man es hier zu tun hat. Keine der von amerikanischen Autoren bekannten, nicht selten großartigen Familiengeschichten oder Gesellschaftspanoramen, in die man bei allen Abweichungen und Differenzen doch immer irgendwie eintauchen kann, teilnehmen kann, Identifikationen aufbauen kann, im positiven oder auch im negativen Sinn.

Segregation by John Vachon for U.S. Farm Security Administration [Public domain], via Wikimedia Commons
Hier will keine politische Korrektheit herrschen, sondern Provokation, schon allein durch den inflationären Gebrauch von Wörtern wie „Nigger“ oder „Motherfucker“. Aber hier geht es dem Autor auch um etwas, nämlich um den fortbestehenden Rassismus in den USA, um die schwarze Identität an sich, das Selbstbild der Afroamerikaner. Das gelegentliche Unwohlsein des Lesers, auch seine Verwirrung wird nicht nur in Kauf genommen, sondern ist Programm. Der Autor kommt von der Lyrik her, betätigt sich auch als Poetry-Slammer. Das erklärt den ausgeprägten Rhythmus seiner Sprache, aber auch die teils sehr derbe, sich des Slangs bedienende Sprache. Paul Beatty brennt ein teilweise aberwitziges Ideenfeuerwerk ab, reiht Gag an Gag, Pointe an Pointe, schreckt auch vor dem einen oder anderen Kalauer nicht zurück, und versteckt darunter eine nur allzu bittere Wahrheit: dass auch nach acht Jahren unter der Präsidentschaft Barack Obamas (von Trump war da noch gar nicht die Rede) die Situation der schwarzen Bevölkerung keine grundlegend andere geworden ist, sich in Bezug auf Chancengleichheit, Kriminalitätsrate, Polizeigewalt zu wenig geändert hat.

Der äußerst unzuverlässige Ich-Erzähler, jener „Verräter“, der dem Buch im Deutschen den Titel verliehen hat, ist „Bonbon“ Heros. „Bonbon“ nennt ihn allerdings nur die „Liebe seines Lebens“, die Busfahrerin Marpessa, die leider anderweitig verheiratet ist. Ansonsten bleibt er (vor)namenlos. Aufgewachsen bei seinem alleinerziehenden Vater, einem „nicht ganz unbedeutenden Sozialwissenschaftler“ und Bürgerrechtler, der später aufgrund seiner beruhigenden Wirkung auf angehende Selbstmörder im Viertel „der Niggerflüsterer“ genannt wird, macht er sich nach dessen Tod durch Polizeikugeln diverser Verstöße gegen die Verfassung schuldig, weswegen er am Buchbeginn auf der Anklagebank sitzt. Übrigens völlig bekifft sitzt. Vielleicht der Grund, weswegen so manches vom Erzählten völlig absurd klingt. Die Anklagepunkte heißen „Sklaverei“ und „Rassentrennung“, zwei Dinge, die in den Vereinigten Staaten von Amerika seit 1865 bzw. 1964 abgeschafft sind. Abgeschafft sind? Zumindest bei letzterem beharrt der Ich-Erzähler darauf, dass Rassentrennung lediglich auf dem Papier nicht mehr existiert und plädiert auf unschuldig.

Schools-out-our-gang by Robert F. McGowan [Public domain], via Wikimedia Commons
Aber wie kam es eigentlich zu den merkwürdigen Vorwürfen? Alles begann damit, dass der alte und schon etwas tüdelige Hominy Jenkins, einst erfolgreicher Kinderstar in der (nicht nur) unter rassistischen Gesichtspunkten etwas fragwürdigen Kurzfilmserie „Our Gang“ (zwischen 1922 und 1944 gedreht und in Deutschland unter „Die kleinen Strolche“ bekannt) und eine Lokalgröße, beim Ich-Erzähler um Aufnahme als Sklave, inklusive donnertäglichem Auspeitschen, erbittet. Dieser Hominy ist natürlich eine fiktive Figur, aber allen älteren Semestern ist sicher noch der kleine schwarze Junge in Erinnerung, dem in der Kinderbande der „Kleinen Strolche“ eine selten dämliche Rolle als pausenlos hungriger Mitläufer zugedacht war und dem abwechselnd vor Erstaunen, Erschrecken oder auch sonst wie wahlweise die riesigen Augen aus dem Kopf quollen oder die struppigen Haare zu Berg standen, und an den diese Figur angelehnt ist. Um Hominy an seinem Geburtstag eine Freude zu machen, heuert der Ich-Erzähler Marpessas Bus an und nimmt eine „gute alte“ Trennung von weißen und farbigen Passagieren darin vor. Nur für die eine Fahrt gedacht, belässt es Marpessa aber bei der Regelung, und siehe da, die Disziplin im Bus steigt, ebenso der Respekt vor den Mitfahrenden, generell das Benehmen und der Umgangston. Das bringt ihre Freundin Charisma, die Lehrerin ist, auf die Idee, es auch an ihrer Schule mit Rassentrennung zu versuchen. Sie wendet sich an den Ich-Erzähler, der zudem dabei ist, sein Viertel, das (fiktive) Dickens, irgendwo in South-Central Los Angeles, das infolge der Gentrifizierung und um seinen Ruf als Stadtteil mit der höchsten Mordrate auszulöschen, einfach von den Stadtoberen von der Karte getilgt und anderen Stadtteilen zugeschlagen wurde, wiederzubeleben. Mit einem Markierwagen für Sportplätze zieht er eine neue/alte Grenze um sein ursprüngliches Heimatviertel.

Klingt alles ziemlich verrückt? Ist es auch. Es kommen noch der Club der Dum-Dum-Donat-Intellektuellen, absonderliche Erziehungsmethoden des Vaters, die auch vor Konditionierung durch Stromschläge nicht zurückschreckten, psychologische und soziologische Abhandlungen und zahllose Referenzen zu US-amerikanischer Literatur, zu Filmen, Fernsehen, Berühmtheiten hinzu. Gespickt mit jeder Menge lateinischer Zitate und sonstigem Bildungszierat ist das Ganze keine ganz leichte Lektüre. Zumal man sich ständig fragt, „Meint der das jetzt ernst?“. Es ist bis zuletzt unklar, ob da nur einer im Drogenrausch fabuliert, oder ob der Autor hier seine Geschichte satirisch zuspitzt und gehörig übertreibt. Dass Vater und Sohn Heros mitten in L.A. South Central eine ausgedehnte Farm bewirtschaften sollen (Spezialitäten Satsumas, Melonen und Marihuanha) und der Protagonist überall mit dem Pferd vorreitet, macht die Sache auch nicht glaubwürdiger.

North Carolina Jim Crow Laws by Alexisrael [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons
Paul Beatty hat ein wahrhaft fulminantes Buch geschrieben, cool, ausufernd, aberwitzig, radikal. Es zeigt die Vielgestaltigkeit von Rassismus, reizt sämtliche Klischees aus und hinterfragt vehement alle Gruppen- und Rassenzugehörigkeiten. Nicht immer ganz leicht zu lesen angesichts der Fülle, aber erhellend, schockierend, anregend und manchmal einfach saukomisch.

Der „Abschluss“ liest sich fast ein wenig wehmütig. Bei allem, was die Präsidentschaft Obamas schuldig blieb, schaut man doch einigermaßen sehnsuchtsvoll darauf zurück.

„Ich weiß noch, dass Foy Chesire am Tag der Amtseinführung unseres schwarzen Kumpels stolz wie Bolle in seinem Mercedes-Coupé durch die Stadt fuhr, hupend und die amerikanische Flagge schwenkend. Er feierte nicht als einziger; die Freude im Viertel war zwar nicht ganz so groß wie nach dem Freispruch von O. J. Simpson oder 2002 nach der Meisterschaft der Lakers, aber fast. Als Foy an meinem Haus vorbeifuhr, saß ich gerade vorn auf dem Hof und schälte Maiskolben. „Warum schwenkst du die Flagge?“ fragte ich. „Wieso ausgerechnet jetzt? Hast du doch noch nie gemacht.“ Er habe den Eindruck, antwortete er, dass dieses Land, die Vereinigten Staaten von Amerika, endlich seine Schuld beglichen habe. „Und die amerikanischen Ureinwohner? Und die Chinesen, die Japaner, die Mexikaner, die Armen, die Wälder, das Wasser, die Luft, der beschissene Kalifornische Kondor? Wann erhalten die ihre Wiedergutmachung?“ wollte ich wissen. Er schüttelte nur den Kopf. Erwiderte sinngemäß, mein Vater würde sich für mich schämen, und ich würde es nie kapieren.

Und er hat recht. Werde ich auch nie.“

Weitere Rezensionen beim Bookster HROund Letusreadsomebooks

 

Beitragsbild: by KNewman1 [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons

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Paul Beatty - Der Verräter.

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Paul Beatty – Der Verräter

Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Luchterhand Oktober 2018, Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten, € 20,00

 

Jo Nesbø – Macbeth

Das Hogarth-Shakespeare-Projekt wurde zum 400. Todesjahr des großen englischen Dramatikers 2016 ins Leben gerufen. Gedacht als eine große Verbeugung vor dem Meister und als Beweis dafür, dass seine Dramen durchaus auch in der heutigen Zeit Aktualität und Gültigkeit haben, wurden acht renommierte zeitgenössische Autoren gebeten, ein Werk ihrer Wahl in einer Neubearbeitung vorzulegen.

Eine großartige Idee und die Autoren, die zusagten, wie Ann Tyler, Margaret Atwood und Howard Jacobson, versprachen eine spannende Auseinandersetzung mit Shakespeares Werk.

Ich muss nun, bei Erscheinen des siebten von insgesamt acht geplanten Büchern, zugeben, dass meine anfängliche stürmische Begeisterung recht bald ein wenig abflaute. Sah das Ergebnis doch eher durchwachsen aus. „Jo Nesbø – Macbeth“ weiterlesen

Patrick Modiano – Schlafende Erinnerungen

Was macht eigentlich den Reiz der Romane von Patrick Modiano aus? Was bewirkt, dass der Leser – zumindest der Modiano-Leser, es soll auch solche geben, die diese Prosa schlichtweg langweilig finden – dem Autor Buch für Buch durch seine Erinnerungen folgt? Erinnerungen, die jedes Mal nur variieren, zudem ausgesprochen vage bleiben, nie wirklich enthüllen, ob sie nun echt oder ausgedacht sind, was aber letztlich keine Rolle spielt. Modiano wird nachgesagt, stets nur das gleiche Buch zu schreiben und tatsächlich fügen sich die stets sehr schmalen Romane, immerhin sind über zwanzig davon auch auf Deutsch erschienen, zu einer großen Suche nach der verlorenen Zeit, um mal einen anderen großen französischen Autor zu zitieren. Nach der verlorenen Zeit, die sich vornehmlich in der Kindheit und vor allem Jugend des 1945 geborenen Autors konzentriert, also in den Fünfziger und Sechziger Jahren, und oft zurückgreift auf die dunkle Zeit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. „Patrick Modiano – Schlafende Erinnerungen“ weiterlesen

Backlist: Modiano lesen

Patrick Modiano, der Träger des Literaturnobelpreises von 2014, ist ein mich besonders faszinierender Autor. Sein reiches, wenn auch stets sehr schmales Werk begleitet mich schon seit sehr vielen Jahren und zieht mich mit jedem neu erscheinenden Buch erneut in seinen Bann. Modiano scheint stets das gleiche Buch zu schreiben. Wie musikalische Variationen drehen sich alle Titel um sein eigenes Leben, seine Kindheit und Jugend in den 50er und 60er Jahren, die eine ganz besondere war und wohl das Gefühl der Unsicherheit, Leere und Melancholie begründete, das in allen Texten herrscht, und die Wurzeln, die weit in die Zeit der deutschen Besatzung zurückreichen. Etwas zwischen Traumwelt und Erinnerungen hinterlässt auch bei der Leserin etwas Flirrendes, schwer einzuordnendes. „Backlist: Modiano lesen“ weiterlesen

Lektüre November 2018

Der November war wieder einmal ein Monat mit vielen, vielen Seiten und zahlreichen Besprechungen. Dazu kamen die Verlagsvorschauen für das Frühjahr, die natürlich auch durchforstet werden wollten. Alle guten Vorsätze, da mal gemächlicher dran zu gehen, sind vergeblich – wenn sie erst mal da sind, siegt die Neugier.

Mit „Macbeth“ habe ich diesen Monat so ziemlich das schlechteste Buch des Jahres gelesen (oder doch Haratischwili???), aber wie immer, die Geschmäcker sind verschieden, es gibt Leser, die es durchaus schätzten, deshalb lasst euch nicht abschrecken. Ansonsten gute bis sehr gute Bücher, die sehr unterschiedlich sowohl von der Thematik als auch vom Erzählkonzept her waren. „Lektüre November 2018“ weiterlesen

Bill Beverly – Dodgers

East ist gerade mal fünfzehn, aber schon gut im Geschäft. Als Aufpasser für eines der Drogenhäuser im (fiktiven) heruntergekommenen Stadtteil „The Boxes“ in Los Angeles zuständig, ist er „Chef“ der anderen Jungs, die die Geschäfte am Laufen halten und Schmiere stehen, um rechtzeitig vor der Polizei zu warnen. Er ist mit Drogenboss Fin verwandt, Blut von seinem Blut, man vermutet sogar, er sei sein Sohn.

Deshalb bekommt er auch noch eine Chance, nachdem „sein“ Haus eines Tages bei einer Razzia auffliegt. Mit drei anderen der Jungs soll er in Wisconsin einen Auftrag erledigen. Ein Richter, der als Belastungszeuge für Fin gefährlich werden könnte, soll beseitigt werden. Über 2000 Meilen in einem Transporter quer durch die Staaten, ausstaffiert als Dodgers-Fans, damit sie nicht so auffallen. Der älteste der Jungen ist 20, hat ein abgebrochenes Studium hinter sich und hält sich auch sonst für etwas Besseres. Dieser Michael Wilson gefährdet das Unternehmen bereits in Las Vegas, weil er dort mal so richtig auf die Pauke hauen will. Es kommt zum Streit und die anderen drei fahren ohne ihn weiter. „Bill Beverly – Dodgers“ weiterlesen

Ein Blick in die Verlagsvorschauen Frühjahr 2019

Nun sind bis auf ein paar kleinere Verlage alle Frühjahrsvorschauen für 2019 veröffentlicht. Viele spannende Neuerscheinungen darunter. Wie immer findet ihr hier eine ganz subjektive Auswahl an Titeln, die mein Interesse wecken konnten oder auf die ich mich schon länger freue. „Ein Blick in die Verlagsvorschauen Frühjahr 2019“ weiterlesen

Bernard MacLaverty – Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty, geboren 1942 in Belfast, seit langem in Schottland lebend, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Irish Book Award für den vorliegenden Roman, „Midwinter Break“ – ich muss zugeben – war mir völlig unbekannt. Ein bisschen googeln ergab, dass er Vorlage und Drehbuch für „Cal“ geschrieben hat, einen Film aus den 80er Jahren über den Nordirland-Konflikt, den zumindest kannte ich.

Und nun liegt „Schnee in Amsterdam“ vor, wiederum laut Google der erste Roman des Autors seit sechzehn Jahren. Was mich zu diesem Roman hinzog, war weder der Klappentext, noch das Buchcover, sondern etwas, worauf ich ansonsten gar nicht achte: eine Lobhudelei auf der Buchrückseite. Diese hier stammt von Richard Ford, und der ist einer meiner Säulenheiligen der Literatur.

Wie gut, dass ich ihm auch hier vertraut habe, denn „Schnee in Amsterdam“ ist ein ganz wunderbares Buch, dem noch viel mehr Aufmerksamkeit gebührt. „Bernard MacLaverty – Schnee in Amsterdam“ weiterlesen

Tom Rachman – Die Gesichter

Pinch, der eigentlich so liebevoll klingende Kosename, den Bear Bavinsky seinem kleinen Sohn Charles verleiht, liegt auf diesem wie eine Last. Pinch, nach den leckeren kleinen Häppchen, Pinxtos, die der berühmte, genialische Maler-Vater einst im Baskenland so gern genascht hat. Ein Kosename, der unweigerlich verniedlicht, verkleinert, ein Gefühl, dem Charles so gerne entwachsen würde, und das er doch zumindest zu Lebzeiten des Vaters, nie los wird. „Tom Rachman – Die Gesichter“ weiterlesen