Alexander Münninghoff – Der Stammhalter

Alexander Münninghoff ist ein niederländischer Journalist, der auch verschiedene Bücher veröffentlicht hat, unter anderem über Schach, in dem er eine ziemliche Koryphäe ist. Außerdem war er als Kriegsreporter unterwegs.

2014 erschien in den Niederlanden ein autobiographisches Buch, das sehr viel Beachtung und einige Preise erlangte und nun auch auf Deutsch erschienen ist. Es ist im Original „Een Familiekroniek“, im Deutschen wurde daraus der „Roman einer Familie“. Dabei trifft die Bezeichnung Chronik den nüchternen, berichtenden Ton, der sehr eng nicht nur auf Erinnerungen, sondern vor allem auch auf Zeitzeugnisse zurückgreift, recht gut. „Alexander Münninghoff – Der Stammhalter“ weiterlesen

Deutscher Buchpreis 2018 – Die Longlist

Seit heute ist sie wieder offiziell: Die Longlist mit den 20 Romanen, die zur Wahl des Deutschen Buchpreises 2018 anstehen.

Jurysitzung für den Deutschen Buchpreis 2018 beim Börsenverein am 27.3.2018 in Berlin /// Foto: ©Monique Wüstenhagen

Vom 6. Februar bis 23. März konnten Verlage Titel einreichen, 105 Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind der Einladung gefolgt und haben insgesamt 165 Titel vorgeschlagen. Eine siebenköpfige Jury, der dieses Jahr erstmals auch ein Buchblogger angehört, nämlich Uwe Kalkowski (Kaffeehaussitzer.de), hat daraus eben jene 20 Romane ausgewählt, die nun die Longlist Des Deutschen buchpreis 2018 bilden. Eine weitere „Eindampfung“ der Liste auf sechs Titel zur Shortlist wird bis zum 11. September erfolgen. Am 8. Oktober wird dann der Sieger im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse im Frankfurter Römer gekürt.

Seit dem ersten Preisträger des Deutschen Buchpreis 2005, Arno Geiger mit „Es geht uns gut“, verfolge ich den Preis und habe bis auf einen alle Siegertitel (und viele der Nominierten) gelesen. Auch wenn ich nicht immer meinen Favoriten auf dem Siegertreppchen gesehen habe, manches Mal wurden in meinen Augen großartige Bücher nicht einmal nominiert, wurde ich von den Titel so gut wie nie enttäuscht. Den einen oder anderen Autor und sein Buch habe ich so erst kennengelernt. Für mich ist der Deutsche Buchpreis von daher eine tolle Sache, auch wenn er natürlich nicht den einen, besten Roman des Jahres kürt, dafür sind die Erwartungen und Kriterien zu weit gefächert, so doch zumindest immer einen lesenswerten.

Wer noch einmal alle Preisträger quasi im Schnelldurchlauf vorgestellt bekommen möchte, der kann hier einmal schauen:

Rückblick auf die Buchpreisgewinner seit 2005 durch SWR2 Literaturchef Frank Hertweck

Wie jedes Jahr wird es auch dieses wieder in vielen Buchhandlungen Longlist-Lesehefte mit Leseproben alles Nominierten geben. Sehr zu empfehlen für alle, die sich für anspruchsvolle deutsche Literatur interessieren.

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Auch dieses Jahr begleiten die „Buchpreisblogger“ bden Preis und berichten über ihre Leseerfahrungen.

 

 

Dieses Jahr habe ich zwei der nominierten Bücher bereits gelesen und fünf weitere stehen auf meiner Leseliste – gar nicht mal eine so schlechte Ausgangslage. ;)

Und hier sind die Nominierten. Die Texte entstammen allesamt der Verlagswerbung.

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Zwei wunderbare Romane, die ich jedem ans Herz legen möchte:

 

Arno Geiger – Unter der Drachenwand

 

Arno Geiger - Unter der DrachenwandVeit Kolbe verbringt ein paar Monate am Mondsee, unter der Drachenwand, und trifft hier zwei junge Frauen. Doch Veit ist Soldat auf Urlaub, in Russland verwundet. Was Margot und Margarete mit ihm teilen, ist seine Hoffnung, dass irgendwann wieder das Leben beginnt. Es ist 1944, der Weltkrieg verloren, doch wie lang dauert er noch? Arno Geiger erzählt von Veits Alpträumen, vom „Brasilianer“, der von der Rückkehr nach Rio de Janeiro träumt, von der seltsamen Normalität in diesem Dorf in Österreich – und von der Liebe. Ein herausragender Roman über den einzelnen Menschen und die Macht der Geschichte, über das Persönlichste und den Krieg, über die Toten und die Überlebenden.

Erscheinungsdatum: 10.01.2018
Hanser Verlag, Fester Einband, 480 Seiten , ISBN 978-3-446-25812-9, € 26,00

 

Gert Loschütz – Ein schönes Paar

 

Gert Loschütz - Ein schönes PaarBeim Ausräumen seines Elternhauses stößt der Fotograf Philipp auf einen Gegenstand, der in der Geschichte seiner Eltern eine entscheidende Rolle gespielt hat. Die beiden, Herta und Georg, waren ein schönes Paar. Philipp erinnert sich an ihr junges Liebesglück, ihre Hoffnungen und Gefährdungen, an die überstürzte Flucht seines Vaters aus der DDR in den Westen. Das hätte, da ihm die Mutter und der Junge ein paar Tage später folgten, der Beginn eines erfüllten Lebens sein können, tatsächlich aber trug die Flucht den Keim des Unglücks in sich. Nach und nach geht Philipp das Paradoxe der elterlichen Beziehung auf: Dass es die Liebe war, die ihre Liebe zerstörte. Damit aber ist die Geschichte, die auch sein Leben überschattet hat, nicht vorbei. Am Ende stellt er fest, dass Herta und Georg all die Jahre über miteinander verbunden waren, auf eine Weise, die sie niemandem, nicht einmal sich selbst, eingestehen konnten.
Ein ergreifender Roman über Liebe und Vergänglichkeit vor dem Hintergrund der deutschen Teilung.

Schöffling Verlag, 240 Seiten. Farbige Vorsätze. Gebunden. Lesebändchen, € 22,00 €, ISBN: 978-3-89561-156-8

 

Bereits im Frühjahr erschienen und leider seit der Leipziger Buchmesse auf meinem Bücherstapel liegengeblieben, was jetzt unbedingt nachgeholt werden muss:

Susanne Fritz – Wie kommt der Krieg ins Kind

 

Susanne Fritz Wie kommt der Krieg ins Kind

Ein sehr persönliches Buch über das Schicksal der Mutter und der eigenen Familie. Spurensuche, deutsch-polnische Geschichtsschreibung und Erzählung in einem.
Vierzehn Jahre alt ist die Mutter, als sie 1945 verhaftet und für Jahre ins polnische Arbeitslager Potulice gebracht wird. Der Grund: Sie hatte mit neun ein Formular unterschrieben, das sie in einem von Hitler überfallenen Gebiet als Deutsche auswies.
Susanne Fritz erzählt ergreifend und ohne jede vorschnelle Schuldzuweisung von dem Schicksal ihrer Mutter und der ganzen Familie über mehrere Generationen. Sie fragt nach Menschlichkeit und Verrat, nach Identität und Sprache und zieht immer wieder historische Dokumente zu Rate. So leuchtet sie nicht nur die eigene Familiengeschichte aus, sondern das deutsch-polnische Verhältnis über zwei Weltkriege hinweg mit all den historischen Umwälzungen und ihren Auswirkungen auf jeden Einzelnen.
Susanne Fritz führt ein tief lotendes Gespräch mit der Vergangenheit, sie tut es, weil sie die verborgenen Auswirkungen auf ihr eigenes Dasein verstehen will.

Wallstein Verlag, 268 S., geb., ISBN: 978-3-8353-3244-7, € 20,00

 

Anja Kampmann – Wie hoch die Wasser steigen

 

Wenzel Groszak, Ölbohrarbeiter auf einer Plattform mitten im Meer, verliert in einer stürmischen Nacht seinen einzigen Freund. Nach dessen Tod reist Wenzel nach Ungarn, bringt dessen Sachen zur Familie. Und jetzt? Soll er zurück auf eine Plattform? Vor der westafrikanischen Küste wird er seine Arbeitskleider wegwerfen, wird über Malta und Italien aufbrechen nach Norden, in ein erloschenes Ruhrgebiet, seine frühere Heimat. Und je näher er seiner großen Liebe Milena kommt, desto offener scheint ihm, ob er noch zurückfinden kann. Anja Kampmanns überraschender Roman erzählt in dichter, poetischer Sprache von der Rückkehr aus der Fremde, vom Versuch, aus einer bodenlosen Arbeitswelt zurückzufinden ins eigene Leben.

Erscheinungsdatum: 29.01.2018
Hanser Verlag, Fester Einband, ISBN 978-3-446-25815-0, 352 Seiten, € 23,00

Auch im Frühjahr erschienen und wie Anja Kampmanns Roman bereits für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, allerdings mich nicht wirklich ansprechend, war:

Matthias Senkel – Dunkle Zahlen

 

Moskau 1985: Die internationale Programmierer-Spartakiade hält die akademischen Eliten des Landes in Atem. Hier messen sich aufstrebende Mathematiker in den Techniken der Zukunft, die nur noch einen Tastendruck entfernt scheint. Doch die kubanische Nationalmannschaft ist kurz vor der Eröffnung des Wettbewerbs spurlos verschwunden – und ihre resolute Übersetzerin Mireya begibt sich auf eine atemlose Suche durch die fremde Hauptstadt, die wie elektrostatisch aufgeladen surrt und flimmert. Architekten und Agenten, dichtende Maschinen und sogar Stalins leibhaftiger Schatten treffen in dieser wilden und manchmal fantastischen Erzählung aufeinander: ein schillerndes Mosaik der Sowjetunion kurz vor der folgenreichen Vernetzung der Welt. Ein Roman so unberechenbar wie die Geschichte selbst.

Matthes und Seitz, 488 Seiten, Gebunden, ISBN: 978-3-95757-539-5, 24,00 €

Auch Angelika Klüssendorfs Buch ist bereits im Frühjahr erschienen, da ich aber die beiden vorangegangenen Bücher mit der gleichen Protagonistin nicht gelesen habe und mich auch diese vom Thema nicht so anspricht, werde ich es eher nicht lesen.

ANGELIKA KLÜSSENDORF – Jahre später

 

Mit »Das Mädchen« und »April« – beide auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis – schrieb Angelika Klüssendorf die Geschichte einer starken jungen Frau, die ihren Weg geht unter widrigen Umständen. »Jahre später« erzählt nun von der intensivsten, aber auch zerstörerischsten Beziehung des erwachsenen Mädchens April – ihrer Ehe.

Auf einer Lesung lernt sie einen Mann kennen, der April zunächst durch seine dreist raumnehmende Art auffällt. Es ist nicht Sympathie, die sie zusammenführt. Es ist eine andere Form der Anziehung: Intensität. Angelika Klüssendorf erzählt, wie eine Liebe zwischen zwei radikalen Einzelgängern entsteht, die beide mit ihren eigenen Mitteln versuchen, ins Soziale zu finden und zu sich selbst. Es ist eine Geschichte von der Bereitschaft, sich zu öffnen, von glühender Gemeinsamkeit, aber auch den unaufhaltsamen Fliehkräften, die das Paar auseinandertreiben. Ohne jemals Partei zu ergreifen oder seine Figuren zu denunzieren, entwickelt »Jahre später« die Anatomie einer toxischen Partnerschaft. Als Leser wünscht man bis zuletzt, dass es gelingen möge, und zugleich, dass es endlich ein Ende hat mit den beiden. Ein Buch, das keinen Moment lang unberührt lässt.

Kiepenheuer&Witsch, 160 Seiten, gebunden mit SUISBN: 978-3-462-04776-9, 17,00 €
Erschienen am: 29.01.2018

Susanne Röckel  – Der Vogelgott

 

Hier hat eine große Erzählerin aus einer grimmigen Geschichte einen grandiosen Roman gemacht. Die Mitglieder einer wissenschaftlich orientierten Familie werden durch eine zufällige Entdeckung auf einem Kirchenbild in den schwer durchschaubaren Mythos eines Vogelgottes hineingezogen – mit einem Sog, dem sie so wenig widerstehen konnen wie der Leser dieser Geschichte. Spätestens als sich herausstellt, dass dieser Mythos eben nicht nur ein Mythos ist. Es ist eine sagenhafte, aber elende Gegend dieser Erde, wo die Verehrer des Vogelgotts leben, die ihm allerdings weniger ergeben als vielmehr ausgeliefert zu sein scheinen. In diesem unwiderstehlichen Roman entpuppt sich eine geheime Welt als die unsere, in der die Natur ihre Freundschaft aufkündigt und wir ihrer Aggression und Düsternis gegenüberstehen.

Jung und Jung, 272 Seiten, gebunden, € 22,00
Erstverkaufstag: 2. 3. 2018

 

Christina Viragh – Eine dieser Nächte

 

Es ist eine dieser Nächte, die man durcher­zählen muss. Das zumindest findet Bill, der auf dem Flug von Bangkok nach Zürich neben Emma sitzt. Bill geht ihr gehörig auf die Nerven. Mit Donnerstimme erzählt er aus seinem Leben – und um sein Leben, und nicht nur Emma, sondern auch andere Passagiere sind gezwungen zuzuhören. Trotz ihres Widerstands werden sie aber alle, Emma, Michael, Stefan, Walter und ein Junge, ja, auch die japanische Familie in der hinteren Sitzrei­he, vom Sog der Geschichten erfasst, wobei eigene Geschichten und Phantasien wachgerufen werden. Alle diese Geschichten fügen sich zu einem Rei­gen, bei dem sich ungeahnte Bezüge und Entspre­chungen und ein geheimnisvoller Mittelpunkt her­ ausschälen. Denn Bill beschwört sprachgewaltig Orte, Leute und seltsame Wesen herauf. Die zwölf Stunden dieser Flugnacht entwickeln einen gefähr­lichen Reiz – und bekommen nicht allen gleich gut.

Dörlemann, 496 Seiten. Gebunden. Leseband, € 28.00 , ISBN 9783038200567                  erschienen am 26. Februar 2018

 

Dagegen steht das folgende Buch schon länger auf meiner Wunschliste:

Franziska HAUSER – DIE GEWITTERSCHWIMMERIN

 

Die Hirschs waren Verfolgte, Widerstandskämpfer, Opportunisten, Künstler. Ein Jahrhundert deutsche Geschichte hat sie geprägt, haben sie mitgeprägt. Da durfte man nicht empfindlich sein, es galt, die eigene Haut zu retten. Empfindlich war Tamara zum Glück nie. Stattdessen suchte sie das Abenteuer, die Herausforderung, das Risiko. Doch andere hat die Familie zugrunde gerichtet; eine Schuld, die Tamara nicht verzeihen kann.
Eindrücklich, poetisch und kraftvoll erzählt Franziska Hauser die Lebensgeschichte der bezaubernd eigensinnigen Tamara Hirsch – erzählt damit die Geschichte ihrer eigenen Familie, eine Geschichte aus politischen und persönlichen Fallstricken, bis dem Leser die Luft wegbleibt.

EICHBORN, Hardcover, 431 Seiten, ISBN: 978-3-8479-0644-5, €22,00
Ersterscheinung: 23.02.2018

Unentschlossen bin ich noch bei den jetzt im Juli erschienen:

 

Gianna Molinari – Hier ist noch alles möglich

 

Eine junge Frau wird als Nachtwächterin in einer Verpackungsfabrik eingestellt. Abend für Abend macht sie ihren Rundgang, kontrolliert die Zäune. Ein Wolf soll in das Gelände eingedrungen sein. Mit jeder Nachtschicht wird die Suche nach dem Wolf mehr zu einer Suche nach sich selbst und zur Frage nach den Grenzen, die wir ziehen, um das zu schützen, woran wir glauben.

Aufbau Verlag, Gebunden mit Schutzumschlag, 192 Seiten
ISBN 978-3-351-03739-0, € 18,00

 

Adolf Muschg – Heimkehr nach Fukushima

 

Der Architekt Paul Neuhaus, frisch verlassen, erhält eine Einladung von seinen alten Freunden Ken-Ichi und Mitsuko. Der Bürgermeister eines Dorfes nahe beim Unglücksmeiler von Fukushima, Mitsukos Onkel, bittet Neuhaus, ihn zu besuchen. Die Gegend ist verstrahlt, die Dörfer sind verlassen, die kontaminierte Erde ist abgetragen. Die Regierung wünscht die Rückbesiedlung, aber die Menschen haben Angst. Der Bürgermeister will Neuhaus für eine Künstlerkolonie gewinnen – in der verstrahlten Zone –, um neue Hoffnung zu wecken. Neuhaus reist mit Mitsuko an und sie geraten in eine unentrinnbar intensive Nähe zueinander. Ist in der schönen, verseuchten Landschaft Fukushimas eine Zukunft möglich wie auch in der Liebe zwischen Paul und Mitsuko? Sie beide begleitet die Lektüre Adalbert Stifters. So wie dort die geheimnisvolle Kette von Ursache und Wirkung die Bereiche des Lebens gleichermaßen verknüpft, so stellt die unheilvolle Kettenreaktion im Atommeiler in Fukushima nicht nur die Japaner vor die Frage, was diese Katastrophe über uns alle sagt. Sind wir im Zentrum der Gefahr nicht näher an unserer Wahrheit und an der unserer Gegenwart?

Verlag C.H.Beck, 244 S., Gebunden, ISBN 978-3-406-72702-3

Erschienen am 20. Juli 2018

Über den unlängst erschienen Roman von Max Biller habe ich jetzt schon so viel Gutes gehört, das er für meine Leselist „nachnominiert“ wird:

 

MAXIM BILLER – Sechs Koffer

 

In jeder Familie gibt es Geheimnisse und Gerüchte, die von Generation zu Generation weiterleben. Manchmal geht es dabei um Leben und Tod. In seinem neuen Roman erzählt Maxim Biller von einem solchen Gerücht, dessen böse Kraft bis in die Gegenwart reicht. »Sechs Koffer« – die Geschichte einer russisch-jüdischen Familie auf der Flucht von Ost nach West, von Moskau über Prag nach Hamburg und Zürich – ist ein virtuoses literarisches Kunststück. Aus sechs Perspektiven erzählt der Roman von einem großen Verrat, einer Denunziation. Das Opfer: der Großvater des inzwischen in Berlin lebenden Erzählers, der 1960 in der Sowjetunion hingerichtet wurde. Unter Verdacht: die eigene Verwandtschaft. Was hier auf wenig Raum gelingt, sucht seinesgleichen in der deutschen Gegenwartsliteratur: eine Erzählung über sowjetische Geheimdienstakten, über das tschechische Kino der Nachkriegszeit, vergiftete Liebesbeziehungen und die Machenschaften sexsüchtiger Kultur-Apparatschiks. Zugleich ist es aber auch eine Geschichte über das Leben hier und heute, über unsere moderne, zerrissene Welt, in der fast niemand mehr dort zu Hause ist, wo er geboren wurde und aufwuchs. »Sechs Koffer« ist ein Roman von herausragendem stilistischen Können, elegantem Witz und einer bemerkenswerten Liebe zu seinen Figuren: Literatur in Höchstform – und spannend wie ein Kriminalroman.

Kiepenheuer&Witsch, 208 Seiten, gebunden mit SU, 19,00 €, ISBN: 978-3-462-05086-8
Erschienen am: 08.08.2018

Ganu unverständlich ist mir, wie mir die beiden nächsten Titel in den Vorschauen entgehen konnte, denn sie  interessieren mich sehr und gelangen ganz unbedingt noch auf die Leseliste. Aber auch für so etwas ist der Buchpreis gut (aber ihr Bloggerkollegen hättet mich sicher auf drauf aufmerksam gemacht):

 

Inger-Maria Mahlke – Archipel

 

Es ist der 9. Juli 2015, vierzehn Uhr und zwei, drei kleinliche Minuten. In La Laguna, der alten Hauptstadt des Archipels, beträgt die Lufttemperatur 29,1 Grad. Der Himmel ist klar, wolkenlos und so hellblau, dass er auch weiß sein könnte“. Damit fängt es an. Und mit Rosa, die zurückkehrt auf die Insel und in das heruntergewirtschaftete Haus der vormals einflussreichen Bernadottes. Rosa sucht. Was, weiß sie nicht genau. Doch für eine Weile sieht es so aus, als könnte sie es im Asilo, dem Altenheim von La Laguna, finden. Ausgerechnet dort, wo Julio noch mit über neunzig Jahren den Posten des Pförtners innehat. Julio war Kurier im Bürgerkrieg, war Gefangener der Faschisten, er floh und kam wieder, und heute hütet er die letzte Lebenspforte der Alten von der Insel. Julio ist Rosas Großvater. Von der mütterlichen Seite. Einer, der Privilegien nur als die der anderen kennt. Ein großer europäischer Roman von der Peripherie des Kontinents: der Insel des ewigen Frühlings, Teneriffa.

Rowohlt, 432 Seiten, ISBN: 978-3-498-04224-0,  € 20,00

Erscheinungstermin: 21.08.2018

 

María Cecilia Barbetta -Nachtleuchten

 

María Cecilia Barbetta erzählt von der gespenstischen Atmosphäre am Vorabend eines politischen Umsturzes. Sie sind aus der ganzen Welt gekommen und haben sich in Buenos Aires eine Existenz aufgebaut. In dem Viertel Ballester kämpfen sie jeder auf seine Art für den Aufbruch, die Revolution und eine bessere Zukunft – Teresa und ihre Klassenkameradinnen in der katholischen Mädchenschule ebenso wie Celio, der Friseur in der »Ewigen Schönheit«, oder die Mechaniker der Autowerkstatt »Autopia«. Doch politische Spannungen zerreißen das Land, Aberglaube und Gewalt schleichen sich in die Normalität. Mit einem feinen Gespür für die Poesie des Alltags erzählt die in Argentinien geborene María Cecilia Barbetta von der Liebe zum Leben in Zeiten des Umbruchs.

S.Fischer, Hardcover, 528 Seiten, gebunden, € 24,00
ISBN: 978-3-10-397289-4
voraussichtlich ab dem 15. August 2018 im Buchhandel

Die nachfolgenden Bücher erscheinen alle in Kürze,  einige davon werde ich eher nicht lesen, so zum Beispiel

Eckhart Nickel – Hysteria

»Hysteria« erzählt die Geschichte von Bergheim, der auf einem Biomarkt merkwürdig unnatürliche Himbeeren entdeckt. Auf der Suche nach dem Rätsel ihrer Beschaffenheit und Herkunft gerät er immer tiefer in eine kulinarische Dystopie, in der das Natürliche nur noch als absolutes Kunstprodukt existiert, weil das Künstliche längst alle Natur ersetzt hat. Aber keiner weiß davon. Nur seine Hypersensibilisierung befähigt Bergheim, die unheimliche Veränderung wahrzunehmen und ihr nachzugehen. Alle Fäden laufen im Kulinarischen Institut zusammen, wo er Charlotte wiedertrifft, seine Studienfreundin und ehemalige Geliebte, die nun als Leiterin an der Spitze der Bewegung des »Spurenlosen Lebens« steht. Allein mit Ansgar, dem dritten im Bunde des ehemaligen Uni-Triumvirats, wird es Bergheim gelingen, etwas dagegen zu tun.

Piper, 240 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-492-05924-4, € 22,00
Erscheint am 04.09.2018

Auf die beiden folgenden Bücher freue ich mich schon sehr. Gerade habe ich auch Karten für die Buchpremiere von Nino Haratischwili gekauft.

 

Nino Haratischwili – DIE KATZE UND DER GENERAL

 

Alexander Orlow, ein russischer Oligarch und von allen »Der General« genannt, hat
ein neues Leben in Berlin begonnen. Doch die Erinnerungen an seinen Einsatz im Ersten
Tschetschenienkrieg lassen ihn nicht los. Die dunkelste ist jene an die grausamste aller
Nächte, nach der von der jungen Tschetschenin Nura nichts blieb als eine große ungesühnte Schuld. Der Zeitpunkt der Abrechnung ist gekommen.
Nino Haratischwili spürt in ihrem neuen Roman den Abgründen nach, die sich zwischen
den Trümmern des zerfallenden Sowjetreichs aufgetan haben. Die Katze und der General ist ein spannungsgeladener, psychologisch tiefenscharfer Schuld-und-SühneRoman über den Krieg in den Ländern und in den Köpfen, über die Sehnsucht nach Frieden und Erlösung. Wie in einem Zauberwürfel drehen sich die Schicksale der Figuren ineinander, um eine verborgene Achse aus Liebe und Schuld. Sie alle sind Teil eines tödlichen Spiels, in dem sie mit der Wucht einer klassischen Tragödie aufeinanderprallen.

Frankfurter Verlagsanstalt, schön gebunden, farbiges Vorsatzpapier,750 Seiten, € 30,00
ISBN 9783627002541

erscheint am 31.08.2018

 

Stephan Thome – Gott der Barbaren

 

Stephan Thome - Gott der Barbaren

China, Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine christliche Aufstandsbewegung überzieht das Kaiserreich mit Terror und Zerstörung. Ein junger deutscher Missionar, der bei der Modernisierung des riesigen Reiches helfen will, reist voller Idealismus nach Nanking, um sich ein Bild von der Rebellion zu machen. Dabei gerät er zwischen die Fronten eines Krieges, in dem er am Ende alles zu verlieren droht, was ihm wichtig ist. An den Brennpunkten des Konflikts – in Hongkong, Shanghai, Peking – begegnen wir einem Ensemble so zerrissener wie faszinierender Persönlichkeiten: darunter der britische Sonderbotschafter, der seine inneren Abgründe erst erkennt, als er ihnen nicht mehr entgehen kann, und ein zum Kriegsherrn berufener chinesischer Gelehrter, der so mächtig wird, dass selbst der Kaiser ihn fürchten muss.

Suhrkamp, Gebunden, 719 Seiten, ISBN: 978-3-518-42825-2, € 25,00

Gepl. Erscheinen: 10.09.2018

Weder vom Plot noch von der Autorin wirklich interessiert mich:

 

Helene Hegemann – Bungalow

Helene Hegemann erzählt von der radikalen Selbstfindung eines jungen Mädchens in einer zunehmend apokalyptischen Welt. Während ihre Mutter das letzte Einkaufsgeld versäuft, beobachtet Charlie vom Balkon ihrer Betonmietskaserne die benachbarten Bungalows und deren Bewohner: Sie lernt, dass es mehrere soziale Klassen gibt und sie selbst zur untersten gehört. Dann, kurz nach ihrem zwölften Geburtstag, zieht ein neues Ehepaar ins Viertel. Die beiden sind Schauspieler, unberechenbar, chaotisch, luxuriös, schlauer als alle anderen – und für Charlie das, was der Rest der Welt als ihre „erste große Liebe“ bezeichnen würde: Spielkameraden und Lover, größter Einfluss und größte Gefährdung. Klar und radikal erzählt Helene Hegemann vom Überleben in einer zunehmend apokalyptischen Welt und der vitalen Kraft des freien Willens.

Hanser Berlin, Fester Einband, 288 Seiten, ISBN 978-3-446-25317-9, € 23,00

Erscheinungsdatum: 20.08.2018

 

Die beiden eigenwilligsten Nominierungen sind wohl die beiden folgenden, jeweils aus ganz kleinen Verlagen:

 

Carmen-Francesca Banciu – Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!

 

Die Kindheit endet tatsächlich erst dort, wo die Geschichte unserer Eltern zur eigenen Geschichte wird und wir vor ihren wie vor den eigenen Abgründen die Augen nicht mehr verschließen können.
Maria-Maria reist nach Rumänien, um ihren verunglückten Vater zu besuchen und ihn, trotz seiner besitzergreifenden Geliebten, zusammen mit ihnen zu betreuen. In seinen Augen hat sie, die Tochter, die reale Utopie der kommunistischen Gesellschaft verraten. Sie wiederum erkennt in ihm ausschließlich den festgefahrenen Parteirhetoriker, der sich als moralische Instanz aufspielte, anderen Opfer abverlangte, aber selbst ein bigottes Leben führte.
Der neue Roman von Carmen-Francesca Banciu handelt vom Tod eines vermeintlichen Patrioten, für den Vaterland, Partei und der Aufbau einer neuen Gesellschaft stets den wichtigsten Platz in seinem Leben einnahmen und von der Liebe, die man sich von den Eltern erhofft, die einem versagt bleibt, und die man selbst zu geben vielleicht nicht imstande ist. Sie spürt der Frage nach, wie man Abschied von den Eltern nehmen, wie man mit ihren Lebenslügen umgehen kann, und welche persönliche Veränderung man dabei erfährt.
Die versartige Sprache des Romans überträgt die Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen direkt auf die Leser, die dadurch Teil des Erzählten werden. Banciu beobachtet das Sterben des Vaters, sie horcht und wartet. In der Wiederholung entfalten die Worte ihre Suggestivkraft. Banciu umkreist ihre Figuren, schöpft aus Erinnerungen wie aus einer geteilten Gegenwart. Ein Wort zieht das nächste nach sich. Man erlebt, wie sich Gedanken formen und wie sie wieder in sich zusammenstürzen. Ihr Abgesang auf die ideologische Überhöhung der Familie, der Partei und des Vaterlandes steckt voller Mut und Aktualität.

Palm Art Press, 280 Seiten, Hardcover, ISBN: 978-3-96258-003-2, 25€

 

Josef Oberhollenzer – Sültzrather

 

Ein großartiger Roman über die Frage, woraus Erinnerung nach dem Verschwinden gemacht ist.

Sültzrather handelt von einem Zimmermann aus Aibeln in Südtirol. Nach dem Sturz vom Baugerüst und der folgenden Querschnittslähmung beginnt der Protagonist Vitus Sültzrather zu schreiben. Es ist ein Schreiben gegen das Vergessen: Wie besessen, akribisch genau, vertraut er die Details, die nur er wissen kann, dem Papier an. Doch dann beginnt er das, was er aufgeschrieben hat, wieder zu vernichten, Seite für Seite abkratzend, abschabend, ein Vernichtungsfeldzug, der von seiner Umgebung, seiner Schwester, der Zugehfrau und deren Tochter nicht gestoppt werden kann.
Mit hoher Kunstfertigkeit passt Oberhollenzer seinem Protagonisten eine Erinnerung auf den Leib.

Folioverlag Reihe TransferBibliothek CXL, Gebunden, 183 S., ISBN 978-3-85256-741-9, € 20,–

 

Besonders die beiden letzten Bücher muss ich mir nochmal genauer anschauen.

Wie sieht es bei euch aus? Interessiert euch der Preis überhaupt? Kennt ihr schon den einen oder anderen Titel? Vermisst ihr etwas schmerzlich?

Ich werde mir jetzt möglichst bald das Einleseheft besorgen und mich dann in Spekulationen zur Shortlist stürzen. Und natürlich davon berichten.

Meg Wolitzer – Das weibliche Prinzip

„#Metoo“, „Womans March“, „Power to the polls“, „Get her elected“ – es scheint als erlebe der Feminismus nach einer Zeit, in der sich erstaunlicherweise gerade viele junge Frauen demonstrativ davon distanzierten, meinten, seine Ziele seien doch weitgehend erreicht, wieder neuen Schwung. Gerade in Amerika, wo mittlerweile ein expliziter Frauenverächter an der Macht sitzt, regt sich Gegenwehr. Hier spürt man vielleicht besonders deutlich, dass sich in den Denk- und Verhaltensmustern der Geschlechter doch gar nicht so grundlegend etwas verändert hat wie man gemeinhin glaubte.

Zeit also auch für feministische Romane.

Nun kann man davon ausgehen, dass die amerikanische Autorin Meg Wolitzer schon vor 2017 mit ihrem Roman „The female persuasion“, auf Deutsch unlängst unter dem Titel „Das weibliche Prinzip“ erschienen, begonnen hatte. Wolitzer ist schon immer an feministischen Themen interessiert gewesen. Ihr Essay „The second shelf“ von 2012, das die Zweitrangigkeit in der Rezeption der literarischen Werken von Autorinnen auf dem Buchmarkt beklagt, erhielt große Aufmerksamkeit. Vor den aktuellen Debatten konnte viel häufiger passieren, was die Protagonistin befürchtet.

„Sie musste aufpassen, denn wenn sie zu lange über Frauenfeindlichkeit redete, würden die Köpfe auf die Brust sinken und das ganze Publikum würde anfangen zu schnarchen.“

„Das weibliche Prinzip“ ist also nicht unbedingt ein Buch zur aktuellen Debatte, aber eines, das perfekt in die Zeit passt. Oder passen würde. Wenn es nämlich tatsächlich ein Buch über/zum Feminismus wäre. Und nicht nur ein Buch, das eine Protagonistin hat, die an eine bekannte Feministin angelehnt ist, und eine, die für diese arbeitet. Also eigentlich ziemlich beliebig ist.

MeToo by Prentsa Aldundia  (CC BY-SA 2.0)via Flickr

Meg Wolitzer wollte mit „Das weibliche Prinzip“ einen „feministischen Generationenroman“ schreiben. Und mit etwas Wohlwollen ist ihr das durchaus gelungen. Denn um verschiedene Frauengenerationen geht es, um die Pionierinnen, die heute in den Siebzigern sind, um die mittlere Generation und um die ganz Jungen, die Zwanzigjährigen. Wir kennen diese Generationsfolgen mit ihren Konflikten meist in Form von Familienromanen, in denen die Frauen aufeinanderfolgen, voneinander lernen, sich gegenseitig unterstützen, sich auch gerne mal das Leben schwer machen. Großmutter-Mutter-Tochter-Konflikte, man kennt das. Um was es in solchen Romanen selten geht, soll hier bei Meg Wolitzer mit im Zentrum stehen, nämlich Macht und Einfluss(nahme). Ein eher männlich besetztes Themengebiet, seit dem Ödipus-Mythos unzählige Male literarisch bearbeitet. Aber Macht und Einfluss bei Frauen? Konkurrenz und Verdrängung jenseits des stereotypen Zickenkriegs? Allianzen und Netzwerke? Gibt es, aber doch deutlich seltener.

Im „weiblichen Prinzip“ ist es die junge Studentin Greer Kadetsky, die für die von ihr sehr verehrte Feministin und Publizistin Faith Frank arbeitet. Die beiden lernen sich 2006 an Greers College kennen. Wenn der Roman 2019 endet, wird bereits eine neue Generation junger Frauen auf den Plan treten, die feministische Ikonen, wie Faith Frank eine für Greer und ihre Freundin Zee noch war, ablehnen und dem Feminismus generell kritischer gegenüberstehen.

Diese Entwicklung ist nun tatsächlich nichts Neues. Überhaupt sagt uns das Buch leider nichts Neues, kein einziger origineller Gedanke, keine Überraschung, keine neuen Denkansätze. Dafür eine routiniert geschriebene Geschichte, professionell erzählt, aber auch ziemlich blutleer und konventionell. Und so oder ähnlich schon tausendmal gelesen.

Finger Hands Feminism CC0 via Max Pixel

Greer stammt aus einer recht lieblosen Familie. Die Eltern, Späthippies in den Achtzigerjahren, die genug mit sich selbst zu tun hatten, kümmerten sich nie wirklich um Greer, gaben ihr keinerlei Nestwärme. Cory, der Nachbarsjunge, der sehr bald zu Greers bestem Freund, später Liebhaber und nach einer längeren Auszeit – ich wage es, zu spoilern, ist diese Entwicklung doch leider sowieso viel zu vorhersehbar – Ehemann wird, hat rührend bemühte Eltern, die sich für ihre Kinder nahezu zerreißen (ihre lateinamerikanischen Wurzeln sind sicher nicht zufällig von Wolitzer gewählt). Man sieht schon an dieser kleinen Konstellation, woran das Buch meiner Meinung nach krankt – es ist einfach überkonstruiert. Jeder der Figuren kommt eine explizite Rolle zu, aus der sie niemals ausbricht. Überraschende Entwicklungen kommen nicht vor. Dabei ist Meg Wolitzer aber eine zu versierte Erzählerin, um die Charaktere eindimensional anzulegen. Sie haben durchaus ihre Widersprüche, aber alle im vorhersehbaren Rahmen.

So verschusselt Greers Vater die Anmeldung seiner Tochter im renommierten Yale und sie muss sich mit dem mittelmäßigen Ryland College begnügen. Corys Eltern ermöglichen ihrem Sohn natürlich ein Studium in Princeton. Die Schilderung der verschiedenen Studienalltage und ihres weiteren Werdegangs (Greer und Cory erhalten jeweils eigene personale Erzählstimmen), der Träume, Hoffnungen, Lebensentwürfe und Enttäuschungen der beiden jungen Leute nimmt einen Großteil des Buches ein. Wir kennen das von Wolitzers sehr erfolgreichem, und meines Erachtens deutlich gelungenerem Roman um eine Freundesclique, „Die Interessanten“.

Der einzige überraschende Moment im Buch, die einzige Entwicklung, die mich wirklich hätte fesseln können, geschieht kurz vor der Romanmitte und ich fand es wirklich enttäuschend, dass Wolitzer sie wiederum nur als Moment für ihre weitere Erzählkonstruktion verwendet hat. (Achtung Spoiler!)

#womensmarch2018 Philly Philadelphia #MeToo by  Rob Kall (CC BY 2.0) via Flickr

Es geschieht nämlich ein denkbar schreckliches Unglück. Corys Mutter überrollt den kleinen Bruder beim Zurücksetzen in der Garageneinfahrt beim Spielen. Der Kleine stirbt, der Vater verlässt die Familie, weil er der Mutter nicht verzeihen kann, diese wird schwer krank. Eine Situation, die unvorstellbar ist, und von daher wert, sie zu erzählen. Wolitzer beschränkt sich aber darauf, sie als Anlass dafür zu nehmen, dass Cory seinen aussichtsreichen Job als Trader in Manila hinwirft, um seine Mutter zu pflegen. Auch hier ist mir die Konstruktion zu laut. Cory fungiert hier als der „weiblichste“ aller Protagonisten, ist doch sein Weg, die Karriere ruhen zu lassen, um Angehörige zu pflegen üblicherweise Frauensache. Natürlich versackt Cory in seinem „Nichtstun“ (hier fällt Wolitzer in die auch von Frauen selbst gern genutzte Falle, Pflege- und Familienarbeit als Selbstaufgabe, ja tatsächlich „Versacken“ darzustellen, ein eigentlich zutiefst antifeministischer Ansatz), natürlich kommt es zum Bruch mit der mittlerweile in einer von Faith Frank geleiteten feministischen Stiftung sehr erfolgreichen Greer. Diese ist auch vor einem Verrat an ihrer besten Freundin Zee nicht zurückgeschreckt, um sich diesen Platz an der Sonne zu verschaffen. Nun beschäftigt sie sich mit #sandwichhäppchenfeminismus und organisiert „Kitschkongresse“: zahlungskräftigen Damen werden bei ansprechendem Begleitprogramm nebst Maniküre und Wahrsagerin feministische Themen und Projekte für benachteiligte Frauen unterbreitet. Milliardenschwerer Sponsor ist ein alter Verehrer Faiths. Als es um ein Projekt in Ecuador zu Unregelmäßigkeiten kommt, die Faith deckt, wirft Greer ihr Verrat an der Sache vor und es kommt zum Bruch zwischen den beiden Frauen. Ein typischer Generationenkonflikt.

Greer wird ihre Zukunft als erfolgreiche Buchautorin finden, die anderen Aspekte des dick aufgetragenen Happy-Ends sind mir zu peinlich, um sie hier näher zu schildern. Kaum ein befürchtetes Klischee wird ausgelassen. Das macht das Buch so versöhnlich, freundlich, warmherzig und angenehm zu lesen. Und das ist genau der Grund, warum es dann wohl auf dem „second shelf“ landen wird, und das nicht einmal zu Unrecht.

Der Roman fließt dahin, ist durchaus komplex und durchdacht, aber ohne irgendeine neue Erkenntnis, ohne auch nur das kleinste bisschen weh zu tun (wenn es beim Tod von Corys Bruder einen Anlauf dazu nimmt, biegt die Autorin schnell ab). Da ist keinerlei Wut oder Furor oder Utopie oder Erschütterung. Im Endeffekt ist es viel harmloser als die Wirklichkeit. Und das ist einem wichtigen Thema wie dem Feminismus, der hier nur Staffage ist, nicht angemessen. Gerade nicht in einer Zeit, die Wolitzer nicht zu Unrecht „das große Grauen“ nennt. Da braucht es andere Bücher. Zumindest, wenn sie sich für die Sache des Feminismus einsetzen wollen und nicht doch nur nette, gut lesbare Unterhaltungslektüre sein. Vielleicht hat die Autorin das selbst geahnt.

„Ihr Buch, das sich redlich bemühte, das ermutigte und anspornte, war, wie Greer wusste, keineswegs originell oder brillant; es war definitiv eine unvollkommene Plattform. Und Greer war keine Leitwölfin. Das würde sie nie sein.“

Schade, dass das für Meg Wolitzer und „Das weibliche Prinzip“ auch zu gelten scheint.

 

Beitragsbild: Gerações by Tiago Vidal Dutra  (CC BY 2.0)via Flickr

 

Weitere Besprechungen findet ihr bei Literatur leuchtet, Lesen in vollen Zügen, Sarahspancake und The lost art of keeping secrets

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Meg Wolitzer - Das weibliche Prinzip.

Meg Wolitzer – DAS WEIBLICHE PRINZIP

Originaltitel: ›The Female Persuasion‹
Übersetzung: Henning Ahrens

Dumont Juli 2017, 544 Seiten, gebunden, €18,99 

 

 

Dominique Manotti – Kesseltreiben

Die 75 jährige Dominique Manotti ist die „Grande Dame“ unter den französischen KriminalautorInnen und neben Fred Vargas auch hierzulande die bekannteste. Seit 1995 veröffentlicht die promovierte Historikerin Marie-Noëlle Thibault unter ihrem Pseudonym politisch engagierte und sozialkritische Romane, die auch vielfach ausgezeichnet wurden. Mit französischem Flair und Charme à la „Bruno, Chef de police“ oder ähnlichem haben sie rein gar nichts gemeinsam. Manotti schreibt gnadenlos realistisch, ihr Thema sind die dunklen Seiten der Gesellschaft, das Machtgeflecht aus Politik, Geheimdiensten und den Eliten der französischen Industrie und Wirtschaft. Dominique Manotti steht den französischen Linken nahe, war Gewerkschafterin – und ist wütend. Wütend darüber, wie sich die Eliten immer wieder die eigenen Taschen füllen, Politiker zum eigenen Machterhalt jede unheilige Allianz eingehen, die Geheimdienste ihr eigenes Spiel spielen, und niemals zum Wohle des Volkes. Oft sind reale Geschehnisse, sei es aus der Welt der illegalen Migranten, der „Sans Papiers“, sei es aus der Welt der Hochfinanz oder einträglicher Wirtschaftszweige, wie zuletzt dem Erdölgeschäft, Inspiration für Manottis Texte. „Dominique Manotti – Kesseltreiben“ weiterlesen

Lektüre Juli 2018

Welch einen Sommer hat uns der Juli 2018 geschenkt! Ich weiß, vielen war es viel zu heiß, die Natur leidet, aber dennoch: das ist Sommer! Ich besitze sicher irgendwelche mediterranen Gene, denn meine Hitzetoleranz ist recht hoch. Deswegen hat auch meine Lektüre nicht darunter gelitten, sondern ich habe wunderbare Bücher mit viel Genuss gelesen.

Der Juli stand bei mir ein wenig unter französischem Einfluss (nicht nur durch den Urlaub an der Côte d´Azur, dem Besuch von Marseille, Aix, Avignon und Nancy, sondern auch ganz literarisch.) Und im August wird es mit Büchern von Delphine de Vigan, Jean-Philippe Blondel und meinem verehrten Patrick Modiano weitergehen. Im September erscheint dann der dritte Teil von Vernon Subutex. „Lektüre Juli 2018“ weiterlesen

Éric Vuillard – Die Tagesordnung

2017 erhielt Éric Vuillard für sein schmales „L´ordre du jour“ den begehrten Prix Goncourt. Im Original trägt es die Gattungsbezeichnung „récit“, was nur etwas unzureichend mit „kurze Erzählung“ übersetzt werden kann, denn bei einer „Erzählung“ geht man in der Regel von einer fiktiven Geschichte aus. Aber: „On appelle récit tout texte racontant une histoire (un enchaînement d’événements) qu’elle soit fictive ou réelle.“ Also ein etwas weiter ausgelegter Begriff für „Erzählung“. Dennoch eher eine überraschende Entscheidung, werden doch für den „Goncourt“ meist episch breitere fiktionale Werke ausgewählt. Und hier nun das knapp über 100 Seiten starke doku-fiktionale Werk, das sich zudem noch mit deutscher Geschichte beschäftigt. „Éric Vuillard – Die Tagesordnung“ weiterlesen

Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex 1 und 2

Er nennt sich Vernon Subutex – nach jenem starken Schmerzmittel, das auch zur Behandlung von Drogenentzugserscheinungen oder – missbräuchlich – als Ersatzdroge verwendet wird, und das in Frankreich, wo es deutlich leichter zu beziehen ist, jeder kennt.

Drogen spielen auch im Roman von Virginie Despentes um „Das Leben des Vernon Subutex“ eine große Rolle. Und kaum eine Besprechung des Romans kommt ohne eine ausgiebige Beschreibung des außergewöhnlichen Vorlebens seiner Autorin daher.

Mit 17 wurde Despentes als Tramperin brutal vergewaltigt, war Mitglied einer Punkband, arbeitete als Schallplattenverkäuferin und zeitweise als Prostituierte und war einst unterwegs in jener Subkultur, aus der auch zahlreiche ihrer Romanfiguren stammen. Bereits mit ihrem Debütroman „Baise-moi“, der 1993 erschien, war sie sehr erfolgreich, aber auch skandalumwittert: Die Gewalt- und Sexorgie, die als Rachefantasie an Männern und Gesellschaft gelesen werden kann, löste viele Diskussionen aus, ihre Verfilmung 2000 durch die Autorin selbst, durfte in Frankreich nur in expliziten Pornokinos gezeigt werden. „Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex 1 und 2“ weiterlesen

Elena Ferrantes Neapolitanische Saga 3 und 4: Die Geschichte der getrennten Wege / Die Geschichte des verlorenen Kindes

Über Elena Ferrantes Neapolitanische Saga, insbesondere die Lektüre von Band 3 und 4 dieses fast 2200 Seiten umspannenden Werks, zu schreiben, ist gar nicht so einfach. Zum einen liegt die Erstveröffentlichung von „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ nun schon ein halbes Jahr zurück, in der mittlerweile so kurzlebigen Buchbranche fast schon eine Ewigkeit. Zum anderen erschienen zu diesem Zeitpunkt oder kurz danach eine derartige Flut an Rezensionen und Buchvorstellungen sowohl in den Feuilletons der Printmedien als auch auf digitaler Ebene, dass schon alles gesagt scheint. Der Aufruhr um die geheim gehaltene Identität der Autorin und das Detektivspiel darum taten ein Übriges, dass gefühlt kein Leser europa-, wenn nicht gar weltweit dieses Buch gelesen, bewusst nicht gelesen, davon gehört und/oder sich dazu eine Meinung gebildet hat.

Nun, ich habe mir dieses (vermeintliche) Lesevergnügen bewusst für meinen Sommerurlaub aufgespart. Genügend Zeit am Stück, um in das Monumentalwerk völlig eintauchen zu können (das versprachen Kritiken und eigene Leseerfahrungen besonders des zweiten Bandes, „Die Geschichte der getrennten Wege“). Und jetzt möchte ich auch darüber schreiben und meine ganz persönlichen Leseerfahrungen schildern. „Elena Ferrantes Neapolitanische Saga 3 und 4: Die Geschichte der getrennten Wege / Die Geschichte des verlorenen Kindes“ weiterlesen

Marion Poschmann – Die Kieferninseln

„Er hatte geträumt, dass seine Frau ihn betrog. Gilbert Sylvester erwachte und war außer sich.“

So wenig außergewöhnlich ein solcher Traum ist, so aberwitzig und skurril ist Gilberts Reaktion darauf. Er stellt seine Frau Mathilde nicht nur aufs Schärfste zur Rede, sondern verlässt, als diese hartnäckig leugnet, äußerst erbost die Wohnung und nimmt den ersten verfügbaren Interkontinentalflug, um möglichst viel Raum zwischen sich und seine vermeintlich untreue Gattin zu schaffen. Dass es außerhalb seines Traumes keinerlei Hinweise auf eine eventuelle Untreue gibt, stört ihn dabei überhaupt nicht. „Marion Poschmann – Die Kieferninseln“ weiterlesen

Gert Loschütz – Ein schönes Paar

Bereits 1990 veröffentlichte Gert Loschütz einen autobiografisch inspirierten Text über die Flucht seiner Familie aus dem brandenburgischen Plothow nach Mittelhessen im Jahr 1957. „Flucht“ war dieses Buch schlicht betitelt und kreiste in erster Linie um die Folgen, die diese für den damals elfjährigen Ich-Erzähler hatte.

Gert Loschütz ist ein eher zurückhaltender, zwar hoch angesehener, aber eher am Rande des deutschen Literaturbetriebs stehender Autor. Gedichte, Theaterstücke, Novellen, und dann dieser schmale Roman. Danach dauerte es bis 2005, dass mit „Dunkle Gesellschaft. Roman in zehn Regennächten“ wieder ein größeres Werk erschien, das sogleich auf der Shortlist des neu geschaffenen Deutschen Buchpreis landete. 2006 folgte sehr schnell sein Roman „Die Bedrohung“. Und nun, zwölf Jahre später, knüpft „Ein schönes Paar“ direkt an das 28 Jahre zuvor erschienene „Flucht“ an. „Gert Loschütz – Ein schönes Paar“ weiterlesen