Lektüre September 2018

Und schon wieder bin ich viel zu spät dran mit meinem Monatsüberblick.

Der September stand im Zeichen des Deutschen Buchpreises, der am Montag, den 8. Oktober in Frankfurt an Inger-Maria Mahlke verliehen wurde.

Vier Titel der Shortlist habe ich diesen Monat gelesen (einen weiteren zumindest angelesen). Drei ziemlich dickleibige Bücher waren darunter, dazu kam noch ein weiteres seitenstarkes Werk. Bis auf eines, das mich geradezu verärgert hat, gerade auch weil es bis zur Shortlist vorgedrungen ist, war es eine sehr bereichernde, großartige Lektüre. „Lektüre September 2018“ weiterlesen

Juan Gabriel Vásquez – Die Gestalt der Ruinen

„Zum letzten Mal hatte ich Carlos Carballo gesehen, als er gerade in einen Polizeiwagen kletterte, die Hände in Handschellen auf dem Rücken, den Kopf eingezogen; am Bildschirmrand gab eine Textzeile Auskunft über die Gründe seiner Verhaftung: Er hatte versucht, den Anzug eines ermordeten Politikers zu stehlen.“

„Ich kann nicht behaupten, dass ich ihn gekannt hätte, aber wir waren so vertraut miteinander, wie es nur die sein können, die einander täuschen wollten.“

Die Begegnung mit Carlos Carballo lässt den Ich-Erzähler tief in die politische Vergangenheit eintauchen, wird seine Arbeit als Schriftsteller über Jahre bestimmen und führt letztendlich zu dem vorliegenden Buch. Juan Gabriel Vásquez ist Ich-Erzähler des Romans „Die Gestalt der Ruinen“ und gleichsam sein Autor – was wirklich autobiografisch und was Fiktion ist, kann der Leser nur mutmaßen. In einer „Anmerkung des Autors“ betont dieser allerdings, dass es sich um ein „fiktives Werk“ handelt.

„Der Leser, der in diesem Buch Übereinstimmungen mit dem realen Leben sucht, tut dies auf eigene Verantwortung.“

Dabei sind die historischen Ereignisse, von denen erzählt wird, gut dokumentiert und alles andere als fiktiv. „Juan Gabriel Vásquez – Die Gestalt der Ruinen“ weiterlesen

Frankfurter Buchmesse 2018 3.Tag

Der letzte Fachbesuchertag ging heute zu Ende. Bevor sich morgen die Menschenmassen durch die Hallen wälzen, bekam man heute schon einen kleinen Vorgeschmack: gefühlt doppelt so viele Besucher als an den vergangenen beiden Tagen. Dennoch ein wunderbarer Tag, lediglich meine Kamerabatterie gab gegen Mittag bereits ihren Geist auf (sehr professionell), ihr merkt es an der schlechten Qualität einiger Bilder.

Trotzdem – hier die Eindrücke vom Messefreitag:

 

Frankfurter Buchmesse 2018 – 2. Tag

Auf den Messen verfliegt die Zeit so schnell, auch Tag 2 war randvoll mit Terminen, Eindrücken, wunderbaren Begegnungen und natürlich Büchern, Autoren, Literatur.

Hier Impressionen vom Messedonnerstag.

 

Frankfurter Buchmesse 2018 – 1.Tag

Ein langer Buchmessentag geht nun zu Ende. Und natürlich: schön wars!

Hier einige Eindrücke:

Frankfurter Buchmesse 2018 – Pressekonferenz mit Chimamanda Ngozi Adichie und ein erster Blick in den Ehrengastpavillon

Die Frankfurter Buchmesse, die heute Abend feierlich eröffnet wird, bat am Vormittag die Presse zu einer Konferenz mit dem Direktor der Messe, Jürgen Boos und dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller.

Star der Veranstaltung war aber natürlich die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie. Die 1977 geborene Schriftstellerin, die heute teils in Nigeria, teils in den USA lebt, ist bekannt durch ihre Romane „Purple Hibiscus“ und „Americanah“, in dem sie von den Erfahrungen junger Nigerianer in der Zerrissenheit zwischen Afrika und den USA erzählt und der von der 2015 von der BBC-Auswahl der besten 20 Romane von 2000 bis 2014 zu einem der bislang bedeutendsten Werke dieses Jahrhunderts gewählt wurde.

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And the winner is … Der Deutsche Buchpreis 2018 geht an Inger-Maria Mahlke – Archipel

Das Rätseln, Mitfiebern, Daumendrücken hat ein Ende. Die Jury hat entschieden.

Aus zwanzig Titeln der Longlist, aus sechs Romanen, die es auf die Shortlist geschafft hatten, wählten die sieben Juroren Inger-Maria Mahlke – Archipel. „And the winner is … Der Deutsche Buchpreis 2018 geht an Inger-Maria Mahlke – Archipel“ weiterlesen

Inger-Maria Mahlke – Archipel

Das Archipel der Kanaren ist ein Ort im Abseits. Die sieben Hauptinseln liegen zwischen 100 und 500 Kilometer vor der Küste Nordwestafrikas, zu dem sie geologisch gehören, sind aber als eine von 17 Autonomen Gemeinschaften Teil des fast 1500 Kilometer entfernten Mutterlandes Spanien. So ein Blick vom Rand ermöglicht manchmal einen genaueren, präziseren Blick.

Diesen Blick hat die 1977 in Hamburg geborene Inger-Maria Mahlke auch als deutsche Schriftstellerin, wenn sie auf die Geschichte Teneriffas, der größten und bevölkerungsreichsten der Inseln, blickt. Dennoch ist es nicht der Blick der Zugereisten, gar der Touristin, denn Mahlke hat kanarische Wurzeln. Ihre Mutter stammt aus der geschichtsträchtigen ehemaligen Inselhauptstadt San Cristóbal de La Laguna, wo auch die Geschichte um mehrere Familien in „Archipel“ angesiedelt ist. Sie führt uns durch fast einhundert Jahre Inselhistorie, die immer auch spanische und letztlich europäische Historie ist. Ein im deutschsprachigen Roman eher abseitiges Thema, das aber so spannend dargebracht wird, dass es die Autorin damit auf die Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreis geschafft hat, der am Montag verliehen wird. „Inger-Maria Mahlke – Archipel“ weiterlesen

Maxim Biller – Sechs Koffer

Kann man einen Text völlig losgelöst von seinem Autor lesen, sobald man diesen kennt, sei es durch eigene Begegnungen beispielsweise auf Lesungen, sei es durch Medienpräsenz, durch Interviews, Kolumnen? Vielleicht sollte man das können, mir gelingt es meist nicht.

Und so sitzt bei der Lektüre des schmalen Romans „Sechs Koffer“ sein Verfasser, der spätestens durch seine pointierte Beteiligung am „Literarischen Quartett“, aber auch durch etliche Beiträge im Feuilleton bekannte Maxim Biller, neben mir auf dem Sofa, sein charakteristisches Lächeln auf dem Gesicht und schaut mir über die Schulter. „Nun“, scheint er mich zu fragen, „was sagt ihr jetzt?“ Denn nach den fast überall negativen Besprechungen, die sein 900 Seiten starker Roman „Biografie“ vor zwei Jahren erhielt, legt der brillante Maxim Biller mit „Sechs Koffer“ einen diametralen Text vor. Vielleicht gar ein wenig trotzig, denn die Kritik an seinem „Opus magnum“ hat sicher geschmerzt. Und siehe da: die Herzen von Kritik und Lesern fliegen diesem schmalen Buch zu, es erreicht sogleich die Shortlist des Deutschen Buchpreis und hat gar nicht so schlechte Chancen auf den Gewinn.

Es sind dieselben Themen, die Maxim Biller zumeist umtreiben, es ist die fiktionalisierte eigene Familie und ihr tragisches Schicksal im 20. Jahrhundert, in den Grauen und Wirren des Krieges und der Nachkriegszeit, es ist vor allem immer wieder das Jüdischsein, das Gefühl des Ausgestoßenseins, die Erfahrung von Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit, um die sich der Roman dreht. Im Gegensatz zu vielen Texten Billers kommt „Sechs Koffer“ aber auf leisen Füßen daher, wehmütig, fast zärtlich, ein wenig unscharf. Wenig Provokation, wenig Schrilles, wenig Sex. Am ehesten kommt der „alte“ Biller noch bei etlichen Personenbeschreibungen hervor, da hat der eine einen „bösen, verklemmten Antisemitenblick“, stecken die Deutschen in „hässlichen, grauen, sackartigen Mänteln“ und ein anderer besitzt ein „unfreundliches, kleines Osteuropäergesicht“. Ich muss zugeben, dass ich solche boshaften, verallgemeinernden Charakterisierungen nicht besonders mag.

Vordergründig geht es also um die Familie Biller, die Namen stimmen überein, die Lebenseckdaten ebenso. Und doch weist nicht nur die Gattungsbezeichnung „Roman“ darauf hin, dass man sich über den Wahrheitsgehalt des Erzählten nicht so sicher sein darf. Die Verunsicherung des Lesers kommt sicher zum großen Teil auch von der Unschärfe des Erzählten. Denn die große Frage, die den Erzähler Maxim Biller umtreibt, ist die nach dem ungeklärten Schicksal des Großvaters väterlicherseits, und sie bleibt weitestgehend unbeantwortet. Dieser Schmil Gregorewitsch ist 1960 im stalinistischen Moskau hingerichtet worden. Am Flughafen wurde er mit Westgeld erwischt – er war auf dem Weg nach Tschechien, wohin sein Sohn Semjon, der Vater Maxims, mit der Familie vor den schlimmsten Repressionen geflohen war -, um dem Enkel ein Auto zu kaufen, so die Familienlegende. Schmil war zuvor schon in etliche nicht ganz saubere Schwarzmarktgeschäfte verwickelt. Er ist eine Figur, die derart perfekt in die antisemitischen Schablonen vom schlitzohrigen, vom Geld besessenen, schlauen Juden, der sich mit Tricksereien und Betrügereien eine goldene Nase verdient, passt, dass Maxim Biller diese Figur jedem anderen Autoren um die Ohren gehauen hätte. Er selbst kokettiert gerne mit solchen Stereotypen. Auch das etwas, das ich nicht mag.

Koffer by By Markus G. Klötzer [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons
Woher wussten nun die Beamten am Moskauer Flughafen von dem Westgeld und den verbotenen Umtrieben des Großvaters, des „Taten“? Darum kreist der Roman, davon ist schon der kleine Maxim besessen. Ist es einer der drei Onkel? Ganz oben auf der Liste der Verdächtigen steht für ihn dabei Dima, der nach einem gescheiterten Fluchtversuch in den Westen für fünf Jahre im Gefängnis saß, bevor er in die Schweiz ausreisen durfte. Hat er in der Haft geplaudert? Oder war es seine schillernde Ehefrau, die Filmemacherin Natalja Gelerntner (die zwar laut Buch zusammen mit Louis Malle einen Filmpreis erhalten haben soll, über die aber im Internet nichts zu finden ist). Sie hatte stets ein angespanntes Verhältnis zur Familie. Oder war es einer der anderen beiden Brüder, etwa Lev, der lange für die Kommunisten als falscher Außenhandelsattaché in Westberlin tätig war, bevor er sich nach Zürich absetzte, und der lange kein Wort mehr mit der Familie wechselte? Oder der völlig farblos bleibende Wladimir, schon geraume Zeit nach Brasilien ausgewandert? Oder sogar die eigenen Eltern, der Übersetzer Semjon, die launische Rada, die nach der Station in Prag 1970 nach Hamburg emigrierten?

Nichts ist gewiss in diesem Roman. Ich-Erzähler ist Maxim, aber seine Stimme ist nicht die einzige, sondern Biller spielt mit den Erzählperspektiven, wechselt die Ich- mit verschiedenen Personalperspektiven der Familienmitglieder, zeigt unterschiedliche Blickwinkel. Dennoch werden die Figuren nicht plastischer, ist eine gewisse Halbdistanz beabsichtigt, weicht Biller nicht nur einer Identifizierung durch den Leser, sondern jeder Festlegung aus. Der Leser wird zudem mit ständig widersprüchlichen Informationen versorgt. Das mag einmal die Farbe des Kühlschranks, einmal das Wetter am Beerdigungstag oder einmal der Bezugsstoff des neuen Sofas sein, der einmal als kratzig und einmal als herrlich weich bezeichnet wird. Und so geht es auch mit der Charakterisierung der Personen. Der Leser kann sich niemals sicher sein.

Das ist sehr gut gemacht und passt perfekt zu der bis zuletzt ungeklärten Frage, wer denn nun den Taten verraten und damit umgebracht hat. Nur dass es wohl einer aus der Familie gewesen sein muss, steht von Anfang an fest. Nur warum eigentlich? Weil diese Familie völlig kaputt ist? Weil ihr jeder Verrat zuzutrauen ist? Weil in ihr eine unglaubliche Kälte zu herrschen scheint? Biller bleibt die Antwort darauf schuldig. Lediglich zu seiner Schwester Jelena scheint eine tiefere Beziehung zu bestehen. Die anderen sechs Koffer bleiben verschlossen, das Gepäck, das mit ihnen herumgetragen wird, undeutlich. Der Schluss des Buches ist genial und versöhnt mich mit einigen Kritikpunkten, die ich zuvor hatte, ließ mich das Buch gerade wegen seiner völligen Offenheit zufrieden zuschlagen. Da sitzt Jelena, die wie in der Realität über ihre Familie und den Tod des Großvaters ein Buch verfasst hat, in einer Talkshow, die Moderatorin fragt zum wiederholten Mal, wer denn nun, ihrer Meinung nach wirklich schuld am Tod des Großvaters ist.

„Das geht niemanden etwas an. Das verstehen sie doch, oder?“ „Nein, das verstehe ich eigentlich nicht“, sagte die Moderatorin höflich und plötzlich sehr streng, und dann erzählte ihr Jelena, wie es wirklich gewesen ist.“

Davor erzählt Maxim Biller melancholisch, bisweilen auch witzig, hin und wieder auf nicht ganz schöne Art boshaft, von einer seltsam zerstörten Familie, von Verrat, von der Unmöglichkeit absoluter Wahrheit, auch von Vertrauen und einer Last, die man einfach nicht loswird.

Die Sprache ist schlicht, aber der Aufbau intelligent, voller Anspielungen. Aber da sitzt er wieder, der Autor, neben mir. „Siehst du, ich kann auch so schreiben, dass ihr das alle lesen mögt“ scheint er mir, süffisant lächelnd zuzuflüstern. Und irgendwie fühle ich mich ein wenig manipuliert.

Besprochen wurde der Roman auch auf Travelwithoutmoving, Literatur leuchtet, Frau Lehmann liest und dem Leseschatz

Beitragsbild via Pixnio

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Maxim Biller – Sechs Koffer

Kiepenheuer&Witsch August 2018, 208 Seiten, Leinen, 19,00 €

 

Kamila Shamsie – Hausbrand

„Die wir lieben…sind Feinde des Staates.“

    Sophokles – Antigone

 

Schon im Motto ihres Romans „Hausbrand“ erzählt die britisch-pakistanische Autorin Kamila Shamsie eigentlich die ganze Geschichte.

„Homefire“ im Original trifft es, wie so oft genauer, denn es ist nicht das Haus, das hier brennt, sondern das Heim, die Familie, die Heimat, der Westen, Großbritannien. Und die große, klassische Geschichte, die hier neu gefasst wird, ist die der Antigone. „Kamila Shamsie – Hausbrand“ weiterlesen