Blitzlichter

Colson Whitehead - Underground RailroadMit großer erzählerischer Kraft, eindrücklich und packend erzählt der Autor die Geschichte der jugendlichen Sklavin Cora, die Anfang des 19. Jahrhunderts auf einer Plantage in Georgia aufwächst, inmitten einer Welt voll Gewalt und Elend. Schwarze sind Ware, Besitzgegenstände, die nach Belieben verschoben, eingesetzt oder auch gezüchtigt und getötet werden dürfen. Dieses Besitzdenken ist fest in den Köpfen der weißen Bevölkerung verankert. Nur wenige Abolitionisten oder religiöse „Eiferer“ verurteilen diese Praxis und werden von Befürwortern der Sklaverei fast genauso erbittert bekämpft und gehasst wie aufmüpfige oder geflohene Sklaven. Zusammen mit Caesar entschließt sich Cora zur Flucht. Und hier kommt die sagenhafte „Underground Railroad“ ins Spiel. Diese bezeichnet ein weitgespanntes Netzwerk an weißen Gegnern der Sklaverei, freien Schwarzen und entflohenen Sklaven, die von den Nordstaaten aus operierten und Unterstützung bei der Flucht, Unterschlupf und Weitertransport in den Norden gewährten – meist unter akuter Gefahr des eigenen Lebens. Viele der grausamen und oft auch abartig sadistischen Praktiken, die Colson Whitehead im Umgang mit der „Ware Mensch“ auf so unsentimental-lakonische wie ergreifende Weise schildert, beruhen auf Berichten Betroffener, den „slave-narratives“. Aber Colson Whitehead verfolgt keinen rein realistischen Erzählansatz. Eine Portion Fantastik fließt dadurch hinein, dass der Autor das Hilfsnetzwerk der „Underground Railroad“, die zur Tarnung mit Begriffen wie „Zugführer“, „Passagier“, „Station“ etc. arbeitete, ganz wörtlich nimmt. So fliehen Cora und Caesar durch ein unterirdisches Eisenbahntunnelsystem gen Norden. Mir gefiel die Umsetzung und dieser Aspekt sehr gut, rückt es doch das Erzählte in den Bereich einer Allegorie – der Flucht, der Grausamkeit der Menschen, ihres Ausgeliefertsein, ihres Mut, ihrer Entschlossenheit. Auf keinen Fall verliert der Roman dadurch seine historische Glaubwürdigkeit, sondern weist direkt ins Heute. Dass Colson Whitehead mit diesem historischen Stoff die brandaktuelle Lage auf wirklich spannende, packende Weise und mit einer großartigen, rhythmischen Sprache derart deutlich macht und damit auch die unbedingte Notwendigkeit einer grundlegenden Aufarbeitung dieser dunklen Phase in der amerikanischen Geschichte, ist jeden der verliehenen Preise mehr als wert.

Rezension: Colson Whitehead – Underground Railroad

Yaa Gyasis Debütroman „Heimkehren“  erzählt die Geschichte von sieben Generationen aus Ghana stammender Menschen und beginnt im 18. Jahrhundert, umspannt also einen weiten Bogen. Es ist ein Roman in Geschichten, der jeweils zwei Vertreter jeder Generation porträtiert. Effia und Esi sind quasi die „Urmütter“ der Geschichte, Halbschwestern, die eine von der Haussklavin Maame mit ihrem afrikanischen Herrn gezeugt und von dessen Frau widerwillig großgezogen, die andere nach der Flucht Maames mit einem Stammeshäuptling gezeugt. Es sind die Stämme der Fante und Asante/Ashanti, die sich seit jeher bekriegten und um die Macht an der Goldküste, dem heutigen Ghana kämpften. In ihren dichten, intensiven Porträts lässt sie nun die eine Schwester zur „Frau“ eines Briten (der natürlich in der Heimat eine „richtige“ Frau besitzt, hier in Afrika aber den moralischen Schein wahren will, eine anscheinend gängige Praxis) werden, die andere wird als Sklavin in die amerikanischen Südstaaten verschleppt. So gelingt es ihr, die Geschichte sowohl der afrikanischen als auch der amerikanischen Nachfahren chronologisch zu erzählen. Ein intensiver, historisch interessanter Roman.

Rezension: Yaa Gyasi – Heimkehren

Zadie Smith - Swing TimeAuch wenn Zadie Smith wieder in Swing Time um ihre großen Themen kreist – Identität, Hautfarbe, Herkunft, Bildung und natürlich London NW -, schreibt die doch diesmal ein ganz anderes, deutlich konventioneller aufgebautes Buch. Schon der Prolog zeigt aber, dass die Geschichte der bis zuletzt namenlosen Ich-Erzählerin und ihrer Freundin Tracey dennoch nicht einfach chronologisch heruntererzählt wird. Die junge Frau, sie muss altersmäßig so in den 30ern sein, ist nach ihrer „Schmach“, der fristlosen Entlassung aus den Diensten eines weltweit erfolgreichen Pop-Superstars, aus New York in ihre Heimatstadt London zurückgekehrt. Belagert von Journalisten schleicht sie sich aus ihrer „Übergangswohnung“ und streift ziellos durch die Straßen. Zufällig kommt sie an der Royal Festival Hall vorbei und geht spontan zu einer Veranstaltung. Drinnen läuft ein Filmausschnitt, der sie abrupt in ihre Kindheit versetzt, in der sie zusammen mit ihrer Freundin Tracey von einer Karriere als Tänzerin geträumt hat, die Schranken durchbrechend, die ihnen als farbige Mädchen der unteren Mittelschicht immer wieder gesetzt wurden. Aber ihre Freundschaft ist alles andere als unbelastet. Beide spiegeln sich immerfort ineinander, beide fühlen sie die Abgrenzung, die sie von den überwiegend weißen Mädchen in ihrer Schule trennt. Entstammen sie zwar in etwa der gleichen sozialen Schicht, ist doch die Mutter der Erzählerin sehr um Bildung und Erziehung bemüht, Traceys Mutter tendiert in ihrer Passivität und Vulgarität aber eindeutig zur Unterschicht. Während Tracey trotz ihres Talents nur mittelmäßige Engagements ergattern kann, erhält die Erzählerin mit einer guten Portion Glück die Stellung einer Assistentin des Popstars Aimee, lernt die Welt der Superreichen kennen und jettet um die Welt und begleitet im Auftrag ihrer Chefin in Westafrika den Bau einer Mädchenschule. Vielleicht versucht Zadie Smith ein wenig zu viele Themen anzusprechen. Meiner Meinung nach gelingt ihr das aber sehr gut und berührend, indem sie von dieser fernen afrikanischen Region ein genauso stimmiges Bild entwirft wie von London und New York. Swing Time ist vielleicht nicht Zadie Smiths bestes Buch, hin und wieder schleicht sich besonders im Mittelteil die eine oder andere Länge ein. Bei seiner Themenfülle, seinem klugen Aufbau, seinen wichtigen Gedanken und dem souveränen Schreibstil der Autorin ist das aber Kritik auf allerhöchstem Niveau.

Rezension: Zadie Smith – Swing Time

Sabrina Janesch Die goldene StadtSabrina Janesch erzählt in ihrem historischen Abenteuerroman von Augusto Berns, der nach neueren Erkenntnissen als Entdecker von Machu Picchu gilt. Geboren wurde Rudolph August Berns in Preußen, als Sohn eines recht vermögenden Weinhändlers. Nachdem der Vater früh durch einen tragischen Unfall ums Leben kam, verarmte die Familie. Rudolph August emigrierte ganz jung nach Peru und fand zunächst Anstellung beim Militär, erlebte dort den spanisch-südamerikanischen Krieg und die blutige Schlacht um Callao. Später arbeitete der gelernte Schmied bei der peruanischen Eisenbahn und baute an der höchstgelegenen Bahnstrecke der Welt, der Oroya-Bahn, als Ingenieur mit. Durch Protektion aus politischen Kreisen – er war gut bekannt mit dem späteren Staatpräsidenten – konnte er bald ein Stück Land am Urubamba-Fluss erwerben, um dort ein Sägewerk zu errichten. Das Holzgeschäft scheiterte, Berns entdeckte aber (vermutlich) die nahegelegene Ruine Machu Pichu. Als deren Entdecker (und Plünderer) gilt eigentlich der Amerikaner Hiram Bingham, der sie im Jahr 1911 im Urwald fand. Finanzielle Schwierigkeiten zwangen ihn allerdings, sich zunächst in New York, später beim Bau des Panamakanals zu verdingen. Schließlich nach Peru zurückgekehrt, gründete er, wieder mit staatlicher Protektion, die Aktiengesellschaft „Huacas del Inca“, deren Aktien er mit großen Erfolg, mit der Aussicht auf die Erschließung unermesslicher Goldschätze im sagenumwobenen Machu Pichu, verkaufte. Kurze Zeit später verschwand Augusto Berns mit dem Geld, ein skandalöser Betrugsfall. Sabrina Janesch lässt die genaueren Beweggründe Berns angenehm im Unklaren. War es Liebe zum Land Peru, Faszination für die uralte Inkakultur oder aber schnöde Geldgier und kriminelle Energie? Sabrina Janesch überlässt es dem Leser, Schlüsse zu ziehen. Das finde ich sehr angenehm. Zumal sie nicht ganz vor der Tendenz eines typischen Historien- und Abenteuerromans gefeit ist, ihren „Helden“ tatsächlich zu einem solchen zu machen. Sie bleibt über die gesamten 540 Seiten ganz nah an Berns dran, wahrt aber andererseits immer eine gewisse Distanz. Obwohl sehr atmosphärisch und anschaulich geschrieben, versinkt sie niemals in reine Dekoration, Kitsch wird völlig vermieden, selbst in der angenehm kurzen Romanze blitzt er nur ganz kurz auf. Recherchearbeit hat die Autorin ausgiebig geleistet und es gelingt ihr vortrefflich, ihre Ergebnisse in eine spannende, mitreißende Geschichte zu verpacken. Sprachlich ist der Roman durchgehend grundsolide, formal absolut konventionell und chronologisch erzählt. Das ist aber, gerade für einen Abenteuer- und Historienroman, durchaus kein Manko. Niemals die Intelligenz ihrer Leser unterfordernd, erlaubt ihnen das doch, in das Geschehen einzutauchen und sich in eine ferne Welt entführen zu lassen. Ein schöner, gelungener Abenteuerroman!

Rezension: Sabrina Janesch – Die goldene Stadt

Das Buch erzählt von jenem Sultan des Osmanischen Reichs, der 1506 den Künstler Michelangelo Buonarotti nach Istanbul einlud, damit der ihm eine Brücke über den Bosporus entwerfe. Wer nun allerdings ein Porträt Michelangelos als Künstler und Mensch oder einen genau recherchierten Historienroman erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein. Es ist eine poetische Parabel, ein anregendes Gedankenspiel, das Matthias Ènard hier verfasst, eine historische Fantasie, „Was wäre wenn“. Was wäre, wenn Michelangelo, anders als angenommen, nicht aus Furcht vor dem Islam, der erst gute fünfzig Jahre zuvor das christliche Konstantinopel endgültig einnahm und das byzantinische Reich beendete, und aus Angst vor Repressalien, vielleicht sogar Exkommunikation durch seinen bisherigen Brotgeber Julius II, die Reise abgelehnt hätte. Was wäre, wenn sein Ärger über die ausbleibende Bezahlung durch den Heiligen Stuhl und die Intrigen gegen ihn, ihn tatsächlich in Richtung Morgenland aufbrechen ließen? Verfeindet mit den anderen großen Künstlern in Rom, mit Bramante, Raffael und dem großen Leonardo da Vinci, könnte er hier die Anerkennung und den unermesslichen Lohn gesucht haben, der ihm dort bisher verwehrt blieb. Matthias Énard bedient sich der Figur des Michelangelo und des historischen Kontexts, verflicht geschickt Historie und Fiktion, um etwas zu erörtern, das ihm als ausgewiesenem Orientalist besonders am Herzen liegt: der Verständigung von Ost und West. Die Versöhnung dieser beiden Teile der Welt, die Betonung der Gemeinsamkeiten, die Tolerierung der Unterschiede und Gegensätze ist für Matthias Énard ein Anliegen, das er auch in seinem neuesten, mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Kompass“ verfolgt. In „Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“ kleidet er es in eine Mischung aus Märchenhaftem und Realem, in kurze, manchmal skizzenhafte Kapitel, die in den Passagen einer sephardischen Tänzerin, die einige (unberührte) Nächte mit Michelangelo verbringt, den poetischen Ton orientalischer Liebesdichtung annehmen, in anderen den trockenen Ton der Briefe Michelangelos an seinen Bruder zitieren, dann wieder in erzählerischen Abschnitten ein farbenprächtiges, orientalische-multikulturelles Panorama erschaffen oder tief in die erdachte Gefühls- und Gedankenwelt Michelangelos eintauchen. Seinen Charakteren gestattet der Autor eine große Ambivalenz, was auch zu der Vielschichtigkeit dieses nur schmalen Romans beiträgt. Ein wunderbares Buch!

Rezension: Matthias Énard – Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten

Katherine Kressmann Taylor, schrieb vor und nach ihrem erfolgreichen Roman „Adressat unbekannt“, der 1938 erstmals erschien, einige Kurzgeschichten, von den fünf nun in einem sehr schön ausgestatteten kleinen Leinenbändchen erschienen sind. Sie sind zwischen 1935 und 1958 entstanden. Allen gemeinsam sind die Frauengestalten, die in ihrem Mittelpunkt stehen. Auch wenn nur eine davon in „Todesglocken“ wahrhaftig träumt – einen verstörenden, bedrohlichen Traum übrigens -, wirken sie doch alle ein wenig wie Träumerinnen. Sie sind voller Überschwang, angefüllt mit Gefühlen, Plänen, im Kopf entweder in einer ersehnten Zukunft oder einer schmerzlich vermissten Vergangenheit – je nach Alter, denn das variiert von sehr jung bis sehr alt. Gemeinsam ist ihnen auch ihr – wohl zeittypisches – Verhalten Männern gegenüber. Diese gelten für sie als Ankerpunkt, als Bewunderungs- und Liebesobjekt, ein wenig wie die Ritter in der strahlenden Rüstung. Zumindest ordnen sie alle mehr oder weniger ihnen ihr Leben und ihre eigenen Träume unter. Auch wenn in keiner der Geschichten deutlich angesprochen, ist die Klage über diese selbstgewählte Abhängigkeit der Frauen, das Bedauern über die aufgegebenen Pläne und Chancen und die Gefahren die darin liegen, doch klar, wenn auch subtil zu spüren. Aufwühlend und literarisch sehr beeindruckend.

Rezension: Katherine Kressmann Taylor – So träumen die Frauen

Stefan Ferdinand Etgeton - Das Glück meines BrudersErzählt wird von einem Brüderpaar, das  2010 für ein paar Sommertage in das Haus der Großeltern in der Nähe von Antwerpen fährt. Nach deren Tod steht dies schon längere Zeit leer. Als Kinder haben der Ich-Erzähler Botho und sein älterer Bruder Arno viele Ferientage dort verbracht, schöne, erinnerungswürdige Kindertage schienen es gewesen zu sein. Doch schon bald bekommt das Bild der Vergangenheit, bekommt die vermeintliche Familienidylle heftige Risse. Schon bald merkt man, dass das Verhältnis der Brüder trotz aller spürbaren Nähe und Zuneigung nicht ganz problemlos ist.  Die Stimmung in der kleinen Reisegruppe, mit dabei ist die Arnos Freundin und zukünftige Ehefrau, Anja,  ihre Ankunft im Ferienort der Kindheit, die Rückblenden dorthin, der leichtfüßige, leicht schnoddrige Erzählton – das ist alles sehr gut getroffen. Das Besondere an dieser etwas verspäteten Coming-of-Age Geschichte ist aber das Setting. Der Ort, in dem das großelterliche Haus steht, ist das belgische Doel. Eine Geisterstadt am südlichen Scheldeufer, die dem Ausbau des Antwerpener Hafens weichen soll und in unmittelbarer Nachbarschaft zum umstrittenen Kernkraftwerk gleichen Namens. Die etwas irreale Atmosphäre dort ist wunderbar getroffen. Es scheint der passende Ort für die beiden etwas ziel- und haltlosen Brüder zu sein. Viele Dinge werden in der Rückschau erzählt, einige werden geklärt, aber auch alte Verletzungen wieder aufgerissen. Bis hierhin liest sich der Roman faszinierend in seiner Mischung aus Aufbruch und Melancholie. Leider wird die Handlung nach dem ersten Drittel zunehmend fahrig, Bothos Plauderton geschwätzig. Selbstmitleid und Larmoyanz, mit der Botho auf seine vermeintlich unterprivilegierte Kindheit und seine Familie schaut trüben das Lesevergnügen. So wird aus der wunderbar atmosphärischen Roadstory und Brüdergeschichte leider wieder nur eines dieser Bücher, in denen ein Protagonist stets nur um sich selbst kreist und die Ausfahrt nicht findet.

Rezension: Stefan Ferdinand Etgeton – Das Glück meines Bruders

Der angolanische Schriftsteller portugiesischer Abstammung José Eduardo Agualusa erzählt hier eine äußerst ungewöhnliche Geschichte, sie soll auf wahren Begebenheiten beruhen.

1975 begann, noch kurz vor der Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonie, der angolanische Bürgerkrieg, der mit einigen Unterbrechungen bis 2002 andauerte. Die rivalisierenden Gruppen wollten sich schon vor den anstehenden Wahlen eine Machtposition sichern. Immer mehr entwickelte sich der blutige Konflikt aber zu einem Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Südafrika auf der einen und dem Ostblock und Kuba auf der anderen Seite. Auch Nachbarländer wie Südafrika versuchten, ihre Interessen im Land mit Waffengewalt durchzusetzen. 1975 begann der angolanische Bürgerkrieg, der sich zu einem Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Südafrika auf der einen und dem Ostblock und Kuba auf der anderen Seite entwickelte. 1975 ist auch das Schicksalsjahr für die Protagonistin Ludo(vica) Fernandes Mano, die sich nach einem Überfall, bei dem sie einen der beiden Angreifer erschießt, anstatt die Polizei zu rufen, der sie misstraut, oder in die Öffentlichkeit zu gehen, vor der sie sich fürchtet, in ihrer Wohnung im wahrsten Sinne einmauert,bis eines Tages ein kleiner kindlicher Einbrecher den Zugang zu Ludos verborgenem Reich entdeckt und sich das Leben für die Beiden grundlegend verändert.

Ein guter Schuss Magie liegt in der Geschichte (obwohl ihr wahre Begebenheiten zugrunde liegen sollen) und lässt an Romane des magischen Realismus, gerade südamerikanischer Prägung, denken.In 37 kurzen Kapiteln schafft der Autor ein Patchwork aus verschiedenen Erzählstimmen, Notizen, Briefen, Berichten, mit Zeitsprüngen, wechselnden Perspektiven, ungewöhnlichen Charakteren und wundersamen Einfällen. Es ist ein dichter, poetischer und ausgesprochen ungewöhnlicher Text, der ganz nebenbei noch von einer literarisch (zumindest mir) wenig erschlossenen Ecke der Welt erzählt. Eine interessante Entdeckung!

Rezension: José Eduardo Agualusa – „Eine Allgemeine Theorie des Vergessens“

Eine Kindheit in der alten Bonner Republik der späten Sechziger, frühern Siebziger Jahre. Es ist unzweifelhaft ein autobiografischer Blick, der hier von Matthias Brandt geworfen wird. Auch wenn „Raumpatrouille“ alles andere geworden ist, als ein Enthüllungsbuch, das Einblicke in das Leben der Kanzlerfamilie Brandt gewähren will oder gar in irgendeiner Form mit der Familie, speziell dem berühmten Vater, abrechnen möchte. Zwar ist Willy Brandt quasi als Hintergrundmusik im ganzen Buch präsent, aber eben eher als eine große Abwesenheit. Als Abwesenheit, die jedoch weniger schmerzt, als als gegeben hingenommen wird. Hier schaut jemand ohne Bitterkeit, ein wenig versonnen, geradezu staunend, manchmal leicht spöttisch auf seine Kindheit zurück, die so gar nicht „normal“ war, obwohl das Kind sich gerade das oft gewünscht hätte. Viel wichtiger als Biografisches auszubreiten, ist Brandt, ein Gefühl für Kindheit im Allgemeinen und eine Kindheit in dieser speziellen Zeit zu vermitteln. Einer Zeit, die Kindern vielleicht einfach etwas mehr Raum und vor allem Zeit ließ als die heutige. Stellt man das berühmte Personal einmal beiseite, mögen die einzelnen Geschichten in ihrer Lakonie vielleicht etwas fast Belangloses haben. Stellt man sie aber in einen atmosphärischen Zusammenhang, liest sie vielleicht noch zusammen mit ihrem „Soundtrack“ – der befreundete Musiker Jens Thomas, mit dem Matthias Brandt auch auf Lesereise ging, veröffentlichte in enger Zusammenarbeit die CD „Memory Boy“, die praktisch die zweite Hälfte eines Projekts bildet – dann ergeben sie bei aller Lakonie ein zauberhaftes Porträt einer besonderen Kindheit, die doch in Vielem eben auch eine ganz normale, typische Kindheit war.

Rezension: Matthias Brandt – Raumpatrouille

In Jennifer Haighs großartigem Roman „Licht und Glut“ befinden wir uns unter Menschen, die gerne zum „Amerika der Abgehängten“ gezählt werden. Es sind Menschen in den Weiten der Provinz, an denen oft genug die Entwicklungen vorbei gehen, oder die zumindest das Gefühl haben, dass dem so ist. Hier ist es das kleine Nest Bakerton in Pennsylvania, traditionell ein Staat der Energiewirtschaft. In früheren Zeiten florierten die Kohlebergwerke. Seit deren Niedergang kränkeln sie, wer kann, zieht fort, der Rest findet sich mehr schlecht als recht mit der neuen Armut ab, Arbeitslosigkeit ist der neue Normalzustand, auch Alkoholismus und Drogensucht, vor allem Meth wird reichlich konsumiert.

In diese Situation kommt nun ein Vertreter des Energieriesen Darco und weiß, Hoffnung zu wecken. Mit einer einzigen Unterschrift unter einen Pachtvertrag lockt das große Geld. Das eigene Land kann problemlos weiter genutzt werden, während weit in der Tiefe nach Erdgas gebohrt wird. Völlig problemlos! Die Bewohner von Bakerton sind in ihrer Verzweiflung und Resignation leicht zu manipulieren. Reihenweise werden Verträge abgeschlossen, nur wenige „verschrobene Typen“ wie die beiden lesbischen Biofarmerinnen Rena und Mack, verweigern sich. Und ziehen dadurch den Zorn der anderen Anwohner auf sich. Kaum einer liest das Kleingedruckte, niemand durchschaut das Geflecht von Unternehmern, Subunternehmern, Haftungen und Verbindlichkeiten.

Jennifer Haigh gelingt es, diesen hochaktuellen Sachverhalt zwar kritisch, aber keinesfalls polemisch zu schildern. Ihre Recherche ist bewundernswert, ebenso die Fähigkeit, die Sachverhalte packend und verständlich darzulegen. Sie schafft ein vielschichtiges und facettenreiches Gesellschaftsbild und das figurenreiche Panorama einer typischen amerikanischen Kleinstadt, sie schreibt geradlinig, sprachlich absolut souverän, aber eben auch konventionell. Dass es am Ende keine irgendwie geartete Lösung gibt, geschweige denn ein Happy-End, ist der komplexen Situation, in der sich unsere Welt befindet, nur angemessen.

Rezension: Jennifer Haigh – Licht & Glut

Shida Bazyar - Nachts ist es leise in TeheranShida Bazyar legt ein Werk mit spannendem, aktuellem Thema, einer sehr gut konstruierten Geschichte und großem sprachlichen Können vor. Sie erhielt dafür 2016 den Bloggerpreis „Das Debüt“ und den Ulla-Hahn-Autorenpreis. Erzählt wird von einer iranischen Familie, die in den Achtziger Jahren, nach der islamischen Revolution, nach Deutschland flieht und sich dort ein neues Leben aufbaut. Genau, wie das auch Bazyars Familie getan hat. Gegliedert ist das Buch in 4+1 Großkapitel, die im Abstand von jeweils zehn Jahren aus der Sicht von je einem der Familienmitglieder erzählt werden. Den Schluss macht ein nur drei Seiten langer Epilog, der von der in Deutschland geborenen jüngsten Tochter Tara gesprochen wird. Mit viel Einfühlungsvermögen erzählt Shida Bayzar vom Jahr 1979, als das Schicksal des Iran auf der Kippe stand, liberale und linke Oppositionskräfte aber bald genauso unerbittlich verfolgt wurden wie unter dem Shah, von der Emigration nach Deutschland, dem schwierigen Ankommen, von den Kindern, teils zerrissen zwischen zwei Kulturen, teils nur noch lose mit dem Herkunftsland verbunden. Sie erzählt von einer Reise nach Teheran 1999 und den Hoffnungen auf die grüne Bewegung im Jahr 2009 und die Zukunft.

Shida Bazyar hat ein vielschichtiges, überraschend souveränes Debüt geschrieben.

Rezension: Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Patrick McGinley - BogmailEales ist für Kneipenwirt Roarty das Böse. Nicht nur, aber auch, weil er dessen Tochter Cecily verführt hat. Also wird er kurzer Hand mit der Lieblingslektüre des Kneipenwirts erschlagen und im torfigen Moor versenkt. Ein anscheinend perfekter Mord, zumal zunächst niemand den jungen Mann zu vermissen scheint. Aber da tauchen plötzlich Briefe auf. Ein sich selbst „Bogmailer“ (bog=die irischen Torfmoore, Blackmailer=Erpresser) nennender Zeitgenosse hat Roarty beobachtet und versucht ihn nun zu erpressen. Wer ist dieser geheimnisvolle „Bogmailer“? Neben Roarty selbst ermittelt der alternde Dorfpolizist McGinty. In Roartys Kneipe trifft sich eine skurrile Schar an Dorfphilosophen, deren Thekengesprächen wir nun lauschen. So entsteht ein herrlich schräges Sittenbild, bei aller Posse immer elegant-ironisch bis sarkastisch, bei Beschreibungen der Moorlandschaft bisweilen auch geradezu poetisch, aber immer hochgradig unterhaltsam. Und am Ende kommt dann doch alles anders, als man gedacht hat. Eine unbedingte Leseempfehlung!

Rezension: Patrick McGinley – Bogmail

Ein Fund nach 165 Jahren! Ein anonym veröffentlichter Fortsetzungsroman aus der Feder von Walt Whitman ganz in der Manier von Charles Dickens: Der kleine Waisenjunge Jack steht eines Tages vor der Tür des Milchhändlers Ephraim Foster und bittet um etwas zu essen. Ihm wird nicht nur das gewährt, sondern das Ehepaar Foster nimmt ihn an Kindes statt an und gewährt ihm später eine Ausbildung in einer Anwaltskanzlei. Hier setzt der Roman ein, denn Jack ist alles andere als dem Anwaltsberuf zugeneigt, kommt dem Wunsch des Adoptivvaters nur aus Dankbarkeit nach.  Anwalt Covert ist, wie so oft auch bei Dickens, ein Schurke, dem Jack mithilfe des alten Kanzleiangestellten Wigglesworth auf die Schliche kommt. Allerhand Verwicklungen und etliches an skurril-liebenswertem Personal sind genauso anzutreffen wie das aus seiner Not gerettete Mündel des Anwalts und eine veritable Liebesgeschichte.

Ein nett und unterhaltsam geschriebener Roman voller Sentimentalität, Tragik und Situationskomik, mit starken Personenbildern, aber auch einer Neigung zur Kolportage, ein Loblied auf die amerikanische Demokratie und Pluralität, das aber auch das herrschende soziale Elend nicht verschweigt. Es ist ein durchaus lesenswertes Zeitdokument, das seinen besonderen Charme durch die Art seiner Wiederentdeckung, seinen Kontrast zu Whitmans Lebenswerk „Leaves of grass“ und sein Zeitkolorit gewinnt. Die allerorts verbreitete „Sensation“ ist aber eine Nummer zu groß für diese kleine Geschichte und berührt wohl in erster Linie die Literaturhistoriker.

Rezension: Walt Whitman – Jack Engles Leben und Abenteuer

Britta Bolt - Der Tote im fremden MantelDer sympathische Holländer Pieter Posthumus, der im Auftrag der Stadt Amsterdam in einer Art Behörde Herkunft und Angehörige von verstorbenen Unbekannten ermitteln und möglichst auch die Bestattungskosten auftreiben soll, bevor er diesen eine würdevolle Beerdigung organisiertwird immer wieder in Kriminalfälle verstrickt hat. Diesmal ist es ein mittelloser Junkie, der an einer Überdosis stirbt, um den sich PP kümmern muss. Der junge Mann ist in einen kostspieligen Kamelhaarmantel gekleidet. Diebesgut? Zur gleichen Zeit wird ein Mann bewusstlos in einer Unterführung aufgefunden. Die Diagnose lautet Vergiftung mit dem Nervengift Tetrodotoxin, das man auch in Kugelfischen findet. Wer ist dieser Mann und wie kam es zu der Vergiftung? Ihn selbst kann man nicht fragen, er liegt im Koma. Eindeutig ein Fall für Pieter Posthumus, der nicht nur die Identität des einstigen Umweltaktivisten klärt, sondern ihn auch als eigentlichen Besitzer des Mantels ausmacht. Der Tote im fremden Mantel bietet alles, was ein richtiger Wohlfühlkrimi braucht und bereits die ersten beiden Fälle von Pieter Posthumus so schön zu lesen gemacht hat: sympathische Charaktere mit Ecken und Kanten, ein origineller Ansatz und nachvollziehbare Ermittlungen, atmosphärische Schilderungen aus Amsterdam und ein wenig Spannung. Wer auf atemlose Action und blutige Mordmethoden zugunsten intelligenter, leichter Unterhaltung verzichten kann, ist hier genau richtig.

Rezension: Britta Bolt – Der Tote im fremden Mantel

Dominique Manotti - AbpfiffDominique Manotti ist die „Grande Dame“ des französischen Krimis, des „Noir“, der die düsteren, weniger schönen Seiten der Gesellschaft beleuchtet. Sie ist in all ihren Krimis, die seit den Neunziger Jahren erscheinen, „Abpfiff“ erschien 1998, sehr politisch. Es sind die Verstrickungen von Politik und Geld, der gnadenlose Kampf um Macht und Einfluss und Ruhm, die sie interessieren, sei es in der Welt der Banken, großer Konzerne oder eben in einem der großen Fußballvereine.

Der fiktive Club FC Lisle-sur-Seine war einst ein kleiner Provinzverein bevor ihn sein ehrgeiziger und skrupelloser Vorsitzender, der Bauunternehmer Reynaud nicht nur als Sprungbrett zum Bürgermeisteramt nutzte, sondern weitaus größere Ambitionen damit verband. Durch geschickte, nicht immer saubere Geschäfte, Geld und Geschick hat er den einstigen Amateurverein kurz vor den Gewinn der Meisterschaft geführt. In den Fokus der Polizei und speziell des Commissaire Daquin, gerät der Verein, als Drogenfahnder Romero, Freund und Kollege Daquins, zusammen mit der Schwester des Platzwartes auf offener Straße erschossen wird. Als auch dieser kurze Zeit später ermordet aufgefunden wird, scheinen alle Spuren auf dem Fußballplatz zusammenzulaufen.

Fabelhaft recherchiert und konstruiert, schnell, knapp, nüchtern erzählt.

Rezension: Dominique Manotti – Abpfiff

 

Colum McCann - Wie spät ist es jetzt dort wo du bist

Drei Erzählungen und eine Novelle aus der Feder des New Yorker Autors Colum McCann, in denen die die Zerbrechlichkeit des Lebens, der plötzliche Einbruch von Gewalt, die Unwägbarkeit der Existenz verhandelt wird. Ein alter Mann wird beim Verlassen eines Restaurants auf der Straße Opfer eines Gewaltverbrechens, ein geistig retardierter Junge verschwindet am Meer, eine ältere Nonne begegnet nach Jahrzehnten dem Mann, der sie einst im südamerikanischen Urwald entführt, gefangen gehalten und missbraucht hat und ein Autor ringt mit einer Geschichte, in der eine Frau in der Silvesternacht auf den Anruf ihrer in Afghanistan stationierten Lebensgefährtin wartet. Vielseitig, überraschend, spannend, großartig geschrieben!

Rezension: Colum McCann – Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?

 

Thomas Malmqvist - In jedem Augenblick unseres LebensEs ist herzzerreißend, diese Nähe von Glück – über die Geburt der kleinen Tochter Livia, zu früh, aber gesund – und die bodenlose Trauer über den Tod ihrer Mutter, der geliebten Frau Karin, die kurz nach dem freudigen Ereignis an einer schweren akuten Form der Leukämie verstirbt.
Wie kann man als unmittelbar Betroffener, als Vater und Ehemann, diese widerstreitenden Gefühle vereinen, wie seiner bodenlosen Traurigkeit und den Erinnerungen an die Partnerin Raum geben, und dennoch seine Verantwortung dem neu geborenen Leben gegenüber gerecht werden.
Tom Malmquist schildert hier seine eigenen Erlebnisse, im Krankenhaus, in der schwierigen Zeit danach.
Er schildert dies sehr ergreifend, gerade indem er bei der Umsetzung nicht zu emotional wird. Er muss funktionieren, ist oft überfordert, seine Gedanken, Erinnerungen kreisen. Das ist sehr authentisch umgesetzt. Dialoge, innere Monologe verschmelzen. Ein sehr berührendes Buch!

Rezension: Tom Malmquist – In jedem Augenblick unseres Lebens

Imbolo Mbue - Das geträumte Land2004 reist Jende Jonga mit einem vom schon länger in Amerika lebenden und als Anwalt recht erfolgreichen Cousin Winston finanzierten Visum von Limbe in Kamerun in die USA ein. Zwei Jahre später kann seine Frau Neni mit einem Studentenvisum und dem kleinen Sohn Liomi folgen. Die Zeiten sind schwer, aber mit Jendes Job als Taxifahrer und Nenis Zuverdienst als private Pflegerin kommt die kleine Familie einigermaßen über die Runden. 2007 scheint es endgültig aufwärts zu gehen, als Jende eine gut bezahlte Anstellung als Chauffeur eines Managers der Lehmann Brothers Bank erhält. Es ist kurz vor deren spektakulären Pleite. Die schon vorher kriselnde Ehe der Edwards ist dem Stress nicht gewachsen, Cindy spricht immer mehr Alkohol und Tabletten zu, Clark sucht Entspannung bei bezahlten Liebesdiensten. Wie sehr soziale Verantwortung, Liberalität und Empathie nur Fassade waren, wird recht bald deutlich. Jende wird da bald zum  Bauernopfer. Jende droht nicht nur das finanzielle Aus, sondern auch das Scheitern seines Asylantrags und die Abschiebung. Das ganze mag nun etwas klischeehaft klingen – böse, skrupellose Weiße hier, arme, redliche, aber chancenlose Schwarze dort -, ein großer Vorzug an Mbues Roman ist aber gerade die Ambivalenz, mit der alle Personen und Gegebenheiten geschildert werden. Die Edwards sind eigentlich nette Menschen, die aber gefangen sind in ihren eigenen Tragödien. Und auch die Immigranten stecken in ihren eigenen Zwängen fest. Jende entwickelt sich immer mehr zum machohaften Tyrannen, der seiner Frau verbietet nach der Geburt des zweiten Kindes weiter zu arbeiten und schließlich ausdrücklich gegen Nenis Wunsch, völlig eigenmächtig beschließt, nach Kamerun zurückzukehren. Und auch Neni, ehrgeizig, zielstrebig, intelligent und selbstbewusst, fällt nichts anderes ein, als sich dieser Entscheidung zu beugen, sich sogar körperlich misshandeln zu lassen.

„Das geträumte Land“ ist ein Buch der Desillusionierung. Es zeigt die Brüchigkeit des amerikanischen Traums und den unter einer dünnen Fassade von Liberalität versteckten Alltagsrassismus. Es ist die Erkenntnis nicht nur Jendes, sondern auch Clarks, dass das Amerika, an das sie geglaubt haben, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, nur ein geträumtes Land war. Imbolo Mbue hat ein wunderbares Buch geschrieben, voller Empathie und Wärme, Präzision und Ambivalenz in der Beschreibung, dabei leicht und unterhaltsam.

Rezension: Imbolo Mbue – Das geträumte Land

 

Jean-Luc Seigle - Ich schreibe Ihnen im DunkelEines der großen Verbrechen der Pauline Dubuisson, 1927 nahe Dunkerque geboren, war, auch wenn das bei ihrem spektakulären Prozess 1953 allenfalls als Vorgeschichte taugte, die Tatsache, dass sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als gerade mal Sechzehnjährige ein Jahr lang ein Verhältnis mit einem deutschen Militärarzt und damit Besatzer hatte. Nach der Befreiung, die für sie keine war, entging sie nur knapp dem Lynchmord durch Mitglieder der Résistance, wurde, wie damals üblich, als Kollaborateurin kahl geschoren, verfemt und gequält. Auch eine Rolle bei ihrem Prozess spielte Dubuissons schlechter Leumund. Bereits als knapp Vierzehnjährige unterhielt sie angeblich schon diverse sexuelle Beziehungen. Das war für die damalige Sexualmoral schwer erträglich. Die eigentliche Anklage beruhte aber auf einem Tötungsdelikt. 1951 erschoss Pauline ihren Ex-Verlobten im Affekt, wie sie zunächst aussagte, mit kaltem Vorsatz, wie die Anklage behauptete. Ihr drohte die Todesstrafe.

Jean-Luc Seigle nimmt sich diesen historischen Fall nun vor und schlüpft in die Haut Paulines. Ihn beschäftigt die Chancenlosigkeit Paulines im Gerichtssaal. Eine von Männern dominierte Gerichtsbarkeit und Öffentlichkeit, die den Lebenswandel der jungen Frau, besonders auch ihre Affäre mit dem deutschen Arzt hart und unerbittlich verdammte und Misogynität aus allen Poren ausschwitzte, verurteilte sie schon weit vor Prozessende. Nach ihrer Begnadigung beendete Pauline Dubuisson ihr Medizinstudium und wurde Ärztin. Bei Jean-Luc Seigle begegnen wir der ihr in Essaouira. Sie ist, erneut erschüttert durch die Veröffentlichung der „Wahrheit“, des Films, der zwar den Umständen des Verbrechens näher kam als die Verhandlung, die Täterin aber auch als narzisstisches, triebhaftes Geschöpf darstellte, nach Marokko geflohen. Dort kam sie langsam zur Ruhe und fand eine neue Liebe. Diesem Mann, der ihr die Ehe antrug, fühlt sie sich zur Wahrheit verpflichtet. Sie schreibt ihm auf, was geschehen ist, hofft auf sein Verständnis. Diese Aufzeichnungen bekommen wir als Leser nun zu Gesicht. Jean-Luc Seigle erzählt leise und eindringlich, durch die gewählte Ich-Perspektive ganz nahe an Pauline dran. Die weibliche Sicht gelingt ihm dabei überwiegend hervorragend.

Rezension: Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

 

Odafe Atogun - Tadunos LiedTaduno – kein Nachname, keine Adresse, nur Taduno, so ist der braune Umschlag adressiert, der den Protagonisten von Odafe Atoguns Debütroman eines Tages in seinem Exil erreicht. Dorthin ist der einst sehr berühmte und erfolgreiche Sänger vor der Verfolgung durch die Regierung seines Heimatlandes Nigeria geflohen, nachdem er diese wiederholt scharf kritisiert hatte. Der Brief stammt von seiner großen zurückgelassenen Liebe Lela. Obwohl Lela ihn im Brief ausdrücklich vor einer Rückkehr warnt, macht Taduno genau das – er kehrt zurück. Doch sein Erstaunen ist groß, als ihn niemand, auch seine nächsten Nachbarn nicht, erkennt. Dunkel erinnern sich die Menschen nur an jenen Sänger, der durch seine Kritik der Regierung gefährlich wurde, der mit seiner Stimme alle betörte. Doch diese Stimme ist durch das Exil verloren gegangen. Das ist umso tragischer, weil seine politischen Gegner Lela entführt haben und mit ihrer Ermordung drohen, sollte Taduno nicht ein Lied des Lobpreises für die Regierung veröffentlichen. Der Leser begleitet nun Taduno auf seiner Suche nach Lela und bei seinen Bemühungen, von den Menschen wiedererkannt und bei seinen Bemühungen zur Rettung seiner Liebe unterstützt zu werden.

Die Geschichte ist erzählt wie eine Fabel, einfach und schlicht, hinzu kommt etwas kafkaeskes. Daraus wird aber leider keine runde Geschichte. Zu wenig nah an seinen Figuren, um wirkliche Empathie auszulösen; zu flach und banal, um Erschütterung angesichts der geschilderten Verhältnisse auszulösen; sprachlich zu schlicht, um dadurch zu punkten.

Eine originelle Stimme, ein dringlicher Appell gegen Verfolgung, Unterdrückung, Diktatur, eine Feier von Kunst und Musik als Formen des Widerstandes, aber leider kein ganz gelungener Roman.

Rezension: Odafe Atogun – Tadunos Lied

Hanya Yanagihara - Ein wenig LebenWorum geht es in diesem fast 1000 Seiten starken Roman? Zu Beginn wird eine Freundschaftsgeschichte erzählt. Vier junge Männer lernen sich auf dem College kennen, teilen sich ein Zimmer, viel Zeit und unzählige gemeinsame Erlebnisse. Es soll, mit einigem Auf und Ab, eine Freundschaft fürs Leben werden. Zunächst lernen wir die Vier auch gleichberechtigt kennen, sehr bald fokussiert sich die Geschichte aber auf das besondere Verhältnis zwischen Willem und Jude und wird letzterer und seine tragische Geschichte immer mehr Mittelpunkt des Romans. Es ist eine Geschichte von frühkindlichem Missbrauch, Gewalt, Selbsthass und unendlichem Leid. Andererseits sind aber auch so viel Liebe, Wärme, Freundschaft und Solidarität enthalten, dass es stellenweise ganz hell erstrahlt. Helles Licht und absolute Düsternis – an den Graustufen dazwischen lässt uns die Autorin weniger teilhaben.

Hanya Yanagihara erzählt ihre Freundschaftsgeschichte über dreißig Jahre. Sie blendet zurück in die Kindheit und Jugend, spult vor und zurück. Der Sinn des Lebens, der Wert des Lebens ist das große Thema des Romans. Die unglaubliche Verletzlichkeit des Menschen, das Leid, das ihm, vor allem durch Seinesgleichen zugefügt werden kann. Aber auch die Würde, die in jeder einzelnen Existenz liegt.Ein Buch mit einer großen Aussage und großen Emotionen. Ein großes Buch!

Rezension: Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben

richard-yates-eine-letzte-liebschaftNeun letzte, bisher noch nicht in Buchform veröffentlichte Erzählungen des 1992 verstorbenen großen amerikanischen, zu Lebzeiten leider nie angemessen erfolgreichen Erzählers. Yates ist der Meisters der erzählerischen Verdichtung, der Aufspürer auch feinster Risse in der Existenz, der gnadenlose und doch so mitfühlende Beobachter der ganz alltäglichen Selbsttäuschungen.
Es sind die Bewohner der US amerikanischen Suburbias, oft Ehepaare, meist weiße Mittelschicht, die seine Erzählungen wie seine Romane bevölkern. Es sind die, die sich bemühen, den großen amerikanischen Traum vom individuellen Glück zu verwirklichen, auch wenn sie sehr deutlich merken, wie schwierig, wie aussichtslos das für viele von ihnen ist, wie viel Gegenwind ihnen entgegen weht.

Die undatierten Geschichten dieses Bandes spielen in den fünfziger Jahren. Fünf der neun Geschichten haben in irgendeiner Form mit dem gerade beendeten Zweiten Weltkrieg zu tun.

Ob Lebenskrise oder Alltagssituation, Richard Yates schafft in seinen kunstvoll knappen, völlig unspektakulären Stories ein beeindruckendes Gesellschaftsbild der USA der damaligen Zeit und verhandelt gleichzeitig zeitlose Themen.

Rezension: Richard Yates – Eine letzte Liebschaft

Jonathan Safran Foer - Hier bin ich„Hier bin ich“ – diese Zusage zu bedingungsloser Solidarität seiner Eltern wünscht sich der 13 jährige Sam, als ihm wegen rassistischer und unflätiger Schmierereien droht, von der bevorstehenden Bar Mizwa ausgeschlossen zu werden. Für seine Eltern eine mittlere Katastrophe, nicht nur weil schon alle Vorbereitungen inklusive der Anreise der israelischen Verwandtschaft abgeschlossen sind. Nein, obwohl nicht sonderlich religiös, hängt ihr jüdisches Selbstverständnis doch sehr an solchen Traditionen. Als im weiteren Verlauf ein schweres Erdbeben die Nahost-Region heimsucht, viele Todesopfer fordert, aber vor allem auch sämtliche Infrastruktur zerstört und die feindlichen arabischen Staaten die „Gunst der Stunde“ nutzen um Israel den Krieg zu erklären, stellt sich die Frage der jüdischen Identität auf ganz neue Weise. Doch diese Katastrophe bleibt fern.

Vater Jakobsorgt sich um seine Ehe mit Julia. Diese ist in die Jahre gekommen, drei Kinder wurden großgezogen, nicht nur die Leidenschaft, sondern auch Nähe, Gemeinsamkeiten und Gesprächsstoff abhanden gekommen. Verschärft wird das Ganze dadurch, dass Ehefrau Julia ein Handy ihres Mannes mit einem heftigen Sex-SMS-Verkehr mit einer Kollegin findet. Julia will die Trennung, Jakob hofft auf Aufschub.

Gelegentliche Längen sind bei derart umfangreichen Werken selten zu vermeiden. Insgesamt gelingt es Jonathan Safran Foer aber ausgesprochen gut, diese (nicht nur jüdische) Identitätssuche in unserem Zeitalter der ständigen Überforderung, dieses fast biblische Ringen um den Platz im Leben und in der Gesellschaft und nicht zuletzt in der Familie und einer Partnerschaft genauso authentisch darzustellen wie das Leben in der Familie und den Zerfall einer Ehe. Er erzählt dabei eher konventionell, mit gelegentlichen Vorgriffen, nur wenigen formalen Experimenten, rasanten, geistreichen Dialogen. Ich war berührt von der tiefen Traurigkeit des Buches, aber auch von der Hoffnung, die in ihm steckt.

Rezension: Jonathan Safran Foer – Hier bin ich

John Williams - AugustusAus meist fiktiven, aber sehr authentisch klingenden Briefen, Tagebuchauszügen, Protokollen und Konsulatsbefehlen schafft John Williams ein vielstimmiges Bild des ersten römischen Kaisers Augustus. Dabei schreiten die Berichte zwar chronologisch voran, entstammen aber ganz unterschiedlichen Zeiten. So folgt ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 14 n. Chr. einem Brief des Jahres 44 v.Chr., um wieder eine Verordnung aus dem Jahr 39 v.Chr. anschließen zu lassen. Unterschiedlichste Facetten entstehen, Mosaiksteinchen werden zusammengesetzt. Dabei kommen viele historische Personen wie Augustus Tochter Julia, seine Frau Livia, sowohl Marcus Antonius wie Kaiserin Kleopatra, Freunde, Gegner, Weggefährten, aber auch Philosophen, Geschichtsschreiber wie Titus Livius und Dichter wie Vergil, Horaz und Ovid zu Wort. Besonders beeindruckend ist dabei, in wie vielen unterschiedlichen Tonlagen Williams schreibt, wie sich Historisches mit Klatsch und Tratsch aus Roms Haushalten mischt. Augustus selbst kommt dabei erst am Ende in einem längeren Brief zu Wort. So sehen wir verschiedene Perspektiven, Einschätzungen, negative wie positive, wahre wie falsche, zu dieser schillernden Gestalt des Gaius Octavius, der seinem ermordeten Onkel Julius Caesar in der Regentschaft über das Römische Reich folgte, die herrschenden Bürgerkriege beendete und dem Reich nach innen eine lange Phase des Friedens, des Wohlstandes, der kulturellen Blüte und nach außen der territorialen Erweiterung brachte. Aber der auch die Republik faktisch beendete, sich als Alleinherrscher etablierte und sowohl mit politischen Gegnern als auch mit Familie und Freunden nicht zimperlich umging.

 

Ein wirklich herausragender historischer Roman, dem eine Zeittafel, ein Who is Who und ein sehr informatives Vor- und Nachwort beigefügt sind. Eine absolute Empfehlung auch für Leser ohne spezielles Interesse an römischer Geschichte.

Rezension: John Williams – Augustus

 

Elena Ferrante - Die Geschichte eines neuen NamensIm Sommer letzten Jahres brach es aus, oder wurde vielmehr allerorten beschworen – das Ferrante-Fieber! Ich stand diesem Phänomen etwas ratlos gegenüber. Das Buch konnte durchaus unterhalten, zeichnete zumindest ansatzweise interessante Figuren und eine gut entwickelte Geschichte. Zudem wurde die Spannung gehalten und mit einem ungeheuren Cliffhanger geendet. Trotzdem konnte von einem Fieber bei mir keine Rede sein.

Nun also, „Die Geschichte eines neuen Namens“. Zunächst gleicht sie der genialen Freundin sehr. Wer den ersten Band gelesen hat (und das sollte man unbedingt vorher tun), erinnert sich, dass dieser abrupt an Lilas Hochzeitstag endete, und zwar mit einem Eklat. Lila entdeckte, dass ihr Mann heimlich gemeinsame Sache mit den ihr zutiefst verhassten Camorra-Brüdern Solara machte. Der Anfang der Ehe, in die sich Lila mit 16 Jahren stürzte, um aus den äußerst bedrückenden Verhältnissen ihres Elternhauses in einem der heruntergekommenen Viertel („rione“) Neapels zu fliehen, barg zugleich ihr Scheitern. Zwar kann der erfolgreiche Lebensmittelhändler Stefano ihr nun ein Leben in relativem Wohlstand bieten, aber ein wirkliches Entkommen aus den Verhältnissen, wie ihn sich die beiden Mädchen erträumten, bietet sich Lila dadurch nicht. Stefano zeigt als Ehemann das vertraute Verhaltensmuster aller Männer aus dem „rione“: Despotie, Machismo, Verachtung und Missbrauch der Frauen, Gewalt. Nicht nur Lila, sondern auch fast alle ihre Freundinnen geraten in viel zu frühen Jahren in eine solche Ehehölle. In dieser Geschichte wird so ziemlich alles demontiert, Liebe, Ehe, Familie, Freundschaft. Auf alle diese (glücksverheißenden) Institutionen wird mit einem äußerst scharfen Blick geschaut. Noch deutlich mehr als im ersten Buch geht es hier auch um die Stellung der Frau, ihre Missachtung in der Gesellschaft, ihre Befreiungsversuche. Dabei kommen aber die Frauen selbst genauso schlecht weg wie die Männer. Das System ist es, wo der Wurm drin steckt. Und hier hat mich das Buch zunehmend gepackt. Endlich kommen auch zeitpolitische und soziale Aspekte zum Tragen: Die Frauenfrage, soziale Umstände, Bildungspolitik. Denn da gibt es natürlich neben Lila noch die Ich-Erzählerin, die mit ihr in Freundschaft, aber auch in ständiger Rivalität und Missgunst verbunden ist. Gerade das macht einen großen Reiz der Bücher Elena Ferrantes aus: Wie ungeschönt, schonungslos und offen diese Lenu selbst über ihre übelsten Gefühle und Gedanken schreibt. Lenu nun geht, obwohl eigentlich weniger begabt als Lila, durch ein wenig Glück, aber vor allem durch großen persönlichen Ehrgeiz befördert, einen anderen Weg. Sie bleibt bis zum Abitur auf der Schule, studiert danach sogar in Pisa und kann sich schließlich den großen Traum erfüllen: ein Roman von ihr wird veröffentlicht.

Auch dieser zweite Band der Tetralogie endet mit einem Cliffhanger. Unmöglich sich der Spannung zu entziehen, wie es weiter geht. Zumal nach anfänglichem Zögern mich die Figuren nun tatsächlich gepackt haben.Dabei sind die Bücher äußerst kunstlos geschrieben. Sie sind gut lesbar, bieten aber keine sprachlichen Höhepunkte. Dabei ist der Roman gut konstruiert und Elena Ferrante kann enorm gut mit Spannung umgehen. Deshalb wird das Ferrante-Fieber wohl diesmal mindestens bis Mai dieses Jahres anhalten. Da soll der dritte Teil erscheinen. Und ich habe läuten hören: Der soll noch besser sein.

Rezension: Elena Ferrante – Die Geschichte eines neuen Namens

 

Rafael Chirbes - Paris-Austerlitz

Ein kleiner Roman aus dem Nachlass des 2015 verstorbenen Spanischen Autors.

Die Geschichte spielt in den frühen 90 er Jahren in Paris. Der junge Ich-Erzähler, Sohn aus begütertem Haus und Maler, flieht aus dem für ihn eng gewordenen Madrider Elternhaus in die französische Hauptstadt. Dort lernt er den wesentlich älteren Arbeiter Michel kennen. Die beiden werden ein Paar. Der unkomplizierte Michel fasziniert den Erzähler zunächst durch seine Andersartigkeit, seine Leidenschaftlichkeit, seine ausschweifende Sexualität. Doch nach und nach sind es gerade diese Dinge und Michels bedingungslose, besitzergreifende Liebe, die den Ich-Erzähler zunehmend erdrücken und schließlich gar abstoßen. Es kommt zum Bruch.

Erzählt wird die Geschichte rückblickend, das Ende vorwegnehmend. Michel ist mittlerweile an einer Krankheit, sie wird nicht ausdrücklich benannt, aber es wird wohl AIDS sein, tödlich erkrankt. In einer grausam genauen Selbstbefragung durchlebt der junge Maler noch einmal die Stationen dieser Liebe, nicht chronologisch, sondern in Erinnerungsbruchstücken, in denen Chirbes Zeit- und Perspektivebenen kunstvoll ineinander verwebt. Die sozialen Schranken, die die beiden Männer voneinander trennen kann auch die Liebe nur schwer überwinden. Bei aller Intimität des Erzählten, kommt bei Rafael Chirbes so doch auch wieder die Klassenfrage zum Tragen, werden soziale Muster aufgezeigt, drängt das Politische ins Private. Chirbes schreibt ungeheuer intensiv und dicht, unsentimental und kühl, schreckt auch vor expliziten Schilderungen von Sexualität nicht zurück, ohne jemals voyeuristisch zu sein. Er schafft dadurch ein sehr atmosphärisches Buch, das gerade durch seine Offenheit und Wucht sehr zu berühren vermag.

Rezension: Rafael Chirbes – Paris-Austerlitz

 

John Fante - 1933 war ein schlimmes JahrDer junge Dominic Molise erzählt aus seinem Leben. 1933 war auch in den USA ein schwieriges Jahr. Die Wirtschaftskrise war auf einem Höhepunkt angelangt, die Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Verarmung weiter Bevölkerungskreise enorm. Diese harten Zeiten spürt auch die italienische Einwandererfamilie Molise. Der Vater kann sein Handwerk nur im Sommer ausüben, seine freie Zeit verbringt er fast ausschließlich in der Kneipe beim Billardspiel, offiziell, um damit die Familienkasse aufzubessern, aber da sind offensichtlich auch Frauen mit im Spiel. Auch der Ich-Erzähler Dom ist kein strahlender Held. Sein völlig übersteigertes Selbstwertgefühl, eine völlige Fehleinschätzung seiner Möglichkeiten bei der von ihm angebeteten, sechs Jahre älteren und bildschönen Tochter des reichsten Mannes vor Ort und eine stets lauernde Aggressivität, die auch mal zu Handgreiflichkeiten führt, sind seine steten Begleiter. Und doch ist er dem Leser zutiefst sympathisch.

Es ist der große amerikanische Traum, vom kleinen Mann ganz nach oben, der auch ihn umtreibt. Denn trotz aller Widrigkeiten besitzt er einen großen Trumpf, „Den Arm“, wie er ihn nennt – er ist ein äußerst begabter Pitcher beim Baseball. Die Geschichte vom großen amerikanischen Traum und den großen Sehnsüchten ist nicht neu. Aber so leicht und tiefgründig, so heiter und ernsthaft wurde sie noch selten erzählt.

Rezension: John Fante – 1933 war ein schlimmes Jahr

 

Françoise Frenkel - Nichts, um sein Haupt zu bettenDie geborene Polin und Jüdin Frymeta Idesa Frenkel, die in Paris studierte und Frankreich und seine Literatur über alles lieben lernte, machte sie sich 1921 mit viel Herzblut und Sachverstand an die Gründung der „Maison du livre“, der ersten und einzigen französischen Buchhandlung in Berlin. Doch obwohl die Zeiten ungünstig waren, wuchs die Kundenzahl der Buchhandlung beständig an und entwickelte sich zu einer Erfolgsgeschichte. Schwierig wurde es spätestens 1935, als immer neue schikanöse Bestimmungen den Geschäftsalltag behinderten. Doch Françoise Frenkel harrte, nicht zuletzt durch die Unterstützung des französischen Staats ermutigt, aus. Erst wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh sie zurück nach Paris. Laden und Bücher wurden beschlagnahmt.Nur 9 Monate später musste Frenkel erneut vor den anrückenden deutschen Truppen fliehen. Über Avignon ging es nach Nizza, um von dort den Grenzübertritt in die rettende Schweiz zu versuchen, was ihr nach zwei missglückten Versuchen, Verhaftung und Internierung in Annecy, schließlich doch gelang.

So wie Françoise Frenkel die allmähliche Verfinsterung in Berlin verzeichnete und doch ihrem Laden, ihren Kunden, den Berlinern bis es gar nicht mehr ging treu blieb, so sah sie trotz all ihrer Sympathie zu Frankreich und den Franzosen doch auch die Kollaborateure unter den Franzosen, diejenigen die sich aus niedriger Gesinnung, zum persönlichen Vorteil oder oft auch einfach nur aus Gedankenlosigkeit gemein machten mit den deutschen Besatzern. Aber eben auch die vielen uneigennützigen Helfer, unter Gefährdung des eigenen Lebens halfen. Deshalb ist das Buch auch „den MENSCHEN GUTEN WILLENS, die hochherzig, mit unermüdlicher Tapferkeit, ihren Willen der Gewalt entgegengestellt und Widerstand geleistet haben bis ans Ende.“ Die Autorin schrieb das Buch 1943-44 in der Schweiz.

Rezension: Françoise Frenkel – Nichts, um sein Haupt zu betten

 

Sylvie Schenk - Schnell dein LebenLouise, Sylvie Schenks Alter Ego, wächst in den 50er Jahren in den französischen Alpen auf, eng verbunden mit der Natur. Ihre Kindheit ist keine unglückliche, dennoch lastet etwas Bedrückendes auf der Familie. Die Ehe der Eltern ist schwierig, die väterliche Familie lehnt die Mutter ab. Louise geht zum Studium nach Lyon und lernt dort eine bunt gemischte Gruppe junger Leute kennen – unter anderem den deutschen Pharmazie-Student Johann und den düsteren, faszinierenden Henri, dessen Eltern als Partisanen während der Besatzungszeit von den Deutschen ermordet wurde. Damit deutet sich eines der großen Leitthemen dieses Lebens und dieses Buches an: das nach dem Krieg schwierige Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland, die vorsichtige, aber entschlossene Wiederannäherung der beiden Länder. Denn trotz großer Anziehung zwischen Henri und Louise entscheidet diese sich letztendlich für den zuverlässigen, heiteren Johann und zieht mit ihm nach Deutschland. Doch auch auf Johanns Familie liegt etwas Düsteres, ein Schweigen lastet schwer, wie wohl in der Nachkriegszeit auf vielen deutschen Familien. In 34 kurzen Kapiteln bei gerade mal 160 Seiten komprimiert Sylvie Schenk ein Leben in eindringliche Szenen. Sie erzählt mit großer Klarheit und Ruhe und poetischer Kraft. Sie wählt die zweite Person Singular, das“Du“, dadurch wird der Text zur Selbstreflexion, eine Perspektive zwischen Nähe und Distanz. Ein nachhallendes Buch.

Rezension: Sylvie Schenk – Schnell, dein Leben

 

Nathan Hill - GeisterNathan Hill hat einen 860 Seiten starken Debütroman geschrieben, der es in sich hat.

Durch einen Anruf wird der zurückgezogene, vom Unialltag und privaten Beziehungen enttäuschte und immer mehr in Onlinegamewelten abtauchende Literaturprofessor Samuel aufgeschreckt: Seine Mutter Faye, die ihn als elfjährigen Jungen von heute auf morgen verlassen und fortan jeden Kontakt vermieden hat, wartet nach einer Attacke auf einen populären Politiker auf ihren Prozess. Samuel soll nun für sie sprechen. Keine leichte Aufgabe, ist sie doch das Trauma seiner Kindheit. Da sie auch fortan jede Auskunft verweigert, macht sich Samuel auf die Suche nach Informationen und findet Überraschendes aus ihrer Vergangenheit heraus. Das Buch spielt auf verschiedenen Zeitebenen. Die Gegenwartsebene ist dabei das Jahr 2011, die Studentenunruhen aus Fayes Universitätsjahren datieren zurück ins Jahr 1968 und Fayes Kindheit liegt in den 50er und 60er Jahren.

Nathan Hill schafft es, diese Themenfülle in einen gut lesbaren, stellenweise sehr witzigen, kritischen und geschickt konstruierten Roman zu packen. Am Ende ist vielleicht ein wenig zu viel Happy-End, aber bis  dahin wurde man wunderbar unterhalten.

Rezension: Nathan Hill – Geister

 

Lauren Groff - Licht und Schatten

Es ist eine Ehegeschichte, die hier vor uns ausgebreitet wird. Lancelot Satterwhite, selbstbewusster, gut aussehender Spross einer äußerst wohlhabenden Familie aus Florida, dem Zeit seines Lebens nicht nur alle Steine aus den Weg geräumt, sondern auch eine glänzende Zukunft vorausgesagt wurde, steht für das Licht. Auf einer Uni-Fete trifft Lancelot, Lotto genannt, Ende der Achtziger Jahre auf Mathilde, eine zurückgezogene, leicht rätselhafte Schönheit, anscheinend ohne jegliche Familie. Ein „Coup de foudre“, zwei Wochen später wird geheiratet.

Lauren Groff diskutiert in ihrem komplexen Roman Fragen wie die, wieviel wir eigentlich von einem anderen Menschen, und sei er uns auch der Nächste, tatsächlich wissen können. Es werden typische Geschlechterrollen inspiziert zwischen männlicher Egozentrik und weiblicher Selbstauflösung. Frühkindliche Verletzungen spielen eine Rolle und unterschiedliche Lebensmodelle, die Ehe natürlich, Familie, der Lauf der Zeit, Depression, Abhängigkeit. Es ist ein abgründiger, einerseits schonungslos genauer Blick auf die Institution Ehe, der aber so gar nichts mit Romantik oder rosaroter Glückseligkeit zu tun hat, andererseits schildert sie diese Ehe aber auch als sehr beständig und glücklich.

Lauren Groff ist mit „Licht und Zorn“ ein außerordentlich gekonnt konstruierter und mit spannenden Themen handelnder Roman gelungen. Nicht nur die Tatsache, dass er zu Barak Obamas Lieblingsromanen zählen soll, macht ihn dadurch zu einer nachdrücklichen Leseempfehlung.

Rezension: Lauren Groff – Licht und Zorn

 

Angelika Felenda - WintergewitterDer hier vorliegende zweite und mittlere Teil von Angelika Felendas zwischen 1914 und 1933 angesiedelter Krimireihe nimmt das Jahr 1920 ins Visier. Es ist die Zeit der Freicorps und Einwohnerwehren, des erstarkenden Nationalsozialismus, der Dolchstoßlegende, der Putschversuche und großen materiellen Not in weiten Teilen der Bevölkerung.

Cilly Ortlieb und Marie Zaumgiebel, zwei jungen Statistinnen aus Rosenheim, die davon träumten, in München Schauspielerinnen zu werden, verdienten ihr Geld schließlich auf anderem Wege und schreckten auch vor der ein oder anderen Erpressung ihrer „Herrenbekanntschaften“ nicht zurück. Ein leichtsinniges Unterfangen, denn beide werden eines Tages ermordet aufgefunden.
Kommissar Sebastian Reitmeyer ermittelt, soll aber, als bald die Spur zu rechtsgerichteten Kreisen und der Einwohnerwehr führt, möglichst nicht zu tief graben. Dabei begegnet er der Berliner Studentin Gerti Blumfeld, die auf der Suche nach ihrer verschollenen Schwester ist und alsbald auch ins Zentrum der Ereignisse gerät.

Der Autorin gelingt die atmosphärische Schilderung ganz ausgezeichnet, auch sprachlich ist der Roman sehr solide. Gegen Ende nimmt die eher beschauliche Ermittlung ein wenig zu sehr Fahrt auf, da knirscht es auch ein wenig in der Handlung und wird das ein oder andere ein wenig unplausibel und unwahrscheinlich. Aber da sich die Leserin bis dahin gut und durchaus klug unterhalten gefühlt hat, lässt sich darüber hinwegsehen.

Rezension: Angelika Felenda – Wintergewitter

 

Elif Shafak - Der Geruch des ParadiesesDie drei Evas sind drei Frauen mit muslimischem Hintergrund, die sich im Jahr 2000 während ihres Studiums in Oxford kennen lernen und zusammenziehen. Es sind drei auf sehr unterschiedliche Weise starke junge Frauen, alle drei auf unterschiedlichen Wegen unterwegs. Leicht ironisch nennen sie sich „Die Sünderin, die Gläubige und die Verwirrte.“ In einem Seminar bei dem umstrittenen Professor Azur lernen sie, ihr Verhältnis zu Gott, zur Religion, zu sich selbst zu überdenken. 15 Jahre später fällt einer von ihnen, der Türkin Peri ein altes Foto in die Hände. Anlass, sich an die Studienzeit, deren abruptes Ende, die Schuld, die sie seitdem verspürt, aber auch an ihre Kindheit zu erinnern.

Elif Shafak verbindet in dieser Geschichte einen Diskurs über den Glauben mit einem aktuellen Psychogramm der Türkei und feministischen Fragen. Und dass Elif Shafak es schafft, dies in exzellent geschriebenen, unterhaltsamen, ja spannenden Romanen zu erfüllen sei ausdrücklich erwähnt.

Rezension: Elif Shafak – Der Geruch des Paradieses

 

Elizabeth Strout - Die Unvollkommenheit der LiebeEs sind 5 Tage und 5 Nächte, in denen Lucy Bartons Mutter sie am Krankenbett besuchte. Ziemlich bald wird klar, dass es eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung ist, dass sich die beiden zuvor jahrelang nicht gesehen hatten. Immer wieder schweifen Lucys Gedanken, auch wenn die Freude über die Anwesenheit der Mutter groß ist, ab in die Zeit ihrer schwierigen Kindheit.

Die tiefe Verbundenheit, manchmal auch ungewollt, manchmal auch unglückselig, zwischen Müttern und Töchtern ist eines der Themen des Romans. Und Elizabeth Strout ist natürlich Meisterin im Schildern des Alltäglichen, des sogenannten „normalen Lebens“. Und das tut Elizabeth Strout mit jedem Buch, leise, empathisch, unspektakulär und schonungslos und mit großem Können.

Rezension: Elizabeth Strout – Die Unvollkommenheit der Liebe

 

Hannah Dübgen - Über LandClara und Amal begegnen sich durch Zufall. Die junge Irakerin läuft in das Fahrrad der Deutschen. Aus anfänglichem Schuldgefühl erwächst nach zunächst vorsichtigem Annähern eine tiefe Freundschaft. Hinter all den unterschiedlichen Traditionen und kulturellen Unterschieden ist es doch das Menschliche, das verbindet.

Hannah Dübgen gelingt es ausgesprochen gut, die Gefühlswelt und das Leben einer jungen Geflohenen zu schildern. Sie beweist dabei genauso viel Empathie wie Sensibilität. Aber sie schafft noch eine zweite Ebene und eine zweite Erzählstimme, indem sie Amal eine junge Deutsche an die Seite stellt. Sie schafft fein gezeichnete, überzeugende Figuren und lässt die Ängste, Schwierigkeiten und Vorbehalte, die entstehen, wenn Menschen unterschiedlicher Kulturkreise aufeinandertreffen, deutlich werden.

Rezension: Hannah Dübgen – Über Land

 

Donal Ryan - Die Gesichter der WahrheitDonal Ryan erzählt aus einer kleinen irischen Gemeinde, die gerade in den Strudel der Finanzkrise 2008/2009 geraten ist, die Irland bekanntlich besonders hart erwischt hat. Fast jeder hier ist unmittelbar davon betroffen. Einundzwanzig Stimmen, einundzwanzig „Gesichter der Wahrheit“.

Das Buch hat eine durchgehende Grautönung, was teilweise etwas ermüdend ist. Trotzdem ist Donal Ryan ein sehr eindrückliches, lesenswertes Buch gelungen. Durch die unterschiedlichen Perspektiven sehr facettenreich, durch die Thematik hochaktuell und erhellend, durch den Handlungsbogen bis zuletzt spannend und durch die zupackende Art zu erzählen sehr unmittelbar und unterhaltsam.

Rezension: Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit

 

Eva Schmidt - Ein langes JahrEine Stadt am See – obwohl nie explizit erwähnt, leicht als Eva Schmidts Wohnort Bregenz zu identifizieren. In 38 meist sehr kurzen Kapiteln werden einzelne Bewohner vorgestellt, fast dreißig an der Zahl, gewähren dem Leser kurze Einblicke in ihr Leben. Eva Schmidt erzählt sehr zurückhaltend, ihr Blick ist distanziert, aber nie ohne Anteilnahme. Das lässt ihren sehr kunstvollen, aber nie künstlichen Romanaufbau umso mehr wirken. Auch bei den traurigsten, erschütterndsten Szenen kommt zu keinem Zeitpunkt etwas wie Pathos oder Kitsch auf. Das macht sie umso eindrucksvoller.

Ein Jahr, um die dreißig Leben, gerade mal 200 Seiten – große Kunst.

Rezension: Eva Schmidt – Ein langes Jahr

 

Kurt Oesterle - Martha und ihre SöhneMartha war nicht nur Mitläuferin des NS-Regimes. Sie war eine der jungen Frauen, deren begeisterte Ausbrüche man in Dokumentarfilmen über diese Zeit staunend wahrnimmt und die denen junger Beatles-Fans in Nichts nachstanden. Hitler-Deutschland war ihr nicht nur räumlich, sondern vor allem emotional und ideell Heimat. Auch nach dem Zusammenbruch lässt sich eine solche tief empfundene Verbundenheit nicht einfach lösen. So verläuft die sogenannte „Entnazifizierung“ durch die Amerikaner für Martha und etliche wie sie nahezu folgenlos. Aber es ist die bekannte Mär von der „Stunde Null“, dem Neuanfang, der aus Millionen treuer Nationalsozialisten plötzlich Demokraten machte. Kurt Oesterle schildert beeindruckend, dass und warum das nicht funktionieren konnte.
Kurt Oesterle schafft mit „Magda und ihre Söhne“ somit nicht nur ein beeindruckendes Porträt der unmittelbaren Nachkriegszeit aus der Sicht einer Durchschnittsfrau, sondern zeigt auch frappierende Parallelen zum Heute.
Sein Bestreben, die geschilderten Dinge bis in tiefe Schichten zu durchleuchten und zu erklären, verhindert vielleicht die große emotionale Nähe zu seinen Personen, sein klarer, nüchterner, analytischer Stil geht in dieselbe Richtung. Fabulierlust ist das nicht. Dafür hat er ein sehr aufschlussreiches, nachdenklich machendes und wichtiges Stück Literatur geschaffen.

Rezension: Kurt Oesterle – Martha und ihre Söhne

 

Daria Bignardi So glücklich wir warenAlma und Maio, nur ein Lebensjahr auseinander, hatten von Beginn an eine symbiotische Beziehung. Keiner konnte ohne den anderen, mit Maios späterer Freundin Michela bildeten sie eine Dreierbande. Eine Freundschaft die bis zu jenem Abend unzerstörbar schien, an dem Alma die Idee hatte, einmal Heroin auszuprobieren. Eines Abends verschwindet Maio spurlos. Die Familie hörte nie mehr von ihm. Und nun, wie so oft, zerbricht die Familie. Alma hat sich nach jahrzehntelangem Schweigen nun endlich entschlossen mit ihrer Tochter Antonia über dieses Familienschicksal zu sprechen. Diese ist schwanger, Kriminalschriftstellerin und ihr Spürsinn  herausgefordert.
Was steckt hinter Maios Verschwinden? Ist er tatsächlich tot? Sie entschließt sich, aus ihrer Heimatstadt Bologna nach Ferrara zu reisen, dem Kindheitsort der Mutter.

Daria Bignardi ist dabei eine Meisterin der atmosphärischen Schilderung. In einer schnörkellosen, aber äußerst fesselnden Sprache erzählt sie ihre Geschichte um Schuld und Schuldgefühle, die Schatten der Vergangenheit, Geborgenheit der Familie und Einsamkeit des Einzelnen, Wahrheit und Verschweigen. Dabei zeichnet sie psychologisch eindrucksvolle Porträts und entwickelt nicht zuletzt durch die kriminalistischen Elemente eine ungeheure Sogkraft.

Rezension: Daria Bignardi – So glücklich wir waren

 

Thees Uhlmann - Sophia, der Tod und ichDer Sänger der Band „Tomte“ erzählt betont locker eine haarsträubende Geschichte: Eines Tages steht vor der Tür des Ich-Erzählers der Tod.
Sehr höflich, korrekt im schwarzen Anzug, aber unerbittlich. Noch drei Minuten bleiben, selbst der letzte Wunsch ist noch drin, aber dann, leider, „irgendwas mit dem Herzen“. Doch als plötzlich Sophia vor der Tür steht, läuft alles ganz anders als üblich. Ein Roadtrip mit Tod beginnt und endet mit einem großen Show-Down. Haarsträubend wie gesagt, in einer coolen, lässigen Sprache verfasst, auch die übelsten Kalauer nicht scheuend, sich nicht das Geringste um Plausibilität oder Logik kümmernd.Und, man hört und staunt, trotzdem mit so viel Warmherzigkeit, Melancholie und Lebensklugheit, ich möchte fast sagen Lebensweisheit versehen, dass die Leserin abwechselnd laut lachen, versonnen innehalten und gerührt schniefen musste.

Rezension: Thees Uhlmann – Sophia, der Tod und ich

 

Delphine de Vigan - Nach einer wahren GeschichteDelphine de Vigan treibt ein listiges Spiel mit dem Leser und seinen Erwartungen.Sie erzählt „Nach einer wahren Geschichte“ und erzählt darin von der Schriftstellerin Delphine, die nach dem überwältigenden und auch überraschenden Erfolg ihres vorherigen, autobiografischen Buchs, das vom Selbstmord der psychisch kranken Mutter erzählt, in eine tiefe Krise gerutscht ist. Eine Schreibblockade, ja geradezu Ekel vor dem Schreiben treibt sie um. Sie steht am Beginn einer Depression, wird immer wieder von Selbstzweifeln geplagt. Da tritt L. in ihr Leben, anfangs nur eine begeisterte Leserin, erobert sie immer mehr Raum in Delphines Leben, beängstigend viel Raum. Schon zu Beginn stellt sich der Leser natürlich die Frage: Wieviel Delphine de Vigan steckt in dieser Delphine, stimmen doch auch etliche weitere biografische Daten von Autorin und Erzählerin überein. Und da beginnt es auch schon, das Spiel um Autobiografie, Autofiktion und Fiktion, das Delphine de Vigan hier mit uns spielt. Besonders gegen Ende entwickelt die Autorin einen starken Sog und eine hohe, fast an Thriller erinnernde Spannung, die gelegentliche Längen in der Mitte des Buches fast vergessen machen. Hier wird Wahrheit in einem schwindelerregenden Wirbel fiktionalisiert.
Es ist aber ein Schwindel, der nicht nur Spaß macht, sondern auch nachdenklich.

Rezension: Delphine de Vigan – Nach einer wahren Geschichte

 

Henning Mankell - Die Schwedischen GummistiefelEin letzter Roman von Henning Mankell, den Mankell bereits mit seiner Krebsdiagnose verfasst und kurz vor seinem Tod im Oktober 2015 veröffentlicht hat.

Gleich zu Anfang verliert Fredrick Welin, der alternde Chirurg, den wir beriets aus Mankells Roman „Die italienischen Schuhe“ kennen, sein Haus auf der einsamen Schäreninsel, auf die er sich zurückgezogen hatte, und seine ganze Habe bei einem fatalen Brand, dem auch er nur um ein Haar entkommt. Er steht nicht nur ohne alles Materielle da, sondern wird auch noch der Brandstiftung verdächtigt. Allerdings nur solange, bis das nächste Haus im Schärengarten in Flammen aufgeht.

Denn wenn auch ziemlich viel geschieht, sind die eigentlichen Themen, um die es geht, das Vergehen der Zeit, das Altern, der Tod und die Frage nach dem Neuanfang. Ein leises, sehr berührendes Buch, gab es diesen Neuanfang doch für den Autor selbst nicht mehr.

Rezension: Henning Mamkell – Die schwedischen Gummistiefel

 

Verena Boos - BlutorangenDer spanische Bürgerkrieg begann vor mehr als 80 Jahren, zerriss ein ganzes Land und ist bis heute nie wirklich aufgearbeitet worden. Verena Boos packt die geschilderten Umstände perfekt recherchiert in ihren Roman „Blutorangen“, der eine Opfer- und eine Täterfamilie durch die Enkelgeneration zusammentreffen lässt.

Es ist die junge Maite, die ihrem Elternhaus und vor allem dem despotischen Vater entfliehen möchte und zum Studium nach München zieht. Es ist die Zeit um 1989/90, sie trifft den spanischstämmigen jungen Carlos, die Beiden werden ein Paar. Eher zufällig entdeckt sie ein Foto, das sie auf die Spur der unrühmlichen Vergangenheit ihres Vaters bringt: Im zweiten Weltkrieg Mitglied der spanischen „Blauen Division“, die auf Seiten Hitlerdeutschlands in Russland kämpfte, danach strammes Mitglied der gefürchteten Guardia Civil. Carlos Großvater hingegen war ein Verfolgter des franquistischen Regimes, entkam seiner Deportation in ein deutsches Konzentrationslager nur mit viel Glück und blieb fortan in Deutschland. Über die Orangen aus Valencia sind beide Familien verbunden: die eine als großbürgerliche Orangenproduzenten, die andere durch Carlos Obststand in der Münchner Großmarkthalle.

Verena Boos erzählt diese Familiengeschichten nahe an der Zeitgeschichte, mit vielen Sprüngen in der Raum-, Zeit-, und Personenebene. Der Roman ist aber derart gut konstruiert, dass dies kein Problem darstellt, sondern ein vielschichtiges, eindrückliches Bild ergibt. Auch atmosphärisch ist die Geschichte äußerst gelungen. Sie berührt ohne jemals kitschig zu werden, klärt auf ohne jemals belehrend zu sein.

Rezension: Verena Boos – Blutorangen

 

Sabine Gruber - DaldossiBruno Daldossi war Kriegsfotograf, einer, der immer an den Brennpunkten dieser Welt unterwegs war. Irak, Afghanistan, Kongo, Kosovo, Tschetschenien – kaum ein Schauplatz des Schreckens, den er nicht mit der Kamera festgehalten hat. Nun ist er Anfang Sechzig und von seiner Redaktion in Rente geschickt worden.
Im Roman geht es auch um die Verzweiflung, in die er stürzt, als ihn gerade zu dieser Zeit seine langjährige Lebensgefährtin Marlis verlässt. Er verliert völlig den Boden unter den Füßen, als dieser einzige Haltepunkt in seinem rastlosen Leben wegfällt.
Immer wieder wird Daldossi von Erinnerungen an seine traumatischen Erfahrungen heimgesucht, bringen Beobachtungen, Begegnungen, Gegenstände diese zu ihm zurück. Mit diskutiert werden Dinge wie: Inwieweit bedienen die Fotografen die Sensationsgier? Benutzen sie die Opfer, um der eigenen Profilierung willen? Sind sie Adrenalinsüchtige? Der Empathie völlig unfähig?
Die Diskussion von Fragen wie diesen ist es, die diesen Roman zu etwas ganz besonderem macht.
Sabine Gruber erzählt ihre Geschichte in schöner, dichter Prosa und wirft viele interessante Fragen auf, eher ein Thesenroman als eine von der Handlung getragene Erzählung, dafür wird diese zu häufig durch Erinnerungen, Querverweise, Standpunkte unterbrochen. Mir hat er dennoch sehr gefallen.

Rezension: Sabine Gruber – Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

 

De Moor Schlaflose NachtEine Frau steht nachts in der Küche und backt gegen ihre Schlaflosigkeit. Ihre Gedanken schweifen in die Vergangenheit, zu ihrer nur 14 Monate währenden Ehe mit Ton, die durch dessen Selbstmord endete, ohne jede Erklärung und ihr seitdem den Schlaf raubt.

Margrit de Moor erzählt von dieser „unerhörten Begebenheit“ in ihrer bekannt virtuos nüchtern-klaren Sprache. Psychologisch genau und behutsam, wie auf leisen Sohlen. Wenn der Kurzzeitwecker klingelt, schließlich auch der Napfkuchen gar ist, weiß die Ich-Erzählerin auch nicht mehr als zuvor. Aber eine weitere schlaflose Nacht ist überstanden.

Rezension: Margriet de Moor – Schlaflose Nacht

 

Bodo Kirchhoff - WiderfahrnisDie Begegnung zweier älterer Menschen in einer Residenz in den Bergen – Leonie Palm, einst Inhaberin eines Hutladens, und Julius Reither, Ex-Verleger und Ex-Buchhändler. Beide machen sich ungeplant auf einen nächtlichen Roadtrip, der sie bis nach Sizzilien führt. Mit im Gepäck die Sehnsucht nach einer späten Liebe.

Bodo Kirchhoff hat Vieles sehr gut gemacht. Die Novelle ist klug und präzise gebaut, in eleganter Sprache verfasst, fängt die Atmosphäre einer Fahrt in den Süden perfekt ein, vereinigt immerwährende Themen wie Liebe und Altern mit einem brisanten neuen, nämlich der Flüchtlingsbewegung und schafft gegen Ende eine zunehmend ansteigende Spannung. Außerdem lässt er den Schaffensprozess, die Verfertigung des Textes wie nebenbei einfließen.

Trotzdem: Ich habe mich seltsam unwohl gefühlt in diesem satten, selbstbezogenen Milieu.

Rezension: Bodo Kirchhoff – Widerfahrnis

Frankfurter Verlagsanstalt September 2016, gebunden, 224 Seiten, € 21,-