Backlist: Ralf Rothmann – Im Frühling sterben

Ralf Rothmann erzählt in seinen Romanen immer wieder auch seine eigene Geschichte und die seines früh verstorbenen Vaters, eines schweigsamen Bergmanns aus dem Ruhrgebiet.

Für „Im Frühling sterben“ liefert dieser das Vorbild.
Es ist die Geschichte des 17jährigen Walter Urban, aus dem Ruhrgebiet als Melker nach Norddeutschland entsandt, vermeintlich eine kriegswichtige Aufgabe, der 1944 durch einen Trick zusammen mit seinem Freund Fiete doch noch in die Waffen-SS zwangsrekrutiert und nach kurzer Ausbildung nach Ungarn verschickt wurde. Hitlers letztes Aufgebot. Was die beiden Jungen dort erlebten, wobei Walter als Fahrer noch „Glück“ hatte, ist in seiner menschenverachtenden Grausamkeit zwar jedem halbwegs geschichtlich informierten Leser nicht unbekannt, in dieser gnadenlosen Härte aber selten literarisch gestaltet worden. „Im Westen nichts Neues“ oder „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ wären vielleicht vergleichbare Meisterwerke der Antikriegsliteratur.

Trotzdem schafft Ralf Rothmann in all dem Grauen auch Momente der Schönheit, der Poesie, oft gespiegelt in der Natur. Aber auch in mitmenschlichen Beziehungen. Ein emotionaler Höhepunkt ist das Zusammentreffen Walters und Fietes in einer Arrestzelle. Fiete, verletzt im Lazarett liegend, hat versucht zu desertieren. Am Morgen soll er standrechtlich erschossen werden, und zwar von Walters Einheit. Verweigerung gleicht Hochverrat, auch eine Befreiung davon kann Walter nicht erwirken. Er darf sich lediglich von seinem Freund verabschieden. Eine genauso herzzerreißende, dabei völlig kitschfreie Szene ist die von Fietes Sterben. Rothmann trifft genau die richtigen Worte. Und stellt dabei eine der Kernthesen des Romans auf, die in letzter Zeit auch in der Literatur häufiger verhandelte Theorie der genetischen Vererbung von Traumata. „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“ lautet bereits das von Ezechiel entliehene Motto des Romans. Und auch Fiete spricht zu Walter von diesem Erbe. Und als dieser fragt,

„Was ist mit dem, der schießen muss? Was vererbt der?“

antwortet er

„Woher soll denn ich das wissen, Häuptling. Wahrscheinlich eine große Traurigkeit…“

Diese große Traurigkeit ist es wohl auch, die Walters Vater nach dem Krieg fast verstummen ließ. Nach seiner Pensionierung schenkte ihm der Sohn, wie Rothmann Schriftsteller, ein Heft, in das er seine nie erzählten Kriegserinnerungen eintragen sollte.

„Wozu denn noch? Hab ichs dir nicht erzählt? Du bist der Schriftsteller“

antwortet dieser. „Im Frühling sterben“ ist der Versuch, diese Erinnerungen doch noch zu Papier zu bringen. Anders als viele frühere Autoren aber nicht in Form einer Abrechnung mit dem Vater, sondern, um einen Romantitel Peter Härtlings zu bemühen, mit „Nachgetragener Liebe“. Im Epilog sucht der Sohn das Grab der Eltern im Schnee, es soll aufgehoben werden, „Ende der Ruhezeit“. Er findet es nicht. Aber er, und lassen wir uns ruhig Ralf Rothmann dahinter vermuten, sorgt mit diesem großartigen Buch dafür, dass die lange Ruhezeit der nie erzählten Erinnerungen Walter Urbans ebenfalls endet. Und damit vielleicht auch ein Wenig der Last, die auch auf die Nachgeborenen vererbt wurde.

Beitragsbild: Bundesarchiv, Bild 146-1984-035-09A / Woscidlo, Wilfried / [CC BY-SA 3.0 ], via Wikimedia Commons

Beitragsbild: Bundesarchiv, Bild 101III-Altstadt-065-05 / Altstadt /  [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

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Ralf Rothmann – Im Frühling sterben

Suhrkamp Juni 2015, Leinen, 234 Seiten, 19,95 € 
suhrkamp taschenbuch 4680, Taschenbuch, 233 Seiten, € 10,00

Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers

Einen schwierigen Autor für jede Form der Vermarktung nannte Hauke Hückstädt, der Leiter des Frankfurter Literaturhauses, Ralf Rothmann bei seiner Einführungsrede zur Lesung aus Der Gott jenes Sommers. Keine Moderation auf der Bühne, wenig Interviews und Fotosessions, keine Autoren-Website, geschweige denn Social Media-Kanäle, selbst eine Nominierung zum Deutschen Buchpreis lehnt der Autor ab. Das war 2015 so, als seinem Roman Im Frühling sterben von einigen Kritikern zwar eine „Verkitschung des Weltkrieges“ vorgeworfen wurde, das überwiegende Echo aber von einem Meisterwerk und fantastischer Literatur sprach. Für mich war die Geschichte um zwei 17jährige, die in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges als Soldaten eingezogen und regelrecht „verheizt“ worden waren, das Buch des Jahres, eines der am meisten berührenden und gelungensten seit Langem.

Mit Im Frühling sterben wandte sich Ralf Rothmann, der häufig als „Chronist der alten Bundesrepublik“ bezeichnet wurde, einer neuen Thematik zu. Waren es bisher stark autobiografisch gefärbte Entwicklungs- und Familienromane aus dem Arbeitermilieu des Ruhrgebiets oder aus Berlin, so geriet nun die Generation der Eltern ins Blickfeld. Etwas, das den Autor schon lange beschäftigt hat, war deren Sprachlosigkeit, besonders in Hinblick auf die Zeit vor und während des Krieges. In einem Interview schilderte er einmal einen ihn prägenden Moment, in dem er seinen Vater über die Kriegszeit ausfragte und auf die Frage, ob er denn damals auch jemanden erschossen habe, dieser ganz verzagt wurde. „Was soll ich denn jetzt sagen?“ wandte er sich hilfesuchend an die Mutter. Die schickte den Sohn kurzerhand aufs Zimmer, eine damals viel gebrauchte Methode, diesem unangenehmen Thema auszuweichen. Es herrschte Schweigen in den Familien. Auch das interessante Thema der transgenerationalen Vererbung von Traumata war für ihn Ansporn, sich mit dieser Zeit zu beschäftigen. Plagte ihn doch seit langer Zeit ein Alptraum, in dem er erschossen werden sollte, obwohl er keinerlei Erfahrung mit Waffen oder ähnlichen Situationen hat, aber eben seine Eltern Entsetzliches erlebt und vielleicht auch getan haben mussten.

In Im Frühling sterben versuchte Rothmann, die Geschichte seines Vaters aufzugreifen, seine frühe Einberufung, seine Kriegserfahrung, auch wenn der Roman keine biografische Nacherzählung, sondern Fiktion ist.

Lehrling beim Melker by  Bundesarchiv, Bild 183-13718-0012 / [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Der Gott jenes Sommers ist nun keine Fortsetzung und kein Prequel, bedient sich aber der Thematik. „Spinn-off“ ist ein häufig gebrauchter Begriff dafür. Die Zeit, die der Roman umfasst, ist dieselbe, die letzten Wochen und Monate des Krieges 1945. Eine Hauptfigur des Vorgängerromans, der Rothmanns Vater nachempfundene Melker Walter, hat hier eine kleine Rolle. Auf dem norddeutschen Gut in Bovenau am Nord-Ostsee-Kanal nahe Kiel, auf dem er beschäftigt war und von dem aus er rekrutiert wurde, ist der Schauplatz. Hierhin wurde die zwölfjährige Louise mit ihrer Mutter und der älteren Schwester Sibylle evakuiert, als die Bombenangriffe auf die Stadt zunahmen. In Kiel harrt noch der freigeistige Vater aus, der dort ein Offizierskasino leitet und die Familie nur hin und wieder besucht. Die Mutter ist verbittert über die Einschränkungen, die ihnen angesichts der Flüchtlingsströme aus dem Osten abverlangt werden, Schwester Sibylle will das Leben mit aller Macht genießen und die Stiefschwester Gudrun aus Mutters erster Ehe, verheiratet mit dem SS-Hauptsturmführer Vinzent, ist auch jetzt noch stramm nationalsozialistisch gesinnt. Louise nimmt ihre Umwelt wie alle Zwölfjährigen wach und ein wenig staunend wahr. Ihre Welt ist die Welt der Bücher, von ihrem Vater aus Kiel erbeutet oder bei den Nonnen im nahegelegenen Kloster ausgeliehen. Louise nimmt die wachsende Zahl der Flüchtenden wahr und ihre illusionslosen Berichte, das Lager im Torfmoor, die zunehmende Angst der Bevölkerung vor den „vergewaltigenden Barbarenhorden aus dem Osten“, die Durchhalteparolen und den zunehmenden Fatalismus. Sie ist aber auch junges Mädchen, schwärmt für den Melker Walter, träumt von der Zukunft und macht sich Sorgen um den Familienzusammenhalt, zu jung, um vom nationalsozialistischen Gedankengut ganz vereinnahmt zu sein, unschuldig, ein Opfer der Erwachsenen. Manche Kritiker warfen dem Autor diese nicht durchbrochene Erzählposition vor. Ich finde sie legitim und überzeugend. Bis auf den Onkel Vinzent, der tatsächlich ein wenig dem Abziehbild des bösen SS-Führers entspricht, und der durch und durch positiv besetzten Louisa sind die Figuren sehr ambivalent gezeichnet und der Autor lässt ihnen auch ein wenig Geheimnis. Ebenso wie der Geschichte. Nicht ganz klar wird, wohin Sibylle eines Tages verschwindet, genauso wenig der Grund, der Louisas Vater am Ende zu einer entsetzlichen Tat führt. Woher erhält die Perückenmacherin all ihr Haar, was sind das für Gefangene im Lager – der Leser weiß es, der Autor formuliert es nicht aus. Genauso dezent bleibt Rothmann bei aller Brutalität auch bei der Gewalt, die Louisa angetan wird.

Luftangriff auf Kiel by Unknown [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Ralf Rothmann ist ein empathischer Beobachter. Einmal bezeichnete er „Mitleid als hervorragendste Eigenschaft eines Schriftstellers“. So bleibt er mit seiner personal-auktorialen Erzählperspektive ganz nah an Louisa dran. Nur hin und wieder durchbricht er seinen ernst-getragenen Ton, der manchmal fast ein wenig Weihevolles hat, mit ein wenig Humor.

Durchbrochen wird die Geschichte auch von einer Binnenerzählung, die nur sehr lose mit ihr verknüpft ist und etwas Aberwitziges hat. In einer fiktionalen Chronik aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs erzählt Bredelin von Merxheim in sechs kurzen Abschnitten von den Grauen dieser Zeit und von seinem Vorhaben, zusammen mit seinem Gefährten Johann Bubenleb eine kleine Kapelle von einem gebrandschatzten Ort in den anderen zu „verlegen“, und zwar auf einem Floß quer über einen See. Ein Unternehmen, das genauso scheitert wie Vieles in Louisa Leben. Zwar hängen im Gutshaus, das zum Schauplatz einer zentralen Stelle der Erzählung wird, Stiche mit Szenen aus dem Dreißigjährigen Krieg und Louisa liest auch Andreas Gryphius, eine direkte Verknüpfung mit der eigentlichen Geschichte ist aber schwer zu erkennen. Auch der Autor spricht nur von der „Musikalität“ des Textes, von einem Gegengewicht, die dadurch geschaffen werden sollen. So sind auch diese Passagen, diejenigen, die am meisten Kritik hervorrufen. Gerade die gekünstelte Barocksprache sei mehr eine eitle Fingerübung. Ich habe mich an den kurzen Passagen nicht gestoßen, auch wenn sich mir ihr Sinn für die Geschichte nicht ganz erschlossen hat.

Aber sie enden, wie die Erzählung um Louisa trotz allen Scheiterns, aller Grausamkeiten durchaus hoffnungsvoll. Und sie verhelfen dem Roman zu seinem Namen.

„Frei und mittig sitzen wir unter dem Himmelsrund, und mag der Gott dieses Sommers unsere Nähe auch verschmähen – kann er sich denn weiter entfernen, als der Gedanke, der ihm gilt? Haben wir denn nicht alles dem Menschen Mögliche versucht? (…) Unser Bemühen war ein reines, also vollkommenes und konnte wahrhaftiger nicht sein, und somit ist alles gelungen (…).“

Dass der Roman im Kloster endet, ebenso hoffnungsvoll mit der Aufforderung einer Nonne „Na komm, iss erst mal einen Teller Suppe.“ zeigt durchaus Rothmanns Nähe zum Religiösen, Transzendentalen, wie sie auch schon in Im Frühling sterben aufschien.

Ein genauso großer Wurf wie sein Vorgänger ist Der Gott jenes Sommers vielleicht nicht, aber immer noch ein sehr guter Roman, der der Ansicht der Kriegszeit eine weitere Nuance hinzufügt.

 

 

Bei der Lesung im Frankfurter Literaturhaus am 5. Juni 2018 trat Ralf Rothmann trotz aller angekündigten Scheu vor der Öffentlichkeit als sehr freundlicher, sympathischer Autor auf. Zwar finde ich es durchaus schade, wenn nur gelesen wird, viele Gespräche auf Lesungen eröffnen dem Leser doch noch einmal eine andere Sichtweise, aber auch so war der Abend gelungen. Außerdem bot Ralf Rothmann seinem Publikum an, bei einem Glas Wein Fragen zu seinem Roman zu stellen. Ein Angebot, dass ich bisher noch selten gehört habe.

Beitragsbild: Einfahren der Heuernte Bundesarchiv, Bild 183-15167-0001 / [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

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Ralf Rothmann Der Gott jenes Sommers

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Ralf Rothmann – Der Gott jenes Sommers

Suhrkamp Mai 2018, Leinen, 254 Seiten, € 22,00

LitblogConvention 2018 in Köln

Zum dritten Mal fand die LitblogConvention im Verlagshaus von Bastei-Lübbe in der Kölner Schanzenstraße statt. Der Verlag richtet zusammen mit Kiepenheuer&Witsch und Dumont, den anderen großen Verlagshäusern am Ort, und einigen Sponsoren diese große Zusammenkunft von Literaturbloggern aus. Der Zuspruch ist jedes Mal riesig, die Eintrittskarten innerhalb weniger Tage ausverkauft.

Geboten werden eine ganze Reihe interessanter Workshops und Sessions, üppige Verpflegung und ein direkter Kontakt zu den Verlagsmitarbeitern. Und natürlich ist es immer wie eine Art Klassentreffen. Viele, viele Buchmenschen, die man bisher nur über das Netz kannte, mit denen man sich nur digital austauscht oder die man maximal zwei bis dreimal im Jahr zu den Buchmessen oder anderen Veranstaltungen sieht, sind plötzlich greifbar.

Ich war zum zweiten Mal auf der LitblogCon und wie bereits im vergangenen Jahr, war das Wetter prima. Zwar waberte zu Beginn noch der Nebel durchs Bergische Land und auch in die Stadt hinein, aber gegen Mittag stand die Sonne zuverlässig am Himmel und machte den Tag zu einem Fest. Erfahrene Blogger stellten zwar fest, dass so manche „Größe“ der Szene mittlerweile wegbleibt – ein Trend, den man auch beim Bloggen feststellt -, aber dennoch waren wunderbar viele Menschen, die die Liebe zu Büchern, zum Lesen und zum Schreiben vereint, zugegen, vermehrt auch reine Instagramer. Die Organisation war prima, die Vorträge, die ich besuchte, sehr interessant und die Stimmung sehr gut. Nun hoffe ich auf ein Wiedersehen zur Frankfurter Buchmesse und lasse euch ein paar Impressionen meines Tages auf der LBC18 hier.

Hideo Yokoyama – 64

Kriminalromane aus Japan sind zur Zeit ein wenig in Mode. Zwar sind sie zahlenmäßig gegenüber der Flut an Frankreich-, Italien- und Provinzkrimis immer noch eine Randerscheinung, aber Namen wie Fuminori Nakamura („Der Dieb“, „Die Maske“) oder Keigo Higashino („Unter der Mitternachtssonne“, „Verdächtige Geliebte“) sind mittlerweile auch in Deutschland ein Begriff. Zu der Spannung, die der Krimiplot bietet gesellt sich hier noch der Einblick in eine Gesellschaft, die trotz ihrer wirtschaftlichen und politischen Nähe zum Westen doch immer noch ein wenig fremdartig und unbekannt erscheint.

Bei Hideo Yokoyamas unlängst (etwas unglücklich als „Thriller“ bezeichnet) auf Deutsch erschienenem Roman „64“ beginnt dieses Fremdartige bereits im Titel. 64 bezeichnet nämlich nach der traditionellen japanischen Zeitrechnung das 64. Jahr der Shōwa-Zeit. Diese auch im modernen Japan durchaus noch präsente Art der Jahreszählung richtet sich nach jeweils einer Ära. Wurden diese Ären in der Zeit vor 1868 recht willkürlich von den japanischen Kaisern bestimmt, beginnen sie seitdem immer mit dem Amtsantritt eines neuen Kaisers und enden mit seinem Tod. Die Shōwa-Zeit bezeichnet die Jahre der Regierungszeit des Tennō Hirohito von 1926 bis 1989. Shōwa 64 ist gleichzeitig das letzte Jahr dieser Ära, einer Ära der großen Umbrüche für Japan, die Blütezeit des japanischen Imperialismus, aber auch sein radikaler Untergang mit der Niederlage und Kapitulation im Zweiten Weltkrieg, Zeit der Katastrophen von Hiroshima und Nagasaki, aber auch des rasenden Aufstiegs zur Wirtschaftsmacht. Showa 64 war ein Jahr, das lediglich eine Woche dauerte, denn am 7. Januar 1989 verstarb der Tennō. Eine Epoche ging zu Ende. Sicher kein zufällig gewähltes Jahr für diesen Roman.

鈴緒 (Suzuo)  by halfrain  (CC BY-SA 2.0) via flickr

Ein Roman, ein Kriminalroman, besser noch ein Polizeiroman, aber eigentlich kein Thriller. Diese Bezeichnung erweckt unter Umständen Erwartungen, die „64“ trotz einer ganz eigenen hohen Spannung nicht erfüllen kann und wohl auch gar nicht will.

Zehn Jahre hat der investigative Journalist und Autor Hideo Yokoyama (Jahrgang 1957) an diesem Werk gearbeitet. Anfang der 2000er Jahre war er bereits mit einigen Romanen in seinem Heimatland sehr erfolgreich, musste aber aufgrund gesundheitlicher Probleme zurückstecken. 2013 erschien dann „64“ unter dem Originaltitel „Rokuyon“ und wurde ein reisiger Erfolg mit Millionenauflage. Der Rokuyon-Kalender bezeichnet in einem Sechstage-Zyklus sogenannte Glücks- und Unglückstage, nach denen traditionell wichtige Unternehmungen geplant werden. Auch das etwas, das unserem Kulturkreis eher fremd ist.

So liegt der große Reiz und die Spannung, die „64“ entwickelt, auch zum großen Teil in den Einblicken, die der Leser in die japanische Gesellschaft und in kulturkonzeptionelle Fragen gewinnt. Der eigentliche Kriminalfall wird daneben fast zur Nebensache.

Dabei beginnt die Geschichte ganz privat. Yoshinobu Mikami, seines Zeichens Pressedirektor der Polizei in der nicht näher lokalisierten Präfektur D und seine Frau Minako sind zu einer Identifizierung ins Leichenschauhaus gerufen worden. Ihre halbwüchsige Tochter Ayumi ist seit einiger Zeit verschwunden. Dass es sich bei der Leiche nicht um Ayumi handelt, beruhigt nur vorübergehend. Die Ungewissheit und die Selbstvorwürfe, die sich gerade der Vater macht, belasten die Ehe und den Alltag. Minako traut sich kaum noch aus dem Haus, könnte sie doch einen dieser „Schweigeanrufe“ verpassen, die in letzter Zeit mehrmals vorgekommen sind und hinter denen sie ihre Tochter vermutet.

Veranda by mrhayata ( CC BY-SA 2.0) via Flickr

Mikami selbst steht auch beruflich unter großem Druck. Ein ungelöster Kriminalfall aus dem Jahr Shōwa 64, der kurz vor der Verjährung steht, soll durch den Besuch des Generalinspektors aus Tokio noch einmal neuen Wind erhalten. Damals ist die siebenjährige Shoko entführt und trotz Lösegeldzahlung ermordet worden. Der Täter wurde nie gefasst. Nun, vierzehn Jahre später, soll Mikami eine Medienkampagne leiten, in der der Vertreter der Nationalen Polizeibehörde Tatort und Angehörige des Opfers öffentlichkeitswirksam aufsucht. Der Vater der kleinen Shoko möchte da aber nicht mittun und immer mehr gewinnt Mikami den Eindruck, dass bei den damaligen Ermittlungsarbeiten Unregelmäßigkeiten und Pannen aufgetreten sind, die anschließend vertuscht wurden. Mikami, der früher ebenfalls Teil des KUA (Kriminaluntersuchungsamt) war, hört von einem geheimen sogenannten Koda-Memo und einem „Maulkorberlass“ und beginnt auf eigene Faust nachzuforschen. Dabei legen ihm nicht nur die ehemaligen Kollegen vom KUA jede Menge Steine in den Weg, sondern auch seine eigene Verwaltungsabteilung, die sich mit dem KUA in beständigem Kompetenzgerangel befindet, übt nicht unbeträchtlichen Druck aus. Hinzu kommt die Presse, die sich unzureichend informiert fühlt und Drohungen ausstößt. Mikami muss sich durch diese Drohungen und durch tumultartige Szenen hindurchlavieren und gleichzeitig den damaligen Fall nicht aus den Augen verlieren. Zunehmend wird ihm klar, dass da ganz andere Interessen mit im Spiel sind und die Behörden ihr ganz eigenes Süppchen kochen.

Auf 760 Seiten, in 81 relativ kurzen Kapiteln, entfaltet Hideo Yokoyama ganz langsam und raffiniert das Geflecht dieser Polizeibehörden, ihrer Kompetenzstreitigkeiten, Eifersüchteleien und Intrigen. Auch in hiesigen Krimis kämpfen die Ermittler immer wieder einmal gegen die eigenen Leute (meist in der Staatsanwaltschaft), aber was hier für ein Sumpf von Eitelkeiten und Missgunst aufgedeckt wird, ist schon überwältigend. Die Liste der Hauptprotagonisten umfasst 44 Personen, fast alle im aktiven oder ehemaligen Polizeidienst. Mikami ist darunter nur das eine Rädchen, auf dem allerdings die alleinige Perspektive des Romans ruht. Ihm gegenüber steht der übermächtige Apparat. Auch die Presse scheint in Japan ungewöhnlich aggressiv und mit großer Macht ausgestattet zu sein. Andererseits wirbt die Polizei auf sehr offensive Weise um sie. Saufgelage und Barbesuche gehören hier zur Öffentlichkeitsarbeit. Eine eigenartige Mischung aus Fremdheit und Vertrautheit stellt sich bei diesen Schilderungen des Systems Polizeibehörde und der ihr innewohnenden Mechanik ein. Auch Mikamis Mitarbeiterin Mikumo trägt dazu nicht unerheblich bei. Wie sie behandelt wird, lässt immer wieder die Rolle der Frau in Japan, aber letztendlich natürlich auch bei uns, überdenken.

Businessman by _ Kripptic (CC BY 2.0) via Flickr

Diese akribischen Schilderungen der Ermittlungs- und Pressearbeit verlangen vom Leser einen recht langen Atem und auch ein prinzipielles Interesse an solch genauen Gesellschaftsstudien. Dann entwickeln sie aber eine ungemeine Spannung und gewähren einen tiefen Einblick in das moderne Japan. Loyalität, Wahrung des Gesichts, Unterordnung des Einzelnen, Respektierung der Hierarchien, Konflikte zwischen persönlichen Idealen, der Moral und den Konventionen – diese Dinge entwickeln hier noch einmal eine ganz eigene Dringlichkeit. Auch der grüblerische Mikami als Ermittler ist so in einem „westlichen“ Krimi eher schwer denkbar. Er geht zwar durchaus seinen eigenen Weg, aber der Konflikt mit den übergeordneten Instanzen eskaliert nie. Viele Wege, die er beschreitet, erweisen sich als Sackgassen. Unterstützung bleibt im Wesentlichen die Ausnahme. Er laviert sich hindurch, widersteht mehr als dass er agiert.

Erst im letzten Teil gewinnt der Krimiplot dann noch einmal richtig Fahrt. Eine weitere Entführung geschieht und ungeahnte Verbindungen zu Fall Aktenzeichen 64 und auch Ayumis Verschwinden tun sich auf. Das ist raffiniert und gekonnt konstruiert und nüchtern erzählt. Hideo Yokoyama rundet den Fall schlüssig, lässt aber auch einige Fragen wohltuend offen.

In Amerika (das Buch ist tatsächlich nicht aus dem Original, sondern aus dem Englischen übersetzt) hat das Buch Begeisterungsstürme ausgelöst und auch in der deutschen Kritik wurde es sehr positiv aufgenommen. Von „großer Literatur“, „Nobelpreis“, „Henry James“ und den „Abgründen der Pflicht“ war da die Rede. Diese Bezugsgrößen sollte man eher heranziehen als die Bezeichnung „Thriller“, die das deutsche Cover ziert. Dann wird man das Buch mit großem Gewinn lesen.

Beitragsbild: Chureito Pagoda – Fujiyoshida-shi, Japan by Giuseppe Milo ( CC BY 2.0) via Flickr

Dieser Beitrag erschien auch im Rahmen eines Japan-Specials auf Literaturkritik.de. Danke an Alex von Letusreadsomebooks!

 

 

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Hideo Yokoyama – 64

aus dem Englischen von Sabine Roth und Nikolaus Stingl

Atrium Verlag Februar 2018, gebunden, 768 Seiten, 28,00 EUR

Krimi-Zwischenspiel Donna Leon – Heimliche Versuchung und Volker Klüpfel und Michael Kobr – Kluftinger

Entspannendes Krimi-Zwischenspiel mit zwei Reihen, die ich zwar nicht konsequent, aber schon sehr lange verfolge.

Vor 25 Jahren erschien bei Diogenes der erste Fall für Commissario Guido Brunetti. Damals war der Boom der Regionalkrimis noch weit entfernt. Zwar gab es schon immer Krimi-Autoren, die ganz bestimmten Regionen einen wichtigen Platz in ihrer Handlung einräumten, also mit viel Lokalkolorit arbeiteten, und natürlich bedingen die so beliebten Krimi-Reihen in der Regel einen konstanten Schauplatz, wie beispielsweise Magdalen Nabb immer wieder Florenz wählte oder Jacques Berndorf, der mit seinen Eifel-Krimis in Deutschland erfolgreich war.

So richtig los ging es aber meines Erachtens mit Donna Leons in Venedig ermittelndem Commissario. Die Lagunenstadt nahm von Beginn an eine so reizvolle wie wichtige Rolle in den Büchern ein. Spannung war von Anfang an eher Neben- als Hauptsache, der sympathische, nachdenkliche und kultivierte Ermittler, seine nette Familie, die manchmal unerträglichen, manchmal reizenden Mitarbeiter, allen voran die so mondäne wie tüchtige Sekretärin Elettra und eben die stimmungsvollen Orte waren es, die die Leserschaft für sich einnahmen. Dazu kam eine leise, aber deutliche Kritik an verschiedensten aktuellen Problemen, die sich zwar immer auf die Verhältnisse in Venedig konkret bezogen, oft aber auch allgemeine Zustände abdeckten.

Venedig via pxhere

Geändert hat sich in all den Jahren recht wenig. Auch Guido Brunetti und seine Kinder alterten in dieser Zeit extrem verzögert. Lediglich Donna Leons Überdruss an Venedig, dem sie mittlerweile den Rücken gekehrt hat (seit einiger Zeit lebt die Amerikanerin in der Schweiz), das sie aber nach eigener Aussage immer noch liebt, ist gewachsen. Besonders die Touristenmassen, die die Stadt nahezu das ganze Jahr überschwemmen, sind ihr ein Dorn im Auge. Korruption und die damit verbundenen Machenschaften waren schon immer Hauptthemen der Krimireihe.

So auch in ihrem neuesten Fall, dem mittlerweile siebenundzwanzigsten.

Der Mann einer Universitätskollegin von Paola wird schwerverletzt am Fuße einer Brücke unweit seiner Wohnung aufgefunden – Unfall oder Verbrechen? Hängen die Drogenprobleme des Sohnes damit zusammen? Oder hat es mit der vermögenden alten, an Demenz erkrankten Tante zu tun? Sehr bald vermutet Brunetti, dass jemand nachgeholfen haben muss, ein Verdacht, der sich erhärtet, als der Mann stirbt.

Auch in „Heimliche Versuchung“ (ein Titel, der sich mir mal wieder nicht erschließt; der Originaltitel „The temptation of forgiveness“ erklärt sich ganz zum Schluss des Romans) köchelt die Spannung eher auf kleiner Flamme. Dafür erhält man wie gewohnt Venedig-Flair auf kritische Art, Familienanschluss bei den Brunettis, ein bisschen Questura und eine logisch entwickelte Geschichte. Für mich ist jeder Fall wie ein Familientreffen, ich habe auch diesen gerne gelesen.

 

Altusried im Allgäu  von Richard Mayer [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Ähnlich geht es mir mit dem Klufti – auch wenn die Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr nicht mit Donna Leons Ernsthaftigkeit und kultureller Gediegenheit ans Werk gehen. Ihr Kommissar Kluftinger ist eher das Gegenteil vom humanistisch gebildeten, ein wenig melancholisch veranlagten Brunetti. Bodenständig wie er ist, reichlich altmodisch und starrköpfig dreht sich auch bei ihm (fast) alles um die Familie. Seine Frau Erika, die ihm die besten Kaasspatzen der Welt kocht, Sohn Markus und Schwiegertochter Yumiko, die gerade Eltern geworden sind und der langjährige Freund/Feind Doktor Langhammer – sie sind dem Leser schon lange ans Herz gewachsen. Deswegen nehmen auch familiäre Abschnitte in den Büchern zunehmend Raum ein. So beginnt auch der neue Fall mit einem Besuch der ganzen Familie zu Allerheiligen auf dem Friedhof. Das Entsetzen ist groß, als man dort ein frisches Grab entdeckt, auf dessen Grabkreuz Kluftingers Name, Geburts- und Todesdatum stehen. Ein Scherz? Wohl kaum, die Drohungen mehren sich und schließlich kommt es zu einem tödlichen Zwischenfall.

Auch hier entfaltet sich die Spannung nur sehr gemächlich. Es geht in Kluftingers Vergangenheit, von der wir so einiges erfahren und, nun endlich im 10. Band, wird auch das Geheimnis um seinen Vornamen gelüftet. Wie gewohnt sparen die Autoren auch nicht an Klamauk und stereotypen Situationen und Charakteren. Sie verlassen dabei aber nie ein solides Niveau, wie leider mittlerweile so mancher Regionalkrimi. Und dass Kluftinger beinahe den Hubertus Jennerwein anstatt Kollege Maier eingestellt hätte, erweist einem zweiten bayrischen Kommissar, eben jenem Jennerwein aus der Feder von Jörg Maurer, eine vergnüglich-ironische Referenz. Auch er einer der wenigen empfehlenswerten Regionalermittler.

„Kluftinger“ macht Spaß, auch wenn es an einigen Ecken knirscht in Sachen Schlüssigkeit und die Spannung ein wenig kurz kommt. Wer noch nicht Teil der Kluftinger-Gemeinde ist, wird es mit diesem Teil vielleicht eher nicht werden. Für alle anderen ist es ein amüsantes, kurzweiliges Wiedersehen.

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Heimliche Versuchung Donna Leon.

Donna Leon – Heimliche Versuchung
Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

Diogenes Mai 2018, Hardcover Leinen, 336 Seiten, € 24.00

 

 

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Volker Klüpfel, Michael Kobr – Kluftinger (Kluftinger-Krimis 10)

Ullstein April 2018, Hardcover mit Schutzumschlag, 480 Seiten, € 22,00

Lektüre Mai 2018

Ein richtiger Wonnemonat war dieser Mai meistenteils. Sommerliche Temperaturen, viel Sonnenschein und ein wahres Blütenfeuerwerk im Garten. Leider habe ich dennoch kaum dort gelesen, denn es gab viel hier draußen zu tun, die DSGVO hat einige Aufmerksamkeit erfordert und auch ansonsten stand allerlei an. Dennoch fiel die Lesebilanz, dann eben abends auf der geschützten Terrasse oder auf dem Sofa, ganz ordentlich aus.

 

Guadalupe Nettels Roman „Nach dem Winter“ hatte ich zunächst nicht auf dem Schirm, sondern er wurde mir von Verlag angeboten. Liebesgeschichten sind normalerweise eher nicht mein Beuteschema, aber diese mit Settings in Paris und New York und einem Bezug zu Friedhöfen, insbesondere dem Père Lachaise, weckte dann doch meine Neugier.

Zwei Menschen fern von ihrer Heimat, zwei moderne Migranten. Der Kubaner Claudio arbeitet als Lektor in New York und verbirgt hinter seiner frauenverachtenden Machoattiüde und pedantischer Lebensordnung nur ungenügend ein versehrtes Leben. Die aus Mexiko stammende Studentin Cecilia fasst im winterlichen Paris nur langsam Fuß und Freundschaft zu anderen Migranten. Vor allem mit Nachbar Tom verbindet sie die Liebe zur Literatur, Musik und Friedhöfen. Doch eines Tages ist Tom für unbestimmte Zeit verschwunden. Und Cecilia lernt Claudio kennen. Ein unsentimentaler, aber feinsinniger, melancholischer (Anti)Liebesroman über das Fremdsein, den Platz im Leben und das kleine Glück.

Virginia Reeves EIN ANDERES LEBEN

 

Alabama in den Zwanziger Jahren. Roscoe Martin hasst sein Leben auf der Farm, die sein Schwiegervater ihm und seiner Frau Marie vermacht hat. Viel lieber würde er weiter als Elektriker arbeiten. Diese noch relativ neue Technik fasziniert ihn. Kühn beschließt er, sein Land illegal an die Stromtrasse anzuschließen. Eine Entscheidung, die eine Tragödie nach sich zieht und nicht nur sein Leben für immer verändert. Sittenbild, Familiengeschichte und ein Roman über Schuld und Moral. 2016 stand die Autorin damit auf der Shortlist des Man Booker Prize. Virginia Reeves-Ein anderes Leben als dieses – ein gelungenes Debüt.

 

Alexander Schimmelbusch hat einen interessanten, klugen politischen Roman geschrieben, der sich am Ende leider ein wenig verläppert.
Victor ist einer der großen Player, Miteigner einer Investmentbank, eigentlich ein beziehungsgestörtes, arrogantes A*loch. Aber: Er analysiert seine Lage so genau und scharf wie die des ganzen Landes, verfasst gar ein „Manifest“, um Deutschland „vor seiner drohenden Irrelevanz zu bewahren“, Hauptpunkt: die Vermögensobergrenze, ab der alle Privatvermögen in einem staatlichen Investitionsfond aufgehen sollen. Freund und Grünen-Bundestagsabgeordneter Ali Osman springt auf den Zug auf, gründet auf diesem Programm die neue Partei DeutschlandAG. Breite populistische Unterstützung erhält er durch Beimischung von ein wenig Fremdenfeindlichkeit und Globalisierungskritik. Eine üble Rechts-Links-Suppe. Und doch ertappt sich der Leser dabei, vielen Standpunkten zustimmen zu müssen. Das ist amüsant, zynisch und klug. Nur der Ausblick in eine leicht dystopische Zukunft im Jahr 2032 hat mir nicht gefallen. Hier gräbt sich der Autor durch Albernheiten das Wasser ein wenig selber ab. Dennoch: Lesenswert!

 

Heimliche Versuchung Donna Leon

Jedes Jahr im Frühling kommt ein neuer Brunetti-Fall bei Diogenes heraus. Donna Leon arbeitet pünktlich wie ein Uhrwerk. Und auch wenn ich nicht jeden Band tatsächlich lese und die einzelnen Bände auch in der Qualität schwanken – ich freue mich immer wieder, nach Venedig zu reisen und Familie Brunetti nebst Kollegen wieder zu begegnen. Ein wenig wie Familie, da sieht man auch gern über die eine oder andere Schwäche hinweg, wenn die Chemie stimmt. Auch wenn Leons Venedig-Abgesang ein bedenkliches (und leicht nervendes) Maß erreicht hat, ich habe auch diesen Fall rund um krumme Pharmamachenschaften sehr gerne gelesen. Auch wenn sich die Spannung und die Nachhaltigkeit wie bei vielen Brunnetti-Fällen in Grenzen hielten.

 

Ähnlich ist es mit dem neuen Kluftinger des Allgäuer Autoren-Duos Klüpf/Kobr. Da habe ich auch anfangs alle Bände verfolgt, war auf amüsanten Lesungen der beiden Unterhaltungskünstler und habe mich immer prächtig amüsiert. Irgendwann kam dann ein gewisser Überdruss, aber nach einigen ausgelassenen Bänden auch immer wieder ein frohes Wiedersehen. Auch den zehnten Jubiläumsband, in dem Klufti selbst bedroht wird und endlich sein Vorname offenbart, habe ich wieder gern gelesen, trotz einigem Klamauk und Stereotypen und mäßiger Spannung. Auch hier gilt: Familienanschluss.

 

Der sechste Band des Hogarth Shakespeare Projekts, das die Stücke des großen Dramatikers von Bestsellerautoren neu erzählen lässt. Eine spannende Sache, von der ich, gerade auch in den liebevoll gestalteten Bänden bei Knaus, ein großer Fan bin. Obwohl ich eine gewisse Enttäuschung zugeben muss: Wenige der Neufassungen weisen über die reine Modernisierung wirklich hinaus. Das gilt auch für Tracy Chevaliers Beitrag „Der Neue“ (Othello). Am ehesten punktet die Schulhofgeschichte über Außenseitertum, Rivalität und Rassismus, die im Jahr 1974 angesiedelt ist, als einfühlsames Jugendbuch. Nun bin ich gespannt auf Jo Nesbøs Fassung des Macbeth, die als nächstes erscheinen wird.

 

Ralf Rothmann Der Gott jenes SommersEiniges an negativen Kritiken hat mich fast ein wenig ängstlich an Ralf Rothmanns neuen Roman „Der Gott jenes Sommers“ herangehen lassen. Zu sehr schätzte und liebte ich sein „Im Frühling sterben“, für mich das Buch des Jahres 2015. „Der Gott jenes Sommers“ ist in der Zeit des zweiten Weltkriegs angesiedelt und erzählt von den letzten Tagen auf einem norddeutschen Gut aus der Sicht eines zwölfjährigen Mädchens. Vielleicht kommt es in der Intensität nicht ganz an seinen Vorgänger heran, aber dennoch ist es sehr gut. Nächste Woche werde ich eine Lesung von Ralf Rothmann im Literaturhaus Frankfurt besuchen, dann folgt auch die Rezension. Für mich das beste Buch dieses insgesamt guten Lesemonats.

Im Juni freue ich mich neben der Rothmann Lesung natürlich auf die LitblogConvention in Köln – viele nette Blogkollegen, interessante Workshops und neue Anregungen –  und natürlich gegen Monatsende auf unseren Urlaub, mit hoffentlich ganz viel Lesezeit.

Einen schönen Sommermonat Juni euch allen!

 

 

 

 

 

 

Tracy Chevalier – Der Neue

Sechs Titel sind mittlerweile im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projekts auf Deutsch erschienen. Lediglich Jo Nesbøs Fassung des Macbeth und Gillian Flynns Hamlet stehen noch aus, auf letzteres müssen wir wohl auch noch bis 2021 warten.

Zeit, um mit Tracy Chevaliers Fassung des „Othello“, „Der Neue“, schon einmal ein kurzes, ganz subjektives Resümee zu schreiben.

Ich bin ein großer Freund der Stücke von William Shakespeare. Ein besonderes Erlebnis war es, den „Kaufmann von Venedig“ im Globe Theatre zu erleben. Deshalb war ich auch umso begeisterter, dass der Knaus Verlag mit Howard Jacobsons „Shylock“ dieses großartige Projekt auch nach Deutschland brachte. Zeitgleich erschien „Der weite Raum der Zeit“, für mich, neben Margaret Atwoods „Hexensaat“, das gelungenste Werk dieser spannenden Auseinandersetzung moderner Bestsellerautoren mit den 400 Jahre alten Stücken des großen englischen Theatermachers.

Die drei erwähnten Romane haben es für mich am besten geschafft, den Dramen Shakespeares eine neue Dimension, Deutung und dadurch Aktualität zu verleihen. Liest sich „Shylock“ zwar ein wenig sperrig, zielt er doch mit seinen philosophischen Diskursen ähnlich wie Winterson mit ihren Reflexionen über die Zeit, weit über eine reine Modernisierung oder Nachdichtung hinaus. Und Margaret Atwoods Fassung des „Sturm“ ist sprachlich ein derartiges Feuerwerk, dass das Lesen einfach viel Spaß macht.

Dennoch muss ich zugeben, dass meine Erwartungen und Hoffnungen in das ganze Projekt bisher nicht ganz erfüllt wurden. Insgesamt wagen die Autoren es nicht, vielleicht aus Respekt vor dem großen Ahnen, sich allzu weit vom Original zu entfernen und dadurch etwas wirklich Weitreichendes zu schreiben. Shakespeares Themen sind auch heute noch aktuell genug, um daraus Geschichten zu entwickeln, die für sich alleine stehen können. Die meisten der hier vorliegenden Titel machen für mich leider nur im Bezug zum Original, im direkten Vergleich, als Referenz an den bewunderten Dramatiker wirklich Sinn und Spaß. Auch das ist natürlich nicht zu gering zu schätzen. Aber ob es Ann Tylers harmlose Annäherung an „Der widerspenstigen Zähmung“ („Die störrische Braut“), die turbulent-sarkastische Version des „König Lears“ von Edward St. Aubyn („Dunbar und seine Töchter“) oder auch nun Tracy Chevaliers „Othello“-Umsetzung ist, bleiben alle Texte und Autoren meiner Meinung nach unter ihren Möglichkeiten.

Tracy Chevalier hat in einem Interview geäußert, „Ich brauchte mir weder eine Geschichte noch Personen auszudenken, ich brauchte lediglich einen Schauplatz, an den ich die Geschichte anpassen musste.“

Das ist eindeutig ein Problem dieses Buchs. Hier fehlt die zündende Idee, die Dringlichkeit dahinter, es wirkt tatsächlich nur wie eine halbherzig umgesetzte Modernisierung des alten Stoffs.

Skt. Anna Gade by Lav Ulv  (CC BY 2.0) via flickr

Tracy Chevalier hat das Drama auf einen Schulhof des Jahres 1974 in einer amerikanischen Vorstadt vermutlich Washington DCs verlegt. Es geht um Rassismus, um die Außenseiterrolle eines Zwölfjährigen schwarzen Jungen, der neu an eine Schule kommt. Sein Vater ist Diplomat aus Ghana, die Familie gutsituiert und gebildet, die gewählte Schule eine der besseren, bisher allerdings nur von weißen Schülern besucht. Osei, genannt O, fällt dementsprechend auf, zumal er auch ein guter Sportler und von freundlichem Wesen ist.

Interessant ist, dass die Autorin für das ganze Geschehen einen einzigen Schultag wählt. Das ist originell, bedingt aber, dass alles relativ oberflächlich bleibt und die sich nun entspinnende Intrige – nach Shakespeare recht verwickelt – sich nicht sehr überzeugend entwickelt.

Ian, der bisherige, etwas unterkomplexe „Chef des Schulhofs“, entdeckt in O nämlich sofort einen drohenden Konkurrenten. Mit einer einem Zwölfjährigen kaum abzunehmenden Raffinesse und Kaltblütigkeit zieht er rachsüchtige Fäden (wo so viel Rachlust am ersten Tag herkommt, bleibt unklar) zwischen O, Daniela, die schon an diesem ersten Schultag zarte Bande zu dem „Neuen“ knüpft, dem sie heimlich verehrenden Rod, der Schulhofschönheit Blanca und ihrem Freund, dem allseits beliebten Casper und Danielas bester Freundin Mimi. Wie gesagt, wie sich diese Intrige tatsächlich entspinnen kann und dann in ihrem dramatischen Ende (ganz nach Shakespeare-Art mit Tod und (Selbst)mord), ist meines Erachtens nach nicht wirklich schlüssig entwickelt. Jago bleibt für seine perfiden Machenschaften eindeutig mehr Zeit (außerdem handelt es sich bei ihm nicht um einen Schüler der Unterstufe).

Tracy Chevalier setzt die Figuren nicht eins zu eins auf ihre von Shakespeare vorgegebenen Plätze. Das ist genauso wenig schlimm wie die Tatsache, dass sie den Nebenplot von „Othello“ um die türkische Invasion und den bevorstehenden Krieg völlig unter den Tisch fallen lässt. Neben den oben angesprochenen Punkten finde ich es eher problematisch, dass sie die Handlung ins Jahr 1974 verlegt. Etwas, dass sie für die Reaktion der Schüler und Lehrer auf den dunkelhäutigen „Neuen“ braucht, und heute so nicht mehr finden würde. Andererseits beraubt sie sich dadurch der Möglichkeit, wirklich Aktualität in die Geschichte zu bringen. Auch heute kann man in leicht veränderter Form reichlich Rassismus und Ausgrenzung finden. Mit seiner Historisierung raubt man dem Thema die Brisanz, es wirkt ein wenig angestaubt.

Der größten Einwand, den ich allerdings habe, betrifft die doch relativ stereotype Personenzeichnung. Das mag vielleicht sogar beabsichtigt sein, zeitgemäß ist es aber nicht. Die Figuren sind entweder abgrundtief böse, wie Ian, der auch am tragischen Ende ungerührt bleibt und auf die Frage „Warum hast du das gemacht?“ nur achselzuckend antwortet, „Weil ich es kann“, oder rassistisch-verbohrt wie der Lehrer Brabant oder naiv-dümmlich wie die Lehrerin Miss Lode. Klar, für Entwicklungen ist an einem einzigen Tag kein Platz, aber Charaktere sind in der Regel nicht so eindimensional. Am Ehesten passt diese Eindimensionalität zum Setting, dem Schulhof und seinen jugendlichen Nutzern. Als Jugendroman funktioniert „Der Neue“ bestimmt sehr gut. Ausgrenzung, den Platz in einer Gemeinschaft suchen, erste Liebeleien und die daraus entstehenden Verwicklungen, das sind Themen, die ein jüngeres Publikum sicher sehr ansprechen, gut geschildert sind und dann die Schwächen des Romans vergessen lassen. Die einfache, wenn auch nicht simple Sprache, zeigt in dieselbe Richtung. Dass Jugendliche darüber hinaus Kontakt zu einem der bedeutendsten Dramen erhalten, spricht auch für dieses Buch.

Für mich war es aber dann doch leider zu wenig.

Beitragsbild: Skt. Anna Gade by Lav Ulv  (CC BY 2.0) via flickr

Eine weitere Besprechung findet ihr bei BritLitScout

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Tracy Chevalier – Der Neue

aus dem Englischen von Sabine Schwenk 
Originaltitel: New Boy

Knaus Verlag April 2018, Gebundenes Buch, 200 Seiten, € 18,00

Ein Blick in die Verlagsvorschauen Herbst 2018

Da ist tatsächlich schon wieder der Herbst angebrochen in der Bücherwelt.

Schon seit einigen Wochen sind die meisten Verlagsvorschauen online, obwohl die Frühjahrstitel noch nicht ganz „abgearbeitet“ sind. Bisher haben mich DSGVO und wenig freie Zeit abgehalten, aber nun ist es soweit und ich kann meiner Neugier endlich freien Lauf lassen. Einige Herbstprogramme (Piper, Dumont, Diogenes) wurden mir freundlicherweise schon auf der Leipziger Buchmesse näher gebracht. Auch das war ein merkwürdiges Gefühl, draußen Schneesturm und alle warten auf den Frühling, und in den Verlagshäusern dreht sich schon alles um die Herbstproduktion.

Hier wie immer eine ganz subjektive Auswahl an Titeln, die mein Interesse wecken konnten.

 

Highlights für mich sind:

Tom Rachman – Die Gesichter, Min Jin Lee – Ein einfaches Leben, Delphine de Vigan – Loyalitäten, Sylvie Schenk – Eine gewöhnliche Familie, Elif Shafak – Unerhörte Stimmen, Paul Beatty – Der Verräter, Ayòbámi Adébáyò – Bleib bei mir, Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel

 

Sehr gespannt bin ich auch auf

Jean-Philippe Blondel – Ein Winter in Paris, Mick Herron – Slow-Horses, Thomas Mullen – Dark Town, Siri Hustvedt – Damals, Stephan Thome – Gott der Barbaren

 

Dürfte ich aber nur eine Handvoll Titel auswählen, dann wären das

Patrick Modiano – Schlafende Erinnerungen, Elizabeth Strout – Alles ist möglich, Stewart O´Nan – Stadt der Geheimnisse, Meg Wolitzer – Das weibliche Prinzip, Jennifer Egan – Manhattan Beach – alles Autoren, die ich ungemein schätze und von denen ich alles lese, was ich zwischen die Finger bekomme

Viel Spaß beim Stöbern und vielleicht habe ihr ja noch den ein oder anderen Neuerscheinungs-Tipp für mich.

 

Die Texte entstammen sämtlich den Verlagsankündigungen und

Aus rechtlichen Gründen:

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Arche Verlag

Aufbau Verlag

17. August 2018

Vivek Shanbhag - Ghachar Ghochar
Vivek Shanbhag – Ghachar Ghochar

Aufstieg und Fall einer indischen Familie.
Als der Onkel des jungen Erzählers in den Handel mit Gewürzen einsteigt, ändert er über Nacht das Schicksal der ganzen Familie. Der einst mittellose Clan zieht in ein großzügiges Haus in einer reichen Wohngegend, verschafft sich neue Möbel und einen neuen Bekanntenkreis. Doch mit dem plötzlichen Reichtum werden auch die Abhängigkeiten neu verteilt: An dem Erfolg des Onkels hängt nun das gesamte Wohl der Familie. Und dieses gilt es zu schützen, um jeden Preis. Notfalls auch vor den eigenen Familienmitgliedern. In einem feinen Wechselspiel von Auslassungen und Andeutungen erzählt Vivek Shanbhag vom moralischen Verfall einer indischen Familie. Ein großer Roman, der die Geschichte eines ganzen Landes in sich trägt.

 

Olivier Guez - Das Verschwinden des Josef Mengele
Olivier Guez – Das Verschwinden des Josef Mengele

Auf den Spuren des Bösen – der Sensationsbestseller aus Frankreich
1949 flüchtet Josef Mengele, der bestialische Lagerarzt von Auschwitz, nach Argentinien. In Buenos Aires trifft er auf ein dichtes Netzwerk aus Unterstützern, unter ihnen Diktator Perón, und baut sich Stück für Stück eine neue Existenz auf. Mengele begegnet auch Adolf Eichmann, der ihn zu seiner großen Enttäuschung nicht einmal kennt. Der Mossad sowie Nazi-Jäger Simon Wiesenthal und Generalstaatsanwalt Fritz Bauer nehmen schließlich die Verfolgung auf. Mengele rettet sich von einem Versteck ins nächste, lebt isoliert und wird finanziell von seiner Familie in Günzburg unterstützt. Erst 1979, nach dreißig Jahren Flucht, findet man die Leiche von Josef Mengele an einem brasilianischen Strand. Dieser preisgekrönte Tatsachenroman von Olivier Guez, der in Frankreich sofort zum Sensationsbesteller wurde, liest sich wie ein rasanter Politthriller und wahrt zugleich die notwendige Distanz.

 

14. September 2018

Kathrin Gerlof - Nenn mich November
Kathrin Gerlof – Nenn mich November

Über die Halbwertzeit der Liebe und den Eigensinn der Hoffnung.
Die Stadt, die Wünsche, die Träume, die unsinnigen Vorstellungen von Zukunft haben Marthe und David hinter sich gelassen. Sie sind aus der Mitte gekommen und ziemlich weit unten gelandet. Und sie erfahren, dass es sich ziemlich weit unten auch leben lässt. Auf festem Grund ein kleines Stück Welt retten. Vielleicht nur sich selbst und seine Illusionen …

 

 

 

 

Berlin Verlag

04. September 2018

Kamila Shamsie - Hausbrand
Kamila Shamsie – Hausbrand

Es ist kein Zufall, dass man Isma am Londoner Flughafen derart in die Mangel nimmt. Schon ihr Vater war ein Dschihadist, und nun hat sich ihr kleiner Bruder dem IS angeschlossen. Der ultimative Verrat, denn ihn und seine Zwillingssschwester Aneeka hat Isma großgezogen. Nach dem frühen Tod beider Eltern hatte sie ihr Studium abgebrochen, um für die jüngeren Geschwister die Mutterrolle zu übernehmen. Als die Zwillinge auf eigenen Füßen stehen können, bekommt Isma in den USA ein Stipendium und könnte dort weiterstudieren. Und das Wunder geschieht – sie darf einreisen. Dort angekommen freundet sie sich mit Eamonn an, einem jugnen Engländer, der wie sie pakistanische Wurzeln hat, aber aus priviligierten Verhältnissen stammt. Als ihr kleiner Bruder dem IS den Rücken kehren will, könnte Eamonns einflussreicher Vater – er ist der Innenminister Großbritanniens – helfen. Doch der ist ein Hardliner, wenn es um die ›Sicherheit‹ der Engländer geht …

 

Blumenbar

14. September 2018

Elisa Shua Dusapin - Ein Winter in Sokcho
Elisa Shua Dusapin – Ein Winter in Sokcho

Im eiskalten Sokcho, einem Küstenort kurz vor Nordkorea, begegnen sie sich: die junge Angestellte der Pension und der Künstler aus der Normandie. Während er die Stille von Sokcho zum Zeichnen sucht, möchte sie ihr entfliehen. Mit jedem Gespräch, jedem Spaziergang durch das winterliche Nirgendwo kommen die beiden einander näher. Zwei Gestrandete, die sich nach einem Neuanfang sehnen und ihn jeder auf seine Weise wagen.

 

 

 

 

C.H.Beck

20. Juli 2018

Alexander Münninghoff - Der Stammhalter
Alexander Münninghoff – Der Stammhalter

Der findige Großvater mit seiner Firma, ein lebenshungriger Sohn und ein Enkel, der Stammhalter, der entführt werden muss: Zwischen diesen drei Generationen entspinnt sich die wahre Geschichte vom Niedergang einer Familie im 20. Jahrhundert, nicht durch den Krieg, der gut für die Geschäfte ist, sondern weil jeder für den anderen «nur das Beste» will. Alexander Münninghoff hat aus den vielschichtigen Beziehungen einer Familie, aus der versunkenen Welt zwischen Riga und Den Haag, einen zauberhaften, bewegenden Roman geschaffen.
Der niederländische Kaufmann Joannes Münninghoff führt im baltischen Riga an der Seite seiner schönen russischen Gattin Erica ein mondänes Leben. Allmählich bahnt sich ein Drama an, das mit dem Krieg seinen Lauf nimmt: Sein Sohn Frans geht zur Waffen-SS, der alte Herr setzt sich nach Den Haag ab. Weil Frans nicht zum Erben taugt, gerät der Enkel als Stammhalter ins Visier, doch seine Mutter flieht mit ihm nach Deutschland …

18. September

Bernhard MacLaverty - Schnee in Amsterdam
Bernhard MacLaverty – Schnee in Amsterdam

Ein älteres Ehepaar aus Glasgow, Gerry und Stella Gilmore, fliegt für ein verlängertes Wochenende nach Amsterdam. Die kleine Reise soll die beiden aufmuntern, sie wollen die Stadt erkunden und etwas für ihre Ehe tun. Sie lieben sich noch, man kennt einander samt allen kleinen Fehlern – aber in den vier Tagen treten tiefe Risse in ihrer Beziehung zutage. Und es wird klar, dass Stella einen ganz eigenen Plan verfolgt. Dieser Plan hängt mit einem der bezauberndsten Orte in Amsterdam zusammen, dem Beginenhof, und mit einem Gelübde, das Stella einst getan hat. Gerry dagegen, ehemaliger Architekt, hat weitgehend abgeschlossen mit seinem Leben, in dem der Alkohol eine zu große Rolle spielt. Während ihrer Reise drängt allmählich ein Ereignis aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit in Belfast, Nordirland, immer stärker an die Oberfläche, etwas, das ihr ganzes Leben geprägt hat. Am Ende der Reise zeigt sich, wie tief der Graben zwischen ihnen wirklich ist. Ein dichter, bewegender und aufwühlender Roman voller Lebensklugheit, Komik und Tragik. 

 

Deuticke

24. September 2018

Jean-Philippe Blondel - Ein Winter in Paris
Jean-Philippe Blondel – Ein Winter in Paris

Victor hat die Provinz hinter sich gelassen und ist zum Studium nach Paris gezogen. Er kommt aus einfachen Verhältnissen, der Druck an der Uni ist hoch. Victor ist einsam und fühlt sich unsichtbar. Einzig mit Mathieu, einem Jungen aus dem Kurs unter ihm, raucht Victor hin und wieder eine Zigarette. Als Mathieu in den Tod springt, verändert sich für Victor alles. Plötzlich wird er, der einzige Freund des Opfers, sichtbar. Seine Kommilitonen interessieren sich plötzlich für ihn, und langsam entwickelt er zu Mathieus Vater eine Beziehung, wie er sie zu seinem eigenen Vater nie hatte. „Ein Winter in Paris“ ist ein sensibles und zärtliches Buch über das, was uns Menschen zusammenhält.

 

 

Diogenes

29. August 2018

Mick Herron – Slow-Horses

River Cartwright ist ein ausgemusterter MI5-Agent, und er ist es leid, nur noch Müllsäcke zu durchsuchen und abgehörte Telefonate zu transkribieren. Er wittert seine Chance, als ein pakistanischer Jugendlicher entführt wird und live im Netz enthauptet werden soll. Doch ist das Opfer der, der er zu sein vorgibt? Und wer steckt hinter den Entführern? Die Uhr tickt, und jeder der Beteiligten hat seine eigene Agenda. Auch Rivers Chef.

 

 

 

26. September

Bill Beverly – Dodgers

Nichts ist für die Figuren dieses Romans erstaunlicher als der Umstand, noch am Leben zu sein. ›Dodgers‹ beginnt in einem Drogenviertel von L.A. Die Helden: der sensible East, sein schießwütiger Bruder Ty, der Gamer Michael und der dicke, clevere Walter. Nach einer Razzia müssen sie fliehen, quer durch die usa, einen Mordauftrag im Gepäck. Doch die vier Möchtegernkiller sind Teenager und noch nie aus L.A. rausgekommen. Es ist eine gefährliche Reise, bei der fast alles schiefgeht, ermöglicht von einem Gangster, der einem der Jungen eine Zukunft geben will.

 

 

24. Oktober

Ford Madox Ford- Die-allertraurigste-Geschichte

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs verbringen die Ehepaare Ashburnham und Dowell alljährlich glückliche Tage in Bad Nauheim. Erst nach dem Tod seiner Frau entdeckt John Dowell, dass der Schein in all den Jahren getrogen hat, und er beginnt, den wahren Charakter seiner Freunde und seiner Frau zu erkennen. Ein bewegender Roman, der den Leser mit jedem seiner betörenden Sätze tiefer in das Labyrinth der menschlichen Seele lockt.

 

 

 

DTV

20. Juli 2018

James Baldwin – Beale Street Blues

Tish und Fonny, sie kämpfen und sie verlieben sich. Ihren zerrütteten Familien setzen sie trotzige Hoffnung entgegen. Tish ist schwanger, die Zukunft ist groß in der Beale Street. Doch dann wird Fonny der Vergewaltigung eines weißen Mädchens beschuldigt und inhaftiert. Tish unternimmt alles Menschenmögliche, Fonnys Unschuld zu beweisen, bevor das Baby zur Welt kommt. Der Fall spaltet die Nachbarschaft, und führt aber auch zusammen, was lange zerstritten war.

 

 

 

31. August 2018

Tom Rachman – Die Gesichter

Mit einer einzigen beiläufigen Bemerkung wischt Bear Bavinsky (gefeierter Maler, zahlreiche Ex-Frauen, siebzehn Kinder) jede Hoffnung seines Lieblingssohnes Pinch beiseite, auch nur halb so viel Talent zu haben wie er. Desillusioniert zieht es Pinch raus in die Welt, in Kanada versucht er sich an einer Biografie über Bear, als Italienischlehrer in London hat er es fast geschafft zu vergessen, dass auch er einmal Großes vorhatte. Seine wahre Begabung findet er schließlich doch noch, und er schmiedet einen schier unmöglichen Plan, nicht nur sein eigenes Leuchten zu entfalten, sondern auch das Andenken seines Vaters zu retten.

 

21. September 2018

Min Jin Lee – Ein einfaches Leben

Zwanzig Jahre Arbeit stecken in diesem großen, umwerfenden Buch, das in zwanzig Ländern erscheint: Sunja, Tochter eines Fischers, wird genau im falschen Moment schwach, genau beim falschen Mann. Um keine Schande über ihre Familie zu bringen, verlässt sie Korea und bringt ihre Söhne Noa und Mozasu fernab der Heimat in Japan zur Welt. Koreanische Einwanderer, selbst in zweiter Generation, leben dort als Menschen zweiter Klasse. Während Sunja sich abzufinden versucht, fordern ihre Söhne ihr Schicksal heraus. Noa studiert an den besten Universitäten und Mozasu zieht es in die Pachinko-Spielhallen der kriminellen Unterwelt der Yakuza.

 

 

Dumont

16. Juli 2018

Meg Wolitzer - Das weibliche Prinzip
Meg Wolitzer – Das weibliche Prinzip

Die schüchterne Greer Kadetsky ist noch nicht lange auf dem College, als sie der Frau begegnet, die ihr Leben für immer verändern soll: Faith Frank. Die charismatische Dreiundsechzigjährige gilt seit Jahrzehnten als Schlüsselgur der Frauenbewegung, und sie ist das, was Greer gerne wäre: unerschrocken, schlagfertig, kämpferisch. So sehr Greer ihren Freund Cory liebt und sich auf die gemeinsame Zukun freut, wird sie doch von einer Sehnsucht umgetrieben, die sie selbst kaum benennen kann. Durch die Begegnung mit Faith Frank bricht etwas in der jungen Frau auf, und sie stellt sich die entscheidenden Fragen: Wer bin ich, und wer will ich sein?
Jahre später, Greer hat den Abschluss hinter sich, geschieht, wovon sie nie zu träumen gewagt hätte: Faith lädt sie zu einem Vorstellungsgespräch nach New York ein − und führt Greer damit auf den abenteuerlichsten Weg ihres Lebens: einen verschlungenen, manchmal steinigen Weg, letztlich den Weg zu sich selbst.

 

17. September 2018

Delphine de Vigan - Loyalitäten
Delphine de Vigan – Loyalitäten

Der 12-jährige Théo ist ein stiller, aber guter Schüler. Dennoch glaubt seine Lehrerin Hélène besorgniserregende Veränderungen an ihm festzustellen. Doch keiner will das hören. Théos Eltern sind geschieden und mit sich selbst beschäftigt. Der Junge funktioniert und kümmert sich um die unglückliche Mutter und den vereinsamten Vater. In ihren Augen ist also so weit alles gut. Doch Théo trinkt heimlich, und nur sein Freund Mathis weiß davon. Der Alkohol wärmt und schützt ihn vor der Welt. Eines Tages wird ihn der Alkohol ganz aufsaugen, das weiß Théo. Doch wer sollte ihm helfen? Hélène, seine Lehrerin, würde es tun, doch wie soll das gehen, ohne dass er die Eltern verrät? Mathis beobachtet das alles voller Angst. Zu gerne würde er sich seiner Mutter anvertrauen, aber Théo ist sein einziger Freund. Und einen Freund verrät man nicht. Außerdem würde er damit auch seinem großen Bruder in den Rücken fallen, denn der besorgt den Alkohol für die Minderjährigen. Und er ist es auch, der das gefährliche Spiel in dem schneebedeckten Park vorschlägt, bei dem Théo bewusst den eigenen Tod in Kauf nimmt.

 

12. November 2018

Thomas Mullen - Dark Town
Thomas Mullen – Dark Town

Erst 1948 ist Atlanta eine geteilte Stadt: auf der einen Seite die reichen, weißen Viertel. Auf der anderen Seite »Darktown«, das Viertel der schwarzen Einwohner, »beschützt« von der ersten schwarzen Polizeieinheit. Die Situation für die acht Männer dieser Einheit ist alles andere als einfach: Ihre weißen Kollegen begegnen ihnen mit tiefer Feindseligkeit, sie haben keine Erlaubnis, weiße Verdächtige zu verhaften, sie dürfen noch nicht einmal das Polizeipräsidium durch den Hauptgang betreten.
Als eine junge schwarze Frau tot aufgefunden wird, scheint das niemanden weiter zu interessieren – bis auf Lucius Boggs und Tommy Smith, zwei schwarze Cops dieser Einheit, die sich gemeinsam auf die Suche nach der Wahrheit machen. Zwischen zwielichtigen Alkoholschmugglern, scheinheiligen Puffmüttern, korrupten Gesetzeshütern und unter permanenter rassistischer Unterdrückung riskieren Boggs und Smith ihre neuen Jobs – und ihr Leben –, um den Fall zu lösen.
›Darktown‹ ist ein hochatmosphärisches, komplex erzähltes und mitreißendes Krimi-Epos, eine kluge literarische Erkundung der Themen Rassismus, Korruption und Gerechtigkeit.

Droemer

DVA

Eichborn

Eisele

 

Fischerverlage

25. Juli 2018

Andrew O´Hagan - Leuchten über Blackpool
Andrew O´Hagan – Leuchten über Blackpool

New York – von der Marinewerft in Brooklyn zu den schillernden Nachtclubs in Manhattan, von den Villen auf Long Island zu den Absteigen in der Bronx. 1942 sind die Männer an der Front, die Frauen stehen in der Fabrik. Aber Anna möchte ein besseres Leben. Seitdem der Vater verschwunden ist, sorgt sie für ihre Mutter und die pflegebedürftige Schwester. Während Anna den Vater nicht vergessen kann, verfolgt sie bestimmt ihren großen Traum: Unter die gigantischen Kriegsschiffe an den Docks möchte sie tauchen, um sie zu reparieren. Ein Beruf zu gefährlich für eine Frau – genauso wie die New Yorker Unterwelt, in der sich die Spur ihres Vaters verlor.

 

 

29. August 2018

Jennifer Egan - Manhattan Beach
Jennifer Egan – Manhattan Beach

New York – von der Marinewerft in Brooklyn zu den schillernden Nachtclubs in Manhattan, von den Villen auf Long Island zu den Absteigen in der Bronx. 1942 sind die Männer an der Front, die Frauen stehen in der Fabrik. Aber Anna möchte ein besseres Leben. Seitdem der Vater verschwunden ist, sorgt sie für ihre Mutter und die pflegebedürftige Schwester. Während Anna den Vater nicht vergessen kann, verfolgt sie bestimmt ihren großen Traum: Unter die gigantischen Kriegsschiffe an den Docks möchte sie tauchen, um sie zu reparieren. Ein Beruf zu gefährlich für eine Frau – genauso wie die New Yorker Unterwelt, in der sich die Spur ihres Vaters verlor.

 

FVA

29. Juni 2018

Bodo Kirchhoff – Dämmer und Aufruhr

Wer spricht, wenn einer von früher erzählt? Das fragt sich ein Autor in dem kleinen Hotel am Meer, in dem seine Eltern vor Jahrzehnten glückliche Tage verbracht hatten, die letzten vor ihrer Trennung. Er bewohnt das Zimmer, das sie bewohnt haben, und schreibt dort an der Geschichte seiner frühen Jahre, erzählt sie mit der Distanz des Schriftstellers als eine auch fremde Geschichte: Er greift zu den Mitteln und Freiheiten des Romans, um
der Geschichte seiner Sexualität, die zugleich die Geschichte seines beginnenden Schreibens ist, einen Rahmen zu geben, eine Lebenslegende, die doch nah an der eigenen schmerzlichen Wahrheit bleibt, zu der auch die gescheiterte Ehe seiner Eltern gehört. Der Krieg hat die Eltern zusammengewürfelt, die junge Schauspielerin aus Wien und den talentierten Kriegsheimkehrer mit verlorenem Bein aus Hannover, der vor dem Nichts stand. Alles, was sie wollen, ist der Enge ihrer Zeit entfliehen, jeder auf seine Art, daran zerbricht ihre Ehe. Der kleine Sohn kommt ins Internat, ein Drama der Details nimmt seinen Lauf, jenseits aller verstehenden Sprache auf einer Klinge aus so beklemmender wie
betörender Gewalt. In seinem großen autobiografischen Roman Dämmer und Aufruhr dringt Kirchhoff mit starken Erinnerungsbildern und großem erzählerischen Atem in die Tiefen des eigenen Abgrunds vor. Dabei erzählt er vom Eros einer Kindheit und Jugend, davon, wie Wörter zu Worten wurden und daraus schließlich das eigene Schreiben, der Weg hin zur Literatur

31. August 2018

Nino Haratischwili – Die Katze und der General

Alexander Orlow, ein russischer Oligarch und von allen »Der General« genannt, hat
ein neues Leben in Berlin begonnen. Doch die Erinnerungen an seinen Einsatz im Ersten
Tschetschenienkrieg lassen ihn nicht los. Die dunkelste ist jene an die grausamste aller
Nächte, nach der von der jungen Tschetschenin Nura nichts blieb als eine große ungesühnte Schuld. Der Zeitpunkt der Abrechnung ist gekommen.
Nino Haratischwili spürt in ihrem neuen Roman den Abgründen nach, die sich zwischen
den Trümmern des zerfallenden Sowjetreichs aufgetan haben. Die Katze und der General ist ein spannungsgeladener, psychologisch tiefenscharfer Schuld-und-SühneRoman über den Krieg in den Ländern und in den Köpfen, über die Sehnsucht nach Frieden und Erlösung. Wie in einem Zauberwürfel drehen sich die Schicksale der Figuren ineinander, um eine verborgene Achse aus Liebe und Schuld. Sie alle sind Teil eines tödlichen Spiels, in dem sie mit der Wucht einer klassischen Tragödie aufeinanderprallen

 

Galiani

 

Hanser

23. Juli 2018

Sylvie Schenk - Eine gewöhnliche Familie
Sylvie Schenk – Eine gewöhnliche Familie

Die Geschwister Cardin sind zu viert. Als Tante Tamara und Onkel Simon sterben, werden am Tag der Beerdigung jedoch nicht nur die Trennlinien zwischen den vier Geschwistern sichtbar, sondern die Gräben in der gesamten Familie. Die Verstorbenen waren es, die alle zusammenhielten. Nun hinterlassen sie neben Uneinigkeit vor allem eine Auseinandersetzung um das Erbe, die schon auf dem Weg zur Trauerhalle ihren Anfang nimmt. Die gefühlte Ungerechtigkeit in der Verwandtschaft ist außergewöhnlich groß – und genau darin ist diese französische Familie so ziemlich gewöhnlich.
Sylvie Schenk hat einen Roman geschrieben, der auf wenigen Seiten poetisch, klar und klug die Geheimnisse einer ganzen Familie ausleuchtet.

 

Almudena Grandes - Kleine Helden
Almudena Grandes – Kleine Helden

Ein Roman über den Mut, gemeinsam aufzustehen in Zeiten von Globalisierung und Wirtschaftskrise: Der Architekt Sebastián verliert erst seine Arbeit, dann auch Ehefrau und Kinder – dennoch hilft er Sofía beim Wiederaufbau der Kinderbetreuung im Viertel. Eine Großmutter stellt schon im September den Weihnachtsbaum auf, um ihrer Familie Mut zu machen. Alt und Jung, Singles und Familien, Spanier und Einwanderer, sie alle leben hier nebeneinander im Zentrum von Madrid. Und sie alle entdecken die unerwartete Kraft der Solidarität, als die Schließung des Gesundheitszentrums droht. „Kleine Helden“ ist das bunte, ergreifende Porträt ihres Viertels im heutigen Madrid.

 

 

20. August 2018

Michael Ondaatje - Kriegslicht
Michael Ondaatje – Kriegslicht

Nach Kriegsende wird der vierzehnjährige Nathaniel mit seiner Schwester Rachel von den Eltern in London zurückgelassen. Der geheimnisvolle „Falter“, der sie in Obhut genommen hat, und dessen exzentrische Freunde kümmern sich fürsorglich um sie. Wer aber sind diese Menschen wirklich? Und was hat es zu bedeuten, dass die Mutter nach langem Schweigen aus dem Nichts wieder zurückkehrt? „Meine Sünden sind vielfältig“, wiederholt sie, mehr gibt sie nicht preis. Als er erwachsen ist, beginnt Nathaniel die geheime Vergangenheit seiner Mutter als Spionin im Kalten Krieg aufzuspüren. Fünfundzwanzig Jahre nach dem „Englischen Patienten“ hat Michael Ondaatje ein neues Meisterwerk geschrieben.

 

Patrick Modiano - Schlafende Erinnerungen
Patrick Modiano – Schlafende Erinnerungen

Der Vater trifft sich mit dubiosen Russen auf dem Schwarzmarkt, die Mutter ist Schauspielerin in Pigalle. Der Sohn, in Paris auf sich allein gestellt, verkehrt mit rätselhaften Frauen: Mit Madeleine Péraud, einer Esoterikspezialistin, teilt er die Liebe zu bestimmten Büchern. Sie bietet ihm an, bei ihr einzuziehen. Madame Hubersen entführt ihn abends nach Versailles. Mit einer dritten Frau, die in einer fremden Wohnung einen Mann erschossen hat, wird er fliehen und ihr helfen, die Spuren zu verwischen. Fünfzig Jahre später versucht der Erzähler, seine Jugenderinnerungen wie Teile eines Puzzles zusammenzufügen. Nobelpreisträger Modiano vermischt dabei auf unnachahmliche Weise Traum und Wirklichkeit.

 

05. November 2018

A.L.Kennedy - Süßer Ernst
A.L.Kennedy – Süßer Ernst

Jon ist ein guter Mensch in einer schlechten Welt. Als Staatsdiener der britischen Regierung in London muss er täglich unmoralisch handeln. Um seiner Entfremdung zu entkommen, schreibt er Liebesbriefe im Auftrag alleinstehender Frauen. Eine von ihnen ist Meg, die sich gerade von ihrer Alkoholsucht erholt. Von seiner Handschrift und seinen Worten betört, sucht sie Jon inmitten der pulsierenden Großstadt auf…
Gibt es sie wirklich, jene Liebe, die wahrhaft süß ist, weil sie den anderen – seine Verletzungen, seine Einsamkeit – ernst nimmt? In ihrem ergreifenden und skurril-witzigen Roman fragt A.L. Kennedy, wie in unserer narzisstischen Zeit wahre Gefühle noch möglich sind.

 

Hoffmann und Campe

 

Kein&Aber

08. Oktober 2018

Elif Shafak - Unerhörte Stimmen
Elif Shafak – Unerhörte Stimmen

In Istanbul wird eine Prostituierte ermordet. Als sie
noch lebte, war Leila trotz einiger Rückschläge eine lebenslustige
Frau, die ihren Freunden auch in schweren Zeiten zur Seite stand. Und ausgerechnet sie wird begraben auf dem Friedhof der Geächteten, einer trostlosen Stätte für die Einsamen und Unerwünschten der Stadt: Kriminelle, Selbstmordattentäter, aber auch Obdachlose, Opfer von Ehrenmorden, Flüchtlinge und eben Prostituierte. Doch Leila möchte sich mit solch einer Situation nicht abfinden, weshalb sie anfängt, aus dem Grab heraus ihre Geschichte zu erzählen – eine Geschichte voller Energie, Lebensfreude, Humor und tiefen Freundschaften, die selbst Leilas Schicksal noch verändern können. Elif Shafak erzählt in ihrem neuen Roman von einer starken Frau in einem einengenden Umfeld – mal tragisch, mal berührend und doch sehr unterhaltsam. Mit Leila bekommen all jene Menschen eine Stimme, die darum kämpfenmüssen, ihren eigenen, unkonventionellen Weg zu gehen.

 

KiepenheuerWitsch

07. September 2018

Virginie Despentes - Das Leben des Vernon Subutex 3
Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex 3

Im dritten und letzten Teil ihrer Vernon-Subutex-Trilogie führt Virginie Despentes ihre Figuren und die Leser in das Frankreich der Attentate vom 13. November 2015 – und damit ins Herz eines gesellschaftlichen Traumas. Zunächst sieht eigentlich alles geradezu idyllisch aus. Die Gruppe um Vernon hat Paris verlassen und lebt an wechselnden Orten auf dem Land. Dort werden sogenannte »Convergences« abgehalten, total angesagte Raves, zu denen man aber nur mit persönlicher Empfehlung zugelassen wird. Klar, dass jeder dorthin will und »tout Paris« versucht, eine Einladung zu ergattern. Doch auch dies ist nicht das Paradies, es gibt Misstrauen und Eifersüchteleien, die Gruppe zerfällt. Dann kommt der 13. November 2015 – die Attentate von Paris – und die Stimmung ändert sich vollkommen. Als der dritte und letzte Teil der Subutex-Trilogie 2017 in Frankreich erschien, lang ersehnt und mit Spannung erwartet, stürmte er sofort alle Bestsellerlisten. Die Presse überschlug sich, die Kritiker waren begeistert, denn es gab keinen anderen Roman, der den Stimmungswandel innerhalb der französischen Gesellschaft nach den Pariser Attentaten so eindrücklich und überzeugend beschrieb. Mit enormem Einfühlungsvermögen und einer persönlichen Betroffenheit, die aus jeder Zeile spricht, erweist sich Virginie Despentes einmal mehr als brillante, scharf analysierende Chronistin unserer Zeit und als begnadete Erzählerin. Sie gilt zu Recht als eine der wichtigsten literarischen Stimmen Frankreichs.

 

Klett-Cotta

21. Juli 2018

Zülfü Livanelli - Unruhe
Zülfü Livanelli – Unruhe

Als Ibrahim, der in Istanbul ein geschäftiges aber gewöhnliches Leben führt, vom Tod seines Jugendfreundes Hüseyin erfährt, kehrt er zum ersten Mal seit vielen Jahren in ihre gemeinsame Heimatstadt Mardin zurück. Auf den Spuren des Freundes erfährt er von dessen geheimnisvoller Verlobten Meleknaz. Fasziniert von den Berichten über die junge Jesidin taucht er ein in die Mythen und Überlieferungen ihrer Kultur und trifft auf eine Gruppe von Frauen, die aus der Gefangenschaft des IS fliehen konnten. Zülfü Livaneli konfrontiert den Leser mit einer emotionalen und hochaktuellen Geschichte nahöstlicher Realität, in der Liebe und Schmerz ineinander übergehen.

 

Knaus

27. August 2018

Macbeth von Jo Nesbo

Er kennt seine Feinde nur allzu gut. Inspector Macbeth ist der taffste Cop in einer maroden Industriestadt im Norden. Einen Deal nach dem anderen lässt er hochgehen, die Drogenbosse beißen sich an ihm die Zähne aus. Doch irgendwann wird die Verlockung zu groß: Geld, Respekt, Macht. Schnell aber wird ihm klar, dass einer wie er, der schon in der Gosse war, niemals ganz nach oben kommen wird. Außer – er tötet. Angestachelt von seiner Geliebten, schafft er sich einen Konkurrenten nach dem anderen vom Hals. In seinem Blutrausch merkt er nicht, dass er längst jenen dunklen Kräften verfallen ist, denen er einst den Kampf angesagt hat.

 

Kunstmann

12. September 2018

Donatella Di Pietrantonio - Arminuta
Donatella Di Pietrantonio – Arminuta

»Als Dreizehnjährige kannte ich meine andere Mutter nicht
mehr.« So beginnt die Geschichte, in der ein junges Mädchen
mit einem Koffer und einem Sack voller Schuhe bei einer ihr
unbekannten Familie abgeliefert wird. Die echten Eltern wollten
sie wiederhaben, mehr haben ihr die, die sie bisher Vater und
Mutter nannte, nicht erklärt. Niemand scheint auf sie gewartet
zu haben, alle haben offensichtlich andere Sorgen. Das Essen
ist knapp, die Neue muss sich das Bett mit der kleinen Schwester
teilen und das Zimmer mit den drei Brüdern. Hier ist alles
fremd, die Armut, der Schmutz, die harten Worte. Während sie
einen Weg zurück in ihr behütetes Leben in dem kleinen Haus
am Strand sucht, entwickeln sich neue Bindungen, zur mutigen
Schwester, den Brüdern, der Mutter. Und sie beginnt zu verstehen,
wie viele Facetten die Liebe haben kann.

Neel Mukherjee – Das Leben in einem Atemzug

Neel Mukherjee erzählt in Das Leben in einem Atemzug von Menschen, die aufbrechen, ihr Zuhause verlassen, um für sich und ihre Familien ein besseres Leben zu erlangen. Da ist die Köchin in Mumbai, die in sechs Haushalten kocht; da ist der Mann, der mit seinem Tanzbär von Ort zu Ort zieht, da ist das Mädchen, das vor den Terroristen, die ihr Dorf bedrohen, in die Stadt flieht – sie alle erleben, was es bedeutet, nicht mehr im eigenen, vertrauten Umfeld zu sein. Ihre Schicksale erzählen von den Frösten der Freiheit, vom Fremd- und Alleinsein, von Armut und Arbeit. Aber auch von der Hoffnung und Glück. Ein atmosphärisch dichter Roman aus dem heutigen Indien, einer modernen Gesellschaft, in der die Schatten einer anderen noch deutlich spürbar sind. Leidenschaftlich und voller Empathie entfaltet sich in einem Reigen von Geschichten das unstillbare menschliche Streben nach einem anderen, besseren Leben.

Liebeskind

 

Luchterhand

10. September 2018

Juli Zeh - Neujahr
Juli Zeh – Neujahr

Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning will mit dem Rad den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, rekapituliert er seine Lebenssituation. Eigentlich ist alles in Ordnung, die Kinder gesund, der Job passabel. Aber Henning fühlt sich überfordert. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit einiger Zeit leidet er unter Panikattacken, die ihn heimsuchen wie ein Dämon. Als er schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, führt ihn ein Zufall auf eine gedankliche Zeitreise in seine Kindheit. Schlagartig durchlebt er wieder, was ihn einmal fast das Leben gekostet und bis heute geprägt hat.

 

15. Oktober 2018

Paul Beatty - Der Verräter
Paul Beatty – Der Verräter

Dickens, ein Vorort von Los Angeles, ist der Schandfleck der amerikanischen Westküste: verarmt, verroht, verloren. Zugleich ist es der ganze Stolz seiner schwarzen Einwohner, eine Bastion gegen die weiße Vorherrschaft. Hier zieht der Erzähler von „Der Verräter“ friedlich Wassermelonen und Marihuana. Doch als sein bürgerrechtsbewegter Vater durch Polizeigewalt stirbt und die Gentrifizierung den gesamten Vorort auszuradieren droht, wird er unversehens zum Anführer einer neuen Bewegung: Mit seinem Kompagnon Hominy, alternder Leinwandheld aus „Die kleinen Strolche“, führt er Sklaverei und Rassentrennung wieder ein …

 

 

29. Oktober 2018

C E Morgan - Der Sport der Könige
C E Morgan – Der Sport der Könige

Henry Forge und seine Tochter Henrietta haben einen Traum: Sie wollen das beste Rennpferd aller Zeiten züchten. Die Familie Forge gehört zu den ältesten und einflussreichsten Pferdezüchterdynastien von Kentucky, ihr Vollblut Hellsmouth bringt exzellente Vorraussetzungen mit. Doch als Allmon Shaughnessy auf der Farm anheuert, ein ehrgeiziger junger Schwarzer, und sich Henrietta in ihn verliebt, werden Kräfte freigesetzt, die seit Jahrhunderten das Leben in den Südstaaten bestimmt haben und immer noch machtvoll sind. Angst, Vorurteile und sexuelles Verlangen, Rassismus und Wut, die Kluft zwischen Arm und Reich, Unterdrückung, ja Gewalt sind die ständigen Begleiter dieses Lebens im Schatten der Sklaverei, die untrennbar verbunden ist mit der amerikanischen Geschichte.

 

12. November 2018

Elizabeth Strout - Alles ist möglich
Elizabeth Strout – Alles ist möglich

In ihrem neuen Roman erzählt Elizabeth Strout unvergessliche Geschichten über die Menschen einer Kleinstadt, die sich nach Liebe und Glück sehnen, aber oft Kummer und Schmerz erleben.
Da sind zwei Schwestern: Die eine gibt für die Ehe mit einem reichen Mann ihre Selbstachtung auf, während die andere sich von einem Buch dazu inspirieren lässt, ihr Leben zu ändern. Der Hausmeister der Schule will einem Außenseiter helfen und stürzt dabei in eine Glaubenskrise; eine erwachsene Frau sehnt sich immer noch wie ein Kind nach der Liebe ihrer Mutter. Und eine in New York erfolgreiche Schriftstellerin kehrt nach siebzehn Jahren zum ersten Mal in ihre Heimat zurück, um ihre Geschwister zu besuchen.

 

Mare

23. August 218

Mark Thompson - El Greco und ich
Mark Thompson – El Greco und ich

Es ist der Sommer 1968, J. J. und sein bester Freund Tony „El Greco“ Papadakis sind zehn und unzertrennlich. Ihr geheimes Revier ist der Hafen einer stillgelegten Konservenfabrik – hier können sie unbemerkt geklaute Zigaretten rauchen, den Möwen nachschauen und Pläne für die Zukunft schmieden. Und von dem Tag träumen, an dem sie endlich den gewaltigen Pazifik sehen werden (denn der Atlantik ist im Vergleich nur eine Pfütze). Immer öfter jedoch grätscht die Realität in die jugendlichen Träume; und während eines Roadtrips entlang der Ostküste zeigt sich den Jungen eine bisher ungekannte Seite der USA, die ihren Blick auf das Leben und die Menschen für immer verändert.
Woodstock und die erste Mondlandung, Rassenunruhen und der Vietnamkrieg bilden den Hintergrund zu diesem oft unwiderstehlich komischen, zuweilen herzzerreißend traurigen Roman über zwei Freunde, deren große Prüfung erst noch bevorsteht.

Matthes und Seitz

 

Piper

01. August 2018

Ayòbámi Adébáyò - Bleib bei mir
Ayòbámi Adébáyò – Bleib bei mir

Yejide hofft auf ein Wunder. Sie will ein Kind. Ihr geliebter Mann Akin wünscht es sich, ihre Schwiegermutter erwartet es. Sie hat alles versucht: Untersuchungen, Pilgerreisen und Stoßgebete – vergeblich. Dann nimmt ihre Schwiegermutter das Heft in die Hand und stellt Akin eine zweite Frau zur Seite. Eine, die ihm ein Kind schenken kann. Dabei haben sich Akin und Yejide entgegen der nigerianischen Sitten entschieden, keine zweite Frau in die Ehe zu holen. Doch jetzt ist sie da, und Yejide voller Wut und Trauer. Um ihre Ehe zu retten, muss sie schwanger werden – aber um welchen Preis? Ayọ̀bámi Adébáyọ̀s Debütroman erzählt mit emotionaler Kraft eine universelle Geschichte. Wie viel sind wir bereit zu opfern, um eine Familie zu bekommen?

 

02. November 2018

Volker Kutscher - Marlow
Volker Kutscher – Marlow

Berlin, Spätsommer 1935. In der Familie Rath geht jeder seiner Wege. Pflegesohn Fritz marschiert mit der HJ zum Nürnberger Reichsparteitag, Charly schlägt sich als Anwaltsgehilfin und Privatdetektivin durch, während sich Gereon Rath, mittlerweile zum Oberkommissar befördert, mit den Todesfällen befassen muss, die sonst niemand haben will.  Ein tödlicher Verkehrsunfall weckt seinen Jagdinstinkt, obwohl seine Vorgesetzten ihm den Fall entziehen und ihn in eine andere Abteilung versetzen.
Es geht um Hermann Göring, der erpresst werden soll, um geheime Akten, Morphium und schmutzige Politik. Und um Charlys Lebenstrauma, den Tod ihres Vaters. Und um den Mann, mit dem Rath nie wieder etwas zu tun haben wollte: den Unterweltkönig Johann Marlow.

 

01. Februar 2019

Birgit Vanderbeke - Alle, die vor uns da waren
Birgit Vanderbeke – Alle, die vor uns da waren

Unsere Zukunft speist sich aus unserer Vergangenheit. Die Erzählerin dieses autobiografischen Romans, mittlerweile selbst Großmutter, spürt den Fäden und Verbindungen zwischen den Generationen nach: Was bewog die eigene Großmutter, Ostende zu verlassen und ihrem 14-jährigen Sohn Gaston, der sich der deutschen Wehrmacht angeschlossen hatte, nach Deutschland zu folgen? Wie hielt sie, die nie wieder nach Belgien zurückkehrte, das Leben in der Fremde aus? Und wie können diese Erinnerungen in Zeiten, die erneut von Flucht und Vertreibung geprägt sind, Trost und Hilfe sein?
Im abschließenden Teil ihrer beeindruckenden Roman-Trilogie umkreist Birgit Vanderbeke Fragen, die weit zurückführen und doch aktueller nicht sein könnten.

 

Rowohlt

21. August 2018

Natascha Wodin - Irgendwo in diesem Dunkel
Natascha Wodin – Irgendwo in diesem Dunkel

In „Sie kam aus Mariupol“, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, hat Natascha Wodin ihrer Mutter ein berührendes literarisches Denkmal gesetzt. Jetzt lässt sie ein Buch folgen, das an den Freitod der Mutter 1956 anschließt.

Erzählt wird die Zeit, als die ältere der beiden Töchter sechzehn ist, ein mehrjähriger Aufenthalt in einem katholischen Kinderheim liegt hinter ihr. Sie lebt beim Vater in den „Häusern“ am Fluss, abseits vom deutschen Städtchen, unter Verschleppten und Entwurzelten in einer Welt außerhalb der Welt. Dabei möchte sie so gern zu den Deutschen gehören, möchte Ursula oder Susanne heißen und träumt von einem Handwerker, den sie heiraten könnte, um ihrer russischen Herkunft zu entkommen. Aber der seit je gefürchtete Vater sperrt sie ein. Sie soll keine roten Schuhe tragen, sie soll zu Hause putzen. In einem Taftkleid der Mutter flieht sie in die Vogelfreiheit, die Schutzlosigkeit der Straße.
Diese Geschichte eines Mädchens, das als Tochter ehemaliger Zwangsarbeiter im Nachkriegsdeutschland lebt – misstrauisch beäugt und gemieden von den Deutschen, voller Sehnsucht, endlich ein Teil von ihnen zu sein –, wird aus dem Rückblick erzählt, ausgehend vom Tod des Vaters in einem deutschen Altenheim. Sein Leben, das noch in der russischen Zarenzeit begonnen hat und fast das gesamte 20. Jahrhundert überspannt, ist für die Tochter immer ein Geheimnis geblieben. Irgendwo in diesem Dunkel, hinter all dem Schweigen, sucht sie den Schlüssel zum Verstehen. Eine ungeheuerliche Geschichte der Ort- und Obdachlosigkeiten, erzählt in der klaren, um Sachlichkeit bemühten und doch von Emotion und Poesie getragenen Sprache Natascha Wodins, die ihresgleichen sucht.

Davit Gabunia - Farben der Nacht
Davit Gabunia – Farben der Nacht

Sura, glücklicher Vater und weniger glücklicher Hausmann – er hat seine Arbeit verloren –, bekommt einen neuen Nachbarn. Gelangweilt beginnt er, den auffälligen jungen Mann mit dem roten Alfa Romeo zu beobachten – und gerät schnell in den Bann des fremden Lebens. Bald weiß Sura immer mehr über den anderen, auch über die Besuche seines Liebhabers, eines hohen Beamten. Doch dann beobachtet er einen furchtbaren Streit mit furchtbaren Folgen – und sieht seine Chance, wieder für seine Familie sorgen zu können. In all dem bemerkt er nicht, dass seine Frau Tina sich in eine Amour fou gestürzt hat; und nun flieht Tina aus ihrer Ehe, in das von Hitze und Aufruhr aufgepeitschte Tiflis – es ist der Sommer 2012, in dem der Milliardär Iwanischwili an die Macht kommt.
Fünf Menschen suchen ihr Glück und setzen alles aufs Spiel, was sie haben – auch wegen der unversöhnlichen Ansprüche einer Gesellschaft, in der Vergangenheit und Zukunft sich feindlich gegenüberstehen. Zwischen Patricia Highsmith und Hitchcocks „Fenster zum Hof“: Ein herausragender Roman, der das vielschichtige Bild eines Landes zwischen Tabu und Tradition zeichnet, spannungsreich und literarisch raffiniert.

 

23. Oktober 2018

Stewart O´Nan - Stadt der Geheimnisse
Stewart O´Nan – Stadt der Geheimnisse

Jerusalem, 1947: Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, die Staatsgründung Israels steht unmittelbar bevor. Jossi Brand hat nichts mehr zu verlieren: Seine gesamte Familie, lettische Juden, wurde in Riga von den Deutschen ermordet. Er beschließt, Mitglied der zionistischen Untergrundorganisation Hagana zu werden, aus der nach der Staatsgründung die israelische Armee hervorgehen wird, reist nach Palästina und heuert in Jerusalem als Taxifahrer an. Seine Auftraggeber kennt er nicht, aber ihm ist klar, dass er nicht nur Touristen durch die Goldene Stadt kutschiert, sondern auch Männer, die Bomben im Handgepäck haben. Seine Kontaktperson ist die Prostituierte Eva, in die er sich wider besseres Wissen verliebt. Eva beschützt ihn, sie warnt ihn vor Attentaten. Doch als eine Bombe im berühmten Jerusalemer King David Hotel platziert wird, hört Brand nicht auf sie und setzt alles aufs Spiel. Stewart O’Nan setzt diese Geschichte spannungsvoll in Szene. Von der amerikanischen Presse wurde er deshalb mit John Le Carré, Joseph Conrad und Graham Greene verglichen. Das schillernde Jerusalem der vierziger Jahre wirkt schon nach wenigen Seiten ungeheuer vertraut. Und die moralischen Fragen, die der Roman aufwirft, bleiben einem lange im Gedächtnis.

 

22. Januar 2019

Kit de Waal - Die Zeit und was sie heilt
Kit de Waal – Die Zeit und was sie heilt

In einem englischen Küstenort hat Mona einen Laden für Künstlerpuppen. Immer wieder betreten stille Frauen ihr Geschäft. Sie kommen aus einem Kreis für Mütter totgeborener Kinder. Und Mona versucht, den Trauernden mit Hilfe der Puppen Erlösung zu bringen.
Die Arbeit ist Mona wichtig. Sie selbst kann jene Nacht nicht vergessen, als die IRA ein grausames Bombenattentat verübte und sie alles verlor…
Das Schicksal seiner starken Heldin wird mit emotionaler Wucht erzählt, aber nirgends deprimiert die Lektüre, denn dieses Buch ist nicht nur traurig, sondern schön und trostreich.

 

 

05. März 2019

Siri Hustvedt - Damals
Siri Hustvedt – Damals

Eine junge Frau bezieht ein winziges Zimmerchen im heruntergekommenen Morningside Heights. Das Jahr ist 1979, und S.H. kommt direkt aus der amerikanischen Provinz; daher ihr Spitzname: „Minnesota“. Das wilde New York lockt, und sie, die Schriftstellerin werden will, genießt den Schmutz wie den Glanz, das turbulente Leben wie die Einsamkeit.
Alles Neue saugt sie begierig in sich auf. So auch, durch die papierdünnen Wände zur Nachbarwohnung, die oft skurrilen Monologe und gesungenen Mantras ihrer Nachbarin: Lucy Brite, liest sie auf dem Klingelschild.
Doch mit der Zeit wünscht sie, sie hätte nicht so genau hingehört. Immer dringlicher werden Lucys Gesänge, immer klagender. Von Misshandlung ist die Rede, von Gefangenschaft, von Kindstod, ja von Mord. Nach und nach wird die Nachbarin zu einer immer schrecklicheren Obsession. Bis eines Nachts ein dramatisches Ereignis in Minnesotas Wohnung Lucy Brite in Person auf den Plan ruft – und nun beginnt ein Geheimnis sich zu lüften…
Vierzig Jahre später erzählt die gealterte S.H., inzwischen eine anerkannte Schriftstellerin und Wissenschaftlerin, was davor und danach geschah: erzählt von Frauensolidarität und Männerwahn, von Liebe und Geschlechterkampf, von Gewalt und Versöhnung. Erzählt aber auch vom Mysterium der Zeit, von Erinnerung und Phantasie, von der Art und Weise, wie alles im Leben zu Geschichten wird, erzählt vom Erzählen. Und das mit einer Kolumbien 1948: Der liberale Politiker Jorge Eliécer Gaitán wird in Bogotá auf offener Straße ermordet. Sein Tod stürzt Kolumbien in die tiefste Krise seiner Geschichte. Jahrzehnte später wird ein Mann verhaftet, als er versucht, den Anzug Gaitáns aus einem Museum zu stehlen. Überzeugt von einer Verschwörung und besessen von der Suche nach der Wahrheit hinter der Ermordung Gaitáns bedrängt er auch den Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez. Hängt das Attentat auf Gaitán mit dem auf John F. Kennedy zusammen? Und welche Verbindung gibt es zu den Attentaten auf Erzherzog Ferdinand in Sarajevo und Rafael Uribe Uribe in Kolumbien?
Die Gestalt der Ruinen deckt ein komplexes Geflecht von Anhängern und Gegnern der Demokratie auf und fragt nach dem Spielraum der Literatur zwischen Investigation und Skepsis. In seinem schonungslosen Roman verknüpft Juan Gabriel Vásquez die leidenschaftliche Erforschung all dessen, was unsere Freiheit gefährdet, mit klugen autobiografischen Reflexionen: Geschichte und Politik spiegeln sich im eigenen Leben und Schreiben.unbändigen Lust daran, die uns wünschen lässt, das Buch wäre nie zu Ende.

 

Schöffling

07. August 2018

Maike Wetzel - Elly
Maike Wetzel – Elly

Elly ist weg. Eines Tages verschwindet die Elfjährige spurlos aus dem Leben ihrer Familie. Die Eltern und Ellys ältere Schwester bleiben zurück und versuchen trotz des Verlustes weiterzumachen. Doch die drei können nicht loslassen, Elly bleibt allgegenwärtig, in Gedanken, Taten und Schuldgefühlen. Jeder spielt den Tag, nach dem nichts mehr war wie zuvor, unablässig im Kopf durch. Die Suche nach Elly hört nicht auf, alle Beteiligten schaffen sich ihren eigenen Ersatz für das Verlorene.
Elly erzählt eine eindringliche und berührende Geschichte über den Sog von Trauer und Hoffnung – darüber, wie eine Familie durch das Verschwinden der Tochter jegliche Gewissheiten verliert. Maike Wetzels Roman besticht durch seine fesselnde Atmosphäre und sprachliche Brillanz. So entsteht das facettenreiche Bild einer Familie, deren Sehnsucht nach dem Verlorenen die Wirklichkeit verdrängt.

18. September 2018

Juan Gabriel Vásquez - Die Gestalt der Ruin
Juan Gabriel Vásquez – Die Gestalt der Ruin

Kolumbien 1948: Der liberale Politiker Jorge Eliécer Gaitán wird in Bogotá auf offener Straße ermordet. Sein Tod stürzt Kolumbien in die tiefste Krise seiner Geschichte. Jahrzehnte später wird ein Mann verhaftet, als er versucht, den Anzug Gaitáns aus einem Museum zu stehlen. Überzeugt von einer Verschwörung und besessen von der Suche nach der Wahrheit hinter der Ermordung Gaitáns bedrängt er auch den Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez. Hängt das Attentat auf Gaitán mit dem auf John F. Kennedy zusammen? Und welche Verbindung gibt es zu den Attentaten auf Erzherzog Ferdinand in Sarajevo und Rafael Uribe Uribe in Kolumbien?
Die Gestalt der Ruinen deckt ein komplexes Geflecht von Anhängern und Gegnern der Demokratie auf und fragt nach dem Spielraum der Literatur zwischen Investigation und Skepsis. In seinem schonungslosen Roman verknüpft Juan Gabriel Vásquez die leidenschaftliche Erforschung all dessen, was unsere Freiheit gefährdet, mit klugen autobiografischen Reflexionen: Geschichte und Politik spiegeln sich im eigenen Leben und Schreiben.

 

Suhrkamp

10. September 2018

Stephan Thome - Gott der Barbaren
Stephan Thome – Gott der Barbaren

China, Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine christliche Aufstandsbewegung überzieht das Kaiserreich mit Terror und Zerstörung. Ein junger deutscher Missionar, der bei der Modernisierung des riesigen Reiches helfen will, reist voller Idealismus nach Nanking, um sich ein Bild von der Rebellion zu machen. Dabei gerät er zwischen die Fronten eines Krieges, in dem er am Ende alles zu verlieren droht, was ihm wichtig ist. An den Brennpunkten des Konflikts – in Hongkong, Shanghai, Peking – begegnen wir einem Ensemble so zerrissener wie faszinierender Persönlichkeiten: darunter der britische Sonderbotschafter, der seine inneren Abgründe erst erkennt, als er ihnen nicht mehr entgehen kann, und ein zum Kriegsherrn berufener chinesischer Gelehrter, der so mächtig wird, dass selbst der Kaiser ihn fürchten muss.

 

02. Oktober 2018

D
Elena Ferrante – Lästige Liebe

Dreimal ruft sie an, sie klingt überdreht und verstört, und eigentlich sollte sie im Zug nach Rom sitzen, unterwegs zu Delia, ihrer Tochter. Wenig später wird ihre halbnackte Leiche an Land gespült. Zur Beerdigung kehrt Delia nach Neapel zurück, in die erstickende, chaotische Heimatstadt, in ihre verhasste Vergangenheit. Und sie bleibt, denn sie muss die Wahrheit wissen: Warum starb ihre Mutter? Und welche Rolle spielt Caserta, ein ehemaliger Freund ihres gewalttätigen Vaters, der plötzlich wieder auftaucht? Er jedenfalls scheint der Letzte zu sein, der die Mutter lebend gesehen hat. Zunehmend verzweifelt läuft Delia durch die Gassen der Stadt und entwirrt Erinnerungen, die sie lange unterdrückt hatte. Noch ahnt sie nicht, wie schutzlos sie sein wird, gegen das schreckliche Geheimnis ihrer eigenen Kindheit …

Tropen

 

Ullstein

07. September 2018

Lukas Rietzschel - Mit der Faust in die Welt schlagen
Lukas Rietzschel – Mit der Faust in die Welt schlagen

Philipp und Tobias wachsen in der Provinz Sachsens auf. Im Sommer flirrt hier die Luft über den Betonplatten, im Winter bricht der Frost die Straßen auf. Der Hausbau der Eltern scheint der Aufbruch in ein neues Leben zu sein. Doch hinter den Bäumen liegen vergessen die industriellen Hinterlassenschaften der DDR, schimmert die Oberfläche der Tagebauseen, hinter der Gleichförmigkeit des Alltags schwelt die Angst vor dem Verlust der Heimat. Die Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als es zu Aufmärschen in Dresden kommt und auch ihr Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation. Während sich der eine Bruder in sich selbst zurückzieht, sucht der andere ein Ventil für seine Wut. Und findet es. Lukas Rietzschels Roman ist eine Chronik des Zusammenbruchs. Eine hochaktuelle literarische  Auseinandersetzung mit unserem zerrissenen Land.

 

Archil Kikodze - Der Südelefant
Archil Kikodze – Der Südelefant

Weil ein alter Freund die Wohnung des Erzählers braucht, um sich dort heimlich mit einer Frau zu treffen, wird dieser für einen Tag obdachlos. Er zieht durch die Straßen und Cafés seiner Heimatstadt Tiflis, lässt sich treiben, folgt seiner Eingebung, und dort, in den Parks und am Flussufer, zwischen anonymen Passanten und bei alten Freunden, denen er begegnet, kommen in ihm Erinnerungen hoch an vergangene Zeiten. Er denkt an die Kindheit und das frühe Erwachsenwerden, die Zeit der Sowjetdiktatur und die überschwängliche Anarchie des noch jungen unabhängigen Staates, an den Ossetienkrieg und seine Folgen. Und auch an seinen Vater, überhaupt an die Männer der vorigen Generation und wie schwer die sich tun, mit den neuen Verhältnissen, mit ihren Söhnen. Und er denkt an sein eigenes Kind und seine Rolle als Vater. An dieses Kind richtet er seinen langen Monolog, gehalten während der Dauer eines Tages, in dem nicht zuletzt Tiflis eine tragende Rolle spielt.

Unionsverlag

Wagenbach

Der große Roman der römischen Autorin Francesca Melandri: eine Familiengeschichte, ein Porträt Italiens im 20. Jahrhundert, eine Geschichte des Kolonialismus und seiner langen Schatten, die bis in die Gegenwart reichen. Kennen Sie Ihren Vater? Wissen Sie, wer er wirklich ist? Kennen Sie seine Vergangenheit? Die vierzigjährige Lehrerin Ilaria hätte diese Fragen wohl mit »ja« beantwortet, und auch ihre Angehörigen glaubte sie zu kennen – bis eines Tages ein junger Afrikaner auf dem Treppenabsatz vor ihrer Wohnung in Rom sitzt und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. In seinem Ausweis steht: Attilio Profeti, das ist der Name ihres Vaters … Der aber ist zu alt, um noch Auskunft zu geben. Hier beginnt Ilarias Entdeckungsreise, von hier aus entfaltet Francesca Melandri eine schier unglaubliche Familiengeschichte über drei Generationen und ein schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft. Und sie holt die bisher verdrängte italienische Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts in die Literatur: die Verbindungen Italiens nach Äthiopien und Eritrea bis hin zu den gegenwärtigen politischen Konflikten verknüpft Melandri mit dem Schicksal der heutigen Geflüchteten – und stellt die Schlüsselfragen unserer Zeit: Was bedeutet es, zufällig im »richtigen« Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?

Wallstein

 

Beitragsbild via Pixabay

 

 

 

 

 

Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Von ganz weit oben hinab in die tiefsten Niederungen geht nicht nur der Blick auf dem Cover von Alexander Schimmelbuschs Roman „Hochdeutschland“. Hier ist es der Blick auf eine bewaldete Hügellandschaft nach dem Bild „Der Morgen“ des romantischen Malers Caspar David Friedrich.

Auch von der Anhöhe im hessischen Falkenstein, einem Stadtteil von Königstein im Hochtaunus, wo neben den Gemeinden rund um den Starnberger See die höchsten Einkommen zu finden sind und diejenigen wohnen, die im nahen Frankfurt viel oder sehr viel Geld verdienen, schaut man auf bewaldete Landschaften hinab. Genauso geht aber auch der Blick weiter bis auf die Skyline von Mainhattan mit ihren Bankentürmen. Hier wohnt in einer Villa Victor, der Protagonist des Romans.

Nach dem Studium an ausländischen Eliteuniversitäten als Investmentbanker zu Geld gekommen, ist dieser nun Miteigner einer kleinen Privatbank, die hauptsächlich im M&P Geschäft tätig ist. Mergers & Acquisitions (M&A) ist ein Sammelbegriff für Transaktionen im Unternehmensbereich wie Fusionen, Unternehmenskäufe, Betriebsübergänge, fremdfinanzierte Übernahmen. Also für all diese für den Normalsterblichen undurchschaubaren und leicht anrüchigen Geschäfte, die das ganz große Geld bringen. So bewegt sich auch Victors Jahresverdienst bei geschätzt 30 Millionen Euro, sein Vermögen dürfte das Zehnfache betragen. Glücklich ist er dabei aber, das ist für einen Roman vorhersehbar, eher nicht. Von der Mutter seiner vergötterten Tochter Victoria lebt er schon länger getrennt, mit der Nachbarin hat er eine eher lieblose heimliche Affäre und ansonsten lässt er sich im Spa-Bereich gerne mal über das normale Maß hinaus „verwöhnen“. Von seinen Angestellten spricht er bevorzugt als von „Galeerensklaven“, die Tag für Tag auf dem Galeerendeck schuften. Neben seinem ausgeprägten Zynismus ist ihm noch ein gehöriger Ennui eigen, diese große, allgemeine Langweile, verbunden mit einer guten Portion Verachtung für Umwelt und Mitmenschen. Dabei sieht er seine persönliche Situation durchaus kritisch, spricht sogar von „nicht zu rechtfertigenden Privilegien“. Ein Kritiker nannte das ganz zutreffend „reflektierte moralische Verkommenheit“. Denn auch wenn er konstatiert, dass viel mehr der reine Zufall über einen Lebensweg entscheidet als jedes selbstbestimmte Handeln,

„Sein eigenes Glück schmieden – was für ein verlogenes Bild. Man konnte sich unter Druck setzen, sich dazu zwingen, in seinem spezifischen Wettbewerb zu den Siegern zu gehören. Aber es kam immer darauf an, von wo man ins Rennen ging und in welches Rennen.“

nimmt er doch ohne mit der Wimper zu zucken jede Annehmlichkeit in Anspruch, fegt andere Verkehrsteilnehmer mit seinem Porsche Shere Khan von der Überholspur, ordert auch mal eine Flasche Wein für 2400 Euro und schaut auf den „Normalbürger“ mit einer riesigen Arroganz herab, auf jene „Befehlsempfänger“,

„(…) lebenslängliche Untertanen, deren Vorgabe es war, die Wirklichkeit in Zahlen zu übersetzen, um sich mit der daraus resultierenden Finanzkraft von sich selbst ablenken zu können.“

„(die ihr) Dasein der Mitwirkung an einer fortwährenden finanziellen Umschichtung widmen müssen.“

Porsche  by Victor Rivera (CC BY 2.0) via Flickr

Und dennoch regen sich in ihm Ideen, die in eine scheinbar ganz andere Richtung gehen, und die sich in der Niederschrift eines „Manifests“ niederschlagen, einem „Manifest“ zugunsten Deutschlands.

„Ein radikales Projekt war vonnöten, so dachte Victor, um das deutsche Volk zu einen. Es würde darum gehen müssen, die nationalen Ressourcen in ein kognitives Upgrade der Mehrheit umzuleiten, um das Land vor seiner drohenden Irrelevanz zu bewahren.“

Weg vom Privatisierungstrend soll es gehen, besonders die so wichtige Infrastruktur soll wieder in die Hände des Staates gelangen. So handelt er einen „Deal“ mit dem Finanzminister aus, der ein erster Schritt in diese Richtung sein soll, die Verstaatlichung eines Pumpspeicherkraftwerks am Schluchsee, der noch viele weitere folgen sollen. Weitere Programmpunkte des Manifests sind der breite Ausbau des Sozialstaats, die Einführung einer Reichensteuer und vor allem die „Obergrenze“. Ab einem Vermögen von 25 Millionen Euro soll das Geld in einen Fond fließen, die GINA (German Investment Authority). Mit Hilfe dieses Fonds soll Deutschland international vor allem gegenüber den USA, China und den arabischen Staaten konkurrenzfähig bleiben und vor allem auch wieder ausreichend investieren können. Die Leserin ertappt sich sehr bald dabei, dass sie zustimmend nickt, viele der Gedanken gut heißt, die dieser Unsympath da äußert, über Inkorrektes zunehmend hinwegsieht, ja sogar amüsiert ist. Und tatsächlich

„Ließ ein derartiges Misstrauen in das Gemeinwesen nicht eineundemokratische, ja, asoziale Gesinnung erahnen?“

Auch bei Ali Osman, einem alten Studienfreund Victors, Nachkomme eines Dönerimperiums (nicht nur hier wird auch gerne mal die eine oder andere Sterotype herangezogen) und bisheriger Bundestagsabgeordneter der Grünen, trifft das Manifest auf große Begeisterung. Es ist 2017, die Bundestagswahl steht bevor und Osman gründet basierend auf Victors Programm eine neue Partei, die „Deutschland-AG“. Eigene Ideen werden beigemischt, ein wenig Islam- und Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel, und das Ganze zu einer populistischen Mischung zusammengerührt. Die Leserin fühlt sich nun schon ein wenig ungemütlicher, aber auch jetzt kann sie etlichen Standpunkten die Zustimmung nicht versagen. Ertappt!

Wahlen  CC0 via Pixabay

Der Wahlausgang wird nicht verwundern. Die Deutschland-AG siegt, Osman wird Bundeskanzler und Victor sein neuer Superminister.

Alexander Schimmelbusch schreibt mit „Hochdeutschland“ einen ungeheuer klugen, intellektuell anregenden und pointiert formulierten Roman. Aktuell, böse, witzig und satirisch nimmt er den modernen neoliberalen Kapitalismus und populistische Politik ins Visier, den

„Neoliberalismus im umgangssprachlichen Sinne, also auf die radikale Heilslehre von der Entsolidarisierung, die in den letzten zwei Jahrzehnten lustvoll einen tiefen Keil in die Gesellschaften des Westens getrieben hatte.“

Wie viel davon nur ironisch gemeint ist, wie viel Standpunkt des Autors, der viele Eckdaten, besonders Ausbildungs- und Berufskarriere mit Victor gemein hat, darüber kann die Leserin nur spekulieren.

So manches Lachen blieb ihr im Hals stecken. Wie schnell populistische Verführung, geschickt verpackt, verfangen kann, wird zumindest recht schnell deutlich. Linke und rechte Gedanken werden hier so heftig miteinander verquirlt, dass einen schwindelt. Das gleicht manchmal ein wenig einem politisch-gesellschaftlichen Essay, dem Manifest, das Victor verfasst. Auch bleiben die Nebenfiguren recht blass und stereotyp. Insgesamt ist „Hochdeutschland“ aber sehr erhellend, anregend und macht auch einfach Spaß.

Im letzten Abschnitt allerdings geht es mit Alexander Schimmelbuschs Fabulier- und Imaginationslust für meinen Geschmack ein wenig zu sehr durch. Er ist 15 Jahre später angesiedelt, führt in eine leicht dystopische Zukunft und wartet mit der einen oder anderen Albernheit auf. Damit nimmt er sich selbst ein wenig die Brisanz und Dringlichkeit seiner Beobachtungen und Analysen. Das ist schade.

Beitragsbild by Thomas Wolf (Der Wolf im Wald) (CC BY 3.0) via Wikimedia Commons

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Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland

Klett-Cotta Verlag  Mai 2018, 214 Seiten, gebunden, € 20,00

Virginia Reeves – Ein anderes Leben als dieses

Alabama in den Zwanziger Jahren. Die Südstaaten der USA vollziehen seit 1896 eine strenge Form der Rassentrennung gemäß dem Grundsatz „Separate but equal“ (getrennt aber gleich), den das Bundesgericht legitimiert hatte. Für viele bedeutet das eine „zweite Sklaverei“ nach der Befreiung durch den Bürgerkrieg 1865. Und sie sollte andauern bis 1954. Aber auch danach änderten sich gerade in Alabama die Zustände nur zögerlich, wurde 1956 der ersten afroamerikanischen Studentin, Autherine Lucy, der Zugang zur Universität verwehrt, jeder kennt den Fall von Rosa Parks, die noch 1956 verhaftet wurde, weil sie einem weißen Fahrgast nicht ihren Sitzplatz überlassen wollte und auch heute sind die USA noch von einer wahren Gleichbehandlung aller Bürger weit entfernt.

Auf der Farm von Roscoe Martin und seiner Frau Marie lebt zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auch eine schwarze Familie, die von Wilson und Moa. Schon Maries verstorbener Vater, von dem sie das Land geerbt haben, hatte mit ihnen ein eher freundschaftliches Verhältnis, Moa war für die kleine Marie nach dem frühen Tod der Mutter die Hauptbezugsperson. Und auch Roscoe, der eigentlich viel lieber in seinem Beruf als Elektriker arbeiten und in der Stadt leben würde, verlässt sich bei vielen Arbeiten auf Wilson. Die Farm ist ihm ein Graus und ein Bürde.

Eines Tages hat er die Idee, sein Haus und damit auch die Dreschmaschine illegal zu elektrifizieren und an die Leitungen der Alabama Power anzuschließen. Eine Arbeit, die ihn nicht nur beflügelt, sondern auch der Farm sehr zugute kommt. Eine Zeitlang läuft alles blendend, die Umsätze steigen und auch die angeschlagene Ehe und das Verhältnis zu seinem Sohn Gerald entwickeln sich positiv.

Da geschieht ein schrecklicher Unfall und ein Arbeiter der Elektrizitätswerke stirbt an den illegalen Leitungen. Wir erfahren dies bereits im ersten Satz.

„Die Transformatoren, die eines Tages George Haskin töten würden, befanden sich auf einem hohen Mast etwas zehn Meter vom nordöstlichen Teil der Farm entfernt, auf der Roscoe T. Martin mit seiner Familie lebte.“

Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Ein Unglück, das alles verändert. Roscoe wird verhaftet und zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Wilson, der trotz der Unschuldsbeteuerungen Roscoes gleich mit verhaftet wird, ergeht es noch schlimmer. Schwarze Gefangene wurden in Alabama regelmäßig als Leiharbeiter an Kohlebergwerke geschickt. Dort waren die Arbeits- und Lebensbedingungen so hart, dass viele nicht überlebten.

A southern chain gang  [Public domain], via Wikimedia Commons
Die folgenden schrecklichen Jahre im Gefängnis, die Schuld, die Roscoe niederdrückt, die unbarmherzige Verurteilung durch seine Frau Marie, die jeden Kontakt zu ihrem inhaftierten Mann ablehnt, die kleinen Freuden, die beispielsweise die Tätigkeit in der Gefängnisbücherei bereitet, werden alternierend von Roscoe selbst und einem Erzähler in der dritten Person geschildert. Dabei liegt der Fokus stark auf dem Inhaftierten, selten schwenkt er zu Marie oder Wilsons Familie.

Neben einem eindrücklichen Roman über die Verhältnisse in den Gefängnissen zur damaligen Zeit, die Rechtsprechung und die Ungleichbehandlung von Schwarzen und Weißen vor Gericht, zeichnet das Buch ein Gesellschaftsporträt Alabamas und der Südstaaten, mit ihrem Rassismus und ihrer ländlichen Prägung. Virginia Reeves macht das schnörkellos und eindringlich und stand mit dem Buch 2016 auf der Longlist des Man Booker Prize. Die Figuren des Roscoe, seiner Mitinsassen im Gefängnis, von Wilson und seiner Familie gelingen ihr ausgesprochen gut. Die Schilderung seines Kampfes mit Schuld und Verantwortung, seine Selbstzweifel, sein Hoffen und Verzagen, aber auch sein Wegducken und sich Anpassen werden sehr einfühlsam geschildert.

„Ein Vogel zwitscherte, ein eigentümlicher, hoher Gesang. Ich hätte wissen müssen, was es für einer war. Ich konnte alle Pflanzen um mich herum benennen, die Bäume und Sträucher, Blumen und Gräser. Ich konnte Masten aufstellen und ein verlassenes Haus verkabeln. Ich konnte ein Dach abdecken und inmitten von jahrealter Fäulnis stehen, sie trocknen, damit ich sie verbrennen konnte. Aber ich wusste nicht, ob ich meinem Sohn ain Vater sein konnte.“

Dabei bleiben alle Protagonisten ambivalent und authentisch. Lediglich Marie mit ihrem unbeugsamen Zorn und ihrer bitteren Unnachgiebigkeit hat sich mir nicht wirklich erschlossen. Das ist aber nur ein kleiner Einwand gegen dieses ansonsten sehr gelungene Debüt.

Beitragsbild: U.S. Department of Agriculture Public Domain via Flickr

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Virginia Reeves EIN ANDERES LEBEN.

Virginia Reeves – Ein anderes Leben als dieses

Originaltitel: Work like any other

Übersetzung: Simone Jakob, Hannes Meyer

Dumont April 2018, 320 Seiten, gebunden,  € 23,00