Peter Weyden – Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte und ein paar Gedanken zur Veröffentlichung von Takis Würgers Stella

„Es ist weder leicht noch angenehm, diesen Abgrund von Niedertracht auszuloten, aber dennoch bin ich der Meinung, dass man es tun muss; denn was gestern verübt werden konnte, könnte morgen noch einmal versucht werden und uns selber oder unsere Kinder betreffen.“

Primo Levi – Die Untergegangenen und die Geretteten 1986, von Peter Weyden dem buch vorangestellt

 

Zu Beginn des Jahres rüttelte ein kleines Buch die Literaturwelt gehörig durcheinander. Stella von Takis Würger. Das lag zum einen an der Thematik des Buches, die durchaus heikel und sensibel zu nennen ist (eine Jüdin verriet in den Jahren nach 1943 aus Angst vor der eigenen Deportation und der der Eltern Hunderte anderer Juden an die Gestapo), andererseits aber ganz gewiss auch am Werbeaufwand, für den sich der publizierende Hanser Verlag, ein Schwergewicht der Branche, entschieden hat, und der so in gar keinem Verhältnis zum literarischen Gewicht des Buches stand. Da wurden geheimnisvolle Briefe an Influencer der Buchszene geschickt („Hätten Sie zu Stella gehalten?“), verschlüsselte Werbekampagnen gestartet und schließlich das Buch mit gehöriger Wucht in den Markt gedrückt. Das geschah mit einigem Erfolg, aber auch mit einer gehörigen Portion Gegenwind. „Peter Weyden – Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte und ein paar Gedanken zur Veröffentlichung von Takis Würgers Stella“ weiterlesen

Jane Gardam – Bell und Harry

Mit Bell und Harry kommt nun ein früher Roman von Jane Gardam auf Deutsch heraus. Erschienen ist er im Original bereits 1981.

Bell Teesdale ist acht Jahre alt und lebt in einem kleinen Dorf in North Yorkshire, im „Hollow Land“, dem hohlen Land, wie es genannt wird, weil es unzählige alte Bergwerksstollen unterirdisch durchpflügen. Bells Vater hat eine Farm, die noch gut läuft, aber er hat auch schon die Zeichen der neuen Zeit erkannt und vermietet eines der Farmhäuser an eine Familie aus London, die dort ihre Sommerferien verbringen möchte. „Jane Gardam – Bell und Harry“ weiterlesen

Donna Leon – Ein Sohn ist uns gegeben Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall

Alle Jahre wieder, im schönen Monat Mai, erscheint ein neuer Commissario Brunetti-Roman von Donna Leon. „Ein Sohn ist uns gegeben“ ist nunmehr der achtundzwanzigste der Reihe.

1993 begann ich mit dem ersten Band, „Venezianisches Finale“, ich war noch ein ausgesprochener Krimi- und noch lange kein Vielleser. Die entspannt-spannende Art, die sympathischen Charaktere, das Kluge, Kultivierte und natürlich die herrliche Lagunenstadt als Ambiente haben mich begeistert, und das lange Jahre über. Meine Töchter wurden geboren, ein Haus bezogen, sich mit dem Landleben arrangiert, ein neuer Job angenommen – einmal im Jahr war der Commissario zu Gast. Wir haben so manche Höhen und Tiefen zusammen beschritten, nicht jeder Besuch war gleich gut gelungen, aber immer eine verlässliche Größe. Irgendwann kam dann die Beziehungskrise (bei Band 16), wir hatten uns schließlich nicht mehr wirklich viel zu sagen, Langeweile schlich sich ein, ein wenig Überdruss, veränderte Lebens- und Leseeinstellungen – wir trennten uns. „Donna Leon – Ein Sohn ist uns gegeben Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall“ weiterlesen

Éric Vuillard – 14.Juli

Bestimmte Tage brennen sich in das kollektive Gedächtnis ein. Auch der am Geschichtsunterricht uninteressierteste Schüler kennt bestimmte Daten auswendig – und sei es nur, weil sie sich in Form von Nationalfeiertagen verewigen. Ist das seit bald dreißig Jahren in Deutschland der Tag der Deutschen Einheit, der 3. Oktober, so ist das in Frankreich seit nunmehr 229 Jahren der 14. Juli. An diesem Tag stürmte „das Volk“ im Jahr 1789 die Bastille, das Pariser Staatsgefängnis. Dieser Tag gilt als symbolischer Beginn der Französischen Revolution, eines der sicher bedeutsamsten Ereignisse der neuzeitlichen europäischen Geschichte. „Éric Vuillard – 14.Juli“ weiterlesen

Lektüre Mai 2019

Der Mai war wieder ein äußerst positiver Lesemonat. Nur gute Bücher, spannende, anregende Themen. Insgesamt scheint mir das Frühjahr 2019 viele wirklich gute Titel gebracht zuhaben. Und der Blick in die Herbstvorschauen verspricht, dass das zweite Halbjahr nicht weniger ergiebig zu werden verspricht.

Eine Bergbaukatastrophe 1974 in Frankreich, eine Kindheit in den Sechzigern in Minnesota, das Schicksal eines einst berühmten jüdischen Sängers auf der Flucht vor den Nazis, Collgejahre an der Ostküste, ein scheiternder Boxer in Nevada, fantastische Träume in Angola, Trümmerjahre in Hamburg und die Französische Revolution – diesen Monat ging es sehr bunt bei mir zu. Und das Schönste: Ich kann alle Bücher empfehlen. Wenn ich mich für ein Highlight entscheiden müsste, wäre es vielleicht Sorj Chalandon. Von diesem Autor möchte ich unbedingt noch weitere Bücher lesen. Er war mir bisher unbekannt. „Lektüre Mai 2019“ weiterlesen

José Eduardo Agualusa – Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer

Aus dem südwestafrikanischen Land Angola dringt nur selten Literatur bis zu uns vor. Einer der wenigen Autoren, denen das gelungen ist, ist der 1960 geborene  und sowohl in Angola als auch in Portugal und Brasilien lebende José Eduardo Agualusa. Portugiesisch ist seine Muttersprache, in der er bis heute über 50 Bücher verfasst hat. Fünf davon sind bisher auf Deutsch erschienen. Obwohl „Das Lachen des Geckos“ (2004) und „Barocco tropical“ (2009) auch in Deutschland einige Aufmerksamkeit erhalten haben, ist er erst mit „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ richtig bekannt geworden. Er zählt zu den wichtigsten Stimmen sowohl Afrikas als auch Portugals. „José Eduardo Agualusa – Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer“ weiterlesen

Willy Vlautin – Ein feiner Typ

Don’t skip out without taking me
Don’t skip out on me

I know you think I’m just a liability
But I can carry my own weight
Please just don’t skip out on me

Willy Vlautin ist der singende Poet oder der schreibende Musiker, je nachdem. Mit seiner mittlerweile aufgelösten Band Richmond Fontaine nahm er bereits für seinen zweiten Roman, Northline, ein begleitendes Instrumentalalbum auf und auch für sein neuestes Buch, „Ein feiner Typ“, existiert ein Soundtrack, für den er die alten Bandmitglieder noch einmal im Studio versammelte. Damals lag „Northline“ eine CD bei und der amerikanischen Originalausgabe des neuen Romans ist ein Download-Code beigefügt. Schade, dass das bei der deutschen Ausgabe des Piper Verlags versäumt wurde. Dennoch kann man sich die Musik zumindest online im Bandcamp anhören.

„Don´t skip out on me“ – Lass mich nicht im Stich

So heißt nicht nur der Originaltitel des Buchs, sondern auch ein Song, den Willy Vlautin extra dafür komponiert hat.

(Aus Datenschutzgründen bette ich Youtube-Videos nicht mehr ein. Mit einem Klick auf das Bild gelangt ihr zum entsprechenden Clip)

Willy Vlautin – Don´t skip out on me – Youtube

Wer dieses Lied und den Soundtrack gehört hat, hat bereits ein Gefühl für den Roman bekommen: Es ist eine unendliche Traurigkeit, eine tiefe Melancholie, Sanftheit, Schlichtheit, die diese Geschichte umfängt. Es ist der Ton, den alle Bücher Willy Vlautins besitzen.

Willy Vlautin erzählt stets von den Gescheiterten, den „Versagern“, den „Abgehängten“ der Gesellschaft. Und das immer mit viel Sympathie und Mitgefühl. Er ist ein klassischer Geschichtenerzähler amerikanischer Tradition.

In „Ein feiner Typ“ ist Horace Hopper der Protagonist. Halb Indianer vom Stamm der Paiute, halb irischer Abstammung, hat er eine verlassene, traurige Kindheit hinter sich. Der Vater verließ die Familie früh, die Mutter gab ihn als 12jährigen zur Großmutter, die Trinkerin war und sich mehr schlecht als recht um das Kind kümmern konnte. Ein Glücksfall waren die Pflegeeltern, die ihn als Teenager bei sich aufnahmen. Mr. und Mrs Reese führen eine Farm im Niemandsland von Nevada, in Tonopah, wo sich tatsächlich Füchse und Hasen Gute Nacht sagen. Horace erweist sich hier als talentiert für die Pferdezucht und auch die Betreuung der großen Schafherde in den Bergen erledigt er zuverlässiger und geschickter als die mexikanischen Hirten. Zudem haben die beiden Alten den Jungen in ihr Herz geschlossen und behandeln ihn wie einen Sohn. Sogar die Übergabe der Farm an ihn ist ausgemachte Sache, haben die beiden Töchter die Farm doch schon vor langem Richtung Stadt verlassen, plagt Mr. Reese doch zunehmend sein Rücken und mag Mrs. Reese das Haus nur noch ungern verlassen. Ein kleines, bescheidenes Glück wäre möglich.

Heading south on US 95 toward Tonopah, Nevada by Kevin Standlee (CC BY-NC-SA 2.0) via Flickr

Würde Horace nicht ein Traum verfolgen, der zur Obsession geworden ist. Natürlich ist es ein amerikanischer Traum, der Traum vom Erfolg, vom Aufstieg, vom Champion, der Horace einmal sein möchte. Der Traum, den er mit Beharrlichkeit und Sturheit, leider aber auch mit nicht ausreichendem Talent verfolgt, ist der, ein mexikanischer Boxer zu sein. Die Obsession, mit der er sich diese Karriere herbeisehnt, liegt an den Selbstzweifeln, ja der Selbstverachtung, die an Horace nagt. Minderwertigkeitsgefühle wegen seiner indianischen Abstammung, ein tiefes Gefühl nicht dazuzugehören und der Einsamkeit quälen ihn, seitdem ihn die Mutter im Stich gelassen hat. Auch wenn er sich bei den Reeses aufgehoben und respektiert fühlt, treibt ihn der Wunsch, etwas Besonderes zu werden, Anerkennung zu erfahren und Zugehörigkeit, wenn auch als „mexikanischer Boxer“. So nennt er sich Hector Hidalgo und verlässt die Reeses mit 21, um in Tucson als Profiboxer aufzutreten. Ein zwielichtiger Trainer beutet ihn aus und nach anfänglichen Erfolgen riskiert Horace immer mehr seine Gesundheit und sein Leben. Mit unglaublicher Sturheit verfolgt er aber weiterhin seinen Traum vom Champion, der immer mehr zu einem Albtraum wird. In Las Vegas büßt er schließlich einen Teil seiner Sehkraft ein und landet schließlich in der Gosse. Noch immer halten ihn falscher Stolz und Scham davon ab, bei den Reeses um Hilfe zu bitten, obwohl die ihn nicht nur dringend brauchen könnten, sondern ihn auch gerne wieder bei sich aufnehmen würden. Erst spät, zu spät gelingt es Mr. Reese mit einem Trick, ihn zurückzuholen.

Eine tieftraurige Geschichte, eindringlich und sehr gefühlvoll. Die geradlinige, schlichte Art Willy Vlautins, sie zu erzählen, bewahrt sie vor jeglichem Kitsch. Aber herzzerreißend, immer wieder liest man dieses Wort in den Kritiken, ja herzzerreißend ist sie wirklich. Aber auch wenn sie vielleicht noch trauriger endet als die anderen Romane Vlautins, ist da immer noch die Hoffnung. Die Hoffnung auf die, die einen niemals im Stich lassen, wenn man sie denn lässt. Niemals.

 

Beitragsbild: Gants de boxe by Arslan (CC BY-NC-ND 2.0) via Flickr

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Willy Vlautin - Ein feiner Typ.
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Willy Vlautin – Ein feiner Typ
Übersetzt von: Nikolaus Hansen 
Piper Mai 2019, 336 Seiten, Hardcover, € 24,00

J. Courtney Sullivan – Aller Anfang

J. Courtney Sullivan hat mit ihren vergangenen drei Romanen (Die Verlobungen, Ein Sommer in Maine, All die Jahre) aufs Schönste bewiesen, dass man unterhaltsam über Frauenleben schreiben kann, ohne ins Genre oder in die Chick-Lit abzugleiten und sämtliche literarische Ansprüche aufzugeben.

Bereits in „Ein Sommer in Maine“ (2011) erzählte sie über vier ungleiche Frauen und ihr Verhältnis zueinander. Anders als in „Aller Anfang“, das gerade auf Deutsch erschienen ist und auch ein weibliches Figurengespann im Zentrum stehen hat, war der Roman aber auch eine Familiengeschichte. „Aller Anfang“ dagegen ist ein Buch über das Erwachsenwerden, das sich Ablösen junger Frauen von zuhause und über ihre Freundschaft, die die Jahre um die Jahrtausendwende im Smith-College in Northampton/Massachusetts überdauert. Dort, im angesehenen, größten Frauencollege der USA wurden die vier zufällig zusammen im Dachgeschoss des King House untergebracht. Eine Gemeinschaft, die sich sonst wohl nicht so ohne weiteres ergeben hätte, sind die Mädchen doch sehr unterschiedlich. „J. Courtney Sullivan – Aller Anfang“ weiterlesen

Lukas Hartmann – Der Sänger

Der Sänger, von dem der Schweizer Autor Lukas Hartmann in seinem neuen, gleichlautenden Roman erzählt, ist Joseph Schmidt.

Der lyrische Tenor wurde 1904 in Davideny, nahe Czernowitz in der Bukowina geboren. Schon früh zeigte sich sein stimmliches Talent und der junge Schmidt gab seinen ursprünglichen Traum von einer Schauspielkarriere 1925 für das Gesangsstudium an der Berliner Hochschule der Künste auf.

Die Zwanziger Jahre waren der Beginn des Radiozeitalters, in Deutschland startete am 29. Oktober 1923 der Unterhaltungsrundfunk. Durch zahlreiche Rundfunkauftritte wurde Schmidt bald zu einem der bekanntesten und beliebtesten Tenöre mit einer riesigen Fangemeinde auch außerhalb Deutschlands und bis nach Amerika. Bühnenauftritte dagegen waren eher selten, da er aufgrund seiner nur geringen Körpergröße von 1.54 m nur zögerlich besetzt wurde.

Dafür ging im Mai 1933 ein Traum für ihn in Erfüllung, als der Film „Ein Lied geht um die Welt“ in Berlin Premiere und großen Erfolg feierte. Ein letztes Mal Berlin. Denn dem jüdischen Sänger wurden fortan die Auftritte und die Arbeit in Deutschland weitestgehend verboten. Es folgten noch drei erfolgreiche Filme, die in Wien, wohin er Ende 1933 emigrierte, und in London Premiere hatten. Besonders die Damenwelt verehrte die von Schmidt interpretierten Filmschlager wie „Heut ist der schönste Tag in meinem Leben“, „Ein Stern fällt vom Himmel“ oder eben jenes „Ein Lied geht um die Welt.“ „Lukas Hartmann – Der Sänger“ weiterlesen

William Kent Krueger – Für eine kurze Zeit waren wir glücklich

„Ordinary grace“, der so viel schlichtere Originaltitel von „Für eine kurze Zeit waren wir glücklich“, spiegelt die Tragik sowohl wie das leise Pathos dieser gelungenen Mischung aus Entwicklungsroman, Familien- und Kriminalgeschichte so viel besser wieder und tippt zugleich ein wichtiges Thema des Buches an, nämlich den Glauben und das Verhältnis der Protagonisten zu ihrem Gott, Schuld und Vergebung. „William Kent Krueger – Für eine kurze Zeit waren wir glücklich“ weiterlesen