Blitzlichter

 

Imbolo Mbue - Das geträumte Land2004 reist Jende Jonga mit einem vom schon länger in Amerika lebenden und als Anwalt recht erfolgreichen Cousin Winston finanzierten Visum von Limbe in Kamerun in die USA ein. Zwei Jahre später kann seine Frau Neni mit einem Studentenvisum und dem kleinen Sohn Liomi folgen. Die Zeiten sind schwer, aber mit Jendes Job als Taxifahrer und Nenis Zuverdienst als private Pflegerin kommt die kleine Familie einigermaßen über die Runden. 2007 scheint es endgültig aufwärts zu gehen, als Jende eine gut bezahlte Anstellung als Chauffeur eines Managers der Lehmann Brothers Bank erhält. Es ist kurz vor deren spektakulären Pleite. Die schon vorher kriselnde Ehe der Edwards ist dem Stress nicht gewachsen, Cindy spricht immer mehr Alkohol und Tabletten zu, Clark sucht Entspannung bei bezahlten Liebesdiensten. Wie sehr soziale Verantwortung, Liberalität und Empathie nur Fassade waren, wird recht bald deutlich. Jende wird da bald zum  Bauernopfer. Jende droht nicht nur das finanzielle Aus, sondern auch das Scheitern seines Asylantrags und die Abschiebung. Das ganze mag nun etwas klischeehaft klingen – böse, skrupellose Weiße hier, arme, redliche, aber chancenlose Schwarze dort -, ein großer Vorzug an Mbues Roman ist aber gerade die Ambivalenz, mit der alle Personen und Gegebenheiten geschildert werden. Die Edwards sind eigentlich nette Menschen, die aber gefangen sind in ihren eigenen Tragödien. Und auch die Immigranten stecken in ihren eigenen Zwängen fest. Jende entwickelt sich immer mehr zum machohaften Tyrannen, der seiner Frau verbietet nach der Geburt des zweiten Kindes weiter zu arbeiten und schließlich ausdrücklich gegen Nenis Wunsch, völlig eigenmächtig beschließt, nach Kamerun zurückzukehren. Und auch Neni, ehrgeizig, zielstrebig, intelligent und selbstbewusst, fällt nichts anderes ein, als sich dieser Entscheidung zu beugen, sich sogar körperlich misshandeln zu lassen.

„Das geträumte Land“ ist ein Buch der Desillusionierung. Es zeigt die Brüchigkeit des amerikanischen Traums und den unter einer dünnen Fassade von Liberalität versteckten Alltagsrassismus. Es ist die Erkenntnis nicht nur Jendes, sondern auch Clarks, dass das Amerika, an das sie geglaubt haben, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, nur ein geträumtes Land war. Imbolo Mbue hat ein wunderbares Buch geschrieben, voller Empathie und Wärme, Präzision und Ambivalenz in der Beschreibung, dabei leicht und unterhaltsam.

Rezension: Imbolo Mbue – Das geträumte Land

 

Jean-Luc Seigle - Ich schreibe Ihnen im DunkelEines der großen Verbrechen der Pauline Dubuisson, 1927 nahe Dunkerque geboren, war, auch wenn das bei ihrem spektakulären Prozess 1953 allenfalls als Vorgeschichte taugte, die Tatsache, dass sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als gerade mal Sechzehnjährige ein Jahr lang ein Verhältnis mit einem deutschen Militärarzt und damit Besatzer hatte. Nach der Befreiung, die für sie keine war, entging sie nur knapp dem Lynchmord durch Mitglieder der Résistance, wurde, wie damals üblich, als Kollaborateurin kahl geschoren, verfemt und gequält. Auch eine Rolle bei ihrem Prozess spielte Dubuissons schlechter Leumund. Bereits als knapp Vierzehnjährige unterhielt sie angeblich schon diverse sexuelle Beziehungen. Das war für die damalige Sexualmoral schwer erträglich. Die eigentliche Anklage beruhte aber auf einem Tötungsdelikt. 1951 erschoss Pauline ihren Ex-Verlobten im Affekt, wie sie zunächst aussagte, mit kaltem Vorsatz, wie die Anklage behauptete. Ihr drohte die Todesstrafe.

Jean-Luc Seigle nimmt sich diesen historischen Fall nun vor und schlüpft in die Haut Paulines. Ihn beschäftigt die Chancenlosigkeit Paulines im Gerichtssaal. Eine von Männern dominierte Gerichtsbarkeit und Öffentlichkeit, die den Lebenswandel der jungen Frau, besonders auch ihre Affäre mit dem deutschen Arzt hart und unerbittlich verdammte und Misogynität aus allen Poren ausschwitzte, verurteilte sie schon weit vor Prozessende. Nach ihrer Begnadigung beendete Pauline Dubuisson ihr Medizinstudium und wurde Ärztin. Bei Jean-Luc Seigle begegnen wir der ihr in Essaouira. Sie ist, erneut erschüttert durch die Veröffentlichung der „Wahrheit“, des Films, der zwar den Umständen des Verbrechens näher kam als die Verhandlung, die Täterin aber auch als narzisstisches, triebhaftes Geschöpf darstellte, nach Marokko geflohen. Dort kam sie langsam zur Ruhe und fand eine neue Liebe. Diesem Mann, der ihr die Ehe antrug, fühlt sie sich zur Wahrheit verpflichtet. Sie schreibt ihm auf, was geschehen ist, hofft auf sein Verständnis. Diese Aufzeichnungen bekommen wir als Leser nun zu Gesicht. Jean-Luc Seigle erzählt leise und eindringlich, durch die gewählte Ich-Perspektive ganz nahe an Pauline dran. Die weibliche Sicht gelingt ihm dabei überwiegend hervorragend.

Rezension: Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

 

Odafe Atogun - Tadunos LiedTaduno – kein Nachname, keine Adresse, nur Taduno, so ist der braune Umschlag adressiert, der den Protagonisten von Odafe Atoguns Debütroman eines Tages in seinem Exil erreicht. Dorthin ist der einst sehr berühmte und erfolgreiche Sänger vor der Verfolgung durch die Regierung seines Heimatlandes Nigeria geflohen, nachdem er diese wiederholt scharf kritisiert hatte. Der Brief stammt von seiner großen zurückgelassenen Liebe Lela. Obwohl Lela ihn im Brief ausdrücklich vor einer Rückkehr warnt, macht Taduno genau das – er kehrt zurück. Doch sein Erstaunen ist groß, als ihn niemand, auch seine nächsten Nachbarn nicht, erkennt. Dunkel erinnern sich die Menschen nur an jenen Sänger, der durch seine Kritik der Regierung gefährlich wurde, der mit seiner Stimme alle betörte. Doch diese Stimme ist durch das Exil verloren gegangen. Das ist umso tragischer, weil seine politischen Gegner Lela entführt haben und mit ihrer Ermordung drohen, sollte Taduno nicht ein Lied des Lobpreises für die Regierung veröffentlichen. Der Leser begleitet nun Taduno auf seiner Suche nach Lela und bei seinen Bemühungen, von den Menschen wiedererkannt und bei seinen Bemühungen zur Rettung seiner Liebe unterstützt zu werden.

Die Geschichte ist erzählt wie eine Fabel, einfach und schlicht, hinzu kommt etwas kafkaeskes. Daraus wird aber leider keine runde Geschichte. Zu wenig nah an seinen Figuren, um wirkliche Empathie auszulösen; zu flach und banal, um Erschütterung angesichts der geschilderten Verhältnisse auszulösen; sprachlich zu schlicht, um dadurch zu punkten.

Eine originelle Stimme, ein dringlicher Appell gegen Verfolgung, Unterdrückung, Diktatur, eine Feier von Kunst und Musik als Formen des Widerstandes, aber leider kein ganz gelungener Roman.

Rezension: Odafe Atogun – Tadunos Lied

Hanya Yanagihara - Ein wenig LebenWorum geht es in diesem fast 1000 Seiten starken Roman? Zu Beginn wird eine Freundschaftsgeschichte erzählt. Vier junge Männer lernen sich auf dem College kennen, teilen sich ein Zimmer, viel Zeit und unzählige gemeinsame Erlebnisse. Es soll, mit einigem Auf und Ab, eine Freundschaft fürs Leben werden. Zunächst lernen wir die Vier auch gleichberechtigt kennen, sehr bald fokussiert sich die Geschichte aber auf das besondere Verhältnis zwischen Willem und Jude und wird letzterer und seine tragische Geschichte immer mehr Mittelpunkt des Romans. Es ist eine Geschichte von frühkindlichem Missbrauch, Gewalt, Selbsthass und unendlichem Leid. Andererseits sind aber auch so viel Liebe, Wärme, Freundschaft und Solidarität enthalten, dass es stellenweise ganz hell erstrahlt. Helles Licht und absolute Düsternis – an den Graustufen dazwischen lässt uns die Autorin weniger teilhaben.

Hanya Yanagihara erzählt ihre Freundschaftsgeschichte über dreißig Jahre. Sie blendet zurück in die Kindheit und Jugend, spult vor und zurück. Der Sinn des Lebens, der Wert des Lebens ist das große Thema des Romans. Die unglaubliche Verletzlichkeit des Menschen, das Leid, das ihm, vor allem durch Seinesgleichen zugefügt werden kann. Aber auch die Würde, die in jeder einzelnen Existenz liegt.

Ein Buch mit einer großen Aussage und großen Emotionen. Ein großes Buch!

Rezension: Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben

richard-yates-eine-letzte-liebschaftNeun letzte, bisher noch nicht in Buchform veröffentlichte Erzählungen des 1992 verstorbenen großen amerikanischen, zu Lebzeiten leider nie angemessen erfolgreichen Erzählers. Yates ist der Meisters der erzählerischen Verdichtung, der Aufspürer auch feinster Risse in der Existenz, der gnadenlose und doch so mitfühlende Beobachter der ganz alltäglichen Selbsttäuschungen.
Es sind die Bewohner der US amerikanischen Suburbias, oft Ehepaare, meist weiße Mittelschicht, die seine Erzählungen wie seine Romane bevölkern. Es sind die, die sich bemühen, den großen amerikanischen Traum vom individuellen Glück zu verwirklichen, auch wenn sie sehr deutlich merken, wie schwierig, wie aussichtslos das für viele von ihnen ist, wie viel Gegenwind ihnen entgegen weht.

Die undatierten Geschichten dieses Bandes spielen in den fünfziger Jahren. Fünf der neun Geschichten haben in irgendeiner Form mit dem gerade beendeten Zweiten Weltkrieg zu tun.

Ob Lebenskrise oder Alltagssituation, Richard Yates schafft in seinen kunstvoll knappen, völlig unspektakulären Stories ein beeindruckendes Gesellschaftsbild der USA der damaligen Zeit und verhandelt gleichzeitig zeitlose Themen.

Rezension: Richard Yates – Eine letzte Liebschaft
Jonathan Safran Foer - Hier bin ich„Hier bin ich“ – diese Zusage zu bedingungsloser Solidarität seiner Eltern wünscht sich der 13 jährige Sam, als ihm wegen rassistischer und unflätiger Schmierereien droht, von der bevorstehenden Bar Mizwa ausgeschlossen zu werden. Für seine Eltern eine mittlere Katastrophe, nicht nur weil schon alle Vorbereitungen inklusive der Anreise der israelischen Verwandtschaft abgeschlossen sind. Nein, obwohl nicht sonderlich religiös, hängt ihr jüdisches Selbstverständnis doch sehr an solchen Traditionen. Als im weiteren Verlauf ein schweres Erdbeben die Nahost-Region heimsucht, viele Todesopfer fordert, aber vor allem auch sämtliche Infrastruktur zerstört und die feindlichen arabischen Staaten die „Gunst der Stunde“ nutzen um Israel den Krieg zu erklären, stellt sich die Frage der jüdischen Identität auf ganz neue Weise. Doch diese Katastrophe bleibt fern.

Vater Jakobsorgt sich um seine Ehe mit Julia. Diese ist in die Jahre gekommen, drei Kinder wurden großgezogen, nicht nur die Leidenschaft, sondern auch Nähe, Gemeinsamkeiten und Gesprächsstoff abhanden gekommen. Verschärft wird das Ganze dadurch, dass Ehefrau Julia ein Handy ihres Mannes mit einem heftigen Sex-SMS-Verkehr mit einer Kollegin findet. Julia will die Trennung, Jakob hofft auf Aufschub.

Gelegentliche Längen sind bei derart umfangreichen Werken selten zu vermeiden. Insgesamt gelingt es Jonathan Safran Foer aber ausgesprochen gut, diese (nicht nur jüdische) Identitätssuche in unserem Zeitalter der ständigen Überforderung, dieses fast biblische Ringen um den Platz im Leben und in der Gesellschaft und nicht zuletzt in der Familie und einer Partnerschaft genauso authentisch darzustellen wie das Leben in der Familie und den Zerfall einer Ehe. Er erzählt dabei eher konventionell, mit gelegentlichen Vorgriffen, nur wenigen formalen Experimenten, rasanten, geistreichen Dialogen. Ich war berührt von der tiefen Traurigkeit des Buches, aber auch von der Hoffnung, die in ihm steckt.

Rezension: Jonathan Safran Foer – Hier bin ich
John Williams - AugustusAus meist fiktiven, aber sehr authentisch klingenden Briefen, Tagebuchauszügen, Protokollen und Konsulatsbefehlen schafft John Williams ein vielstimmiges Bild des ersten römischen Kaisers Augustus. Dabei schreiten die Berichte zwar chronologisch voran, entstammen aber ganz unterschiedlichen Zeiten. So folgt ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 14 n. Chr. einem Brief des Jahres 44 v.Chr., um wieder eine Verordnung aus dem Jahr 39 v.Chr. anschließen zu lassen. Unterschiedlichste Facetten entstehen, Mosaiksteinchen werden zusammengesetzt. Dabei kommen viele historische Personen wie Augustus Tochter Julia, seine Frau Livia, sowohl Marcus Antonius wie Kaiserin Kleopatra, Freunde, Gegner, Weggefährten, aber auch Philosophen, Geschichtsschreiber wie Titus Livius und Dichter wie Vergil, Horaz und Ovid zu Wort. Besonders beeindruckend ist dabei, in wie vielen unterschiedlichen Tonlagen Williams schreibt, wie sich Historisches mit Klatsch und Tratsch aus Roms Haushalten mischt. Augustus selbst kommt dabei erst am Ende in einem längeren Brief zu Wort. So sehen wir verschiedene Perspektiven, Einschätzungen, negative wie positive, wahre wie falsche, zu dieser schillernden Gestalt des Gaius Octavius, der seinem ermordeten Onkel Julius Caesar in der Regentschaft über das Römische Reich folgte, die herrschenden Bürgerkriege beendete und dem Reich nach innen eine lange Phase des Friedens, des Wohlstandes, der kulturellen Blüte und nach außen der territorialen Erweiterung brachte. Aber der auch die Republik faktisch beendete, sich als Alleinherrscher etablierte und sowohl mit politischen Gegnern als auch mit Familie und Freunden nicht zimperlich umging.

 

Ein wirklich herausragender historischer Roman, dem eine Zeittafel, ein Who is Who und ein sehr informatives Vor- und Nachwort beigefügt sind. Eine absolute Empfehlung auch für Leser ohne spezielles Interesse an römischer Geschichte.

Rezension: John Williams – Augustus

Elena Ferrante - Die Geschichte eines neuen NamensIm Sommer letzten Jahres brach es aus, oder wurde vielmehr allerorten beschworen – das Ferrante-Fieber! Ich stand diesem Phänomen etwas ratlos gegenüber. Das Buch konnte durchaus unterhalten, zeichnete zumindest ansatzweise interessante Figuren und eine gut entwickelte Geschichte. Zudem wurde die Spannung gehalten und mit einem ungeheuren Cliffhanger geendet. Trotzdem konnte von einem Fieber bei mir keine Rede sein.

Nun also, „Die Geschichte eines neuen Namens“. Zunächst gleicht sie der genialen Freundin sehr. Wer den ersten Band gelesen hat (und das sollte man unbedingt vorher tun), erinnert sich, dass dieser abrupt an Lilas Hochzeitstag endete, und zwar mit einem Eklat. Lila entdeckte, dass ihr Mann heimlich gemeinsame Sache mit den ihr zutiefst verhassten Camorra-Brüdern Solara machte. Der Anfang der Ehe, in die sich Lila mit 16 Jahren stürzte, um aus den äußerst bedrückenden Verhältnissen ihres Elternhauses in einem der heruntergekommenen Viertel („rione“) Neapels zu fliehen, barg zugleich ihr Scheitern. Zwar kann der erfolgreiche Lebensmittelhändler Stefano ihr nun ein Leben in relativem Wohlstand bieten, aber ein wirkliches Entkommen aus den Verhältnissen, wie ihn sich die beiden Mädchen erträumten, bietet sich Lila dadurch nicht. Stefano zeigt als Ehemann das vertraute Verhaltensmuster aller Männer aus dem „rione“: Despotie, Machismo, Verachtung und Missbrauch der Frauen, Gewalt. Nicht nur Lila, sondern auch fast alle ihre Freundinnen geraten in viel zu frühen Jahren in eine solche Ehehölle. In dieser Geschichte wird so ziemlich alles demontiert, Liebe, Ehe, Familie, Freundschaft. Auf alle diese (glücksverheißenden) Institutionen wird mit einem äußerst scharfen Blick geschaut. Noch deutlich mehr als im ersten Buch geht es hier auch um die Stellung der Frau, ihre Missachtung in der Gesellschaft, ihre Befreiungsversuche. Dabei kommen aber die Frauen selbst genauso schlecht weg wie die Männer. Das System ist es, wo der Wurm drin steckt. Und hier hat mich das Buch zunehmend gepackt. Endlich kommen auch zeitpolitische und soziale Aspekte zum Tragen: Die Frauenfrage, soziale Umstände, Bildungspolitik. Denn da gibt es natürlich neben Lila noch die Ich-Erzählerin, die mit ihr in Freundschaft, aber auch in ständiger Rivalität und Missgunst verbunden ist. Gerade das macht einen großen Reiz der Bücher Elena Ferrantes aus: Wie ungeschönt, schonungslos und offen diese Lenu selbst über ihre übelsten Gefühle und Gedanken schreibt. Lenu nun geht, obwohl eigentlich weniger begabt als Lila, durch ein wenig Glück, aber vor allem durch großen persönlichen Ehrgeiz befördert, einen anderen Weg. Sie bleibt bis zum Abitur auf der Schule, studiert danach sogar in Pisa und kann sich schließlich den großen Traum erfüllen: ein Roman von ihr wird veröffentlicht.

Auch dieser zweite Band der Tetralogie endet mit einem Cliffhanger. Unmöglich sich der Spannung zu entziehen, wie es weiter geht. Zumal nach anfänglichem Zögern mich die Figuren nun tatsächlich gepackt haben.Dabei sind die Bücher äußerst kunstlos geschrieben. Sie sind gut lesbar, bieten aber keine sprachlichen Höhepunkte. Dabei ist der Roman gut konstruiert und Elena Ferrante kann enorm gut mit Spannung umgehen. Deshalb wird das Ferrante-Fieber wohl diesmal mindestens bis Mai dieses Jahres anhalten. Da soll der dritte Teil erscheinen. Und ich habe läuten hören: Der soll noch besser sein.

Rezension: Elena Ferrante – Die Geschichte eines neuen Namens

Rafael Chirbes - Paris-Austerlitz

Ein kleiner Roman aus dem Nachlass des 2015 verstorbenen Spanischen Autors.

Die Geschichte spielt in den frühen 90 er Jahren in Paris. Der junge Ich-Erzähler, Sohn aus begütertem Haus und Maler, flieht aus dem für ihn eng gewordenen Madrider Elternhaus in die französische Hauptstadt. Dort lernt er den wesentlich älteren Arbeiter Michel kennen. Die beiden werden ein Paar. Der unkomplizierte Michel fasziniert den Erzähler zunächst durch seine Andersartigkeit, seine Leidenschaftlichkeit, seine ausschweifende Sexualität. Doch nach und nach sind es gerade diese Dinge und Michels bedingungslose, besitzergreifende Liebe, die den Ich-Erzähler zunehmend erdrücken und schließlich gar abstoßen. Es kommt zum Bruch.

Erzählt wird die Geschichte rückblickend, das Ende vorwegnehmend. Michel ist mittlerweile an einer Krankheit, sie wird nicht ausdrücklich benannt, aber es wird wohl AIDS sein, tödlich erkrankt. In einer grausam genauen Selbstbefragung durchlebt der junge Maler noch einmal die Stationen dieser Liebe, nicht chronologisch, sondern in Erinnerungsbruchstücken, in denen Chirbes Zeit- und Perspektivebenen kunstvoll ineinander verwebt. Die sozialen Schranken, die die beiden Männer voneinander trennen kann auch die Liebe nur schwer überwinden. Bei aller Intimität des Erzählten, kommt bei Rafael Chirbes so doch auch wieder die Klassenfrage zum Tragen, werden soziale Muster aufgezeigt, drängt das Politische ins Private. Chirbes schreibt ungeheuer intensiv und dicht, unsentimental und kühl, schreckt auch vor expliziten Schilderungen von Sexualität nicht zurück, ohne jemals voyeuristisch zu sein. Er schafft dadurch ein sehr atmosphärisches Buch, das gerade durch seine Offenheit und Wucht sehr zu berühren vermag.

Rezension: Rafael Chirbes – Paris-Austerlitz

John Fante - 1933 war ein schlimmes JahrDer junge Dominic Molise erzählt aus seinem Leben. 1933 war auch in den USA ein schwieriges Jahr. Die Wirtschaftskrise war auf einem Höhepunkt angelangt, die Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Verarmung weiter Bevölkerungskreise enorm. Diese harten Zeiten spürt auch die italienische Einwandererfamilie Molise. Der Vater kann sein Handwerk nur im Sommer ausüben, seine freie Zeit verbringt er fast ausschließlich in der Kneipe beim Billardspiel, offiziell, um damit die Familienkasse aufzubessern, aber da sind offensichtlich auch Frauen mit im Spiel. Auch der Ich-Erzähler Dom ist kein strahlender Held. Sein völlig übersteigertes Selbstwertgefühl, eine völlige Fehleinschätzung seiner Möglichkeiten bei der von ihm angebeteten, sechs Jahre älteren und bildschönen Tochter des reichsten Mannes vor Ort und eine stets lauernde Aggressivität, die auch mal zu Handgreiflichkeiten führt, sind seine steten Begleiter. Und doch ist er dem Leser zutiefst sympathisch.

Es ist der große amerikanische Traum, vom kleinen Mann ganz nach oben, der auch ihn umtreibt. Denn trotz aller Widrigkeiten besitzt er einen großen Trumpf, „Den Arm“, wie er ihn nennt – er ist ein äußerst begabter Pitcher beim Baseball. Die Geschichte vom großen amerikanischen Traum und den großen Sehnsüchten ist nicht neu. Aber so leicht und tiefgründig, so heiter und ernsthaft wurde sie noch selten erzählt.

Rezension: John Fante – 1933 war ein schlimmes Jahr

Françoise Frenkel - Nichts, um sein Haupt zu bettenDie geborene Polin und Jüdin Frymeta Idesa Frenkel, die in Paris studierte und Frankreich und seine Literatur über alles lieben lernte, machte sie sich 1921 mit viel Herzblut und Sachverstand an die Gründung der „Maison du livre“, der ersten und einzigen französischen Buchhandlung in Berlin. Doch obwohl die Zeiten ungünstig waren, wuchs die Kundenzahl der Buchhandlung beständig an und entwickelte sich zu einer Erfolgsgeschichte. Schwierig wurde es spätestens 1935, als immer neue schikanöse Bestimmungen den Geschäftsalltag behinderten. Doch Françoise Frenkel harrte, nicht zuletzt durch die Unterstützung des französischen Staats ermutigt, aus. Erst wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh sie zurück nach Paris. Laden und Bücher wurden beschlagnahmt.Nur 9 Monate später musste Frenkel erneut vor den anrückenden deutschen Truppen fliehen. Über Avignon ging es nach Nizza, um von dort den Grenzübertritt in die rettende Schweiz zu versuchen, was ihr nach zwei missglückten Versuchen, Verhaftung und Internierung in Annecy, schließlich doch gelang.

So wie Françoise Frenkel die allmähliche Verfinsterung in Berlin verzeichnete und doch ihrem Laden, ihren Kunden, den Berlinern bis es gar nicht mehr ging treu blieb, so sah sie trotz all ihrer Sympathie zu Frankreich und den Franzosen doch auch die Kollaborateure unter den Franzosen, diejenigen die sich aus niedriger Gesinnung, zum persönlichen Vorteil oder oft auch einfach nur aus Gedankenlosigkeit gemein machten mit den deutschen Besatzern. Aber eben auch die vielen uneigennützigen Helfer, unter Gefährdung des eigenen Lebens halfen. Deshalb ist das Buch auch „den MENSCHEN GUTEN WILLENS, die hochherzig, mit unermüdlicher Tapferkeit, ihren Willen der Gewalt entgegengestellt und Widerstand geleistet haben bis ans Ende.“ Die Autorin schrieb das Buch 1943-44 in der Schweiz.

Rezension: Françoise Frenkel – Nichts, um sein Haupt zu betten

Sylvie Schenk - Schnell dein LebenLouise, Sylvie Schenks Alter Ego, wächst in den 50er Jahren in den französischen Alpen auf, eng verbunden mit der Natur. Ihre Kindheit ist keine unglückliche, dennoch lastet etwas Bedrückendes auf der Familie. Die Ehe der Eltern ist schwierig, die väterliche Familie lehnt die Mutter ab. Louise geht zum Studium nach Lyon und lernt dort eine bunt gemischte Gruppe junger Leute kennen – unter anderem den deutschen Pharmazie-Student Johann und den düsteren, faszinierenden Henri, dessen Eltern als Partisanen während der Besatzungszeit von den Deutschen ermordet wurde. Damit deutet sich eines der großen Leitthemen dieses Lebens und dieses Buches an: das nach dem Krieg schwierige Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland, die vorsichtige, aber entschlossene Wiederannäherung der beiden Länder. Denn trotz großer Anziehung zwischen Henri und Louise entscheidet diese sich letztendlich für den zuverlässigen, heiteren Johann und zieht mit ihm nach Deutschland. Doch auch auf Johanns Familie liegt etwas Düsteres, ein Schweigen lastet schwer, wie wohl in der Nachkriegszeit auf vielen deutschen Familien. In 34 kurzen Kapiteln bei gerade mal 160 Seiten komprimiert Sylvie Schenk ein Leben in eindringliche Szenen. Sie erzählt mit großer Klarheit und Ruhe und poetischer Kraft. Sie wählt die zweite Person Singular, das“Du“, dadurch wird der Text zur Selbstreflexion, eine Perspektive zwischen Nähe und Distanz. Ein nachhallendes Buch.

Rezension: Sylvie Schenk – Schnell, dein Leben

 

Nathan Hill - GeisterNathan Hill hat einen 860 Seiten starken Debütroman geschrieben, der es in sich hat.

Durch einen Anruf wird der zurückgezogene, vom Unialltag und privaten Beziehungen enttäuschte und immer mehr in Onlinegamewelten abtauchende Literaturprofessor Samuel aufgeschreckt: Seine Mutter Faye, die ihn als elfjährigen Jungen von heute auf morgen verlassen und fortan jeden Kontakt vermieden hat, wartet nach einer Attacke auf einen populären Politiker auf ihren Prozess. Samuel soll nun für sie sprechen. Keine leichte Aufgabe, ist sie doch das Trauma seiner Kindheit. Da sie auch fortan jede Auskunft verweigert, macht sich Samuel auf die Suche nach Informationen und findet Überraschendes aus ihrer Vergangenheit heraus. Das Buch spielt auf verschiedenen Zeitebenen. Die Gegenwartsebene ist dabei das Jahr 2011, die Studentenunruhen aus Fayes Universitätsjahren datieren zurück ins Jahr 1968 und Fayes Kindheit liegt in den 50er und 60er Jahren.

Nathan Hill schafft es, diese Themenfülle in einen gut lesbaren, stellenweise sehr witzigen, kritischen und geschickt konstruierten Roman zu packen. Am Ende ist vielleicht ein wenig zu viel Happy-End, aber bis  dahin wurde man wunderbar unterhalten.

Rezension: Nathan Hill – Geister

Lauren Groff - Licht und Schatten

Es ist eine Ehegeschichte, die hier vor uns ausgebreitet wird. Lancelot Satterwhite, selbstbewusster, gut aussehender Spross einer äußerst wohlhabenden Familie aus Florida, dem Zeit seines Lebens nicht nur alle Steine aus den Weg geräumt, sondern auch eine glänzende Zukunft vorausgesagt wurde, steht für das Licht. Auf einer Uni-Fete trifft Lancelot, Lotto genannt, Ende der Achtziger Jahre auf Mathilde, eine zurückgezogene, leicht rätselhafte Schönheit, anscheinend ohne jegliche Familie. Ein „Coup de foudre“, zwei Wochen später wird geheiratet.

Lauren Groff diskutiert in ihrem komplexen Roman Fragen wie die, wieviel wir eigentlich von einem anderen Menschen, und sei er uns auch der Nächste, tatsächlich wissen können. Es werden typische Geschlechterrollen inspiziert zwischen männlicher Egozentrik und weiblicher Selbstauflösung. Frühkindliche Verletzungen spielen eine Rolle und unterschiedliche Lebensmodelle, die Ehe natürlich, Familie, der Lauf der Zeit, Depression, Abhängigkeit. Es ist ein abgründiger, einerseits schonungslos genauer Blick auf die Institution Ehe, der aber so gar nichts mit Romantik oder rosaroter Glückseligkeit zu tun hat, andererseits schildert sie diese Ehe aber auch als sehr beständig und glücklich.

Lauren Groff ist mit „Licht und Zorn“ ein außerordentlich gekonnt konstruierter und mit spannenden Themen handelnder Roman gelungen. Nicht nur die Tatsache, dass er zu Barak Obamas Lieblingsromanen zählen soll, macht ihn dadurch zu einer nachdrücklichen Leseempfehlung.

Rezension: Lauren Groff – Licht und Zorn

Angelika Felenda - WintergewitterDer hier vorliegende zweite und mittlere Teil von Angelika Felendas zwischen 1914 und 1933 angesiedelter Krimireihe nimmt das Jahr 1920 ins Visier. Es ist die Zeit der Freicorps und Einwohnerwehren, des erstarkenden Nationalsozialismus, der Dolchstoßlegende, der Putschversuche und großen materiellen Not in weiten Teilen der Bevölkerung.

Cilly Ortlieb und Marie Zaumgiebel, zwei jungen Statistinnen aus Rosenheim, die davon träumten, in München Schauspielerinnen zu werden, verdienten ihr Geld schließlich auf anderem Wege und schreckten auch vor der ein oder anderen Erpressung ihrer „Herrenbekanntschaften“ nicht zurück. Ein leichtsinniges Unterfangen, denn beide werden eines Tages ermordet aufgefunden.
Kommissar Sebastian Reitmeyer ermittelt, soll aber, als bald die Spur zu rechtsgerichteten Kreisen und der Einwohnerwehr führt, möglichst nicht zu tief graben. Dabei begegnet er der Berliner Studentin Gerti Blumfeld, die auf der Suche nach ihrer verschollenen Schwester ist und alsbald auch ins Zentrum der Ereignisse gerät.

Der Autorin gelingt die atmosphärische Schilderung ganz ausgezeichnet, auch sprachlich ist der Roman sehr solide. Gegen Ende nimmt die eher beschauliche Ermittlung ein wenig zu sehr Fahrt auf, da knirscht es auch ein wenig in der Handlung und wird das ein oder andere ein wenig unplausibel und unwahrscheinlich. Aber da sich die Leserin bis dahin gut und durchaus klug unterhalten gefühlt hat, lässt sich darüber hinwegsehen.

Rezension: Angelika Felenda – Wintergewitter

Elif Shafak - Der Geruch des ParadiesesDie drei Evas sind drei Frauen mit muslimischem Hintergrund, die sich im Jahr 2000 während ihres Studiums in Oxford kennen lernen und zusammenziehen. Es sind drei auf sehr unterschiedliche Weise starke junge Frauen, alle drei auf unterschiedlichen Wegen unterwegs. Leicht ironisch nennen sie sich „Die Sünderin, die Gläubige und die Verwirrte.“ In einem Seminar bei dem umstrittenen Professor Azur lernen sie, ihr Verhältnis zu Gott, zur Religion, zu sich selbst zu überdenken. 15 Jahre später fällt einer von ihnen, der Türkin Peri ein altes Foto in die Hände. Anlass, sich an die Studienzeit, deren abruptes Ende, die Schuld, die sie seitdem verspürt, aber auch an ihre Kindheit zu erinnern.

Elif Shafak verbindet in dieser Geschichte einen Diskurs über den Glauben mit einem aktuellen Psychogramm der Türkei und feministischen Fragen. Und dass Elif Shafak es schafft, dies in exzellent geschriebenen, unterhaltsamen, ja spannenden Romanen zu erfüllen sei ausdrücklich erwähnt.

Rezension: Elif Shafak – Der Geruch des Paradieses

 

Elizabeth Strout - Die Unvollkommenheit der LiebeEs sind 5 Tage und 5 Nächte, in denen Lucy Bartons Mutter sie am Krankenbett besuchte. Ziemlich bald wird klar, dass es eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung ist, dass sich die beiden zuvor jahrelang nicht gesehen hatten. Immer wieder schweifen Lucys Gedanken, auch wenn die Freude über die Anwesenheit der Mutter groß ist, ab in die Zeit ihrer schwierigen Kindheit.

Die tiefe Verbundenheit, manchmal auch ungewollt, manchmal auch unglückselig, zwischen Müttern und Töchtern ist eines der Themen des Romans. Und Elizabeth Strout ist natürlich Meisterin im Schildern des Alltäglichen, des sogenannten „normalen Lebens“. Und das tut Elizabeth Strout mit jedem Buch, leise, empathisch, unspektakulär und schonungslos und mit großem Können.

Rezension: Elizabeth Strout – Die Unvollkommenheit der Liebe

 

Hannah Dübgen - Über LandClara und Amal begegnen sich durch Zufall. Die junge Irakerin läuft in das Fahrrad der Deutschen. Aus anfänglichem Schuldgefühl erwächst nach zunächst vorsichtigem Annähern eine tiefe Freundschaft. Hinter all den unterschiedlichen Traditionen und kulturellen Unterschieden ist es doch das Menschliche, das verbindet.

Hannah Dübgen gelingt es ausgesprochen gut, die Gefühlswelt und das Leben einer jungen Geflohenen zu schildern. Sie beweist dabei genauso viel Empathie wie Sensibilität. Aber sie schafft noch eine zweite Ebene und eine zweite Erzählstimme, indem sie Amal eine junge Deutsche an die Seite stellt. Sie schafft fein gezeichnete, überzeugende Figuren und lässt die Ängste, Schwierigkeiten und Vorbehalte, die entstehen, wenn Menschen unterschiedlicher Kulturkreise aufeinandertreffen, deutlich werden.

Rezension: Hannah Dübgen – Über Land

 

Donal Ryan - Die Gesichter der WahrheitDonal Ryan erzählt aus einer kleinen irischen Gemeinde, die gerade in den Strudel der Finanzkrise 2008/2009 geraten ist, die Irland bekanntlich besonders hart erwischt hat. Fast jeder hier ist unmittelbar davon betroffen. Einundzwanzig Stimmen, einundzwanzig „Gesichter der Wahrheit“.

Das Buch hat eine durchgehende Grautönung, was teilweise etwas ermüdend ist. Trotzdem ist Donal Ryan ein sehr eindrückliches, lesenswertes Buch gelungen. Durch die unterschiedlichen Perspektiven sehr facettenreich, durch die Thematik hochaktuell und erhellend, durch den Handlungsbogen bis zuletzt spannend und durch die zupackende Art zu erzählen sehr unmittelbar und unterhaltsam.

Rezension: Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit

 

Eva Schmidt - Ein langes JahrEine Stadt am See – obwohl nie explizit erwähnt, leicht als Eva Schmidts Wohnort Bregenz zu identifizieren. In 38 meist sehr kurzen Kapiteln werden einzelne Bewohner vorgestellt, fast dreißig an der Zahl, gewähren dem Leser kurze Einblicke in ihr Leben. Eva Schmidt erzählt sehr zurückhaltend, ihr Blick ist distanziert, aber nie ohne Anteilnahme. Das lässt ihren sehr kunstvollen, aber nie künstlichen Romanaufbau umso mehr wirken. Auch bei den traurigsten, erschütterndsten Szenen kommt zu keinem Zeitpunkt etwas wie Pathos oder Kitsch auf. Das macht sie umso eindrucksvoller.

Ein Jahr, um die dreißig Leben, gerade mal 200 Seiten – große Kunst.

Rezension: Eva Schmidt – Ein langes Jahr

 

Kurt Oesterle - Martha und ihre SöhneMartha war nicht nur Mitläuferin des NS-Regimes. Sie war eine der jungen Frauen, deren begeisterte Ausbrüche man in Dokumentarfilmen über diese Zeit staunend wahrnimmt und die denen junger Beatles-Fans in Nichts nachstanden. Hitler-Deutschland war ihr nicht nur räumlich, sondern vor allem emotional und ideell Heimat. Auch nach dem Zusammenbruch lässt sich eine solche tief empfundene Verbundenheit nicht einfach lösen. So verläuft die sogenannte „Entnazifizierung“ durch die Amerikaner für Martha und etliche wie sie nahezu folgenlos. Aber es ist die bekannte Mär von der „Stunde Null“, dem Neuanfang, der aus Millionen treuer Nationalsozialisten plötzlich Demokraten machte. Kurt Oesterle schildert beeindruckend, dass und warum das nicht funktionieren konnte.
Kurt Oesterle schafft mit „Magda und ihre Söhne“ somit nicht nur ein beeindruckendes Porträt der unmittelbaren Nachkriegszeit aus der Sicht einer Durchschnittsfrau, sondern zeigt auch frappierende Parallelen zum Heute.
Sein Bestreben, die geschilderten Dinge bis in tiefe Schichten zu durchleuchten und zu erklären, verhindert vielleicht die große emotionale Nähe zu seinen Personen, sein klarer, nüchterner, analytischer Stil geht in dieselbe Richtung. Fabulierlust ist das nicht. Dafür hat er ein sehr aufschlussreiches, nachdenklich machendes und wichtiges Stück Literatur geschaffen.

Rezension: Kurt Oesterle – Martha und ihre Söhne

 

Daria Bignardi So glücklich wir warenAlma und Maio, nur ein Lebensjahr auseinander, hatten von Beginn an eine symbiotische Beziehung. Keiner konnte ohne den anderen, mit Maios späterer Freundin Michela bildeten sie eine Dreierbande. Eine Freundschaft die bis zu jenem Abend unzerstörbar schien, an dem Alma die Idee hatte, einmal Heroin auszuprobieren. Eines Abends verschwindet Maio spurlos. Die Familie hörte nie mehr von ihm. Und nun, wie so oft, zerbricht die Familie. Alma hat sich nach jahrzehntelangem Schweigen nun endlich entschlossen mit ihrer Tochter Antonia über dieses Familienschicksal zu sprechen. Diese ist schwanger, Kriminalschriftstellerin und ihr Spürsinn  herausgefordert.
Was steckt hinter Maios Verschwinden? Ist er tatsächlich tot? Sie entschließt sich, aus ihrer Heimatstadt Bologna nach Ferrara zu reisen, dem Kindheitsort der Mutter.

Daria Bignardi ist dabei eine Meisterin der atmosphärischen Schilderung. In einer schnörkellosen, aber äußerst fesselnden Sprache erzählt sie ihre Geschichte um Schuld und Schuldgefühle, die Schatten der Vergangenheit, Geborgenheit der Familie und Einsamkeit des Einzelnen, Wahrheit und Verschweigen. Dabei zeichnet sie psychologisch eindrucksvolle Porträts und entwickelt nicht zuletzt durch die kriminalistischen Elemente eine ungeheure Sogkraft.

Rezension: Daria Bignardi – So glücklich wir waren

 

Thees Uhlmann - Sophia, der Tod und ichDer Sänger der Band „Tomte“ erzählt betont locker eine haarsträubende Geschichte: Eines Tages steht vor der Tür des Ich-Erzählers der Tod.
Sehr höflich, korrekt im schwarzen Anzug, aber unerbittlich. Noch drei Minuten bleiben, selbst der letzte Wunsch ist noch drin, aber dann, leider, „irgendwas mit dem Herzen“. Doch als plötzlich Sophia vor der Tür steht, läuft alles ganz anders als üblich. Ein Roadtrip mit Tod beginnt und endet mit einem großen Show-Down. Haarsträubend wie gesagt, in einer coolen, lässigen Sprache verfasst, auch die übelsten Kalauer nicht scheuend, sich nicht das Geringste um Plausibilität oder Logik kümmernd.Und, man hört und staunt, trotzdem mit so viel Warmherzigkeit, Melancholie und Lebensklugheit, ich möchte fast sagen Lebensweisheit versehen, dass die Leserin abwechselnd laut lachen, versonnen innehalten und gerührt schniefen musste.

Rezension: Thees Uhlmann – Sophia, der Tod und ich

 

Delphine de Vigan - Nach einer wahren GeschichteDelphine de Vigan treibt ein listiges Spiel mit dem Leser und seinen Erwartungen.Sie erzählt „Nach einer wahren Geschichte“ und erzählt darin von der Schriftstellerin Delphine, die nach dem überwältigenden und auch überraschenden Erfolg ihres vorherigen, autobiografischen Buchs, das vom Selbstmord der psychisch kranken Mutter erzählt, in eine tiefe Krise gerutscht ist. Eine Schreibblockade, ja geradezu Ekel vor dem Schreiben treibt sie um. Sie steht am Beginn einer Depression, wird immer wieder von Selbstzweifeln geplagt. Da tritt L. in ihr Leben, anfangs nur eine begeisterte Leserin, erobert sie immer mehr Raum in Delphines Leben, beängstigend viel Raum. Schon zu Beginn stellt sich der Leser natürlich die Frage: Wieviel Delphine de Vigan steckt in dieser Delphine, stimmen doch auch etliche weitere biografische Daten von Autorin und Erzählerin überein. Und da beginnt es auch schon, das Spiel um Autobiografie, Autofiktion und Fiktion, das Delphine de Vigan hier mit uns spielt. Besonders gegen Ende entwickelt die Autorin einen starken Sog und eine hohe, fast an Thriller erinnernde Spannung, die gelegentliche Längen in der Mitte des Buches fast vergessen machen. Hier wird Wahrheit in einem schwindelerregenden Wirbel fiktionalisiert.
Es ist aber ein Schwindel, der nicht nur Spaß macht, sondern auch nachdenklich.

Rezension: Delphine de Vigan – Nach einer wahren Geschichte

 

Henning Mankell - Die Schwedischen GummistiefelEin letzter Roman von Henning Mankell, den Mankell bereits mit seiner Krebsdiagnose verfasst und kurz vor seinem Tod im Oktober 2015 veröffentlicht hat.

Gleich zu Anfang verliert Fredrick Welin, der alternde Chirurg, den wir beriets aus Mankells Roman „Die italienischen Schuhe“ kennen, sein Haus auf der einsamen Schäreninsel, auf die er sich zurückgezogen hatte, und seine ganze Habe bei einem fatalen Brand, dem auch er nur um ein Haar entkommt. Er steht nicht nur ohne alles Materielle da, sondern wird auch noch der Brandstiftung verdächtigt. Allerdings nur solange, bis das nächste Haus im Schärengarten in Flammen aufgeht.

Denn wenn auch ziemlich viel geschieht, sind die eigentlichen Themen, um die es geht, das Vergehen der Zeit, das Altern, der Tod und die Frage nach dem Neuanfang. Ein leises, sehr berührendes Buch, gab es diesen Neuanfang doch für den Autor selbst nicht mehr.

Rezension: Henning Mamkell – Die schwedischen Gummistiefel

 

Verena Boos - BlutorangenDer spanische Bürgerkrieg begann vor mehr als 80 Jahren, zerriss ein ganzes Land und ist bis heute nie wirklich aufgearbeitet worden. Verena Boos packt die geschilderten Umstände perfekt recherchiert in ihren Roman „Blutorangen“, der eine Opfer- und eine Täterfamilie durch die Enkelgeneration zusammentreffen lässt.

Es ist die junge Maite, die ihrem Elternhaus und vor allem dem despotischen Vater entfliehen möchte und zum Studium nach München zieht. Es ist die Zeit um 1989/90, sie trifft den spanischstämmigen jungen Carlos, die Beiden werden ein Paar. Eher zufällig entdeckt sie ein Foto, das sie auf die Spur der unrühmlichen Vergangenheit ihres Vaters bringt: Im zweiten Weltkrieg Mitglied der spanischen „Blauen Division“, die auf Seiten Hitlerdeutschlands in Russland kämpfte, danach strammes Mitglied der gefürchteten Guardia Civil. Carlos Großvater hingegen war ein Verfolgter des franquistischen Regimes, entkam seiner Deportation in ein deutsches Konzentrationslager nur mit viel Glück und blieb fortan in Deutschland. Über die Orangen aus Valencia sind beide Familien verbunden: die eine als großbürgerliche Orangenproduzenten, die andere durch Carlos Obststand in der Münchner Großmarkthalle.

Verena Boos erzählt diese Familiengeschichten nahe an der Zeitgeschichte, mit vielen Sprüngen in der Raum-, Zeit-, und Personenebene. Der Roman ist aber derart gut konstruiert, dass dies kein Problem darstellt, sondern ein vielschichtiges, eindrückliches Bild ergibt. Auch atmosphärisch ist die Geschichte äußerst gelungen. Sie berührt ohne jemals kitschig zu werden, klärt auf ohne jemals belehrend zu sein.

Rezension: Verena Boos – Blutorangen

 

Sabine Gruber - DaldossiBruno Daldossi war Kriegsfotograf, einer, der immer an den Brennpunkten dieser Welt unterwegs war. Irak, Afghanistan, Kongo, Kosovo, Tschetschenien – kaum ein Schauplatz des Schreckens, den er nicht mit der Kamera festgehalten hat. Nun ist er Anfang Sechzig und von seiner Redaktion in Rente geschickt worden.
Im Roman geht es auch um die Verzweiflung, in die er stürzt, als ihn gerade zu dieser Zeit seine langjährige Lebensgefährtin Marlis verlässt. Er verliert völlig den Boden unter den Füßen, als dieser einzige Haltepunkt in seinem rastlosen Leben wegfällt.
Immer wieder wird Daldossi von Erinnerungen an seine traumatischen Erfahrungen heimgesucht, bringen Beobachtungen, Begegnungen, Gegenstände diese zu ihm zurück. Mit diskutiert werden Dinge wie: Inwieweit bedienen die Fotografen die Sensationsgier? Benutzen sie die Opfer, um der eigenen Profilierung willen? Sind sie Adrenalinsüchtige? Der Empathie völlig unfähig?
Die Diskussion von Fragen wie diesen ist es, die diesen Roman zu etwas ganz besonderem macht.
Sabine Gruber erzählt ihre Geschichte in schöner, dichter Prosa und wirft viele interessante Fragen auf, eher ein Thesenroman als eine von der Handlung getragene Erzählung, dafür wird diese zu häufig durch Erinnerungen, Querverweise, Standpunkte unterbrochen. Mir hat er dennoch sehr gefallen.

Rezension: Sabine Gruber – Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

 

De Moor Schlaflose NachtEine Frau steht nachts in der Küche und backt gegen ihre Schlaflosigkeit. Ihre Gedanken schweifen in die Vergangenheit, zu ihrer nur 14 Monate währenden Ehe mit Ton, die durch dessen Selbstmord endete, ohne jede Erklärung und ihr seitdem den Schlaf raubt.

Margrit de Moor erzählt von dieser „unerhörten Begebenheit“ in ihrer bekannt virtuos nüchtern-klaren Sprache. Psychologisch genau und behutsam, wie auf leisen Sohlen. Wenn der Kurzzeitwecker klingelt, schließlich auch der Napfkuchen gar ist, weiß die Ich-Erzählerin auch nicht mehr als zuvor. Aber eine weitere schlaflose Nacht ist überstanden.

Rezension: Margriet de Moor – Schlaflose Nacht

 

Bodo Kirchhoff - WiderfahrnisDie Begegnung zweier älterer Menschen in einer Residenz in den Bergen – Leonie Palm, einst Inhaberin eines Hutladens, und Julius Reither, Ex-Verleger und Ex-Buchhändler. Beide machen sich ungeplant auf einen nächtlichen Roadtrip, der sie bis nach Sizzilien führt. Mit im Gepäck die Sehnsucht nach einer späten Liebe.

Bodo Kirchhoff hat Vieles sehr gut gemacht. Die Novelle ist klug und präzise gebaut, in eleganter Sprache verfasst, fängt die Atmosphäre einer Fahrt in den Süden perfekt ein, vereinigt immerwährende Themen wie Liebe und Altern mit einem brisanten neuen, nämlich der Flüchtlingsbewegung und schafft gegen Ende eine zunehmend ansteigende Spannung. Außerdem lässt er den Schaffensprozess, die Verfertigung des Textes wie nebenbei einfließen.

Trotzdem: Ich habe mich seltsam unwohl gefühlt in diesem satten, selbstbezogenen Milieu.

Rezension: Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis

Frankfurter Verlagsanstalt September 2016, gebunden, 224 Seiten, € 21,-