Ein Abend mit Anna Kim im Literaturhaus Frankfurt

Anna Kim hat mit „Die große Heimkehr“ ein großartiges Buch vorgelegt, das sich mit der Geschichte Koreas, mit Schwerpunkt auf die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1962, beschäftigt. Am Mittwoch 05.04.2017 war sie im Kabinett des Literaturhauses Frankfurt zu Gast.

Moderatorin des Abends war Sabrina Wagner, die zu Beginn kurz Kims Werdegang und die Vielseitigkeit ihrer bisher erschienenen Bücher skizzierte.

Nach dem Koreabild gefragt, mit dem Anna Kim aufgewachsen ist (die Österreicherin ist im Alter von zwei Jahren mit den Eltern zunächst nach Deutschland, dann nach Österreich emigriert), erzählt die Autorin, dass sie von klein auf fast nur mit westlicher Kultur umgeben war. Der Vater studierte westliche Malerei, die Mutter deutsche Literatur und Philosophie, so dass Anna sehr wenig Berührung mit Korea hatte, was sie auf die negativen Erfahrungen ihrer Eltern mit ihrem Heimatland zurückführt. Schon als kleines Kind musste die Mutter in den Wirren der Teilung und des Koreakrieges fliehen. Sie erzählte ihrer Tochter hin und wieder davon in märchenhaftem Ton, was diese aber als kleines Mädchen eher langweilte.

Auf das aktuelle Buch kommend, fragte Sabrina Wagner, wer die rätselhafte Protagonistin Eve Moon für Anna Kim sei. Für diese ist es besonders wichtig, dass Eve als ziemlich einzige der Figuren nicht nur auf die Geschehnisse reagiert, sondern versucht, zu agieren, sehr emanzipiert und selbstbewusst handelt. Auch personifiziert sie die Frage von Illusion und Wahrheit, die im Buch eine große Rolle spielt.

Anna Kim

Wichtig war für Anna Kim vor allem der geschichtliche Aspekt ihres Romans. Die Frage war, wie viel Geschichte und Politik steckt in einem Individuum und lässt sich das überhaupt trennen. Das ist natürlich eine Form der Geschichtsschreibung und der Autorin ging es in erster Linie auch um deren Dekonstruktion. „Geschichte gehört letztlich demjenigen, der sich Gehör verschafft.“ Auch der Hauptprotagonist Yuno, der den Roman als Lebensbeichte einer ihm Fremden, der jungen Deutschen mit koreanischen Wurzeln Hanna, erzählt, warnt: „Glauben sie mir nicht alles, was ich erzähle“. Nicht umsonst geht es im Roman wie in der koreanischen Geschichte zu einem Gutteil auch um Propaganda. Yuno fällt es leichter, seine Geschichte einer Person zu schildern, der „die Grammatik dieser Gesellschaft fremd ist.“

Zum Schluss fragt Sabrina Wagner nach Billie Holiday, die den Soundtrack des Romans liefert, immer wieder ertönen ihre melancholischen, träumerischen Lieder. Und ja, Anna Kim liebt Billie Holiday und sieht in ihnen, vor allem ihrer einfachen, poetischen Sprache, eine große Inspirationsquelle für ihren Roman.

Zwei Textpassagen liest die sympathische Autorin, dann ist dieser schöne Abend auch schon zu Ende. Für die Lektüre des Buches war er sehr erhellend.

Meine LBM – Leipziger Buchmesse 2017

Vom 23. bis 26.März 2017 war wieder Buchmesse in Leipzig. Drei Tage lang konnte ich in die Buchwelt eintauchen und viele interessante Eindrücke mit nach Hause nehmen.

Gleich vorweg: Noch an keiner bisherigen Messe hatte ich so viel Pech mit den angekündigten Veranstaltungen auf dem Messegelände. Lesungen und Gespräche fielen aus, teils wegen Krankheit (da kann man nun wirklich nichts machen), teils aber auch ohne weitere Begründung (nur der Hinweis am Stand, zu dem man sich teils mühevoll durchgekämpft hat „Entfällt“), teils wurden die Termine entgegen der Ankündigungen im Programm vorverlegt. Ab Tag 2 bin ich dann nicht mehr so nach Planung vorgegangen, hatte nur wenige Veranstaltungen zu denen ich unbedingt wollte, und dann wurde es auch entspannter (obwohl auch am Sonntag eine meiner beiden angestrebten Lesungen zu einer anderen als der angekündigten Zeit stattfand). Insgesamt resultierten daraus wenige „echte“ Termine und mehr Zeit zum Bummeln.

Fazit fürs nächste Mal: weniger Veranstaltungen und die dann am selben Tag lieber nochmal checken!

Weiteres Messefazit: Ich brauche dringend eine bessere Kamera. Meine Fotos sind nur sehr bedingt vorzeigbar.

Nun aber zum Lob: Zum ersten Mal als Blogger auf der Messe war ich erstaunt über die Annehmlichkeiten. Das begann mit dem separaten Eingang, Parkplatz direkt davor, kostenlose Garderobe, einsame Toiletten (nicht zu unterschätzen) und dem Pressecafé. Da fühlt man sich richtiggehend wertgeschätzt.

Schlange am Signiertisch eines Bestsellerautoren? Nein , nur die vor der Damentoilette.

Die Buntheit, Offenheit, Großzügigkeit der Veranstaltungsflächen (gerade auch im Vergleich zur Frankfurter Messe) wurde auch schon verschiedentlich angesprochen. Zwar erscheinen mir die Termine auf letzterer immer ein wenig hochkarätiger und besonders an den Fachbesuchertagen auch deutlich entspannter, aber Leipzig ist einfach näher dran an den Lesern. An allen Ecken und Enden laden kleine Lesebühnen, Cafés und Diskussionen zum Verweilen ein. Nicht zuletzt ist auch die Möglichkeit zum Erwerb von Büchern an allen Messetagen ein Pluspunkt. Besonders auch für Kinder und Familien wird unglaublich viel geboten.

So, aber nun zum Programm selbst.

Dorit Rabinyan zugeschaltet aus Israel

Gleich mein erster Termin am Freitag fiel leider aus. Zwar war die DB mal wieder vorbildlich, und der ICE hielt sogar am Messegelände. So hatte ich es nicht ganz so knapp zum ersten Programmpunkt: Dorit Rabinyan, deren Roman „Wir sehen uns am Meer“ ich mit großem Interesse gelesen habe sollte am Israelstand lesen. Der ist nun in Halle 4, ganz hinten. Dorthin gehetzt, musste ich leider hören, dass die israelische Autorin krank und deshalb nicht in Leipzig ist. Toll, dass sie, wenn auch nur über den Minibildschirm eines Smartphones per Videokonferenz zugeschaltet war und Fragen zu ihrem Buch und besonders der kritischen Aufnahme desselben in Israel beantwortete.

Sehr enttäuschend auch, dass das Gespräch mit der diesjährigen Preisträgerin des Leipziger Buchpreises, Natascha Wodin, ausfiel, vielleicht weil sie am Vortag schon verschiedene Termine gehabt haben muss. Trotzdem schade, da ich ihr Buch als nächstes lesen und besprechen möchte.

Dieser ersten Tag stand unter keinem besonders guten organisatorischen Stern, deshalb habe ich ihn dann auch recht früh beendet.

Leider konnte ich dieses Jahr auch keine Abendveranstaltungen von „Leipzig liest“ besuchen.

Mein (etwas ungerechtes) Fazit am Ende des ersten Tages: Lieber lesen!

Tag 2 war dann wunderbar. Termine fast alle raus, konnte ich entspannt durch die Hallen bummeln. Alle verbliebenen Lesungen oder Gespräche fanden auch tatsächlich statt, zum Beispiel mit dem ausgesprochen sympathischen schwedischen Autor Tom Malmquist. Der Musiker hat vor einigen Jahren unter tragischsten Umständen seine Lebensgefährtin verloren. Diese war hochschwanger, das Kind wurde mit Notkaiserschnitt entbunden, die Mutter starb wenig später. Malmquist sprach so sensibel und sympathisch über diese schreckliche Zeit, dass ich mich sehr auf dieses Buch freue.

Darauf verirrte ich mich eher zufällig an den Stand, an dem Volker Kutscher und Arne Jynsch ihre gemeinsame Graphic Novel „Der nasse Fisch“ signierten. Nicht nur ihre sehr den Lesern zugewandte Art, sondern besonders auch die liebevoll gezeichnete Widmung des Künstlers, der dafür Stunden am Signiertisch verbrachte, haben mich überzeugt, es auch einmal mit einer Graphic Novel zu versuchen. Auf den ersten Blick bin ich begeistert.

Um 14 Uhr dann der Lesertreff von Lovelybooks. Wie immer sehr lieb gemacht, hänge ich doch an dieser Gemeinschaft, auch wenn ich ihr etwas entwachsen bin. Aber ich habe dort auch eine liebe Buchfreundin wiedergetroffen.

Dominique Manotti

Letzter Termin war die wunderbare, mittlerweile 75 jährige Dominique Manotti, Grande Dame des französischen Kriminalromans. Ein wunderbar verständliches Französisch, interessante Ausführungen zu ihrem Roman „Schwarzes Gold“ und eine weitere äußerst sympathische Autorin schlossen meinen Samstag so wunderbar ab, dass ich dem Messegelände nahezu entschwebte. Zumal das Wetter grandios war.

Auch die Außenflächen wurden gerne genutzt: Das Wetter war wunderbar!

Der Sonntag stand dann im Zeichen der Kinder- und Jugendbücher: Ich war mit meinem Sohn unterwegs. Der fand alles ganz wunderbar und hatte einen tollen Tag, nachdem er am Vortag an der Krimistadtrallye des Institut français unter Beteiligung von Darstellern der SOKO Leipzig teilgenommen hatte. Eine ganz großartige Veranstaltung!

Da ich noch nie bis Sonntag geblieben bin, für mich eine Premiere: Der traditionelle Messechor!

Wie überhaupt die ganzen Ausstellungen, Musikveranstaltungen, Lesungen, Partys etc. etc. gar nicht genug gelobt werden können. Leipzig, du machst das toll! Und nächstes Jahr bin ich wieder mit dabei!

Leipziger Buchmesse 2017

Morgen ist es auch für mich soweit: Es geht nach Leipzig auf die Buchmesse 2017. Zum Bloggen werde ich dort eher nicht kommen. Ich möchte mir Zeit für die Messe nehmen und die Familie reist auch mit. Natürlich wird es anschließend einen Bericht geben. Damit es bis dahin nicht so still hier wird, werde ich mich mal als Instagramer versuchen und habe deshalb hier auch ein entsprechendes Widget eingebaut. Vielleicht habt ihr Lust, hier mal vorbeizuschauen (oder bei Instagram direkt). Allen, die auch da sind: viel Spaß auf der Messe!

lit.COLOGNE 2017

2001 startete in Köln ein literarisches Programm, das sich als absolute Erfolgsgeschichte herausstellen sollte: Mit damals 60 Veranstaltungen an 5 Tagen noch relativ überschaubar, gelang es aber schon zu Beginn, auch große Namen der Buchbranche anzuziehen: Leon de Winter war zu Gast, Louis Begley, Jostein Gaarder, Cornelia Funke und Nick Hornby.

Ein besonderer Augenmerk lag von Anfang an auf dem Kinderprogramm, der lit.kid.cologne. Unsere Kinder waren damals leider noch zu klein für die Einlesung sämtlicher damals erschienenen vier Harry Potter Bände durch Rufus Beck. Ein Jahr später trafen wir aber Hase Felix auf dem Köln-Bonner Flughafen, gingen mit dem jungen Pablo Picasso ins Museum Ludwig, später begegnete uns der kleine Pinguin Tamino im Kölner Zoo, wir gingen mit Mozart ins Musikgeschäft und mit den Kindern von Kokolores ins Elefantenhaus. Die Kinder waren jedes Mal sehr begeistert und auch wir Erwachsenen staunten über den Einfallsreichtum des Organisationsteams.

Über viele Jahre zog es uns immer wieder zur lit.COLOGNE, trotz der einfachen Fahrtzeit von 1,5 Stunden, die wir nicht selten auch im Schneetreiben auf der Sauerlandlinie oder dichtem Nebel im Bergischen Land hinter uns brachten.

Unvergessliche Abende waren der Lohn, so zum Beispiel gleich im ersten Jahr ein gemeinsamer Auftritt von Robert Gernhardt, Max Goldt und Benjamin von Stuckrad-Barre, „Drei Generstionen deutsche Literatur“ im Gürzenich. Gerhard Polt trat mit der Grupo Converso auf, Klüpfl & Kobr blödelten sich genial durch eine Fahrt auf dem Literaturschiff und Iris Berben und Christoph Maria Herbst führten durch einen höchst amüsanten „Büroalltag“-Abend. Auf einer Veranstaltung durfte ich die von mir sehr geschätzte Zadie Smith erleben.

Die mit Abstand am meisten beeindruckende Veranstaltung war allerdings 2003 ein Abend mit Elke Heidenreich zu ihrem damals erschienenen Shakespeare Buch.

„Noch immer riecht es hier nach Blut – William Shakespeare und Macbeth“. Katharina Thalbach und Christoph Waltz lasen MacbethElke Heidenreich zeigte Fotos aus „Macbeth. Schlafes Bruder“ und Jürgen Tarrach sang, übrigens absolut großartig, Shakespeare Sonette. Ein Gänsehautabend, den ich nicht vergessen werde.

Dieses Jahr wiederholt sich die lit.COLOGNE zum 17. Mal. Mittlerweile angewachsen auf 194 Veranstaltungen an nun 12 Tagen und zwei vorgezogenen Veranstaltungen (im Januar Jonathan Safran Foer und im Februar T.C.Boyle), vermag sie es, die ganz großen Namen anzuziehen, immer wieder spannende Formate und abwechslungsreiche Veranstaltungsorte zu finden. Auf jeden Fall zu begrüßen ist es/wäre es, dass lit.COLOGNE und Leipziger Buchmesse nicht zeitgleich stattfinden (wie leider oft in den vergangenen Jahren).

Drei Veranstaltungen habe ich dieses Jahr besucht.

Im Januar durfte ich bereits Jonathan Safran Foer über seinen Roman „Hier bin ich“ sprechen hören. Die Moderation durch Dennis Scheck war allerdings für mich enttäuschend – kaum interessante Fragestellungen, wenig Erhellendes (mir kam die Frage, ob er das Buch überhaupt gelesen hatte nicht als Einziger). Dafür ein sympathischer und gut gelaunter Autor und ein großartig lesender (und vom Autor ausdrücklich dafür gelobter) Robert Dölle. Leider hat meine Kamera an diesem Abend versagt, deshalb nur ein leicht verschwommenes Foto.

Während der eigentlichen lit.cologne im März habe ich nun zwei Veranstaltungen ausgewählt. Ich muss zugeben, dass die Wahl schwer fiel, es waren einfach zu viele hochkarätige Autoren, am liebsten wäre ich zu mindestens der Hälfte davon auch gegangen. Die Auswahl bestimmt hat dann vor allem der Temin. 120 Kilometer Anreise, das ist einfach am Wochenende besser zu bewerkstelligen.

Literaturschiff lit.cologne
Literaturschiff der lit.cologne

Die Wahl fiel auf Llúis Llach, dessen Roman „Die Frauen von La Principal“ ich letztes Jahr sehr gerne gelesen habe. Die deutschen Passagen wurden von Iris Berben gelesen, deren Auftritte bei der lit.cologne schon immer hochklassig waren. Und auch an diesem Abend auf dem Literaturschiff war sie trotz anhaltender Bronchitis gewohnt souverän, ausdrucksstark und ungemein sympathisch. Das Empfehlen von Llúis Llachs Buch lag ihr spürbar am Herzen.

lit.cologne 2017 Lluís Llach und Iris Berben
lit.cologne 2017 Lluís Llach und Iris Berben

Durch den Abend führte Michael Ebmeyer, der Autor von „Gebrauchsanweisung für Katalonien“. Er tat das auf Katalanisch, locker, kenntnisreich und mit sehr guten Fragen.

Lluiís Llach lit.cologne 2017
Lluiís Llach lit.cologne 2017

Der 1948 geborene Llach, in Katalonien sehr verehrter Liedermacher, einst erbitterter Gegner des Francoregimes (nach Auftrittsverboten emigrierte er nach Paris und kehrte erst nach Francos Tod zurück) und Mitglied der Bewegung Nova Canço, die der Unterdrückung der katalanischen Sprache im Einheitsstaat Francos entgegentreten wollte. Sein Lied L’Estaca („Der Pfahl“) erlangte Kultstatus. Dabei schlug die Zensurbehörde erst nach ca. eineinhalb Jahren zu, Verständnisprobleme oder generell der „romanische Umgang mit Zensur“ vermutete Llach amüsiert.

Seit einiger Zeit hat sich Llach ganz aus dem Musikgeschäft zurückgezogen. Initialzündung für seine Karieren als Autor, Politiker für die Unabhängigkeit Kataloniens oder auch als äußerst erfolgreicher Winzer des Weinguts Vall Llach waren immer eher Zufälligkeiten, wie zum Beispiel bei letzterer ein Aufenthalt im Landhaus seiner Mutter, in das er sich nach einer Krebsdiagnose Anfang der Neunziger Jahre zurückgezogen hatte. Das Wetter war in diesem Jahr sehr schlecht, es kam zu verheerenden Überschwemmungen und Llach wollte mit der Gründung des Weinguts ein hoffnungsvolles Zeichen für die Region setzen. Er selbst ist übrigens schon immer Abstinenzler (und außerdem ist ihm sein Wein viel zu teuer ;)).
Insgesamt ein netter, amüsanter Abend, den Llach am Signiertisch beendete.

 

Die dritte Veranstaltung ergab sich fast zwangsläufig: Ist Paul Auster doch nicht nur ein literarisches Schwergewicht, sondern auch ein von mir sehr geschätzter Autor. Mit „4 3 2 1“ habe ich die letzten Lesewochen verbracht. Im Vorfeld wurde in der Presse schon so manches bekannt, von „Weltstar auf Reisen“, „Diva im Literaturbetrieb“ war da die Rede, keine Widmungen am Signiertisch, pro Besucher nur ein Buch und – vor allem – absolut keine Fotos im gesamten Veranstaltungsbereich. Nun, es kam alles tatsächlich so, zudem war die angekündigte stark angeschlagene Stimme des Autors zu einer ausgewachsene Erkältung mutiert. Ein großes weißes Taschentuch war denn auch Austers wichtigstes Accessoire des Abends.

Aber er war da, ausgesprochen freundlich, seinem Publikum zugewandt und arbeitete sich trotz der Stimmprobleme souverän durch die Lesung, die er mit Schauspieler Sylvester Groth wechselseitig in Deutsch und Englisch gestaltete. Moderiert wurde der Abend kenntnisreich von Bernhard Robben, der Auster zunächst auf Jiddisch begrüßte und fragte, ob ob Jiddisch in dessen aus Galizien stammenden Familie eine Rolle gespielt habe. Nur die Großmutter habe es zuzeiten gesprochen, erzählt Paul Auster.

 

Derek Wood CC BY-NC-SA

Ein aus den 40 er Jahren stammendes Trickfoto von einem mit Männern besetzten Tisch. Erst auf den zweiten Blick war zu erkennen, dass es sich dabei immer um den gleichen Mann in unterschiedlichen Positionen handelte.

 

Ein erster Gedanke an das „Was wäre wenn?“, wenn das Leben eben mal eine andere Abzweigung genommen hätte, ein Gedanke, den Paul Auster, wahrscheinlich wie viele seiner Leser auch, schon lange mit sich herumgetragen habe und der schließlich zu 4 3 2 1 geführt habe. In dem Moment, in dem sich die Idee dazu verfestigt habe, wäre er schier begeistert gewesen („I jumped out of my skin“). So habe er auch nicht lange überlegt, wie bei vielen vorherigen Büchern wochen- oder sogar monatelang, sondern ziemlich gleich losgelegt. Auch die Anzahl 4 seiner verschiedenen Versionen eines Lebens war für ihn gleich die richtige.

Nur der Titel erfuhr eine Änderung, denn der ursprünglich angedachte, „Ferguson“, nach dem Namen seines Protagonisten, erhielt nach den Vorgängen im August 2014, nach den tödlichen Schüssen eines Polizisten auf den schwarzen Jugendlichen Michael Brown im gleichnamigen Ort in Missouri, eine Bedeutung, die ihn für Auster unmöglich machte. Das war eineinhalb Jahre nachdem er begonnen hatte zu schreiben. Heute ist er überzeugt, dass 4 3 2 1 tatsächlich der bessere Titel sei.

Paul Auster - 4 3 2 1Gefragt nach der Methode seines Schreibens, spricht Auster von einem Tanz um die Frage, wie sich die Entwicklung eines Menschen gestaltet. Gleiche Genetik, gleiche Physis, gleiches Elternhaus und gleiche mentale Voraussetzungen, aber unter anderen Umständen wachsen die vier Archie Fergusons auf, wohnen in unterschiedlichen Orten rund um Newark und New York, besuchen unterschiedliche Schulen, haben unterschiedliche Freunde und vor allem unterschiedliche finanzielle und familiäre Konstellationen, besonders der Vater hat in allen vier Fällen ein sehr unterschiedliches Schicksal. Für Auster eine spannende Entdeckungsreise. Keine der vier Figuren ist ihm dabei lieber oder näher als die andere. Wie überhaupt Paul Auster davon überzeugt ist, dass ein Autor seine Figuren lieben muss, auf sie hören und sie möglichst nicht manipulieren soll. „Man schreibt nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen.“ So Austers Credo.

4 3 2 1 gehört für Paul Auster in die Reihe, die mit „Unsichtbar“ und „Sunset Park“ begonnen hat und sein Werk zu einer Erkundung des Innenlebens, in die Psyche hinein führte und begleitet war mit einer anderen Art zu Schreiben, mit einer Befreiung, einem neuen Tempo, einem anderen „drive“, mehr Musikalität, längeren Sätzen.

Gefragt, ob der ursprüngliche Name von Archies Großvater „Reznikoff“ als Hommage an den amerikanischen Poeten Charles Reznikoff gedacht war, verneint Auster, erzählt aber eine amüsante Anekdote, in der er den Verehrten, schon sehr Betagten in den 70 er Jahren besuchte, nachdem er ihm ein Essay zugeschickt hatte. Der Nachmittag verging indem Reznikoff ununterbrochen Geschichten erzählte. Schon an der Tür, hielt er Paul zurück: „Ach, ihr Essay! Es erinnert mich an meine Mutter!“ Keine ausgesprochene Schönheit, bekam sie einst von einem Fremden auf der Straße ein Kompliment für ihr wunderschönes Haar. Den Rest des Tages verbrachte sie vor dem Spiegel. „Daran hat mich ihr Essay erinnert.“

The road not taken By Robert Frost (Library of Congress; image by Leo Romero.) [Public domain], via Wikimedia Commons
Auch zu Robert Frost, dessen Gedicht „The Road not taken“ zum amerikanischen Gedichte-Kanon gehört und als Motto für 4 3 2 1 dienen könnte, fällt Paul Auster eine amüsante Szene aus Jim Jarmuschs „Down by law“ ein, in der Roberto Benigni aus dem Gedicht rezitiert, auf Italienisch, und dann schwärmt „Papa Frost – great American poet“, von Auster im Tonfall wunderbar imitiert.

Paul Auster ist definitiv nicht der unzugängliche, distanzierte Autor, als der er teilweise angekündigt wurde.

Zum Schluss stellte er noch einmal fest, dass für ihn das Leben eine Kombination aus bewussten Entscheidungen an den Weggabelungen des Lebens und eben Zufällen ist. Sein Archie Nummer 1 ist für ihn der introspektive, politisch engagierte Typ, Nummer 2 derjenige mit den festen Vorstellungen vom Leben, Nummer 3 der unsicherste, auch von den familiären Bedingungen her am meisten beeinträchtigte und Nummer 4 der toughste von allen, vielleicht auch, weil er mit seinem Vater schon früh die meisten Konflikte austragen muss.

Der Abend war sehr informativ, auch und gerade für Leser, die 4 3 2 1 schon gelesen haben. Und auch, wenn ich keine Fotos machen konnte, trage ich viele Bilder davon sicher noch lange mit mir.

Schön war sie, die lit.cologne 2017. Sehr gut fand ich, dass sie sich diese Jahr nicht mit dem anderen literarischen Frühlings-Großereignis, der Leipziger Buchmesse, ins Gehege kam. Eigentlich müsste das terminlich doch jedes Jahr möglich sein. Zumal sich beide kaum überschneiden, sondern ergänzen.

Na, dann tu ich es mal: DANKE! Und ich freue mich auf 2018!

 

 

 

 

 

#indiebookday

Heute am 18. März 2017 ist es wieder soweit: Indiebookday!

Auf Initiative des kleinen, aber regen mairisch Verlags  wird seit 2013 jedes Jahr der indiebookday ausgerufen. Er soll an die wertvolle, unersetzbare Arbeit der vielen unabhängigen Klein- und Kleinstverlage erinnern und deren Bücher bewerben. Auf dass sie in der Veröffentlichungsflut und vor allem der immer intensiveren Bewerbung durch die „Großen“ nicht untergehen. Viel Idealismus und Herzblut steckt bei den „Kleinen“ mit drin und jedes Jahr werden kleine und große Schätze gehoben, was zum Glück auch immer mehr Anerkennung findet (man denke an die Erfolge beim Deutschen Buchpreis von Jung und Jung oder auch im vergangenen Jahr von der Frankfurter Verlagsanstalt). Dennoch verdienen die Unabhängigen noch viel mehr Aufmerksamkeit. Deshalb der Aufruf:

Ihr liebt schöne Bücher.

Am Indiebookday könnt Ihr das allen zeigen. Es geht ganz einfach:

Geht am 18.03.2017 in einen Buchladen Eurer Wahl und kauft Euch ein Buch. Irgendeines, das Ihr sowieso gerade haben möchtet. Wichtig ist nur: Es sollte aus einem unabhängigen/kleinen/Indie-Verlag stammen.

Danach postet Ihr ein Foto des Covers, des Buches, oder Euch mit dem Buch (oder wie Ihr möchtet) in einem sozialen Netzwerk (Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat) oder einem Blog Eurer Wahl mit „#indiebookday“. Wenn Ihr die Aktion gut findet, erzählt davon.

Ich schließe mich gerne an, doch welche Bücher besonders hervorheben, welcher Verlag liegt besonders am Herzen? Da gibt es sicher einige. Der Verbrecher Verlag hat mich mit Anke Stelling als Autorin gewonnen und das Projekt „Das Büro“ von J.J. Voskuil ist nur in den höchsten Tönen zu loben. Ähnlich ambitioniert ist der kleine Elfenbein Verlag mit der Veröffentlichung des Mammutwerks von Anthony Powell „Ein Tanz zur Musik der Zeit“. Beides Werke, an die ich mich noch nicht herangetraut habe bisher, was ich aber unbedingt ändern möchte. Auch der Schöffling Verlag liegt mir als in Frankfurt sozialisierte Leserin sehr am Herzen, nicht zuletzt wegen Klaus Schöffling, Jahr für Jahr über die Jahrzehnte eine feste Größe im Trubel der Frankfurter Buchmesse.

Vorstellen möchte ich aber dieses Mal den Verlag Antje Kunstmann, der mich mit seinen Büchern von Kim Thúy und Rafael Chirbes über die Jahre immer wieder angesprochen hat. Auch finde ich dessen Messeaufritt immer besonders sympathisch.

1976 gegründet, gehört er schon lange nicht mehr zu den ganz Kleinen, bewahrt sich aber einen ganz besonderen Charme. Schwerpunkt ist u.a. auch die „komische Kunst“, daneben natürlich Belletristik, Sachbuch, seit Neuerem auch „Hörkunst“ mit einem kleinen Hörbuchbereich und hübsche Geschenkbücher. Insgesamt weit gefächert, aber irgendwie auch homogen, auch was die schöne Gestaltung der meisten Titel betrifft.

„Mein“ Indiebook dieses Jahr ist die von Philip Waechter wunderbar illustrierte Ausgabe eines Krimiklassikers von Jakob Arjouni „Happy Birthday, Türke“ aus der Büchergilde Gutenberg. Auch ein schönes Ostergeschenk 😉

Happy Birthday, Türke - Jakob Arjoun

Verratet mir euren Indiebook-Tipp, ich bin gespannt!

Leipzig liest zur Leipziger Buchmesse 2017

Die Leipziger Buchmesse nähert sich in großen Schritten. Nachdem letzte Woche bereits die Finalisten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 bekannt gegeben wurden, steht nun auch das Programm für Leipzig liest, nach eigenem Bekunden „Europas größtes Lesefest“, zum Anschauen und Planen bereit.

Seit vielen, vielen Jahren besuche ich die Frankfurter Buchmesse und das sie begleitende Lesungsprogramm „Open Books“, ebenfalls als „Lesefest“ tituliert. Erst zum dritten Mal werde ich nun in Leipzig zu Gast sein.

Unterscheiden sich die beiden Messen von Leipzig und Frankfurt doch deutlich – kleiner, beschaulicher, vielleicht familiärer, dabei aber politischer, europäischer, mit besonderem Schwerpunkt auf Ost- und Mitteleuropa – Leipzig; geschäftsmäßiger, sachlicher, internationaler – Frankfurt -, so haben beide „Lesefeste“ eines gemeinsam, und zwar den nicht zu unterschätzenden Vorteil und das großartige Angebot, dass fast alle Veranstaltungen kostenlos und ohne vorherigen Ticketerwerb, also auch ganz spontan, zu besuchen sind. Ein derartiges „Schwelgen“ in Literatur, der Besuch auch vielleicht etwas abseitigerer Veranstaltungen, bringt mich, zumindest in meiner „Heimatstadt“ Frankfurt, immer wieder zu ziemlich exzessiven „Rauschzuständen“.

Nun bin ich in Leipzig nur zwei Nächte und möchte auch auf meine mitreisende Familie Rücksicht nehmen, möchte also sowieso literarisch kürzer treten, dennoch muss ich sagen, dass das Programm von Leipzig liest auch eine kleine Enttäuschung für mich darstellt.

leipzigliestStark vetreten sind in diesem Jahr unter anderem, und das verwundert kaum, Luther mit diversen Veranstaltungen und das diesjährige Schwerpunktland Litauen. Sogar die kreative Verknüpfung „Luther in Litauen“ und „Reformation in Litauen“ wird angeboten.

Diverse Literaturpreise werden in Leipzig verliehen (der oben erwähnte Preis der Leipziger Buchmesse 2017, der Seraph für Phantastik, der Lesekompass für Literaturförderung, der Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung, der an den großartigen Mathias Enard geht). Ein Schwerpunkt scheint mir auch auf dem Krimigenre zu liegen, so werden mehrere Kriminächte, Krimiclubs und sogar eine Krimi-Stadtralley für die ganze Familie quer durch Leipzig angebote. Darüber hinaus tagt der Deutsche Lehrer- und Musiklehrer Tag. 

Überhaupt die Musik. In Leipzig und auch auf ihrer Buchmesse kommt ihr eine große Bedeutung zu. So folgt der „Leselounge im Foyer des Gewandhauses“ ein Familienkonzert, bei dem Dvoraks „Serenade für Streichorchester E-Dur op.22 aufgeführt wird, „Träumereien für´s Klavier“ werden im Musikcafé angeboten und in der Nikolaikirche ist die Johannespassion zu hören.

Ein buntes Programm, zu dem auch noch Führungen durch Musikarchiv und Deutsche Nationalbilbliothek (Ausstellung „Verlage im Dritten Reich“) gehören, und das sicher mehr als genug interessante Veranstaltungen bietet.

Trotzdem bleibt bei mir, wie gesagt, das Gefühl einer kleinen Enttäuschung. Zwar tritt am Donnerstag, 23.03.2017 in der „Langen Leipziger Literaturnacht“, der Nacht der jungen deutschsprachigen Literatur, ziemlich alles auf, was in diesem Bereich vertreten ist (wobei diese Veranstaltungen kostenpflichtig sind), aber die wirklich großen Namen, national wie international, fehlen.

Letztes Jahr Ort einer wunderbaren Lesung von Juli Zeh aus „Unterleuten“: Das Bundesverwaltungsgericht Leipzig

Wenn ich denke, welche literarische Prominenz sich jedes Jahr bei der Litcologne (meist zeitgleich, dieses Jahr, zum Glück!, zeitlich versetzt), die Klinke in die Hand gibt, lässt sich eine gewisse Ernüchterung kaum vermeiden. Während dort, bei zum Teil happigen Eintrittspreisen muss dazu gesagt se, T. C. Boyle, Paul Auster, Hanya Yanagihara, Jussi Adler-Olsen, Ian McEwan, A.L. Kennedy und viele andere unter Begleitung hochkarätiger deutscher Schauspieler auftreten, sucht man in Leipzig die „Stars“ meist vergeblich. Martin Suter wäre da zu nennen, Jonas Lüscher vielleicht, der seinen neuen hochgelobten Roman „Kraft“ vorstellt, Mathias Enard, der den Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung erhält, Volker Kutscher und, das freut mich besonders, die französische Krimiautorin Dominique Manotti.

 

Zur Lesung letzter werde ich auf jeden Fall gehen, ferner zu Tom Malmquist, dessen autobiografischen Roman „In jedem Augenblick unseres Lebens“ ich demnächst lesen werde, zu Natascha Wodin, deren Buch „Sie kam aus Mariupol“ für den Leipziger Buchpreis vorgeschlagen ist und auf das ich sehr gespannt bin. Ferner möchte ich mich mit Jonas Lüschers Roman „Kraft“ bekannt machen und Lukas Bärfuss´ Hagard. Beide sind auch auf einer Gemeinschaftsveranstaltung zu sehen. Auch Juliana Kálnay, deren „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ einige von Euch so gelobt haben, werde ich mir anschauen.

Also, eine Messe nicht der großen Namen, sondern vielleicht der kleinen Entdeckungen. Ich freue mich drauf!

Und Ihr? Wer kommt auch nach Leipzig? Was habt ihr so vor? Seid ihr eher Messeenthusiasten oder Messemuffel?

Finalisten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017

Die Finalisten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 stehen seit gestern fest: In den Kategorien Belletristik, Übersetzung und Sachbuch/Essayistik gehen jeweils 5 Titel in das Rennen um den renommierten Literaturpreis, der am 23.3.2017 zum nun 13. Mal vergeben wird und mit 60.000 Euro dotiert ist.

Aus insgesamt 365 eingereichten Werken aus 106 Verlagen hat die Jury, bestehend aus den Kritikern Maike Albath, Alexander Cammann, Gregor Dotzauer, Meike Feßmann, Kristina Maidt-Zinke, Burkhard Müller und Jutta Person, die 15 Finalisten ausgewählt.

Obwohl ich tradionsgemäß eher an Frankfurt und dem dort im Oktober jeden Jahres verliehenen Deutschen Buchpreis orientiert bin (bin quasi ein Frankfurter Kind), besuche ich seit drei Jahren auch die Leipziger Buchmesse und verfolge das dortige Geschehen, das sich von dem in Frankfurt doch überraschend unterscheidet, und damit auch den Preis der Leipziger Buchmesse mit großem Interesse.

Ja, ein solcher Preis sagt nur bedingt etwas über die literarische Güte und noch weniger darüber aus, ob der Titel mir persönlich etwas gibt oder mir gefallen wird.

Ja, das Medien-Tam-Tam, das bisweilen darum gemacht wird, und dem ich mit diesem Artikel in aller Bescheidenheit etwas hinzufüge, ist sicher verkaufsfördernd, ansonsten aber entbehrlich.

Dennoch habe ich auf solche Preisverleihungen immer ein Auge. Zeigen die entsprechenden Listen doch nicht nur eine (subjektive) Auswahl zumindest potentiell lesenswerter Titel, sondern spiegeln auch immer wieder Trends im Geschmack und Interesse der literarischen Welt des Feuilletons. Man muss dem nicht immer zustimmen, noch weniger folgen, aber einen interessierten Blick ist das allemal wer.

Ich muss sagen, dass ich (vielleicht auch traditionsgemäß) zu den Büchern des Oktober-Preises über die Jahre eine deutlich größere Affinität spüre als zu denen der Frühjahrsmesse. An der Güte der Veröffentlichungen kann es nicht liegen, die ist in der Regel auch Anfang des Jahres vielleicht zahlen-, aber nicht qualitätsmäßig geringer.

Während der Deutsche Buchpreis oft geschmäht wird als reiner Marketingpreis, die Liste selbst als „Eine Liste, die es allen recht macht“, ist die Auswahl für Leipzig meist etwas mehr abseits des Mainstreams und auch breiter aufgestellt. Nicht nur, dass es eine zusätzliche Kategorie für Sachbuch und Übersetzung gibt, sondern die Nominierungen im belletristischen Bereich umfassen auch Lyrik und andere Prosa. Der Deutsche Buchpreis zielt auf „den besten Roman des Jahres“ ab (wobei letztes Jahr mit Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ eine Novelle dazu gekürt wurde).

Dennoch gehört mein Herz (wenn überhaupt) eher dem Deutschen Buchpreis, was schon viel über meinen eher traditionellen (oder gar konservativen – Schreck!) Literaturgeschmack aussagt. Bezeichnenderweise habe ich vor dem Gewinner 2015 Frank Witzels Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969″ die Waffen gestreckt, wenn auch erst nach ca. 600 Seiten (für mich vertane Zeit).

Doch nun ein Blick auf die diesjährigen Nominierten in der Kategorie Belletristik. Da ich selten Sachbücher lese und auch Übersetzungen nicht wirklich beurteilen kann, seien die Nominierten dieser Kategorien nur erwähnt. Wobei ich mich auf „Kompass“ von Mathias Énard (Hanser Berlin) sehr freue. Das liegt bereits seit der FBM (signiert vom sehr sympathischen Autor) bereit, schreckt mich aber in seiner Komplexität noch ein wenig ab. Da brauch ich mal Zeit für. Über die anderen Übersetzungen habe ich bisher viel Lobendes gehört.

Nominierte in der Kategorie Belletristik 

Lukas Bärfuss: „Hagard“ (Wallstein Verlag)

Ein Mann folgt scheinbar spontan einer ihm Unbekannten durch die Stadt. Der Leser folgt ihm auf dichteste Weise, ganz nah an seinem Kopf.

„Etwas Bedrohliches liegt in der Luft, etwas Getriebenes. Ein atemloser Sog entsteht, in den auch der Leser gerät, je länger die Verfolgung anhält. Allen Sinneswahrnehmungen haftet etwas beunruhigend Surreales an.“(Verlagswerbung)

»Auf den Spuren eines Verfolgers, der einer rätselhaften Obsession gehorcht, zieht uns Lukas Bärfuss in den atemlosen, seltsam unheimlichen Sog einer Stadt-Odyssee. Ein szenisch kunstvoll konstruierter Psycho-Noir, der heutige Lebenswelten schräg bis surreal beleuchtet.«
(Jurybegründung für die Nominierung zum Preis der Leipziger Buchmesse 2017)

http://www.wallstein-verlag.de/9783835318403-lukas-baerfuss-hagard.html

Brigitte Kronauer: „Der Scheik von Aachen“ (Klett-Cotta)

Das einzige Buch, das ich bereits gelesen habe und das mich nicht angesprochen hat. Bei aller Kunstfertigkeit und etlichen Lobeshymnen im Feuilleton blieb es für mich aber bei literarischen Purzelbäumen, die mir trotz ihrer Artistik wenig zu sagen hatten. Weder der kühl-spöttisch bis boshafte Ton noch die um eine verlorene Liebe und eine damit zusammenhängende Rückkehr an den Ort ihrer Kindheit kreisende Geschichte einer älteren Dame konnten mein Interesse wecken.

„Sie ist die Löwenbändigerin der deutschen Syntax, ihr Stil gleichermaßen mündlich wie brillant. Szenenstark erzählt Kronauer von Technik und Verwilderung, Trümmerlandschaften und Fluchtbewegungen und von den tollkühnen Sprachexzessen, die Liebende und Trauernde teilen.“ (Jurybegründung für die Nominierung zum Preis der Leipziger Buchmesse 2017)

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Der_Scheik_von_Aachen/74715

Steffen Popp: „118“ (Kookbooks)

Der Lyrikband in der Auswahl versucht anhand der strengen Ordnung des Periodensystems eine Inventarisierung von Gegenständen und Lebewesen, Phänomenen und Prozessen in poetischer Form.

„Die Welt in ihrer Komplexität und Fülle ist aus nur 118 chemischen Elementen aufgebaut. Steffen Popp hat seinem Erstaunen über diesen Kontrast, über das Viele, das aus so wenigem entsteht, in 118 Gedichten leichten und schwungvollen Ausdruck verliehen.“ (Jurybegründung für die Nominierung zum Preis der Leipziger Buchmesse 2017)

http://www.kookbooks.de/buecher.php#a-9783937445847

 

Anne Weber: „Kirio“ (S. Fischer)

Ein kurzer, verspielter Roman über den Flöte spielenden, auf Händen gehenden und mit Steinen und Fledemäusen redenden Kirio.

„Wer also ist dieser Kirio? Und wem gehört die Stimme, die von ihm erzählt? Sie weiß es selber nicht! Und so ist das Rätsel auch dem Leser aufgegeben. Ist es die des Autors? Die des Schöpfers? Eines Engels? Der Phantasie? Anne Webers neuer Roman liest sich wie eine moderne Heiligenlegende und zugleich als poetischer Grenzgang zwischen Himmel und Erde.“ (Verlagswerbung)

Wer ist Kirio – und wer spricht? Nichts ist sicher in diesem funkensprühenden Roman, der von einem Wunderwesen und dessen Wanderungen quer durch Frankreich bis nach Deutschland erzählt. Ein moderner Schelmenroman voller Sprachphantasie und Komik.(Jurybegründung für die Nominierung zum Preis der Leipziger Buchmesse 2017)

http://www.fischerverlage.de/buch/kirio/9783103972696

Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“ (Rowohlt)

Ein biografischer Roman über Wodins Mutter, die als junge Adelige den stalinistischen Terror und später als Zwangsarbeiterin in Deutschland die Nazidiktatur überlebte, aber daran zerbrach.

Mein persönlicher Favorit aus dieser Liste!

http://www.rowohlt.de/hardcover/natascha-wodin-sie-kam-aus-mariupol.html

 

Nominierte in der Kategorie Sachbuch/Essayistik

Leonhard Horowski: „Das Europa der Könige. Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts“ (Rowohlt)

Klaus Reichert: „Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen“ (S. Fischer)

Jörg Später: „Siegfried Kracauer. Eine Biographie“ (Suhrkamp)

Barbara Stollberg-Rilinger: „Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit” (C.H.Beck)

Volker Weiß: „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ (Klett-Cotta)

 

Nominierte in der Kategorie Übersetzung

Holger Fock, Sabine Müller: übersetzten aus dem Französischen „Kompass“ von Mathias Énard (Hanser Berlin)

Gregor Hens: übersetzte aus dem Englischen „Shark“ von Will Self (Hoffmann und Campe)

Gabriele Leupold: übersetzte aus dem Russischen „Die Baugrube“ von Andrej Platonow (Suhrkamp)

Eva Lüdi Kong: übersetzte aus dem Chinesischen „Die Reise in den Westen“ (Reclam)

Petra Strien: übersetzte aus dem Spanischen „Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda“ von Miguel de Cervantes (Die Andere Bibliothek)

Kennt ihr eines der nominierten Bücher? Könnt ihr eines empfehlen? Welches ist euer Favorit? In fünf Wochen wissen wir mehr.

http://www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/de/