Lionel Shriver – Eine amerikanische Familie

Mit Zukunftsromanen verhält es sich in der Regel so, dass sie entweder in einer fernen Zukunft spielen und sich der Leser auf ein mehr oder weniger fantastisches Land einlassen muss, mit gänzlich anderen Lebensbedingungen, unterschiedlichen Wertvorstellungen und Konflikten, einem fremden Alltag und ungewohnten Umgebungen. Der Leser muss loslassen können vom Bezugsrahmen der Realität, und sei es nur der angenommenen. Mir fällt das zugegebenermaßen immer schwer, weswegen ich in der Regel mit Science-Fiction und Konsorten meist nicht warm werde. „Lionel Shriver – Eine amerikanische Familie“ weiterlesen

Fernando Aramburu – Patria

„Euskal Herria“, das Land der Basken – viele können es vielleicht gerade noch geografisch einordnen, dort am westlichen Rand der Pyrenäen, mit San Sebastian und Bilbao als bekannte Städte. Manch einer weiß, dass es sich sowohl über Spanien als auch über Frankreich erstreckt; die Baskenmütze kennt natürlich jeder, aber wie ist es mit den Pintxos, diesen leckeren Happen, die man im Baskenland überall in den Restaurants gereicht bekommt, oder mit dem Pelota, jenem an Squash erinnernden Rückschlagspiel? Auch dass die baskische Sprache nichts mit der spanischen, ja mit gar keiner anderen europäischen Sprache, gemein hat, also eine der sogenannten „isolierten“ Sprachen (mit unglaublich vielen X) ist, ist nicht vielen bekannt.

Wer ein wenig älter ist, verbindet mit dem Baskenland allerdings auch jene Form des politischen Terrors, die in den 1970er und 1980er Jahren ihren blutigen Höhepunkt erreichte und gerne von Drei-Buchstaben-Organisationen verübt wurde, seien es die RAF, die IRA oder eben die ETA, die Euskadi Ta Askatasuna – Baskenland und Freiheit. „Fernando Aramburu – Patria“ weiterlesen

Lektüre Januar 2018

Der Monat Januar war von einer wirklich elenden Trübnis, was das Wetter betrifft. Geschätzt 0 Sonnenstunden hier in der Mitte Deutschlands. Das legt sich schon ein wenig aufs Gemüt und da kann man noch so oft sagen: „Ja, aber optimales Lesewetter!“ Ich lese auch lieber bei Sonnenschein. Ein Trost war aber, dass die gelesenen Bücher im Januar von teilweise überragender Qualität waren. „Lektüre Januar 2018“ weiterlesen

Maik Siegel – Hinterhofleben

Das Wort Flüchtling ist wohl eines der im öffentlichen Diskurs am häufigsten verwendeten. Kaum eine Nachrichtensendung, eine Zeitungsausgabe oder Politikerrunde, in der es nicht fällt. Das Thema Flucht und damit auch die Frage nach dem Umgang eben mit jenen Flüchtenden weltweit ist sicher eines der brennendsten Probleme unserer Zeit. Trotz seiner Ubiquität stößt mir dieses Wort immer ein wenig unangenehm auf, finde ich es mit seiner –ling-Endung so viel unpassender als das schöne englische „refugee“, in dem die Zuflucht „refuge“ steckt. Und tatsächlich, meiner sprachlichen Abneigung nachgehend, stellt Wiktionary fest, „Die resultierenden Ableitungen (Anm. mit –ling) können der Sprachökonomie dienen (und damit konnotativ relativ neutral sein), aber auch ironisch, diminutiv oder pejorativ verwendet werden.“ Also steckt die Verkleinerung und Abwertung schon ein wenig im verwendeten Wort mit drin. Der Flüchtling. „Maik Siegel – Hinterhofleben“ weiterlesen

Sabine Huttel – Ein Anderer

Er ist anders, der Junge Ernst Kroll, der zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in einem kleinen thüringischen Dorf geboren wird. Er wächst zu langsam, hat motorische Defizite, spricht schlecht und scheint auch geistig eingeschränkt zu sein. Sehr zum Ärger seines Vaters Hilmar, des Schulmeisters im Dorf. Diese Langsamkeit regt ihn auf, erweckt seinen Unmut. Nur sehr allmählich, über die Musik, nähert er sich seinem Sohn an. Er, der auch Kantor der Gemeinde ist, nimmt ihn mit auf die Orgelempore. Und auch wenn Ernst die Stücke viel zu langsam spielt, auch später auf seiner Trompete nur die eher getragenen Stücke schafft, knüpft die Musik ein zartes Band zwischen Vater und Sohn. Das allerdings eine harte Belastungsprobe bestehen muss, als der Junge eingeschult wird und der Lehrer-Vater mit unerbittlicher Strenge über ihn wacht. „Sabine Huttel – Ein Anderer“ weiterlesen

Arno Geiger – Unter der Drachenwand

„Unter der Drachenwand“ – das klingt ein wenig bedrohlich, ein wenig mystisch und irreal, aber auch ein wenig nach Schutz und Sicherheit. Viel eindeutiger freundlich ist der harmlos klingende „Schafberg“ gleich nebenan. Oder aber auch der verträumt-beschaulich klingende „Mondsee“.

Ohne allzu viel Bedeutung in diese Ortsnamen, die eine bedeutende Rolle in Arno Geigers neuem Roman spielen, zu legen, passen sie ganz wunderbar zu der erzählten Geschichte. Ist es doch auch eine irgendwie irreale, nahezu fantastische Ruhepause, die dem jungen Veit Kolbe da inmitten des gnadenlos entfesselten Kriegsgeschehens des Jahres 1944 gegönnt wird. Und lauert doch dahinter immer das Bedrohliche, das Beängstigende, das Grauen. „Arno Geiger – Unter der Drachenwand“ weiterlesen

Tania Blixen – Jenseits von Afrika

„Ich weiß ein Lied von Afrika, dachte ich, von den Giraffen und vom afrikanischen Neumond, der auf dem Rücken liegt, von den Pflügen auf dem Acker und von den verschwitzten Gesichtern der Kaffeepflücker. Weiß Afrika auch ein Lied von mir? Zittert die Luft über der Steppe jemals in einer Farbe, die ich an mir hatte, spielen die Kinder ein Spiel, in dem mein Name vorkommt, wirft der Vollmond einen Schatten auf die kiesbestreute Einfahrt des Hauses, der dem meinen gleicht? Halten die Adler von Ngong nach mir Ausschau?“

Dieses Zitat aus Tania Blixens Erinnerungsroman ist fast genauso berühmt wie der wunderbare Anfangssatz

„Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuß der Ngong-Berge.“

Beide spielen mit ihrem elegischen, sehnsuchtsvollen Ton eine große Rolle auch in der mit sieben Oscars ausgezeichneten Verfilmung von 1985 mit Meryl Streep, Robert Redford und Klaus Maria Brandauer, die allerdings nur teilweise auf dem 1936 veröffentlichten Buch beruht und sich auch einige Freiheiten in der Umsetzung erlaubte. Der Film ist reines Hollywood mit großartigen Landschaftaufnahmen, grandioser Musik, schönen Menschen und Fokus auf das, was das breite Publikum sehen möchte: große Gefühle. Die Zweckehe mit Baron von Blixen, das Scheitern der Farm und die Liebesbeziehung zu Denys Finch Hatton – das sind die zentralen Motive, um die der Film kreist. Afrika und die Afrikaner sind mehr oder weniger nur malerische Kulisse. „Tania Blixen – Jenseits von Afrika“ weiterlesen

Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie

Wer kennt William James Sidis?

Seit der Veröffentlichung von Klaus Cäsar Zehrers Debütroman „Das Genie“ dürften das in Deutschland einige Menschen mehr sein. Ansonsten hinterlässt der Name hierzulande, anders als in Sidis Heimatland USA, meist ratloses Schulterzucken. Dabei zählt der 1898 in New York geborene Sidis mit einem Intelligentsquotienten von geschätzt unglaublichen 250 bis 300 zu den intelligentesten Menschen aller Zeiten. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit hat er sich damit aber nicht in die Wissenschaftsgeschichte und das kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Sein Leben und Schicksal, auf das der Autor Zehrer hier aufmerksam macht, ist ein ganz unglaubliches. „Klaus Cäsar Zehrer – Das Genie“ weiterlesen

Das Debüt 2017 – Bloggerpreis – Meine Entscheidung

Der von Dr. Bozena Anna Badura, Janine Hasse und Sarah Jäger geführte Blog „Das Debüt“ hat zum zweiten Mal einen Bloggerpreis ausgeschrieben. Über sechzig Romane wurden von den Verlagen eingereicht. Aus einer von „Das Debüt“ zusammengestellten Shortlist sollten 17 Blogger und Bloggerinnen ihre drei Favoriten auswählen und mit je fünf, drei bzw. einem Punkt versehen. Daraus geht dann der Titel mit den meisten Punkten als Sieger hervor.

Eine spannende Aktion, an der ich gerne teilgenommen habe, besonders, da mir die Titel im vergangenen Jahr sehr gut gefallen hatten. Aber auch, weil solch eine Juryarbeit neu für mich und ich sehr neugierig auf die deutschen Debüts 2017 war. Auch auf einen Austausch über die gelesenen Bücher habe ich mich sehr gefreut. „Das Debüt 2017 – Bloggerpreis – Meine Entscheidung“ weiterlesen